Quellen und Untersuchungen
zur
lateinischen Philologie des
Mittelalters
herausgegeben von
Ludwig Traube
Zweiter Band
NOMINA SACRA
Versuch einer Geschichte
der christlichen Kürzung
VON
LUDWIG TRAUBE
o. ö. Professot der Philologie an der Universität München
MÜNCHEN 1907
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK
Die Quellen und Untersuchungen zur
lateinischen Philologie des Mittelalters
begründet von LUDWIG TRAUBE
erscheinen in zwanglosen Heften. Mehrere Hefte bilden einen Band.
Der Subskriptionspreis für einen Band beträgt 15 Mark. Der Preis
der Einzelausgabe der Hefte wird ein verhältnismäßig erhöhter sein.
Dagegen wird eine entsprechende Preisermäßigung eintreten, wenn
Universitäts-Seminarien einzelne Hefte in einer größeren Anzahl auf
einmal bei einer Sortimentsbuchhandlung oder direkt bei der Ver-
lagshandlung bestellen.
Der vollendet vorliegende I. Band umfaßt folgende Einzelhefte:
I. Band, 1. Heft:
S. Hellmann, Privatdozent der Geschichte an der Universität München: Sedulius
Scottus (I. Sedulius, Liber de rectoribus Christianis. IL Das Kollektaneum
des Sedulius. III. Sedulius und Pelagius). XV u. 203 S. Einzelpreis JCS.50.
I. Band, 2. Heft:
E. K. Rand, Assistant-Professor of Latin at Harvard-University: Johannes Scottus
(I. Der Kommentar des Johannes Scottus zu den Opuscula Sacra des Boethius.
IL Der Kommentar des Remigius von Auxerre zu den Opuscula Sacra des
Boethius). XIV und 106 S. Einzelpreis JL 6. —
I. Band, 3. Heft:
Heribert Plenkers, Mitarbeiter an der Wiener Kirchenväter-Ausgabe: Untersuchungen
zur Überlieferungsgeschichte der ältesten lateinischen Mönchsregeln.
XI und 100 S. 2 Tafeln in Folio. Einzelpreis JL 7.—
Soeben gelangten zur Ausgabe:
IL Band (komplett):
L. Traube: Nomina Sacra. Versuch einer Geschichte der christlichen Kürzung.
X und 287 Seiten. Mit Porträt des Herausgebers. Geh. JL 15. —
III. Band, 1. Heft:
Dr. Paul Lehmann: Franciscus Modius. XIII u. 151 S. Einzelpreis JL 7. —
Weitere Hefte der „Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie
des Mittelalters" befinden sich in Vorbereitung. Es ist beabsichtigt, das Unter-
nehmen im Sinne und Geist seines Begründers fortzuführen.
München, im September 1907.
C H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
Oskar Beck.
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Quellen und Untersuchungen
zur
lateinischen Philologie des
Mittelalters
herausgegeben von
Ludwig Traube
Zweiter Band
Nomina Sacra
von
Ludwig Traube
MÜNCHEN 1907
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK
NOMINA SACRA
Versuch einer Geschichte der christlichen Kürzung
VON
LUDWIG TRAUBE
O.Ö. PROFESSOR DER LATEINISCHEN PHILOLOGIE DES MITTELALTERS
AN DER UNIVERSITÄT MÜNCHEN
MÜNCHEN 1907
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK
C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördlingen.
Vorwort.
Die folgende Arbeit stellt ein paläographisches Problem in die
Überlieferungsgeschichte der jüdischen und christlichen heiligen
Bücher hinein. Die Lösung, die zu geben war, schien so sicher,
daß an Stelle der Analyse meist eine historisch-systematische Dar-
stellung versucht werden konnte.
Als Leser ist ebensowohl der Paläograph wie der Philologe ge-
dacht.
Noch sei auf einige Eigentümlichkeiten der Druckeinrichtung
aufmerksam gemacht, für die teils paläographische, teils typographische
Gründe maßgebend waren. Die griechischen Nomina sacra werden
durchweg in Unciale, andere griechische Wörter in gewöhnlichen
griechischen Buchstaben gesetzt; inschriftliche lateinische Zeugnisse
sind in Antiqua, lateinische handschriftliche Zeugnisse in Kursive
wiedergegeben; die gotischen und armenischen Nomina sacra werden
lateinisch transkribiert. Im Griechischen sind die diakritischen Punkte
weggelassen worden; auch wird meist nur ein Strich über den kon-
trahierten Wörtern gesetzt, also steht z. B. ÖyNOI statt ÖyNOT.
Im Lateinischen wird, wie schon im Anhang von Perrona Scottorum
(vgl. Sitzungsberichte der bayer. Akademie 1900 S. 528), der Ab-
kürzungsstrich gewöhnlich über den Schlußbuchstaben oder den letzten
Vokal gezogen. Dies entspricht nicht der Sitte älterer Handschriften,
die ihn mehr nach der Seite schiebt, wo die Buchstaben fehlen.
Alles übrige, was man erwarten könnte an dieser Stelle er-
wähnt zu finden, ist in den ersten Abschnitt der Darstellung, 'die
Geschichte der Forschung', einbezogen worden.
München, im November 1906.
L. Traube.
Ludwig Traube hat mit der Ausarbeitung des Werkes begonnen, als er wußte,
daß er nur noch zwei Jahre leben konnte.
Die Bogen 1 — 15 hat er selbst für druckreif erklärt, Bogen 16—18 nur mehr
in der ersten Korrektur gelesen. Aus seinen eigenen Äußerungen wissen wir, daß
er einzelnes noch geändert, namentlich die Schlußsätze umgearbeitet haben würde.
Auch die Vollendung des Vorwortes ist ihm nicht mehr vergönnt gewesen. Die
umstehenden Worte stellen nur einen ersten Entwurf dar, der nachträglich in Traubes
Papieren aufgefunden wurde. Er selbst hat des öfteren die Absicht ausgesprochen,
die Schwierigkeiten des Druckes stärker zu betonen, vor allem hinzuweisen auf die
Unmöglichkeit einer einheitlichen typographischen Wiedergabe der Abkürzungen.
Schließlich beruhigte er sich bei dem Gedanken, daß die Inkonsequenz zum größten
Teile auf die Handschriften selbst zurückgeht und daß so der Druck in gewisser
Weise den Formenreichtum der Überlieferung wiederspiegelt.
Nun bleibt uns noch die Pflicht zu erfüllen, die Traube stets in vorbildlicher
Strenge übte, die des Dankes: an den Verleger, der jedem Wunsche bereitwillig
entsprach, und an die Freunde, die sich an der Korrektur beteiligten. An erster
Stelle sei hier Herr Paul Marc als treuer Helfer bei der Drucklegung genannt.
Seine unermüdliche Tätigkeit hat ein wesentliches Verdienst daran, daß Traube den
letzten Bogen seines Werkes noch auf dem Sterbebette sah. Außer ihm haben bei
der Korrektur geholfen die Herren Ch. H. Beeson, G. Keyssner, K. Krumbacher,
P. Lehmann und für die letzten Bogen auch S. Hellmann und F. von der Leyen.
Im Sinne des Entschlafenen sei ihnen allen an dieser Stelle aufrichtig Dank
gesagt.
Die Erben.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort V
I. Einleitung l
1. Geschichte der Forschung 3
2. Terminologie 17
II. Nomina Sacra im Hebräischen 19
1. Vergoldung der Gottesnamen 21
2. Das Tetragramm 23
III. Nomina sacra im Griechischen 25
1. Wiedergabe des Tetragramms bei den hellenistischen Juden . . 27
2. Ausbildung der Nomina sacra durch Juden und Christen ... 33
3. Die nachweisbaren Entwickelungsstufen der Nomina sacra . . 37
Die ägyptischen Zauberpapyri 38
Fragmente des Aquila 40
Andere jüdische Formen 42
Älteste christliche Stufen 43
Die ägyptische Schule 44
4. Der Kontraktionsstrich 45
Ursprung des Striches 45
Behandlung fremder Worte im Lateinischen 47
Nichtkontrahierte Nomina sacra mit Oberstrich im Griechischen . . 49
Nichtkontrahierte Nomina sacra mit Oberstrich im Lateinischen ... 51
5. Verzeichnis der Handschriften und Inschriften, in denen Nomina
sacra begegnen 53
A. Papyri 56
B. Inschriften 64
C. Handschriften 66
6. Die einzelnen Nomina sacra 88
i. eeoc 88
2. i<ypioc 91
3. riNeyMA 93
4. nATHp 96
5. OYPANOC 99
VIII Inhaltsverzeichnis.
Seite
6. xNepconoc 101
7. AAyeiA .104
8. ICfAHA " 10 5
9. lepoycxAHM no
10. 11. iHcoyc xpicxoc 113
12. Y»OC *. 11 6
13. CCOTHp 117
14. CTxypoc .' ' .' 118
15. MHTHp 120
7. Die Nomina sacra in nichtchristlichen Texten 121
8. Spätere Neubildungen 125
IV. Nomina sacra im Lateinischen 129
1. Übertragung der griechischen Nomina sacra ins Lateinische . . 131
2. Alter und Heimat der lateinischen Nomina sacra 132
Verbreitung der kontrahierten Nomina sacra 134
3. Die Nomina sacra im afrikanischen Evangelienfragment Turin
G. VII 15 (k) 138
4. Entstellung der Nomina sacra in der Überlieferung der ältesten
christlich-lateinischen Schriftsteller 142
5. Die einzelnen Nomina sacra 146
I. Hauptgruppe 146
a) DEUS 146
L D. ■ 146
2. DES 147
3. PS 147
4. DEUS 148
5. Falsche Anwendung der Kurzformen 148
b, c) IESUS CHRISTUS 149
1. Vorbemerkung I49
2. 1H und s^ 151
3. HI undJCR 152
4. IC, IS, HS .' 153
5. HIS . . . 154
6. IHS u nd X PS .156
7. IHUS und XPUS 160
8. XRS . ,_^_ 16 i
9. IHC und XPC 161
10. Falsche Anwendung der Kurzformen 164
d) SPIRITUS 164
I SPS ! 164
2 - SPUS • ■ ■ • • ■ 165
3. SPRTS, SPIRS, SP1TUS 166
4- SPC 166
5. Falsche Anwendung der Kurzformen 166
II. DOMINUS 167
1. Übersicht 167
Inhaltsverzeichnis. IX
Seite
2. DOM. und DOMS 168
3. DMN. und DMNS 172
4. DNMS . . . 173
5. DON. und DONS 173
6. DM. und DMS 175
7. DN. und DN S . 186
8. DOMN. und DOMNS 192
9. Falsche Anwendung der Kurzformen 193
III. Die Attribute 193
a) SANCTUS 193
1. Vorbemerkung 193
2. S. . . , . 194
3. SC. und SCS 194
Übersicht über die Entwicklung der Suspension und Kontraktion
in Sanctae Memoriae ... 196
4. SCT. und SCTS 200
5. SfS . . . . 200
6. SANC. und SANCS_ 201
7. SANGT., SNCT., SNCS 202
8. SAC. und SACS 202
9. SCSS., SCISS 203
10. Falsche Anwendung der Kurzformen 204
b) NOSTER . . . . - 204
1. Vorbemerkung 204
2. Grund der Kürzung. Theoretische Möglichkeiten 205
3. Die Kürzung N _ 206
4. Mißverständnisse im Gefolge von N 208
i o m
5. Die Kürzung N_ N N 212
6. Die Kürzung NI NO NM _._ ^^_ . 214
7. Aufkommen der Kürzung JNRI NRO NRM 215
8. Kampf zwischen _NI und MRI in Italien 216
9. Kampf zwischen NI und NRI in Irland und England . . . . . 217
10. Kampf zwischen NI und NRI in Frankreich 217
11. Kampf zwischen NI und NRI in Deutschland 219
12. Die spanische Kürzung NSR NST NSO NSM und die Suspension NS. 220
13. Die Kürzung NSR außerhalb Spaniens 221
14. Die Kürzung NRI NRO NRM in Spa nien .222
15. Die spanischen Nebenformen NSTRI und NSRI 223
16. Erklärung des Typus NRI 224
17. Der Typus NRI in Italien. Die Kürzung NTRI NTRO NTRM . . 225
18. Mißverständnisse im Gefolge des Typus NI 226
19. Die Bildung des Nominativs NR und NER 228
20. NR indeclinabile 229
21. Die Nominative NT und NRT 229
22. Die Kürzungen N, NO, NOI, NOR, NORI, NOT, NOTRI .... 232
X Inhaltsverzeichnis.
- Seite
23. Die Kürzungen NOS NOSI N OSO und NOST, NOSR .... 234
24. Die karolingische Deklination NR NRI 236
6. Entfaltung der lateinischen Kontraktion 237
Römische, bezw. italienische Schule 245
Jüngere afrikanische Schule 246
Spanische Schule 246
Beneventanische Schule 248
Insulare Schule 248
Karolingische Schulen 250
Die Zeit vom 9. bis zum 12. Jahrhundert . 251
Die Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert 251
Alphabetisches Verzeichnis der vom 5. bis zum 12. Jahrhundert gebräuch-
lichen Kontraktionen 252
V. Nomina sacra im Koptischen, Gotischen und Armenischen 267
1. Koptische Nomina sacra 269
2. Gotische Nomina sacra 271
3. Armenische Nomina sacra 275
VI. Nomina sacra im Mittelalter und in neuerer Zeit ... 279
1. Das Altkirchenslavische 281
2. Das Irische 282
3. Das Angelsächsische 283
4. Das Althochdeutsche 283
5. Das Altfranzösische 284
6. Biblische Druckwerke 285
7. Luther 285
Rückblick und Ausblick 286
Register der lateinischen Handschriften 289
I. EINLEITUNG.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II.
1. Geschichte der Forschung.
Daß die Paläographie zumeist nur als mnemotechnische Hilfe,
nicht als historische Disziplin angesehen wird, zeigt sich am auf-
fallendsten in der Behandlung der Kürzungslehre. Während hier der
Stoff durch volle Sammlung und überlegte Ordnung sofort auch eine
entwicklungsgeschichtliche Durchdringung erfahren hätte, begnügte
man sich mit dem alphabetischen Aneinanderreihen oder dem will-
kürlichen Zusammenraffen einzelner gelegentlich beobachteter Tat-
sachen. Ja, das zentral gelegene Problem der Lehre wurde von den
Paläographen nur gestreift: ich meine die Frage nach der Herkunft
und dem Schicksal der auf Kontraktion beruhenden Kurzschreibung
gewisser Worte des religiösen Gebietes, der sog. Nomina sacra,
durch die diese Art der Bildung eingebürgert und allmählich zum
allgemeinen Prinzip erhoben wurde. Indem wir uns anschicken, ge-
rade diese Frage zu erörtern und ihr die Stelle anzuweisen, die ihr
zukommt, wollen wir dennoch mit dem Wenigen beginnen, was man
etwa noch als Geschichte der Forschung bezeichnen kann, und dabei
gleich diejenigen literarischen Zeugnisse aus älterer Zeit einreihen,
die, ohne gerade eine ausdrückliche Beschäftigung mit unserer Frage
zu beweisen, doch unsere hauptsächlichste Grundlage, den paläo-
graphischen Befund, ergänzen.
In den Schriften des christlichen Altertums und Mittelalters be-
gegnet man häufig einer ausführlichen Behandlung der Kurzformen
für Iesus und Christus. Zahlenmystik und Allegorie luden dazu
ein; auch mußte den Lateinern der Gebrauch der griechischen Buch-
staben auffallen.
1*
4 L. Traube,
So wurde die Zahl 318 in der Genesis 14, 14, im Griechischen
% (T) und «/, als Hindeutung auf das Kreuz und die Schreibung IH
für 'Irjoovg gefaßt im Brief des Barnabas c. 9 1 ) und von Clemens
Alex. Strom. VI 11, 84 (ed. Stählin p. 473, 22) und darnach vom Ver-
fasser 2 ) des Compotus de paschate (Cyprian. ed. Hartel, append.
p. 257 u. 268), von Ambrosius de Abraham*) c. 15 (ed. Schenkl I
513, 7) und Ruricius (ed. Krusch p. 268, 12). Hierdurch wird IH, die
seltene Form des Monogramms, für uns auch literarisch bezeugt.
Eine andere umstrittene Zahl in der Apokalypse 13, 18, wo die
Überlieferung zwischen 666 und 616 schwankt, hat neben allerhand
phantastischen Künsteleien und Kühnheiten, die sich bei verschiedenen
Griechen und Lateinern 4 ) finden, in einem von G. Morin entdeckten
lateinischen Traktat 5 ) eine Aussprache über das System der Kon-
traktion hervorgerufen, die an Bündigkeit und Richtigkeit der Be-
obachtung nicht viel zu wünschen läßt. Es heißt in diesem Traktat,
der unter dem Titel Hieronymus de monogrammate überliefert ist
und in einem noch nicht genauer untersuchten Verhältnis zu der Arbeit
stehen muß, die Hieronymus am Apokalypse-Kommentar des Viktorin
von Pettau verrichtet hat: 6 ) in libris Graecorum ubicumque per notam
scribuntur nomina, 1 ) primae et novissimae notantur litterae et (et
ist vielleicht zu tilgen) virgula superposita in dexteram aeqae ve-
niente a sinistra. Dann: et ob id semper novissimam litteram
ponunt propter discernendos casus, licet interdum in longioribus
et medias ponant; interdum autem primam et novissimam syl-
labam scribentes mediam vel medias praeter mittunt. Aus dem
übergangenen Zwischenstück geht noch hervor, daß der Ver-
J ) Der Sinaiticus (ed. Tischendorf IV 138, 2) schreibt an dieser Stelle oravQÖ?
immer mit allen Buchstaben.
2 ) Vgl. Usener, Weihnachtsfest S. 5—9.
3 ) Vgl. Zahn, Gesch. des neutestamentl. Kanons II 1 S. 12.
4 ) Außer den von Morin angeführten griechischen und lateinischen Stellen
vergleiche weitere lateinische bei P. de Lagarde, Septuagintastudien II 27, und Hauß-
leiter, Forschungen zur Gesch. des neutestamentl. Kanons IV 132 ff.
6 ) Anecdota Maredsolana, vol. III pars III p. 194 sqq.
6 ) Die p. 196 sq. behandelte Stelle des Victorinus ist auch zu vergleichen
mit der Einlage im Kommentar des Apringius (ed. Ferotin p. 50).
7 ) Der zu allgemeine Ausdruck nomina ist auffällig.
Nomina sacra. I. Einleitung. 5
fasser x ) die Form XC als griechische Kontraktion für Christas kannte.
Dagegen scheint ihm eine eigentlich römische Kürzung für Christas
und das ganze römische System hier und auch in der auf diese
Sätze folgenden Erklärung eines singulären Monogramms für Christas
nicht recht geläufig zu sein. Was er bringt, ist sicher alte Lehre; ja
es paßt noch besser für die Zeit des Victorinus von Pettau als für
die des Hieronymus.
Im sechsten Jahrhundert hat dann Dynamius, 2 ) im achten der
Angelsachse Beda, 3 ) im neunten der Ire Cruindmelus 4 ) bei einer Er-
örterung über lateinische Buchstaben das Gebiet der Kurzformen be-
treten. Dynamius und Beda gehen dabei von XPS und IHS aus, sie
nehmen H noch richtig als griechischen Buchstaben. Cruindmelus
erwähnt nur die Nota für Christas, die ihm bereits XPC ist (aber
aus den Worten X et P et interdam C invenimas ersieht man,
daß seine Zeitgenossen schwankten, ob am Schluß 5 oder C zu
setzen sei); die Kürzung für Iesas übergeht er: //galt ihm also schon
als Aspiration.
Die Aporie, aus' der die Lehre des Cruindmelus hervorgegangen,
wird uns mit großer Ausführlichkeit im Über de officiis ecclesiasticis
des Amalarius vorgeführt. Dieser fränkische Gelehrte, der wohl etwas
früher schrieb als der Ire, hat in sein Werk Briefe und Briefauszüge
aus den Jahren 818 — 828 eingeschaltet, in denen er mit zwei von
ihm angegangenen Autoritäten über die Orthographie und Kurz-
schreibung des Namens Iesas korrespondiert. 5 ) Amalarius, der selbst
Ihesas schreibt, richtet an Erzbischof Ieremias von Sens die Frage,
warum man wohl so schreibe. Vor Karls Romfahrt hätte die fran-
zösische Geistlichkeit (sacerdotes Galliae) Gisas gesprochen, nachher
Iesas, und dies stimme mit dem Namen des dax Iesas (Iosua). Dieser
Iesas habe ja, wie Sedul sage, den Ihesas präfiguriert. Die Griechen
schrieben IC und sprächen Jisas. Er frage nun, ob es besser sei,
IHC oder IHS zu schreiben und ob man Ihesas oder Iesas zu
*) Oder die Quelle, aus der er in diesem Teil schöpft.
2 ) Ed. Mai, Nova Patrum bibliotheca I 2 p. 187.
3 ) Ed. Keil, Grammatici Latini VII 228.
") Ed. Huemer, Wien 1883, p. 2, 7.
6 ) Ed. Dümmler, MG. Epp. V 259 sq. ; eingehend behandelt die Briefe Sickel,
Acta Karol. I 308 sq.
6 L. Traube,
sprechen habe. Darauf antwortet Ieremias von Sens: Porphyrius
schreibe in einem Akrostichon Iesus; 1 ) dieser ,Philosoph' betrachte
also das M als das Ita (fjra) der Griechen, welches im Griechischen
wie langes i klinge, im Lateinischen aber langes e bedeute. ,Wir
schreiben H nach griechischer Sitte, sprechen aber nicht Jisus, wie
die Griechen, sondern Iesus 2 ) wie die Juden.' Ionas, Bischof von
Orleans, beantwortet nur die Frage nach der besseren Schreibung.
Man muß, sagt er, XPS und IHS vorziehen, d. h. jedesmal zwei
griechische und dann einen lateinischen Buchstaben setzen. Wir
werden unten sehen, daß im 9. Jahrhundert die gewöhnliche Schrei-
bung IHS XPS einer gräcisierenden IHC XPC wich. Es geschah
das nicht, weil man damals eine ältere Überlieferung aufgefunden
hatte und in ihr Recht einsetzen wollte, sondern eben infolge ge-
lehrter Grübeleien, wie sie uns bei Cruindmelus und im Briefwechsel
des Amalar entgegentreten.
Eine überraschende Wendung erfährt die Frage durch Christian
von Stavelot, der um die Mitte des 9. Jahrhunderts lebte. Er läßt
sich in seiner Erklärung zu Matth. 1, 21 (ed. Migne CVI 1278) über
die Schreibung von Jesus mit folgenden Worten aus: scribitar Iesus
{per} iota et eta et sigma et apice desuper apud nos. Nam in Grae-
corum libris solummodo per iota et sigma et apice desaper invenitur
scriptum, et sicut (vielleicht sicut et) alia nomina dei comprehensive
debent scribi, quia nomen dei non potest litteris explicari. Quando
purum hominem significat, per omnes litteras scribitur. Christian
bezeichnet also die Gruppe der Wörter, die wir nomina sacra nennen,
als nomina dei; er unterscheidet verschiedene Schreibungen für Iesus
den Gottessohn und z. B. Iesus Nave: Iesus als Gottessohn schrieben
die Griechen IC, die Lateiner IHC (oder IHS); vor allem aber, er
sagt, diese Kurzformen seien aus religiösen Gründen eingeführt worden.
Offenbar schwebt die Behandlung des Gottesnamens im Hebräischen
vor. Wir müssen für den Hinweis und die Aufdeckung des Zusammen-
hanges dankbar sein. Daß nur eine tiefsinnige Spekulation Christians
vorliegt, wie sie ihm an sich wohl zuzutrauen wäre, scheint aus-
1 ) Er meint Porphyr. Optat. c. VIII bei L. Müller, verwechselt aber den Dichter
mit dem Neuplatoniker.
2 ) Bei Dümmler p. 260, 10 ist so zu verbessern: imitantes Hebreos IHM Iesum
pronuntiamus, non per aspirationem, sed per H grecum scribentes.
Nomina sacra. I. Einleitung. 7
geschlossen: gerade der Ausdruck nomina dei erinnert an gewisse
jüdische Wendungen, von denen wir noch zu sprechen haben werden. 1 )
Es mag eine Väterstelle dazwischen liegen, -die aufzufinden bleibt. 2 )
Bei Roger Bacon wird uns die richtige Deutung von IHC und
XPC, die wir im Opus Malus (a. 1267) 3 ) und in seiner Griechischen
Grammatik 4 ) antreffen, selbstverständlich dünken; der Doctor mira-
bilis brauchte dazu durchaus keine älteren griechischen Quellen heran-
zuziehen. 5 ) Wohl aber könnte Heibergs Annahme, 6 ) der Grammatik
liege ein spätgriechischer Abriß zu Grunde, für die merkwürdige Ab-
kürzungslehre zutreffen, die er gleich zu Anfang gibt. 7 ) Bacon
unterscheidet da 1. die 18 subbrevltates, d. h. tachygraphische Abkür-
zungen für Silben, 2. eine Klasse, deren gemeinsames Merkmal der
Kontraktionsstrich (änävov ovQ^a oder tractus supra, vgl. unten S. 45)
ist, 3. einzelne besondere figurae, d. h. Zeichen für Wörter. Nach
der Form einiger in der ersten Abteilung vereinigten Notenbilder be-
zieht sich Roger oder seine Vorlage auf Handschriften etwa des 11.
bis 12. Jahrhunderts. Für uns kommt nur seine zweite Klasse in Be-
tracht, und daß er in ihr einen sehr treffenden Vergleich mit dem
Lateinischen durchführt, wie er auch in seiner dritten Klasse grie-
chisches .>- (iaxiv) und lateinisches -— (est) schlagend richtig ver-
gleicht. 8 ) Er sagt: sed una est generalis subbrevitas, slcut apud nos,
quae vocatur apatiu slrma, tractus supra (apanu enlm est supra,
sirma est tractus) et fit, slcut cum sc rib intus dns per tr actum supra
autpr, sicut ipsi scribunt xög pro dns et Wq pro pr. etiam 9 ) sine sub-
brevitate super omnia nomina proprla plene scripta et integre ponunt
tractum longum supra ut nlaxov.
1 ) Vgl. unten S. 33.
2 ) Den Hinweis auf Christian verdanke ich der Realenzyklopädie der Soles-
menser.
3 ) Ed. Bridges III 118.
4 ) Ed. Nolan p. 78.
5 ) Vgl. Nolan, The Greek Grammar of R. Bacon, Cambridge 1902, p. LXI, der
hier auf den von Heiberg erwähnten Laskaris ohne Not zu verweisen scheint.
6 ) Byzantinische Zeitschrift IX 490.
7 ) Vgl. Heiberg a. a. O. 480 sq. und bei Nolan p. 11 sqq.
8 ) Auch hier sind die Neueren wieder stumpfer.
9 ) et tum Heiberg, et tarnen Nolan.
8 L. Traube,
Wir haben von der Möglichkeit gesprochen, daß Bacon ältere
griechische Vorlagen hatte. An Vorarbeiten gerade für die griechischen
Nomina sacra oder, wenn wir uns auf seinen paläographischen Stand-
punkt stellen, für die nomina per tractum supra scripta, fehlte es nicht
ganz. Omont hat aus Paris gr. 325 s. XIII ein für Melchiten be-
stimmtes alphabetisches Verzeichnis griechischer Abkürzungen heraus-
gegeben. 1 ) Es enthält der Reihe nach die Kürzungen für ävftgcojiog,
Aaveid, fieog, 3 It]oovg, xvgiog, fteoxoxog, 'IeQOvaalrjfx, 'IoQarjl, jurjjrjQ, Jiaiyg,
Tivsvjua, ozavQog, vlog, Xqiozog, ovgavog, ovgdviog, (pddv&gcoJiog und die
Kürzungen für die einzelnen Kasus dieser Worte, doch so, daß oft die
Vokative und die wirklich auch sonst selten oder nicht vorgefundenen
Dative des Plurals von navqg und ixr\xr]Q weggelassen werden, daß ferner,
was ganz in der Ordnung ist und sofort den christlichen Charakter
verrät, bei &£og der Pluralis fehlt. Wir haben also hier die sämtlichen
griechischen Nomina sacra mit Ausschluß von ocoryg. Solche Ver-
zeichnisse, wenn sie auch, wie dieses hier, ohne ein weiteres Wort
der Erklärung abgefaßt wurden und nur für den praktischen Gebrauch
bestimmt waren, mußten den Begriff einer fest umgrenzten Gruppe
von einheitlich abgekürzten Wörtern vermitteln und zugleich die Auf-
merksamkeit darauf richten, daß die betreffenden Wörter durch ihre
Fundstätte, die sich auf biblische und ekklesiastische Bücher beschränkt,
und durch ihre Bedeutung, welche lediglich eine christliche oder
jüdisch-christliche ist, auch innerlich zusammenhängen.
Doch statt dessen setzten sich zwei Irrtümer fest, die heute
noch wirken. Beide sind dadurch bedingt, daß eben dieser innere
Zusammenhang der durch Kontraktion gekürzten Wörter trotz seiner
Deutlichkeit nicht hinreichend durchschaut wurde. So glaubte man
erstens der bekannten Gruppe noch beliebig viele weitere gekürzte
Wörter zufügen zu dürfen, die zwar in den Handschriften selbst sich
nicht vorfinden, aber für allerhand Fehler der Überlieferung die Voraus-
setzung zu sein schienen. Zweitens stellte man als Grund der Kür-
zung das häufige Vorkommen der kontrahierten Worte hin. Wenn
Clericus 2 ) annahm, Abraham und lacob könnten über das von ihm
supponierte Kompendium 1AB (— 'Iaxwß) ineinander übergehen, so
») Bibliotheque de l'Ecole des chartes XLIV (1883) 134.
2 ) Ars critica II (Amsterdam 1699) p. 208.
Nomina sacra. I. Einleitung. 9
ist das gewiß nicht so schlimm, als wenn Boyle eine Kontraktion
tiegag ansetzte, die entweder §vyaxegag oder fteganaivag bedeuten sollte.
Aber was Bentley ihm entgegenhielt, x ) zeigt selbst diesen großen Mann
nur als einen guten Praktiker und Handschriftenkenner: / deny that
there's any such Abbreviation used in any Greek MSS, as fiegag
for ftegouiaivag. This the Examiner should have first prov'd, before
he pretended to argue front it. But he'll never be able to do that,
nor to produce one Single Instance, no not out of all the MSS of
the Bodley. For Abbreviations were never made use of, but in
words that come freqaently; so that both Labour and Room was
saved by their repeated Contractions : as nq was w ritten for nariig,
avog for äv&Qcojiog;*) and in the old Copies of the Bible Üg, xc, %g,
for tieog, xvoiog, ^tarög; because those words come in almost [in]
every Verse . But if a Writer should abbreviate such words as
ftEQcmaivag, which scarce comes once in a whole Book, he would save
himself but one moments Labour, and make his Copy unintelligible.
'Tis a mere Dream then of our Examiner, to think ftegag may stand
for fteganaivag: and 'tis just as if he should say, that ny may stand
for ngrjoxrig Or avog for äv&egixog.
Erst einige Jahre nach Bentleys Streitschrift erschien die erste
griechische Paläographie, das große Werk des Montfaucon (1708).
Hier werden als Abkürzungen der Handschriften in Unciale die Nomina
sacra ungefähr so angeführt, wie in dem oben (S. 8) erwähnten Ver-
zeichnis der Melchiten. Nicht anders als Bentley nimmt Montfaucon
an, 3 ) daß diese Kürzungen aus Bequemlichkeit gebraucht werden: in
Bibliis aliisque Christianorum Libris, quia passim occurrunt, Calli-
graphorum operam summopere minuebant. Aufgenommen hat er
in seine Liste mit Recht noch oa>rijg; aber auch ICD für 'looävvrjg führt
er an, die Suspension mitten unter den Kontraktionen, ein sachlicher
J ) Dissertations upon the Epistles of Phalaris, ed. W. Wagner p. 409.
2 ) Als Phileleutherus Lipsiensis macht er von dieser Kenntnis Gebrauch, um
einem überlieferten avÜQwnw die Konjektur ävco abzugewinnen: Emendationes in
Menandri reliquias, Utrecht 1710, p. 66; wo aber wieder nur ganz allgemein gesagt
ist: memineramus enim in Codicibus scriptis av&QWJiog, äv&Qcbjtov etc. ubique fere
scribi compendiose ccvöi, äyov.
3 ) Palaeographia Graeca, p. 341.
10 L. Traube,
und chronologischer Irrtum, 1 ) von dem sich seither keiner seiner
Nachfolger ganz frei gemacht hat. 2 )
Doch ehe wir die Arbeiten über griechische Paläographie weiter
verfolgen, die freilich hier wie sonst ebensosehr auf Montfaucon be-
ruhen, wie sie wenig über ihn hinaus kommen, ist nachzutragen, was
man inzwischen auf lateinischem Gebiete geleistet hatte. Es war fast
nichts. Mabillon (1681) hat die Kürzungslehre nicht einmal im Vorbei-
gehen berührt. Die Bedeutung dieses Teiles der von ihm geschaffenen
Wissenschaft war ihm selbst nicht aufgegangen. Man sieht das z. B.,
wenn er 3 ) den bilinguen Sangermanensis der Paulinischen Briefe (St.
Petersburg gr. XX), eine Abschrift des erst von Montfaucon berück-
sichtigten Claromontanus (Paris gr. 107), dem 7. Jahrhundert zuweist,
während doch wegen der Fülle und Art der Abkürzungen diese Hand-
schrift erst in karolingischer Zeit entstanden sein kann.
Was Mabillon versäumt, hat der Nouveau traite de diplomatique
nirgends eingeholt. Im 3. Bande (1757) gibt es dort über die Ab-
kürzungen nur einen ganz wirren und schwachen Abschnitt. Die
beiden Verfasser, die doch ursprünglich die griechische und lateinische
Paläographie zusammen behandeln wollten, verweisen für die griechi-
schen Abkürzungen auf Montfaucon. Und hier der eine Satz: les
abreviations greques ont beaucoup de raport avec Celles des Latins
(p. 537 adn.), und später (p. 541) ein Zitat aus der Bibliotheque Bri-
tannique V 2, 353 über die griechischen Handschriften: dont on pou-
roit croire que les Latins ont imite les abreviations, sind die einzigen
Anläufe, in denen sie ihrer eigentlichen Aufgabe sich nähern.
Es ist, glaube ich, erst Wattenbach gewesen, der durch seine
Beschäftigung mit griechischen zugleich und lateinischen Hand-
J ) Ich finde ICD zuerst in einer Handschrift des 8. Jahrhunderts (Tischendorf,
Mon. sacra inedita 1846, p. 408). Erwähnenswert ist, daß die Form auch in kop-
tischen Handschriften vorkommt, vgl. Crum, Coptic MSS. from the Fayyum, London
1893, n. IV; XV; XVII. In n. XVII findet man auch jietq; es mag vielleicht gut
sein, mit diesen Hinweisen zugleich der Annahme vorzubauen, daß im ,Faijümer
Evangeliu m' (M itteilg. Pap. Rainer I 53) fiet ein Zeichen hohen Alters sei. Ähn-
lich steht nGT auf einer späten Gemme CIG. IV 9108.
2 ) Nur die Bibelkritiker (wie Scrivener und Gregory) richteten sich nach den
Tatsachen der Überlieferung und schalteten ICÜ wieder aus der Liste der kirchlichen
Contraeta aus.
3 ) De re diplomatica p. 346.
Nomina sacra. I. Einleitung. 1 1
Schriften sich aufgefordert sah, den Faden wieder aufzunehmen.
„In Handschriften kirchlichen Inhalts kommt eine kleine Zahl be-
stimmter Abkürzungen regelmäßig vor" lehrt er zuerst fürs Latei-
nische (1886, ähnlich schon 1866); „in Handschriften kirchlichen In-
halts werden einige Worte regelmäßig abgekürzt" sagt er für das
Griechische (zuerst 1867). Im Lateinischen ist er selbständig, aber zu
den Kurzformen von deus, dominus, sanctus, Spiritus, den zu-
sammengehörenden Nomina sacra, mischt er die Kürzung für epi-
scopus und sogar prb für presbyter und ff für fratres; es folgt eine
unbefriedigende und unrichtige Auskunft über IHC und XPC. x ) Seine
griechische Liste ist aus Montfaucon herübergenommen. 2 ) Verglichen
hat er das Lateinische mit dem Griechischen nicht.
Wattenbach folgend und ihn verbessernd sprechen dann Gardt-
hausen von sakralen und O. Lehmann und Zereteli 3 ) von kirch-
lichen Abkürzungen im Griechischen. Aber immer noch waren es
,die in kirchlichen Schriften besonders häufig vorkommenden
Wörter', die man so zusammenfaßte. Und der Fortschritt, der darin
bestand, daß man die Kontraktionen nicht mehr lediglich mit dem
Auge des Paläographen ansah als die Merkmale der Uncial-Hand-
schriften, führte doch noch nicht zu einer wirklichen historischen
Einsicht.
x ) Die Schreibung und Erklärung dieser Formen hatte inzwischen nicht auf-
gehört, die Gelehrten zu beschäftigen. Ich erwähne C. Cavedoni, Dell' origine e
valore della scrittura compendiosa IHS, Modena 1855, und die Artikel (Abbrevia-
tions, Monogramm) in den Realenzyklopädien von Cabrol, Hauck, Kraus und Welzer-
Welte. Erst Henri Omont ist hier weiter gekommen. In einem Aufsatz (Bulletin
de la Societe nationale des antiquaires de France 1892 p. 123 — 125, vgl. Bibliotheque
de l'Ecole des chartes 1897 S. 679 und Bursians Jahresberic hte C VI 180) hat er die
notwendigste Feststellung gemacht, daß gar nicht IHC und XPC, sondern IHS und
XPS die am frühesten überlieferten Formen sind. Seine Erklärung di eser Bildungen
kann ich freilich nicht für richtig halten (vgl. im IV. Teil § 5, 1 b über XPS und IHS).
2 ) Auf Wattenbach wieder ruhen die ihm folgenden griechischen Paläo-
graphien. Das geht bei Thompson so weit, daß Wattenbachs näxrjQ und 'It)Qovaah)fi
bis in die dritte Auflage mitgeführt werden.
s ) Zereteli in der zweiten Auflage seines Werkes über die griechischen Kür-
zungen, Petersburg 1904, führt als Beispiel einer durch die Kasus fortgeführten
Kontraktion ©CÜN = fte&v an (p. XIII), was ein voller Rückschritt ist, obgleich die
Form selbst begegnet; vgl. oben S. 8. Dagegen macht er, wenn auch ganz flüchtig,
auf das Vorkommen der Kontraktion in lateinischen und slavischen Handschriften
aufmerksam (p. XIV), auch hier ohne einen historischen Gesichtspunkt.
12 L. Traube,
Bis zu ihr drang nur Gitlbauer vor, *) aber ohne länger am Ziel
zu verweilen und ohne sich klare Rechenschaft abzulegen. Richtig sprach
er es aus, daß „fast nur christlich-theologische Begriffe" kontrahiert
werden. Wenn er aber, nach der Herkunft der Kontraktion fragend,
diese im tachygraphischen System der Römer zu finden glaubte, so war
er schon wieder ganz und gar auf falschem Wege. Er unterließ jede
genauere Analyse der Tironischen Noten, wie sie O. Lehmann an-
gebahnt hatte. Er hielt ohne weiteres diejenigen Notenbilder für alt,
die aus den ersten und letzten Buchstaben der Wörter oder in ähn-
licher Weise gebildet sind. „Schon ein flüchtiger Blick auf diese
Sammlung lehrt", sagt er, nachdem er eine Reihe von Noten von der
Art AliteR, AliqaotienS, BimVs, CustodiA zusammengestellt hat, „daß
fast durchwegs nur älteres Sprachgut in diesen Abkürzungen vertreten
ist, meist häufig vorkommende Wörter und termini technici, und daß die
wenigen, die auf jüngeren, christlichen Ursprung deuten, gewiß auf
Neuanwendung des alten Prinzipes zurückzuführen sind." Wie wenig
stimmt dies zu den mannigfaltigen Schicksalen, welche die römische
Tachygraphie vor den Karolingischen Exemplaren der uns vorliegenden
spätrömischen Kodifikation durchlaufen hat. Auch hatte Gitlbauer
gewiß keine richtige Vorstellung von dem hohen Alter der christlich-
griechischen und christlich-römischen Kontraktion.
Noch von einem zweiten neueren Versuch ist hier zu berichten.
Einzelne Schreibungen auf Inschriften, 2 ) Münzen 3 ) und in Hand-
schriften, 4 ) in denen die Mitte des Wortes ausgelassen ist, wurden
als die Reste eines vorchristlichen Kontraktionssystems gedeutet, dessen
Fortsetzung dann natürlich das christliche wäre. Besonders Bruno
J ) Die drei Systeme der griech. Tachygraphie, Wien 1894, S. 44 fg. (Denk-
schriften der kais. Akademie der Wissensch., Band XLIV). Auch G. A. Hench in
Pauls und Braunes Beiträgen zur Geschichte d. deutschen Sprache XXI (1896) 562
zeigt richtige Einsicht, wenn er von den gotischen Kurzformen sagt: .diese Ab-
kürzungen sind entsprechenden im griechischen Original nachgeahmt und tragen
halbheiligen Charakter".
2 ) Wilhelm, Zeitschrift f. die österr. Gymnasien 1894 S. 913 ; Wolters, Mitteilungen
des deutschen archäolog. Instituts, Athen. Abteilung XXII (1897), 139 ff.
3 ) Six, Numismatic Chronicle, III 5 (1885) S. 47; vgl. Hill, Journal of Hell.
Studies 1898 p. 304; Head, Jonica, p. 246 n. 105.
*) Keil, Hermes XXIX (1894) 320. U. von Wilamowitz, Nachrichten v. d.
Göttinger Gesellschaft d. Wissensch. 1896 S. 210, und dazu Kenyon, Palaeography of
Greek Papyri p. 33.
Nomina sacra. I. Einleitung. 13
Keil beharrt darauf, eine solche nichtchristliche und vorchristliche
Kontraktion anzunehmen. *)
In der Tat gibt es verschiedene Berührungspunkte zwischen dem
Gebrauch der älteren Zeit und der späteren Entwickelung, und vielleicht
könnte hie und da auch eine direkte Beeinflussung angenommen
werden. 2 ) Obgleich uns also die christliche Kürzung im wesentlichen
als eine organische Einheit entgegentreten wird, ist es notwendig, an
dieser Stelle einen kurzen Überblick über die antike Kürzung ein-
zuschieben.
Die kalligraphische Schrift enthält sich fast jeglicher Kürzung,
sie duldet am Zeilenschluß nur Ligaturen, darunter den Strich, der N
vertritt. Aber aus verschiedenen Privatabschriften auf Papyrus
lernen wir vereinfachende Schreibungen auch innerhalb der Zeilen
kennen. Es ist nicht nötig, die einzelnen Zeugen (saec. I — II p. Chr.),
die sich dafür bis jetzt unter den literarischen Papyri gefunden haben,
aufzuzählen, noch weniger auf die Urkunden auf Papyrus einzugehen,
die gleichfalls Einblick in diesen älteren Gebrauch eröffnen. 3 ) Es
genügt, die Arten der nicht kalligraphischen Kürzung kurz zu be-
zeichnen. Wir finden
1. rein tachygraphische Zeichen für einzelne Worte, z. B.
/ = eoxiv
\ = elvai
2. Suspensionen
a) durch Ligaturen, für einzelne Worte, z. B.
^ß = XQÖvog, ygovov etc.
b) mit Akzenten, für einzelne Worte (Präpositionen, Konjunk-
tionen, Artikel) und Endsilben, z. B.
d = ävd
6' = de
xe<paX = xeqyaXrjr
naQazagovv&rjxxxovgoQxo = nagä rag ovvftrjxag xal rovg ögxovg
c) mit übergeschriebenem letzten Buchstaben, für Endungen, z. B.
no = Tiööag
noX s = TioXejuov.
x ) Anonymus Argentinensis, Straßburg 1902, S. 72 Anm. 1.
2 ) Vgl. unten die Paragraphen über fteös, xvqios, äv&Qwnog, Xqiotös, ozavgög.
») Vgl. Crönert, Archiv f. Stenographie UV (1902) 73 ff.
14 L. Traube,
Der Punkt hinter der Suspension war im älteren Griechisch
nicht bekannt. Das Ineinanderlesen der Worte wurde gehindert eben
durch die Ligatur, die Akzente und die Überschreibung des letzten
Buchstabens, später auch durch eine Transversale hinter dem ge-
kürzten Wort.
Indem nun z. B. die Präpositionen auch innerhalb der verbalen
Komposition oder Worte wie xal und de auch da gekürzt wurden,
wo sie beliebige Silben eines längeren Wortes waren, näherte sich
das System der Suspension dem kontraktiven, das in der christlichen
Zeit zur Herrschaft kam. Der Berliner Papyrus des Hierokles s. II
p. Chr. hat z. B.
xQa}ira>iTf\r]xo v = xaigco reo JiQogrjXQVu.
Durch Schreibungen aber, wie avxr) = av(6.y}xr) oder eXxov =
£A<ar>rov, und noch mehr durch ein vereinzeltes
-PN = TQOJIOV,
wo nach dem sonstigen Gebrauch die Suspension -£ genügt hätte
(vgl. oben über >g), ist in demselben Papyrus eine noch größere
Ähnlichkeit mit der christlichen Art hergestellt worden.
Es ist auch möglich, daß ein Teil der von Wilhelm, Wolters
und Keil geltend gemachten kontraktiven Schreibungen auf die Kon-
zepte der betreffenden Inschriften zurückgeht und die Silben dort
in der Mitte nicht nur aus Versehen, sondern aus Bequemlichkeit in
ähnlicher Art weggelassen waren, wie in den nicht kalligraphischen
Papyri.
Aber von allen diesen vereinzelten Spuren geht keine große
einheitliche, anerkannte Tradition aus und keine führt zu ihnen hin.
Andere Fälle, die angeführt werden oder angeführt werden könnten,
sind nicht vorchristlich; in ihnen kann das Prinzip der christlichen
Kontraktion fortwirken, sei es durch griechische, sei es durch römische
Vorbilder vermittelt. Es bleibt dabei: wir haben auf der einen Seite
die antike griechische Art, die im wesentlichen auf der Suspension
aufgebaut ist, auf der andern Seite die griechisch-christliche Kürzung
der Nomina sacra vermittels der Kontraktion. Hier wie dort haben
wir Gelegenheit, den Ausbau und das Fortwirken, daneben aber die
feste Umgrenzung solcher Schreibungen zu beobachten. Daran ge-
messen schrumpfen die Fälle der dritten Art, in denen scheinbar
die Vorteile der Kontraktion auf Worte übertragen werden, die dem
Nomina sacra. I. Einleitung. 15
christlichen und jüdisch-christlichen Kreise nicht angehören, in ein
Nichts zusammen. Gegenüber den Massen der Konvention verschwinden
diese Einzelheiten privater Erfindung und Willkür. Wenn es also
auch an Berührungspunkten der klassischen und christlichen Kürzung
nicht fehlt, so ist doch der Gedanke an eine innere organische Fort-
entwickelung abzulehnen.
Von der antiken Kürzung, soweit sie der Kontraktion verwandt
ist, bleibt die christliche Kontraktion durch folgende Merkmale auf
das deutlichste getrennt:
1. Die christliche Kontraktion wird immer durch einen Strich
bezeichnet, der das ganze Wortskelett wagrecht überzieht (ANOC im
Gegensatz zu ANKH).
2. Die Zahl der kurzgeschriebenen Worte ist nicht beliebig und
daher unendlich, sondern eng umgrenzt.
3. Anfang und Endung der Kurzformen sind durch feste Regeln
genau bestimmt.
4. Hauptsächlich aber ist der Zweck der christlichen Kontraktion,
wie wir später sehen werden, ein ganz anderer, als Raum und Zeit
zu sparen.
Dieser geschichtliche Überblick ist, je mehr er sich der neuen
Zeit näherte, zu einer Kritik der wenigen bisher versuchten Erklärungen
des Kontraktionssystems geworden und allmählich übergegangen in
eine Darlegung meiner eignen Ansicht. Ich habe sie vorgebracht
zuerst in einem akademischen Vortrag (in der historischen Klasse der
bayerischen Akademie am 4. Februar 1899) und dann ganz kurz in
einem Aufsatz über das Alter des Codex Romanus des Virgil (in der
Strena Helbigiana, Leipzig 1900, S. 307 — 314). Ich versuchte dabei,
das griechische Kontraktionssystem als eine jüdisch -hellenistische
Neuerung, das lateinische als eine Ableitung aus dem griechischen
und die ganze Fülle spätrömischer und mittelalterlicher lateinischer
Kontraktionsbildungen als eine Folge der Aneignung und Weiter-
führung dieses neuen und unklassischen Prinzips aufzufassen. 1 )
x ) Meiner ersten These stimmte Albrecht Dieterich bei, Göttingische gelehrte
Anzeigen 1903, S. 552 Anm. 2. Auch Weinberger in den Wiener Studien XXIV
16 L. Traube,
Während in dem erwähnten Vortrage die Kürzungslehre über-
haupt erörtert wurde, habe ich in einem zweiten akademischen Vor-
trage (in der historischen Klasse am 3. Januar 1903) besonders über
die Nomina sacra gesprochen. Schon vorher hatte ich im Anhang
meiner Arbeit über Perrona Scottorum (in den Sitzungsberichten
der historischen Klasse 1900, S. 469 ff.) die Geschichte der Kürzung
von noster behandelt, eines Wortes, das, wie wir sehen werden,
mit den Nomina sacra eng zusammengehört. Jetzt endlich wird es
mir möglich, meine Gedanken über den, wie ich bereits sagte, wich-
tigsten Teil der Kürzungslehre im Zusammenhange vorzulegen. Ich
kann es nicht, ohne meinen Gönnern und Freunden den aufrichtigsten
Dank zu sagen, wie ich es schon in der zuletzt erwähnten Schrift
(S. 528) getan hatte; die Zahl ist seither beträchtlich gewachsen. Ohne
ihre weitgehende Hilfe wäre es nicht möglich gewesen, ein so ausge-
breitetes Gebiet, wenn auch nur rekognoszierend, zu überblicken. Photo-
graphien und Kollationen, mannigfachen Aufschluß und Beistand erhielt
ich von M. A. Amelli, D. N. Anastasijewic, H. M. Bannister, C. H. Beeson,
L. Bertalot, E. Bishop, H. Bloch, F. Boll, M. Bonnet, H. Bresslau,
A. E. Burn, E. Chatelain, H. J. Cladder, C. U. Clark, F. Cumont,
L. Delisle, E. Dümmler, F. Ehrle, R. Ehwald, A. Fäh, A. Farinelli,
C. Fasola, H. Fischer, O. Glauning, P. Glogger, Th. Gottlieb, A. Gold-
schmidt, H. Graeven, B. Güterbock, A. Haseloff, J. Heeg, J. L. Heiberg,
O. v. Heinemann, D. Heibig, S. Hellmann, A. Holder, H. Jadart, F. Jen-
kinson, G. Karo, G. D. Kellogg, D. Kerler, G. Keyssner, F. Köhler,
K. Krumbacher, B. Krusch, G. v. Laubmann, H. Legband, P. Lehmann,
W. M. Lindsay, E. A. Loew, R. Loewe, P. Marc, A. Merk, Gabriel Meier,
Kuno Meyer, Richard M. Meyer, W. Meyer aus Speyer, P. C. Molhuysen,
G. Morin, C. W. Moule, S. Murray, H. Omont, J. Pirson, G. Pfeilschifter
H. Plenkers, K. Praechter, E. K. Rand, R. Reitzenstein, K. Scherer
J. Schnetz, A. Schnütgen, F. Seelig, F. Skutsch, A. Souter, A. Spagnolo,
H. Stadler, O. Stählin, F. Steffens, G. Swarzenski, C. H. Turner, A. W.
Van Buren, F. Vollmer, S. G. de Vries, G. Warner, W. Weyh, P. von
(1902) 296 ff. scheint mir im allgemeinen beizupflichten. Ich habe aber nie behauptet, wie
er wohl annimmt, daß die Kontraktionen der Nomina sacra vor dem 6. Jahrhundert
nicht vorkommen, sondern nur, daß man vor dieser Zeit schwerlich Kürzungen wie
DS finden werde in nicht kirchlichen Handschriften, und ohne daß die betreffenden
Worte speziell christliche Bedeutung haben.
Nomina sacra. I. Einleitung. 17
Winterfeld, G. Wolfram, J. Zellerer, K. Zeumer, H. Zimmer. Als wahre
Mitarbeiter muß ich meine Freunde Cladder, Clark, Marc, Turner und
Winterfeld bezeichnen. Paul Marc und Pater Cladder, S. J., ordneten
und ergänzten mein griechisches, Wilhelm Weyh mein koptisches
Material. Cladder beriet mich auch für das Koptische, wie Pater Merk,
S. J., für das Armenische, D. N. Anastasijewiö für das Altkirchen-
slavische und S. Ehrmann für das Talmudische. Daß ich das Keltische
miteinbeziehen konnte, verdanke ich Kuno Meyer und H. Zimmer.
Schließlich mache ich, wie in den Paläographischen Anzeigen (Neues
Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde XXVI 233)
und in ,Perrona Scottorum* a. a. O., darauf aufmerksam, daß außer den
Originalen, mechanischen Reproduktionen, buchstabentreuen Faksimile,
kritischen Apparaten und Monographien auch genauere Handschriften-
verzeichnisse, wie Reifferscheids und Hartel-Loewes Bibliothecae Patrum,
ausgebeutet wurden.
2. Terminologie.
Ich habe schon früher gebraucht und wende auch hier wieder
an als Bezeichnung der Gruppe von alten Wörtern, bei denen im
Griechischen und in der früheren lateinischen Zeit die Kürzung durch
Kontraktion vollzogen wurde, den Ausdruck: Nomina sacra. Ich
habe ihn dem englischen Forscher E. M. Thompson entlehnt, 1 ) der
in seiner Paläographie sehr gut von sacred and liturgical contractions
spricht, in den Erklärungen aber zu den Tafeln der Palaeographical
Society, in denen durch sorgfältige Angabe der Abkürzungen, die in
den vorgeführten Handschriften begegnen, die Abkürzungslehre reiche
Förderung erfahren hat, oft ganz kurz und bündig the sacred names
zusammenfaßt. Dies Wort habe ich um so lieber aufgenommen, als
es sich enge an einen alten Terminus technicus anschließt, der selbst
freilich für uns nicht mehr recht brauchbar ist. Denn was wir nomina
sacra nennen, nannte Christian von Stavelot ganz ähnlich nomina
dei. 2 ) Er bezog dabei ein hebräisches Wort, das nur die Namen
Gottes des Vaters umfassen sollte, seiner Zeit gemäß vor allem auch
x ) Auch H. Omont (a. a. O. 124) sagt: .mots consacres".
5 ) Vgl. oben S. 6 und unten S. 33.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II.
18 L- Traube, Nomina sacra. I. Einleitung.
auf die Kürzungen von Iesas und Christus. Wenn nun wir den etwas
allgemeineren Terminus nomina sacra auch auf Worte wie "loga^k,
äv&Qa)7iog, ja sogar auf noster ausdehnen, so wird unser Recht, wie
ich hoffe, durch die folgende Darstellung erwiesen werden, die sich
zur Aufgabe gesetzt hat, den folgenreichen Gebrauch aller jener Kurz-
schreibungen vom Ursprung bis zum Ende zu verfolgen.
Die ursprünglich wohl französischen Fachwörter Kontraktion
und Suspension werden dem Leser im Verlauf der Darstellung
näher gebracht werden. Vorläufig mag er sich an die kurze Defi-
nition halten, die ich in der Strena Helbigiana S. 310 gegeben habe:
„Es gibt zwei Arten von Abkürzungen, die man als Suspensionen
(Weglassungen) und Kontraktionen (Auslassungen) unterscheiden
kann. Bei denen durch Suspension wird nur der erste Teil des
Wortes, im äußersten Fall nur der erste Buchstabe gesetzt; bei denen
durch Kontraktion fällt die Mitte des Wortes aus, und es bleibt An-
fang und Ende. Aber diese Erklärung ist äußerlich. Der tiefere
Unterschied liegt darin, daß das eine Mal das Wort mit möglichster
Kürze nur überhaupt angedeutet wird, der betreffende Kasus, die be-
treffende Verbalform aus dem Zusammenhang ergänzt werden muß;
daß das andere Mal (bei der Kontraktion) wegen der Setzung der
Endung über die gemeinte Form ein Zweifel nicht aufkommen kann.
Ein Beispiel mag zeigen, wie in praxi beide Arten sich unterscheiden.
Die im Mittelalter rezipierte Abkürzung für episcopus ist eps\ dies
wird dekliniert eß epö epm. Das ist der Typus einer flexibeln Kon-
traktion. In sehr alten Handschriften findet sich entweder epis. oder
episc. und zwar so, daß jede dieser Formen gleichmäßig und ohne
Unterschied für alle Kasus des Singularis und Pluralis stehen kann.
Das ist der Typus einer unbeweglichen Suspension."
II. NOMINA SACRA IM HEBRÄISCHEN.
2*
1. Vergoldung der Gottesnamen.
Über das Aussehen der hebräischen Handschriften, die die
griechischen Übersetzer des Alten Testamentes ihren Arbeiten zugrunde
legten, ist sehr wenig zu ermitteln. Doch eines wissen wir, was uns
hier zustatten kommt.
Man hob die Gottesnamen gelegentlich durch Goldschrift von
dem übrigen Text ab. Das ist gerade von Exemplaren bezeugt, die
in Alexandria im Umlauf waren-. Blau hat die Zeugnisse dafür aus
der jüdischen Tradition zusammengestellt. x ) Er nimmt dabei, wie ich
glaube, mit Unrecht an, daß nicht nur die Gottesnamen, sondern über-
haupt die ganze Tora in Goldschrift hergestellt worden sei. Seine
Stütze ist eine Stelle des Aristeasbriefes (§ 176 ed. Wendland p. 49, 5),
wo es von der an Ptolemäus gesandten hebräischen Bibel ganz all-
gemein heißt: ev alg (diqy&eoaiq) fj vojuofieoia yeyQajujuevrj lovaoyQacpia
rotg 'Iovdaixoig yQa t u/uaoi. Auf diese Stelle hat Blau zuerst hingewiesen.
Allein man muß wohl auch hier an ein Exemplar denken, in dem
lediglich die Gottesnamen golden waren, genau so wie es in der
von Blau angeführten Baraitha 2 ) und an den gleichfalls von ihm an-
geführten Stellen des Traktates Masechet Sefarim 3 ) ausgesprochen wird.
J ) Studien zum althebräischen Buchwesen I, Straßburg 1902, S. 157 ff.
2 ) „Wenn nicht mit Tinte geschrieben wurde, oder wenn die Gottesnamen
mit Gold geschrieben wurden, müssen die Schriften verborgen werden" nach Blaus
Übersetzung S. 161.
3 ) „Man darf nicht mit Gold schreiben. Es kam vor, daß alle Gottesnamen
der Tora der Alexandriner mit Gold geschrieben waren. Die Sache wurde den
Schriftgelehrten vorgelegt und sie erklärten, die Rolle müsse verborgen werden,"
Blau S. 161; über den Sinn, den »verbergen" hier hat, vgl. Blau S. 191. „In einer
Tora, deren Gottesnamen an Gold hängen, darf man nicht lesen. In der Tora des
22 L- Traube,
Die Worte des Aristeas erhalten aus diesen Stellen ebenso ihr
Licht, wie die oft zitierten und auch von Blau für seine Ansicht ver-
werteten des Johannes Chrysostomus und Hieronymus ihre volle Be-
deutung erst erlangen, wenn man sie mit den tiberlieferten griechischen
und lateinischen Bibelhandschriften vergleicht und darnach erklärt.
Das Zeugnis der beiden Väter gilt etwa für das Jahr 400. Johannes
bezeugt für Antiochien Bibeln mit goldener Schrift, *) Hieronymus für
Cäsarea wahrscheinlich nicht minder als für Rom Bibeln, die mit Purpur,
Silber und Gold geschmückt waren. 2 ) Auch hier stellt man sich das
gewöhnlich so vor, als sei der gesamte Text dieser Bücher vergoldet
gewesen. Die erhaltenen Exemplare aber, die eine einheitliche Tra-
dition darstellen, lehren etwas Spezielleres. Auf gepurpertem Per-
gament war der Text mit Silber und nur die Nomina sacra waren
darin mit Gold geschrieben. Dies ist der Schmuck der griechischen
Evangelien im sog. Codex purpureus Petropolitanus (A/) saec. VI 3 ) — die
kontrahierten Kurzformen von fteög, xvgiog, nvevjua,*) narrjQ, "Irjoovg,
Xoiorog, vlog sind golden, die von ovgavög, ävßQcoJiog, Aaveid, 'IogarjX,
'IeQovoahjju silbern — und im etwas jüngeren griechischen Psalterium
Turicense 5 ) — golden sind hier die Überschriften und Initialen der
Psalmen ; ist aber das erste Wort der Psalmen eine Kurzform von fteög
oder xvQiog, so wird es ganz mit Gold geschrieben. Von lateinischen
Handschriften haben dieselbe Ausstattung die Evangelien Verona VI
(f ) und Wien 1235 und vielleicht der Brixianus und die Handschrift
aus Sarezzano, ferner das Psalterium S. Germani: sie folgen alle dem
Typus dms. 6 ) Von Handschriften des Typus dris gehört hierher Wien
Alexander (Blau verbessert ,der Alexandriner') hingen die Gottesnamen an Gold,
die Geschichte kam vor die Gelehrten und sie verboten sie ihnen," Blau S. 162. Ehr-
mann identifiziert diese Stelle mit der vorigen.
») Hom. in Joh. 32, 3 (Patrol. gr. ed. Migne LIX 186 sq.).
2 ) Hauptstelle ist Prolog, in Job (Patrol. lat. ed. Migne XXVIII 1083). Vgl.
Ep. 22 (ib. XXII 418) und 107 (ib. XXII 876) und dazu Traube, Archiv für Steno-
graphie LIII (1901) 202.
3 ) Vgl. H. S. Cronin, Texts and Studies V 4, Cambridge 1899.
4 ) In den Blättern von N, die zur Wiener Genesis gehören, ist TINA silbern.
5 ) Vgl. Tischendorf, Monum. sacr. ined. nova collectio, vol. IV, Leipzig 1869.
6 ) Vgl. über Sache und Ausdruck unten im vierten Kapitel unter dominus
(§ 5, 2, 6).
Nomina sacra. II. Nomina sacra im Hebräischen. 23
1 185. x ) Im Psalter Lyon 425 (351), der den Typus dnis aufweist, sind
die Formen von deus und dominus durch rote Farbe hervorgehoben. 3 )
In Karolingischer Zeit hat man ebenso in Frankreich wie in
Byzanz, die älteren Exemplare nachahmend, eine neue Reihe reich
geschmückter kirchlicher Bücher auf Purpurmembran hervorgebracht.
Man hob dabei auch wieder, wenn auch nicht regelmäßig, die Nomina
sacra aus der Silberschrift der Texte mit goldenen Lettern heraus. So
im Petersburger Codex der Kaiserin Theodora und im Liber comitum
Paris lat. 9451 aus der Zeit Karls des Großen.
2. Das Tetragramm.
Erwiesen ist also die lange und alte Tradition, die Gottesnamen
in den biblischen Büchern durch besonderen Schmuck auszuzeichnen.
Die Juden hielten es so schon in vorchristlicher Zeit; die Christen
hatten denselben Brauch. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es
sich um eine jüdische Sitte, die von den Christen aufgenommen und
befolgt wurde.
Ältere hebräische Exemplare sind außer dem eben gefundenen
Papyrus Nash nicht überliefert; dieser, der höchstens ins zweite nach-
christliche Jahrhundert gehört, gibt gerade nwv und cn^N ohne
weiteren Schmuck. Man kann also schwanken, was unter den
,Gottesnamen' zu begreifen ist. Nur ffiFP, an welches Wort man immer
zuerst denken wird, oder auch DTfot und ^N und Verbindungen wie
DYI 5 ?« nn? Aber außer Zweifel steht, daß hebräische Exemplare
in Alexandria in vorchristlicher Zeit eine graphische Auszeichnung
des Tetragramms und vielleicht auch anderer Worte für Gott auf-
wiesen.
Mehr können wir über die Beschaffenheit dieser hebräischen
Gottesnamen nicht aussagen. Selbst die Form der Buchstaben steht
nicht fest. Früher glaubte man annehmen zu dürfen, daß, als die
ersten griechischen Übersetzer arbeiteten, bereits die Quadratschrift
1 ) Vgl. ebd. § 5, 2, 7.
2 ) Anders ist der Codex argenteus des Wulfila behandelt: hier ist die Schrift
silbern auf purpurnem Grunde und die Kapitelanfänge sind ohne Rücksicht auf die
Nomina sacra in Gold gegeben. Ähnlich ist im Rossanensis der Grund purpurn,
die Schrift silbern und golden nur am Beginn der Evangelien.
24 L- Traube, Nomina sacra. II. Nomina sacra im Hebräischen.
für die Tora ausgestaltet worden war. Man zweifelt jetzt wieder daran;
vielleicht nicht mit Recht. 1 )
Aber ein eigentümlicher Widerstreit tritt uns deutlich entgegen.
Den Juden galt der vierbuchstabige Name ihres Gottes als heilig,
zauberbergend und unaussprechlich. Mit diesem Namenszauber hängt
offenbar auch die Vergoldung der Gottesnamen zusammen; andererseits
scheint sie ihm zu widersprechen. Das Zauberwort mit allen Buch-
staben hingeschrieben, ja durch die Schrift noch hervorgehoben, ent-
hüllt und verkündet nicht nur jedem das, was für den Eingeweihten
aufzuheben war, sondern lenkt geradezu des Unberufenen Auge darauf.
Dabei ist jedoch zu bedenken, daß in der hebräischen Schrift, gleichviel
ob damals noch die ältere herrschte oder bereits die heilige Quadrata,
wegen der Vokallosigkeit das Mysterium dennoch bestehen blieb. Das
Tetragramm wurde zum heiligen Namen erst durch die richtige Deutung.
Daß es Jawe auszusprechen sei, war aus den Buchstaben selbst nicht
ohne weiteres zu ersehen, man mußte es wissen, lernen. Und der
Priester verschwieg die richtige Form; er setzte eine ähnliche, künstlich
abgebogene an ihre Stelle oder, auf diesem Wege fortschreitend, ein
anderes, dem Volke verkündbares Wort.
Auf diesen Widerspruch war hier hinzuweisen; im Hebräischen
nur scheinbar vorhanden, wird er wirklich und wirksam, sobald wir
uns dem griechischen Kreise nähern.
*) Vgl. unten S. 28.
III. NOMINA SACRA IM GRIECHISCHEN.
1. Wiedergabe des Tetragramms bei den hellenistischen
Juden.
Sobald man begann, die jüdischen heiligen Bücher ins Griechische
zu übersetzen, muß der am Schluß des vorigen Kapitels berührte
Widerstreit lebendig geworden sein. Wie sollte das Tetragramm
wiedergegeben werden? War es nachzubilden oder zu übersetzen?
Und wie sollte man vorgehen, um dem Wort zugleich seine graphische
Auszeichnung und den geheimnisvollen Zauber zu bewahren?
Daß man hier und da die Vergoldung fortsetzte, haben wir bereits
gesehen; die erhaltenen Beispiele wurden bereits aufgezählt. Wir
müssen von der sonstigen Behandlung des Wortes reden.
Eine profanierende Transskription (Iave oder laße), wie sie die
in Ägypten geschriebenen Zauberpapyri geben, 1 ) war in einer Über-
setzung der heiligen Schriften, die völlig an die Stelle der Originale
treten sollte, von selbst verboten. Man konnte da nur ein Verfahren
dulden, das dieselben oder wenigstens ähnliche Eigentümlichkeiten
bot, wie das Hebräische. Es gab daher nur zwei Möglichkeiten.
Zunächst konnte man das Wort in seiner hebräischen
Gestalt fortbestehen lassen. Da hatte es denn ganz den Zauber,
die Kraft und Verschwiegenheit, wie in der Tora. So ging im zweiten
nachchristlichen Jahrhundert der Jude Aquila bei seiner Übersetzung
zu Werk. Er gab das Tetragramm mit hebräischen Buchstaben wieder
und zwar mit Buchstaben des alten Alphabetes: iv tolg äxQißeoreooig
Twv avxiyQdcpmv — damit ist eben die Übersetzung Aquilas, fj xax
äxQißeiav, gemeint — 'Eßgaioig %aQaxTrJQoi x£M ai > TO övojua, 'EßQa'ixolg
de ov roTg vvv, aklä rolg ägyaiordroig, sagt Origenes. 2 ) Man hatte
J ) Vgl. A. Deißmann, Bibelstudien, Marburg 1895, S. 10 ff.
2 In Ps. II 2 ed. Lommatzsch XI 396; vgl. Hieronymus praef. in libr. Sam. et
28 L. Traube,
früher angenommen, Origenes irre sich und bezeichne die Wiedergabe
des Tetragramms durch gräcisierendes nini, von dem wir gleich
sprechen werden; allein der Palimpsest der Synagoge zu Kairo mit
Fragmenten des Aquila aus den Büchern der Könige saec. V, der vor
einiger Zeit nach Cambridge kam und ein Stückchen des Aquila
zuerst in jüdischer, nicht durch christliche Hand gegangener Überlieferung
kennen lehrte, zeigte vielmehr inmitten der griechischen Worte für das
Tetragramm das Gebilde ^^^^ oder dasselbe mit einem Strich darüber. 1 )
Andere Palimpsest-Blätter gleicher Herkunft und gleicher Zeit, die
etwas später bekannt wurden, mit Fragmenten aus Aquilas Über-
tragung der Psalmen, 2 ) gaben die nur unwesentlich verschiedene Form
3333. Also war Origenes in gutem Recht. Beide Formen zeigen
das alte Alphabet, das wirklich nicht mehr zu Origenes' Zeit in Ge-
brauch sein konnte, von dem man aber gerade auf Grund dieser
Funde wieder beginnt anzunehmen, daß es vielleicht zu Aquilas Zeit
noch geschrieben wurde. 3 ) Wir berühren diese Frage, weil sie mög-
licherweise einer richtigeren Antwort zugeführt wird, wenn man an-
nimmt, daß in einem Zweig der hebräischen Überlieferung das Tetra-
gramm mit alter Schrift inmitten der jüngeren Quadrata gegeben wurde
und daß Aquila das ihm daher geläufige alte Wortbild in seine Über-
setzung übernahm. Für einen derartigen graphischen Archaismus bei
der Weitergabe der Symbole werden sich im Verlauf der von uns
zu gebenden Geschichte noch andere Beispiele finden.
Einen andern Fall der ersten Möglichkeit lernen wir aus der
hexaplarischen Überlieferung kennen. In der großen Konkordanz des
Origenes stand, wie man nach einigen aus ihr abgeleiteten griechischen
und syrischen Handschriften schließen darf, in einigen Kolumnen als
Äquivalent für mir die Form nini, die sich betrachten läßt als eine
absichtliche oder unabsichtliche Gräcisierung der hebräischen Buch-
staben. 4 ) Man hatte bisher nach dem Material zweiter Hand, über
Malach. (Migne XXVIII 550) nomen domini tetragrammaton in quibusdam Graecis
voluminibus usque hodie antiquis expressum litteris invenimus.
x ) Fragments of the Book of Kings according to the Translation of Aquila
edd. Burkitt and Taylor, Cambridge 1897, p. 4 sqq.
2 ) Hebrew-Greek Cairo Genizah Palimpsests ed. Taylor, Cambridge 1900,
p. 54 sqq.
8 ) Vgl. Burkitt 1. c., p. 16.
4 ) Hieronymus ep. 25 ad Marcellam (ed. Migne XXII 429): nonum (sc. nomen
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 29
das allein man verfügte, annehmen müssen, daß in den griechischen
Kolumnen der Hexapla nur außerhalb der für die LXX bestimmten
Spalte diese Umbildung gebraucht war. 1 ) Ein neuer Fund, 2 ) der
wieder in der Synagoge zu Kairo gemacht wurde, ein Stückchen der
Hexapla mit einigen Versen aus Psalm 22 (=21 der LXX), gibt nun
Hini auch in der Kolumne der LXX. An einer Stelle (Psalm 22, 20)
scheint die Lesung:
cy A6 k
nini
freilich dafür zu sprechen, daß xvgie 3 ) nur verdrängt wurde und das
Ursprüngliche war. Doch ist nicht ganz fest zu machen, ob mm
nicht gelegentlich auch in der Kolumne der LXX stand, ohne daß
ein fälschliches Eindringen aus einer benachbarten Kolumne erfolgt
wäre. Man kann auch nicht recht sagen, 4 ) ob Theodotion und Sym-
machus wirklich selbst schon mm geschrieben haben, wie es der
eben erwähnte Origenes-Palimpsest in der Kolumne des Symmachus
gibt (denn derselbe Palimpsest hat ja auch in der Aquila-Kolumne
Dini, was nach dem Befund der- beiden Aquila-Palimpseste jedenfalls
nicht die Schreibung des Aquila war), oder ob es in ihre Hand-
schriften eingesetzt wurde (etwa gleichfalls an Stelle der älteren
hebräischen Form), oder ob erst Origenes selbst es war, der diesen
Ausweg erfand.
Auch sonst mag man sich der Form mm bedient haben; doch
weiß ich nicht, ob folgendes mehr ist als ein trügerischer Schein.
Auf einer Inschrift aus El-Barra in Syrien fand Ph. Le Bas (Voyage
archeologique n. 2647):
■f AOXA GN Y\J/ICTOIC IUI KAI GHl TH eifHNI )<<A>I
GN <ANepCOnOIC GyAOKIA).
dei) rezQdyQa/nfiov, quod ävexfpcbvrjTov, id est ineffabile, putaverunt, quod his Ütteris
scribitur: iod, he, vav, he . Quod quidam non intelligentes propter elementorum
similitudinem, cum in Graecis libris repererint, mm legere consueverunt. Vgl.
die griechischen Traktate bei P. de Lagarde, Onomastica sacra, ed. II, Göttingen 1887,
p. 228 sq.
1 ) Vgl. Taylor, Hebrew-Greek Cairo Palimpsests p. 27.
2 ) Die Handschrift kann sehr wohl älter als saec. VII sein. Die schräge Un-
ciale darf nicht mehr als ein Zeichen jüngerer Entstehung bezeichnet werden.
3 ) K ist eine Suspension (vgl. unten in diesem Kapitel § 6, 2 über )<Y|'lOC)
oder der Rest der Kontraktion K<e>.
4 ) Vgl. Taylor p. 26 sqq.
30 L- Traube,
Eine andere dort gefundene Inschrift (vgl. Revue bened. XXII,
1905, 431) gibt diese Doxologie genauer nach Luk. 2, 14 und setzt
dabei OGGü statt der vier senkrechten Striche. Stand nun auf der
ersten Inschrift dasselbe Wort und bedeuten Le Bas' Zeichen nur,
was sonst bei ihm nicht vorzukommen scheint, die Unlesbarkeit?
oder haben wir hier noch ein versprengtes HIHI? 1 )
Einem merkwürdigen Fall begegnen wir in einigen Genesis-
Fragmenten der LXX, die Grenfell und Hunt in P. Oxy. IV n. 656
(vgl. ebenda pl. II) herausgegeben haben. Hier war xvgiog anfänglich
überall weggelassen und erst eine zweite Hand hat das griechische
Wort in die Lücken eingetragen. Man weiß nicht: stand in der Vor-
lage eine hebräische Form (dies scheint wahrscheinlicher), oder hatte
man überhaupt den Gottesnamen verschweigen wollen?
Wir kommen zur zweiten Möglichkeit. Man konnte das
Tetragramm durch ein griechisches Wort wiedergeben, dieses griechische
Wort aber so schreiben, daß es, wie das vokallose nin% seine Be-
deutung nicht völlig offenbarte. Dieser Versuch ist gemacht worden
und hatte eine ganz andere Tragweite als die bisher geschilderten
Künsteleien. Er wurde der Weg, auf dem die griechischen Nomina
sacra ihre Eigenform erhielten; der Weg, auf dem die Kontraktion
entstand. Indem wir also uns anschicken, diesen merkwürdigen Vor-
gang der alttestamentlichen Textgeschichte zu begreifen, gelangen wir
zugleich zum Verständnis eines bedeutsamen Wendepunktes der grie-
chischen Paläographie.
Im griechischen Text der LXX steht für das Tetragramm meist
xvgiog. So las schon Philo. Es ist eine Übersetzung nicht von Jawe,
sondern von Adonai. Sie ist erklärlich, denn die Juden vermieden
ja tatsächlich, wie auch jetzt noch, Jawe zu sagen und sagten dafür
vielmehr Adonai. Origenes drückt das so aus: „der Gottesname wurde
bei den Juden Adonai, bei den Griechen xvgiog ausgesprochen." 2 )
Dies ist alles bekannt, kann aber durch eine graphische Überlegung
weitergeführt werden.
*) Hingewiesen sei hier wenigstens auf den geistreichen Versuch Smirnoffs
(Berl. philolog. Wochenschrift 1906 Sp. 1082 ff.), das bekannte XMT aus -ins mm
{y.vQiog eis) zu deuten.
J ) Vgl. Orig. in Ps. II 2, kurz vor der oben S. 27 zitierten Stelle.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 31
1. Nicht an allen Stellen der LXX steht lOfflOC für rnn\ öfters
steht auch 0GOC, was sonst im allgemeinen das Äquivalent der Über-
setzer für ct6n ist.
2. Nie aber wurde, so scheint es, in kalligraphischen Hand-
schriften !<Y"piOC ausgeschrieben, x ) sondern stets dafür die Kurzform
\<C gesetzt. Auch OGOC wurde nicht geschrieben, sondern nur OC.
Wir kennen diese Verwendung der Kurzformen aus der über-
einstimmenden Überlieferung aller christlichen Handschriften der LXX
und des Neuen Testamentes; wir haben aber allen Grund, die Formen
XC und ÖC schon für jüdisch zu halten.
Statt des heiligen unaussprechlichen Wortes gab man ein weniger
heiliges, aber auch dieses nicht mit vollen Buchstaben, sondern in
einer Form, in der ein Teil des Wortes unterdrückt war. Man kann
diese Form aus ihr selbst nicht erklären. Wenn man sie als Abkürzung
bezeichnet, so hat man nur in dem Sinne recht, daß tatsächlich da-
durch, daß man weniger Buchstaben schrieb, Zeit und Raum gespart
wurde. Aber diese Ersparnis und Verkürzung war eine zufällige Folge
des gewählten Verfahrens, war nicht und konnte nicht sein seine
ursprüngliche Absicht. Vorgebildet im älteren klassischen Griechisch
war eine ähnliche Kurzform nicht. 2 ) Abkürzungen sehen da ganz
anders aus. Sie entstehen durch Weglassung der Endung, so daß
bei diesem Verfahren, das wir die Suspension nennen, meist nur
die Anfangsbuchstaben übrig bleiben. Aber die Kurzformen, die da-
durch entstehen, daß das Wortinnere wegfällt und außer dem ersten
Buchstaben mindestens noch der letzte erhalten bleibt, die also auf
Auslassung oder sog. Kontraktion beruhen, fehlen in früherer
Zeit; sie kamen eben erst durch die Übersetzung der heiligen
Schriften auf und, wenn nicht alles täuscht, gerade durch den Zwang,
dem Tetragramm ein homogenes Gebilde gegenüberzustellen. Wir
haben es allem Anschein nach mit einer originalen jüdischen Erfindung
zu tun. Nur in dieser Sphäre liegen die Gründe für die Neuerung
und die Eigenart der Formen zutage; im Christlichen fallen sie weg.
Denn Adonai ist überhaupt der Herr; wo das Wort für den Eigen-
namen Jawe gesprochen wird, erkannte es der Jude als besonderes
J ) Über einzelne scheinbare Ausnahmen s. oben S. 30.
») Vgl. oben S. 13 ff.
32 L. Traube,
Wort an den fremden Buchstaben. Setzte der griechisch schreibende
Jude )<YflOC für Adonai, so mußte er dies KyflOC irgendwie
unterscheiden.
Ferner aber: die Zauberkraft des Wortes Jawe wurde verhüllt
durch die Aussprache Adonai. Es lag nahe, etwas von der Verhüllung
auch in das griechische Äquivalent hineinzutragen.
Man kann sich vorstellen, daß dieses die Gründe waren, KyflOC
zu meiden und KC dafür zu schreiben. Die Möglichkeit ist aber
vorhanden, daß nicht KyflOC die ursprüngliche Wiedergabe von
mir war, sondern OCOC. Vielleicht hatte man geschwankt. Eine
Form könnte neben der andern hergegangen sein. OCOC wäre
hebraisierend ohne Vokale geschrieben worden: das ergab OC. Dar-
nach bildete man vielleicht erst KC von dem rivalisierenden l<yf I OC.
Die Paläographie also, meine ich, könnte es wahrscheinlich
machen, daß ursprünglich oder, genauer ausgedrückt, in den ersten
Übersetzungen, in den ersten Versuchen der Übersetzung, aus denen
schließlich die alexandrinische Übersetzung des Alten Testamentes
erwuchs, fteog als Gegenstück zu mir gewählt wurde, oder vielmehr
nicht fteös, sondern eben die vokallose Form OC, mit der man den
Eigenheiten des Tetragramms glaubte gerecht zu werden. KC wäre
erst Analogiebildung dazu. In deög hätte die Unterdrückung der Vokale
eine Form ergeben, die nur aus dem ersten und letzten Buchstaben
bestand. Nicht aber diese Unterdrückung der Vokale wurde als das
Prinzip aufgefaßt, sondern die Setzung des ersten und letzten Buch-
stabens, die nach Ausscheidung der Vokale übrig blieben. Und so
deklinierte man nun: OC Öy OGÜ GN 96 und bildete neu KC
)<Y u. s. w. Doch läßt sich die Priorität von ÖC nicht erweisen.
Jedenfalls aber hatten Theologie und Volksglaube bei dem Bestreben,
dem Gottesnamen eine dem hebräischen Original möglichst ent-
sprechende griechische Form zu schaffen, unter der Hand ein neues
graphisches Prinzip gefunden. Es war diesen hellenistischen Juden in
den Schoß gefallen, wie nach der Sage den Phöniziern die Erfindung
von Glas und Purpur.
Die Richtigkeit unserer Annahme wird der Verlauf der folgenden
Darstellung erweisen. Die große Fülle paläographischer Erscheinungen,
die, sonst unerklärt und unverbunden, in den Handschriften des Alten
und Neuen Testamentes zuerst sich zeigt, wird so ihre verständliche
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 33
gemeinsame Herleitung erhalten. Und da die griechischen Kalligraphen
von den lateinischen nachgeahmt wurden und die lateinischen von
dem neuen Prinzip die weiteste Anwendung machten, erhalten nicht
nur einige wenige Formen ihre Erklärung, sondern erklärt wird die
wesentlichste Eigenart der christlich-lateinischen Weltschrift. Aber
gerade gegenüber dieser ungemein langen und breiten Entwicklung
ist es gut, daß die, wie ich glaube, an sich einleuchtende Erklärung
nicht als bloße Vermutung hingestellt zu werden braucht. Wir erinnern
uns hier vielmehr gern der Worte des karolingischen Gelehrten Christian
von Stavelot: notnina dei comprehensive debent scribi, quia nomen dei
non potest litteris explicari. l ) Also im 9. Jahrhundert war man sich
der richtigen Deutung noch bewußt.
Und wenn der Korrektor des Primasius, Oxford Douce 140, der
sich des e-Typus bediente und etwa im 7. Jahrhundert, vielleicht in
Südwestbritannien, arbeitete, überall, wo er in seiner Handschrift deus
und dominus ausgeschrieben vorfand, dafür die kontrahierten Formen
ds (= #c) und dris (vgl. xc) einzuführen sucht, — will es etwas
anderes sagen, als daß auch er die Formen der Gottesnamen keines-
wegs einer Verkürzung der Arbeit zulieb so geschrieben wissen wollte,
sondern vielmehr um die Worte zugleich hervorzuheben und ihre
Heiligkeit zu verhüllen?
2. Ausbildung der Nomina sacra durch Juden und Christen. 2 )
In den von Christen herrührenden Handschriften der LXX und
des griechischen Neuen Testamentes finden sich seit der frühesten
bis zur spätesten Zeit nicht bloß ständig ÖC und KG, sondern außer-
dem meist noch andere ähnliche Kurzformen für nvevjua, narrJQ, ov-
qclvos, äv§Qo)7iog, Aaveid, 'IoQarjl, 'Isgovoabj/u, 'Iqoovg, Xgiorog, vlög,
oomJQ, ozavgog, jutjtiiq. Wir beginnen damit diese im ganzen 15 Kurz-
formen und ihre wichtigsten Varianten in einzelnen Reihen vorzuführen,
! ) Vgl. oben S. 17. Nomina dei entspricht wohl dem talmudischen hv diöw
K»n ippa umpn. Ehrmann führt den Gebrauch zurück auf Chron. I 13, 6 (mrp
no s-ipa iBs D'ui-on acv).
2 ) Die einzelnen Nachweise für diesen und die folgenden Paragraphen werden
unten im fünften Paragraphen durch ein Handschriftenverzeichnis, im sechsten durch
eine Behandlung der einzelnen Nomina sacra erbracht.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 3
34 L- Traube,
die nach der Art der Wortbilder geordnet sind. Die Varianten (d. h.
die seltener vorkommenden Formen) sind eingeklammert.
i.gckc (Tif) (ÄA) icxc yc (cf) (Rf)
2. fTNÄ (OAp) AAA (ICA) (ICH) (IHC) (XfC) (CCÜf) CTC MHf
3. (DMA) ÖHf \T\\ (IHR) CHf (MHf)
4. ANOC (ICHÄ); IAHM
5. oyNOC (anhoc) (icahm)
6. (ANefnc) (CTfC)
Eine Möglichkeit, zur historischen Einsicht in die hier gleich-
zeitig vorliegende Gesetzmäßigkeit und Vielgestaltigkeit vorzudringen,
wird zunächst durch verschiedene einfache, hauptsächlich formale Er-
wägungen gegeben.
Das Prototyp der 1. Reihe war QC und )<C. Der jüdische
Gottesname zog den christlichen nach sich. Nach )<C wurde gebildet
IC und XC.
Bevor aber diese neuen Bildungen durchdrangen oder gleichzeitig
mit ihrer Einbürgerung, kamen noch andere Formen in Umlauf. Man
hatte für Xqiotö? mit Benutzung einer alten vorchristlichen Suspension
entweder Xf oder monogrammatisch >ß geschrieben, daneben oder
darnach auch IH für 'Itjoovg. 1 ) Unter dem Einfluß der kontraktiven
Bildung )<C adaptierte man nun Xf und IH zu XfC und IHC.
Vielleicht in Anlehnung an diese Gebilde, die nicht mehr aus
dem ersten und letzten, sondern aus den beiden ersten und dem
letzten Buchstaben bestehen, schuf man bei fortgesetztem trinitarischen
Streben auch FJNA für Tivevjua. Doch läßt sich J1NA auch erklären
als Ausweg aus einer etwaigen Konkurrenz zwischen HA (nvevjua) und
riA (narsga vom Nominativ Mf).
Gehört Hf zu XC, so kann HAf nach dem Vorbild von J1NA
entstanden sein.
Zu nA(rrj)f gehört MH^f. Verstand man dies als MpHf,
so ging man wohl auch zu HHf über. DHf wieder wurde die Vor-
lage von CHf, wofür man nach Analogie von TINA oder nAf früher
CGüf versucht hatte. Auf der einen Seite stand dann QC DHf, auf
der andern IC CHf.
Y'OC lehnte sich bequem an IC und XC und wurde Y c -
J ) Vgl. vorläufig oben S. 4.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 35
CT C wurde Gegenbild von nNA.
Die 1., 2. und 3. Reihe kann damit als erklärt gelten; denn auch
Formen wie AAA, ICA, IHA, IHM fügen sich leicht ein.
Dagegen ist es schwer, die Bildungen der 4., 5. und 6. Reihe
in ähnlicher Weise zu begreifen. Doch werden die der 6. Reihe klarer,
wenn man sie sich als hebraisierende, die Vokale unterdrückende
Schreibungen auslegt. Es kommt hinzu, daß die lateinischen Kurz-
formen ISRL und IRSLM, die sich dieser Reihe einordnen würden,
vielleicht auf griechische, uns nur nicht erhaltene Vorbilder zurück-
gehen. Eine Form wie AAA würde sich einer solchen Betrachtungs-
weise gleichfalls fügen.
Noch schwerer ist den beiden so beliebten Kurzformen ANOC
(in der 4. Reihe) und oyNOC (in der 5. Reihe) beizukommen. Man
kann ja denken: eine Bildung OC für ovgavög mußte wegen des
Zusammenfallen mit dem Relativum gemieden werden. Auch mußte,
da man von ovgavög auch den Pluralis oder ihn sogar hauptsächlich
einzurichten hatte, die Endung aus zwei Buchstaben bestehen. ONOC
oder ONOI war wieder unbrauchbar. Ebenso wäre AC von äv&Qco-
jiog wegen des Genetivs AY und des Akkusativs AN untauglich
gewesen. Daß derartige Überlegungen und Bedenken bei der Aus-
wahl der Kurzformen mitgewirkt haben, zeigt das Meiden von nj>OC
(des Genetivs von jiarrjQ); man schrieb dafür das unregelmäßige DfC.
Bei dem tatsächlich gewählten ANOC war freilich der Dativ ANCO
auch recht gefährlich und ist doch nicht umgangen worden. Es wird
sich aber später herausstellen, daß oyNOC un d ANOC von den
übrigen Kurzformen überhaupt zu trennen sind.
Noch Eines fällt auf. OC und )<C haben keine Nebenformen ;
auch bei Y c nat es ein Schwanken nicht gegeben. Diese Bildung wurde
gleich anfangs gut getroffen, als man sie zu IC XC gesellte; die
Nebenformen IHC XfC waren dem Erfinder wahrscheinlich unbekannt.
Dagegen halte man das Schwanken der Abkürzungen von oravgög,
welches Wort wohl von allen zuletzt eingerichtet wurde. Ganz ohne
Varianten ist sonst nur noch oyNOC. Diese Form muß übernommen
und den andern Kurzschreibungen hinzugefügt worden sein, als sie
sich in ihrer ursprünglichen Sphäre schon vollständig befestigt und
etwaige Konkurrenten aus dem Felde geschlagen hatte.
3*
36 L. Traube,
Der formalen Betrachtungsart lassen wir eine inhaltliche der
15 kurzgeschriebenen Worte folgen. Wir setzen dabei 7 Reihen an.
1. fteog xvQiog
2. Jivevjua naxriQ
3. ovgavog äv&Qwnog
4. Aaveid 'IoqolyjX 'IeQovoaXiqfi,
5. "Irjoovg Xgioxög
6. vlög ocoxyjq oxavQog
7. jur)zt]Q.
Die 1. Reihe hat sich uns schon früher als eine Erfindung
hellenistischer Juden erwiesen. Fraglos ist auch die 4. Reihe als
jüdisch zu betrachten. Ihrem Inhalt nach können diese Kurzformen
jüdischer Eigennamen nur als von Juden eingerichtet gelten. Sehr
charakteristisch ist, daß nicht leQoookvjua, sondern 'IegovoaX^ju gekürzt
wurde. So erfährt das, was über das Verhältnis von KC und OC zum
Tetragramm zu vermuten war, eine neue Bestätigung.
Die 2. und 3. Reihe können desgleichen als jüdisch gelten. IIvEVjua
und TiajrjQ wären an sich ebensogut als christliche Begriffe zu fassen.
Doch dringen sie in die christlichen Handschriften, wie es scheint,
erst zusammen mit den jüdischen Worten der 4. Reihe ein. Dasselbe
ist von der 3. Reihe zu sagen, obgleich ihre Worte trotzdem eine
andere Herkunft zu haben scheinen als die der 2. und 4. Reihe. Es
wird unten bei Behandlung der einzelnen griechischen Nomina sacra
der Versuch gemacht werden, die Kurzformen von jivevjua naxrjQ
ovqavog (oder vielmehr ovgavoi) ävftQamog als nicht ganz gleichartige
Auszeichnungen verschiedener Gottesnamen zu verstehen.
Christlichen Ursprungs ist natürlich die 5. und 6. Reihe.
Die Kurzformen von ju^xtjq (in der 7. Reihe) könnten an sich
als Analogiebildungen zu den Kurzformen von naxrjQ aufgefaßt werden;
doch wahrscheinlicher ist, daß man jurjxrjg ursprünglich durch Kürzung
auszeichnete, in der Absicht, ihm eine tiefere, heilige Bedeutung
unterzulegen. Auch darüber wird unten ausführlicher berichtet werden.
Hier sehen wir nun in allerhand jüdisch -hellenistische oder
christlich-hellenistische, aber nicht gerade kirchliche Vorstellungen
hinein. Es will nicht gelingen, sie aus einer einheitlichen Quelle
abzuleiten. Dies aber wird den verschiedenen Einflüssen entsprechen,
unter denen die Textgeschichte der LXX und zum Teil schon die
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 37
Vorgeschichte dieser Textgeschichte stand, als nach und nach der
Pentateuch und die andern Bücher übersetzt wurden. Das ursprünglich
alexandrinische Gewebe ist durch mancherlei anderwärtigen jüdischen
Einschlag durchquert worden. Und über das Ganze ist für uns noch
der christliche Schleier gebreitet.
Es ist oben gesagt worden, daß die 15 griechischen Kurzformen,
oder Nomina sacra, wie wir jetzt, auf die vorläufige Analyse ihres In-
halts verweisend, mit gesichertem Rechte sagen können, schon in den
frühesten Handschriften des Alten und Neuen Testamentes sich finden.
Doch waren darunter nur die Pergamenthandschriften verstanden, auf die
im allgemeinen der Text der heiligen Bücher sich stützen muß. Nehmen
wir die Papyrusfetzen hinzu, deren Auffindung seit einiger Zeit das Bild
der Überlieferung umzugestalten beginnt, beobachten wir ferner genauer
die Anwendung der Nomina sacra in den einzelnen Pergamenten,
die öfters je nach Art und Zahl der in einer Handschrift tätigen
Hände wechselt, so tritt vielmehr an die Stelle der Einheitlichkeit
und Starrheit die viel verständlichere Erscheinung einer allmäh-
lich sich vollziehenden Entwickelung. Noch deutlicher ist diese
zu erkennen, wenn wir uns den Weg bahnen zu den ganz wenigen
Überresten, die von griechisch schreibenden Juden herrühren. Die
ganze Fülle der 15 Kurzformen, sehen wir dann, war nicht ursprünglich
vorhanden, ging nicht aus einer einheitlichen oder einmaligen Er-
findung hervor.
3. Die nachweisbaren Entwickelungsstufen der Nomina
sacra. 1 )
Es ist oben vermutet worden, daß die Bildungen ÖC und )<C
die ältesten ihrer Art sind und in die früheste Zeit der jüdischen
Übersetzung des Alten Testaments zurückreichen. Einen eigentlichen
Beweis für diese Annahme zu führen, fällt schwer, da wir die Hand-
schriften der LXX, ebenso wie die des Philo und anderer Überreste
der jüdisch-alexandrinischen Literatur erst aus christlicher Hand em-
') Das Material für die folgenden Ausführungen ist hauptsächlich im fünften
Paragraphen dieses Kapitels niedergelegt. Nur die Nachweise über die Zauber-
Papyri und die Aquila-Fragmente, die dort nicht untergebracht werden konnten, findet
man schon hier.
38 L- Traube,
pfangen haben. 1 ) Ja, man könnte, wenn man einseitig und unüber-
legt diese Art der Überlieferung berücksichtigte, zu dem falschen
Schluß kommen, nicht IC und XC sei nach 0C und KC gebildet,
sondern es seien gleichzeitige Schöpfungen, oder sogar IC und XC
habe das Muster für 0C und KC gegeben. Hier kommen uns
Handschriften zu Hilfe, die frei sind von christlichen Einflüssen und
dennoch die Formen 0C und KC und gerade nur diese aufweisen.
Die ägyptischen Zauberpapyri.
Wie man weiß, setzt sich der Inhalt dieser Rollen- und Bücher-
reste aus sehr verschiedenen Bestandteilen zusammen. Deutlich heben
sich die ägyptischen und die jüdischen Elemente ab, christliche da-
gegen fehlen, oder sie sind nur oberflächlich beigemischt. 2 ) Durch
den Fundort (Theben) hängen einige Stücke eng zusammen, das
graphische Aussehen aber stellt nirgend eine besondere Gleichartig-
keit her. Es ist Dutzendware ohne Beziehung zu einer bestimmten
Schreibschule oder Ausstattungsgepflogenheit. Man verlegt die Nieder-
schrift gewöhnlich ins dritte oder vierte Jahrhundert. Höheres Alter
ist nicht unmöglich; ja, daß einzelne der Lappen, aus denen die
Zaubersprüche bunt zusammengewebt sind, in viel frühere Zeit hinauf-
gehen, ist mehr als wahrscheinlich.
Ich lasse eine kurze Übersicht folgen. Die Reihe und Art der
Aufzählung richtet sich dabei nach unsern Zwecken.
Berliner Museum, zwei griechische Zauberpapyri, herausgegeben
von Parthey, Abhandlungen der Berliner Akademie 1865 S. 109 — 180.
Keine Kurzformen, nur die Symbole <s^ (fj^og), (£ (oeXrjvrj),
{övofxa) und Qj Q] (dvöjuara).
London, Brit. Mus. P. XL VI, ed. Kenyon, Greek Papyri I p. 65
bis 81. deos decov ausgeschrieben, adcovai eXcoai ohne Strich; die
Symbole «^ (£ [ ] und Suspensionen wie TT (jzoäyjua), naQ 10 (jtag&evov) ;
löTQarjh (so).
Leiden J. 385, ed. Leemans, Papyri graeci musei Lugdunensis
II 83—163; vgl. Dieterich, Abraxas S. 169—205 und 3—16. foog,
J ) Vgl. über einzelne Ausnahmen z. B. oben S. 30.
2 ) Vgl. Dieterich, Mithrasliturgie S. 45. Römische Einflüsse könnte man fol-
gern aus der Verwendung von ICTfAHA und von Iterationen wie □ Q
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 39
xvQiog, nvev/xa, ovgavog ausgeschrieben; aber auch {&ee und fiecp),
Q] oder Q (#«o?), □ □ (&eoi), O (ovgavog) ; außer diesen Sus-
pensionen und Symbolen noch von Symbolen <sz y (£ und j) (oeXrjvrj)
und Q] (övo/ua), □ □ oder □ □ □ (dvöjuaxa), von Suspensionen
Z. B. *?7 (xvgiE, xvgtov), ßccg (ßaodeig), avt (avxo~)v). Es heißt hier
also Z. B. xov ev reo O (= ovgavco) jusyav [_ ] (= fieov).
Leiden J. 384, ed. Leemans 1. c. II 1 — 76; vgl. Dieterich, Neue
Jahrbücher für Philologie Suppl. XV (1888) S. 793 ff. aöcovme oaßaeoft
und dergleichen; ausgeschrieben fteov, §eog dewv, &ee, jutjxrjg deaov,
xvgis etc., ayiov nvEv/xa, naxyg, ovgavog, avßgconog, ifjoovg; einmal
OY = &eov, die Corruptelen zeigen aber öfters, daß die Vorlage
OC etc. hatte; von Symbolen [] und [ ] (övoixa und övo t uaxa); ein-
mal xov >ß (offenbar = xbv Xqioxöv).
Paris, Louvre 2391, herausgegeben von Wessely, Denkschriften
der Wiener Akademie XXXVI (1888) S. 139—148, vgl. ebenda S. 39
und Reitzenstein, Poimandres S. 147 ff. ißä; &ecov &ee, xvqie, itjoov;
einmal QG (tfee).
London, Brit. Mus. P. CXXII, ed. Kenyon 1. c. pag. 116—120;
vgl. Wessely a. a. O. XLII (1893) S. 75. iaeco, oaßawft, adcovai; aus-
geschrieben ovgavog, av&gcoTtog; aber xeo jueyakco 6CÜ, axEcpakov 9N,
usyioxT] rcov GCDN; dagegen ftyg ist nicht etwa, wie Kenyon im Index
zweifelnd vermutet, dvyäxrjg, sondern # yg (ygdjujuaxa, in andern Papyri
f- oder ff); □, aber auch □/*<* (övojua).
London, Brit. Mus. P. CXXI, ed. Kenyon 1. c. pag. 84—115;
vgl. Wessely a. a. 0. 74. oaßaooft law, agyayyEloo [M%ar}l\ ausgeschrieben
$Eog, xvgcog, Jivsvjua, naxijg, ovgavog, viog, fxr\xr\g\ aber auch axE(palog
OC, xov jusyakov 0\~> rovg KC (xvgiovg) xwv 0N (&eo>v), xov )<N,
Öfters KG (z. B. KG avovßi, KG er); xa □ Q (ovöjuaxa).
Paris, Suppl. gr. 574, herausgegeben von Wessely, Denkschriften
der Wiener Akademie XXXVI (1888) S. 44—126, vgl. ebenda S. 44
und Dieterich, Mithrasliturgie. Ausgeschrieben: jivsvfia, naxy]g, ovgavog,
avfigcojiog, loxgatjk (so), iEgovoakt]ju, viog, jut]xi]g; neben den vollen
Formen öfters die kurzen: ©C ey ecü ON (auch xtjv GN) QG;
aber &eoi, dsotg, ßsovg, neben ftsojv freilich auch ON; xvgiov, KG
und xvgis.
Wien, Papyrus Rainer 1, herausgegeben von Wessely, Denk-
schriften XLII (1893) S.65— 67. Der Papyrus ist ersichtlich jünger und
40 L- Traube,
ganz christlich. Hier findet sich neben GC rov lotQarjX (so) und KN
auch ra 11NA (m^ara), OyNOy, ANÖN, ANOyC, KC IC.
Wer die hier zusammengestellten Kurzformen von der Art GC
und KC mustert, wird sich dem Eindruck nicht entziehen können,
daß sie aufs innigste mit dem jüdischen Element der Zauberpapyri
zusammenhängen. Einzelne Stücke kennen nur den Gebrauch von
GC, andere daneben den von KC; erst der so andersartige Wiener
Papyrus fügt noch HNA, oyNOC, ANOC und, recht um den
christlichen Charakter, den er bereits trägt, zu kennzeichnen, auch IC
hinzu. Im großen Pariser Zauberpapyrus (Suppl. gr. 574, vgl. oben S. 39)
heißt es dagegen noch richtig: oqxiCco as xara rov oy twv eßgcucov
irjoov (und nicht etwa ly). 1 ) Hier wird auch der Pluralis von fteög
nur ausnahmsweise gekürzt. Überall aber leuchtet noch durch, daß
GC und KC ursprünglich den Judengott bezeichnen; und da die
in diesen Worten angewandte Art der Kürzung den heidnisch-
griechischen und ägyptischen Elementen der Zauberpapyri ganz fremd
ist, so ist der Schluß nicht abzuweisen, daß die Kurzformen selbst
mit den jüdischen Elementen herübergekommen sind, daß wir sie als
jüdische Reminiszenz betrachten müssen. 2 ) Wie es an einigen Stellen
aus der Art der Corruptelen erhellt (vgl. oben S. 39) und im all-
gemeinen aus der ganzen hier vorliegenden Tradition zu folgern ist,
muß die jüdische Eigentümlichkeit, die hier in volkstümlich griechisch-
ägyptischer Verbrämung erscheint, lange vor der Niederschrift der
Zauberpapyri geläufig gewesen sein.
Fragmente des Aquila.
Es war eine Vermutung, die oben aus der Betrachtung der Form
und des Inhalts der neben GC und KC vorkommenden Kurzformen
erhoben werden mußte, daß unter diesen Kurzformen manche noch
jüdische Herkunft hätten, dabei aber keineswegs einer einheit-
lichen jüdischen Tradition folgten. Wir glauben auch hier wieder
unsere Vermutung durch Tatsachen der Überlieferung stützen zu
können.
x ) Ebenso charakteristisch ist, daß im Leidener Papyrus J. 384 rov >ß steht und
nicht etwa XN ; vgl. oben S. 39.
2 ) Hervorgehoben haben wir in der obigen Zusammenstellung die Form
ICTfXHA; vgl. über sie oben S. 38 Anm. 2 und unten § 5, 8.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 41
Das oben S. 28 erwähnte Fragment der Psalmenübersetzung
des Aquila aus der Synagoge zu Kairo hat die in Betracht kommenden
Worte so geschrieben: GGOI eeoyc, 3^31 (vgl. oben S. 28),
<rjA>THf, OYfANOy <Oy>fANO!, l<C>j>AHA, JOyCAAM/i)
(vgl. Taylor 1. c. pag. 82), yiOl yioyc.
Das oben S. 27 erwähnte Fragment des Buches der Könige in
der Übersetzung des Aquila, das gleichfalls aus der Synagoge zu
Kairo stammt, gibt: OGOy eeCÜ eeoi, 31=n oder 3W (vgl.
oben S. 28), lOfflCÜ und ein sakrales Ky/, 1 ) ANGfCünCüN,
icfAHA und ein icä/,i) lefoycAAHM, yioc yia)N yioyc.
Die beiden Palimpseste sind wohl in Ägypten und ziemlich
spät geschrieben. Es ist ferner zu bedenken, daß Aquila, wie in der
Übersetzung, so in der kalligraphischen Ausgestaltung seine eignen
Wege gegangen war; 2 ) gerade aber unter diesen Voraussetzungen
wird es wahrscheinlich, daß die hebräische Form des Tetragramms
und die Ausschreibung der Nomina sacra (z. B. QGOC) auf Rech-
nung des Autors, das einmalige l<y statt der hebräischen Form auf
Rechnung des jüdisch-ägyptischen' Schreibers zu setzen ist, dagegen
die Kurzformen für ICfAHA und IGfOyCAAHM den Einfluß einer
anderweitigen jüdischen Gewöhnung beweisen. Denn das ist doch
wohl kaum anzunehmen, daß auf diese synagogale Überlieferung des
Aquila die Tradition einer christlichen Schreibschule eingewirkt habe.
ICA ist eine Form, die uns in den christlich-ägyptischen (koptischen)
Handschriften erst spät entgegentreten wird; früher wurde in Ägypten
allgemein IHA geschrieben. Die Form lOyCAAM ist wohl über-
haupt eine Art Kompromiß: der Schreiber der Vorlage wollte kürzen,
der Autor pflegte auszuschreiben. Man könnte annehmen, daß dem
jüdischen Schreiber der Vorlage nicht nur ICA und eine Kurzform
von 'IeQovoakrifx (vielleicht l€3M, vielleicht aber auch ein mehr hebrai-
sierendes Gebilde) geläufig war, sondern daß er auch das dem In-
halte nach zugehörige AAA kannte, das in den Palimpsesten zu-
fällig nicht vorkommt, aber ebenso geformt ist wie ICÄ. Aquila
lebte unter Hadrian und übersetzte in Jerusalem.
x ) Am Zeilenschluß.
J ) Vgl. oben S. 28.
42 L. Traube,
Andere jüdische Formen.
Wie ICA ist von den Nomina sacra, die jüdischen Ursprung
haben können, auch DNA und DAf gebildet. Für sie haben wir
keine beweisenden Zeugnisse. Wir müssen uns mit folgender Er-
wägung begnügen. Die christlichen Schreiber Ägyptens kennen TINA
seit dem 4. Jahrhundert, und wenn die Datierung der Papyri Stich
hält, seit dem 3. Jahrhundert. Der Vaticanus (B) aber, eine Bibel-
handschrift des 4. Jahrhunderts, die gewiß aus Ägypten stammt,
meidet noch in einzelnen Teilen diese Form oder kennt sie noch
nicht. 1 ) Auch der Gote und der Armenier 2 ) haben sie in ihr System
nicht aufgenommen. Dagegen weist das Lateinische SPS (— spiritus)
und der Gebrauch des Codex Bezae (D) darauf, daß FJNA sehr früh
schon, vielleicht in Syrien, eingebürgert war. Damit träfe dann zu-
sammen, daß gerade die Form flAf (nicht nfif) auch wieder im
Codex Bezae überliefert ist.
Ist also die Reihe der Kurzformen (DNA JlAf AAA ICA
1GM), die die beiden Anfangsbuchstaben bewahrt hat, eine Erfindung
syrischer Juden? Wurden die analogen Formen 1HC XfC, die ja
außer einigen ägyptischen Handschriften gleichfalls wieder der Codex
Bezae bewahrt hat, in Syrien ausgebildet? drangen sie erst später nach
Ägypten vor?
Die Herkunft von oyNOC und ANOC ist in noch größeres
Dunkel gehüllt. Wie die Kurzformen für Aaveiö 'IogarjA. 'IegovoaX^/u,
fehlten die für ovgavög und äv&Qamog da, wo der Lateiner und der
Gote ihre Vorlagen hernahmen; auch in der Tradition, in der der
Codex Bezae steht, fehlten sie; der Armenier fand wenigstens die für
ovgavög und äv&oconog nicht vor; selbst in Ägypten waren diese
beiden nicht von Anfang an zu Hause: einige Papyri, einzelne Teile
des Vaticanus (B) und die koptische Paläographie kennen sie nicht.
Und dann gibt es wieder ägyptische Papyri und nicht genauer zu
lokalisierende Pergamente, die wohl ANOC, aber nicht oyNOC
aufweisen, während der umgekehrte Fall mir nirgends vorgekommen
ist. Also scheint für beide Formen wieder eine getrennte Ursprungs-
quelle anzusetzen zu sein.
1 ) Vgl. über die Einzelheiten unten S. 66 f.
2 ) Vgl. unten Kapitel V.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 43
Älteste christliche Stufen.
Wenn wir, von dem Gebrauch der einzelnen Handschriften aus-
gehend, nunmehr einen Blick auf die graphische Eigenart werfen,
mit der in den ältesten christlichen Schriftstücken die Nomina sacra
behandelt werden, so wird dieser Blick auf die ersten Regungen einer
neuen Schreibkunst zugleich zum Rückblick auf die Art der jüdischen
Kalligraphen. Die Männer, denen die ältesten Teile des Neuen Te-
staments verdankt werden, waren durchaus gewöhnt an den Ge-
brauch der LXX, und sie kannten keine andere Ausstattung der
Handschriften des griechischen Alten Testamentes als die von uns
angesetzte, bei der mindestens ßeös und xvgtog durchweg als kon-
traktive Gebilde erschienen. So kam es, daß sie diese jüdischen
Formen ohne weiteres übernahmen und nur durch das Gegengewicht
zweier entsprechender Formen für 'Irjoovg und Xqiotös gewissermaßen
zu balanzieren suchten. Sowohl die Bildungsart IC XC als die
andere 1HC XfC setzt GC und XC voraus. 1 ) Handschriften, die
mit den vier Kurzformen OC \<C IC XC auskamen, muß es viele
gegeben haben: erhalten ist uns diese Stufe nur in einzelnen Teilen
des Vaticanus (B) und in der Nachahmung des Goten. Angesichts
der reicheren Art der übrigen Überlieferung könnte man versucht
sein, diese erste Stufe mehr aus absichtlicher Enthaltsamkeit als
natürlichem Mangel zu erklären.
Man könnte denken, andere jüdische Formen seien vorhanden
gewesen, aber gemieden und abgestoßen worden. Oder wenigstens
JJNA habe schon zu dem frühen christlichen Bestand gehört, sei
aber aus arianischen Rücksichten fallen gelassen worden. Es ist
nicht möglich, diese Ansicht ganz abzulehnen, obgleich es uns
wahrscheinlicher dünkt, daß die andern Formen später allmählich von
mehreren Seiten hinzukamen, ja vielleicht im jüdischen Gebrauch
sich erst heimisch machten, als die Keime einer christlichen Kalli-
graphie schon angesetzt hatten. Dafür spricht der Gebrauch des
Lateiners und der letzten Vorlage des Codex Bezae (D): sie weisen
auf eine andere christliche Stufe GC KC iHC XfC MNA, wobei
auf die dreibuchstabigen Gebilde zu achten ist. Es ist nicht sehr
glaublich, daß die lokal und formal unterschiedenen Reihen, GC
J ) Vgl. oben S. 34 und S. 38.
44 L. Traube,
KC IC XC und 0C KC IHC XfC DNA, beide ihre relative Ar-
mut infolge bewußter Rückbildung erlangt haben. Vielleicht wird
ein weiteres Eindringen in die Textgeschichte des Neuen Testamentes
die hier vorliegende paläographische Schwierigkeit lösen helfen, wie
das Achten auf die graphischen Verschiedenheiten seinerseits die
Textgeschichte fördern kann.
Die ägyptische Schule.
Wenn wir von weitem die Möglichkeit erblicken, syrische und
palästinensische Eigenheiten der Nomina sacra auszusondern, so sind
wir wirklich doch nur unterrichtet über den Gebrauch der christlichen
Schreiber Ägyptens. Die Papyrus- und Pergamentreste, deren ägyp-
tische Herkunft sicher ist, einzelne Pergamenthandschriften, deren
ägyptische Herkunft wahrscheinlich ist (zu ihnen gehört weniger der
Vaticanus als der Alexandrinus und Marchalianus), ferner die kop-
tischen Handschriften zeigen, daß seit dem 4., vielleicht schon seit
dem 3. Jahrhundert folgende Formen geläufig waren: ÖC, KC, nNA
(J1MA), HHf (Hf), oyNOC, ANOC (ANGfnOC ÄNTIC), ÄAÄ
(ÄÄ), I HÄ, (AHM, IC (IHC), XC (XfC), yc, CCÜf und CHf,
CTfC, HHf. Es ist dabei immer so gewesen, daß statt einzelner
Kurzformen auch die voll ausgeschriebenen Wörter gesetzt wurden.
An diesem Maßstab müssen die andern Handschriften gemessen
werden, deren Herkunft unbekannt ist. Die hauptsächlichsten Unter-
schiede bestehen in den sehr mannigfaltigen Kurzformen, die dabei
für 'IoQaiqX und e Iegovoakijf.i auftreten; 1 ) auch Bildungen für jiarrjg,
äv&Qoojiog, oravQog, luifaig kommen vor, die von den ägyptischen
verschieden sind. Vieles aber ist Gemeingut aller Handschriften
gewesen oder geworden. Dabei ist nur zu bedenken, daß Ägypten,
obgleich es gewiß eine sehr große Rolle in der Überlieferung ge-
spielt hat, zum Teil schon fertige Formen von auswärts übernommen
haben kann.
*) Einiges mag davon, wenn man nach dem Verhalten des Sarravianus ur-
teilen darf, palästinensisch sein.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 45
4. Der Kontraktionsstrich.
Ursprung des Striches.
Alle bisher besprochenen Bildungen haben außer der Kon-
traktion noch eine gemeinsame Eigentümlichkeit: den Strich, der
über den ausgeschriebenen Buchstaben steht und meist betrachtet
wird als das Abzeichen der unterdrückten Buchstaben. Seiner Er-
klärung wenden wir uns zu, wenn auch hier nicht der Ort ist, eine
Gesamtgeschichte des Abkürzungsstrichs 1 ) zu versuchen. In Betracht
kommt nur sein Gebrauch auf beschränktem Gebiete, ein Gebrauch,
der freilich besonders wichtig ist, weil er vorbildlich wurde für die
Ausgestaltung der Kürzung und ihrer Abzeichen im ganzen Umfange
wenigstens der lateinischen Paläographie.
Im Lateinischen gehört, wie zur Suspension der Punkt, so zur
Kontraktion der Strich. 2 ) Da die Kontraktion jünger ist als die Sus-
pension, wird der Schein erweckt, als sei der Strich ein Zeichen der
Kürzung, das eine spätere Zeit geschaffen habe, um es an die Stelle
des Punktes zu setzen. Das ist indessen nicht der Fall, oder doch
nur in sehr beschränktem Sinne der Fall.
Der Strich hat ursprünglich mit der Kürzung überhaupt nichts
zu tun. Im Griechischen hob er aus den Texten Buchstaben oder
Buchstabengebilde heraus, die keine eigentlich griechischen Worte
darstellten. Man schrieb also z. B. rf AMMATA GCTIN GIKOCI
TGCCAf A AHO TOy A MGXf \ TOy CO, oder eCTIN AyO
x ) Er heißt virgula bei Pseudo-Hieronymus, oben S. 4; apex bei Christian
von Stavelot, oben S. 6; sonst gewöhnlich titulus (titula) oder titellus (titella), vgl
Delisle, Bibliotheque de l'Ecole des chartes IV 4 pag. 23; Simonsfeld, Abhandlungen
der bayer. Akademie III. Kl. XXI, II 345 und 365; Rostagno, De cautelis, breviatio-
nibus et punctis circa scripturam observandis, Florenz 1900, p. 21 adn. 1 ; Gunder-
mann, Archiv f. Stenographie LVII 314 ff.; Ysengrimus ed. Voigt III 694. Ursprüng-
lich hieß per titulum scribere allgemeiner .abkürzen' und war synonym mit per
notam scribere, vgl. z. B. die Randbemerkung zu Laon 444 Poetae aevi Carol. III 822.
Roger Bacon (vgl. oben S. 7) sagt dafür per subbrevitatem. Er hat auch eigne Aus-
drücke für den Abkürzungsstrich: apanu sirma, d. h. änävov (vgl. Hatzidakis, Ein-
leitung in die neugriech. Grammatik S. 31) avQfia, und tractus supra. Für das grie-
chische Wort hat er wohl sicher eine spät- oder mittelgriechische Quelle benutzt.
Vgl. oben S. 7 und Voigt im Glossar zum Ysengrimus S. 466.
2 ) Der scheinbare Übergang des Punktes in den Strich und die Vermischung
von Strich und Punkt in der lateinischen Kontraktion des 5. Jahrhunderts wird
unten in Kapitel IV § 6 erörtert werden.
46 L. Traube,
MereeH anica ta ab ä kai gctcd mgixon to ab,
oder GCTIN AG O MGN TOy HAlOy GNlAyTOC HMGfCON
TXG O AG THC CGAHNHC GNlAyTOC HMGfCON TNÄ,
oder TynOI AG TCON nATfCONyMlKCüN AfCGNIKCDN
MGN TfGIC O GIC AHC O GIC CÜN O G!C AAIOC. Von
hieraus war der Übergang leicht zu wirklichen Worten, die aber dem
gewöhnlichen Gebrauche entrückt waren und von . der übrigen Rede
abgetrennt werden mußten. 1 ) Es wurde etwa in einem Scholion ge-
schrieben: OTI AGIHGI H HGfl npOGGCIC, oder in einer Gram-
matik: nr cocGC i ag taic nAArioic cyNTAccoNTAi
GX AIAG AM<|>1 GTjT HfOC flGfl JTAfÄ yTO.2)
Diese Feststellungen genügen. Bei den Griechen hatte der
Strich über den Worten etwa den Wert, den bei uns der Strich
unter den Worten hat. So ist es gekommen, daß man gerade
fremdländische nicht hellenisierte Wörter, vor allem Eigennamen, 3 ) in
griechischen Texten durch den Strich abheben wollte. Ich gebe einige
Beispiele, die uns allmählich zum Z iele fü hren. In griechischen Psal-
terien findet man: 4 ) TH0, ICOÖ, XACJ), AABGA. Im Sinaiticus
sieht die Stelle des Pastor Hermae Vis. IV 2, 4 (diä xovxo 6 xvgiog
djieoredev xbv äyyeXov avxov . . ov rb övojuä ioxiv Oeygi) SO aus:
oy TO ONOMA GCTIN r GGrfGI (dabei tilgt die erste Hand y
und fügt q ein). Die sogen. Nomina mystica werden in den
ägyptisch en Zauberpapy ri gewöhnlich mit dem Strich versehen, 5 ) also
AGrG MCOZHfc|>Gf TArXA\|/, oder GJllKAAOyMAt CG
xata mgn Airyrmoyc cj>ngdgai iabcok • kata a'
J ) Vgl. Crönert, Archiv f. Papyrusforschung I 534.
s ) Es wird hier nicht untersucht, seit wann der Strich in den oben angeführten
Fällen gebräuchlich war. Ganz ursprünglich war er auch in ihnen vielleicht nicht,
und es mag vorher keine oder eine andere Art der Auszeichnung geherrscht haben.
Immerhin ist diese Verwendung des Striches vorchristlich, während nachchristlich
erst ist die Überstreichung von wirklichen Abkürzungen (Suspensionen), also etwa
CN statt CN- (Gnaeus) oder <$>A (c^AXOyiOC) oder AJT (AjTYf KTf)- Über die
schrägen Striche bei Kürzungen der klassischen Zeit vgl. oben S. 14.
3 ) Später zog man, auf diesem Weg fortschreitend, Striche auch über die
griechischen Eigennamen.
4 ) Vgl. Tischendorf, Anecdota sacra et profana, Leipzig 1855, p. 12.
5 ) Vgl. oben S. 38 ff.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 47
loyAAioyc AACüNAie cabacüo, oder Toy y\|/icToy
eeoy lACO AACüNAI. Wir haben damit, sowohl was den Ent-
stehungsort als was die Entstehungsart des Striches über den Nomina
sacra betrifft, einen deutlichen Hinweis erreicht. Man begreift voll-
ständig folgende sich gegenseitig bedingende Erscheinungen. Erstens:
in griechischen, von hellenistischen Juden geschriebenen Texten
mußten die hebräischen Worte, die man übernahm und mit hebräischen
Buchstaben schrieb, den Strich erhalten. Wenn man also das Tetra-
gramm beließ, so schrieb man 3333 l ) oder mir oder mm. Zweitens:
wenn man sich bemühte, hebräische Worte mit griechischen Zeichen
wiederzugeben, so erhielten auch diese griechischen Gebilde den
Strich. Gab man dabei mehr die Buchstaben wieder als den Klang,
so erhielt man diejenigen mit dem Strich versehenen Wortskelette,
die, wie wir sahen, das ihre beitrugen zur Entstehung der kontrahierten
Nomina sacra: in ergab zunächst etwa AIA, bvnw* 1 wurde ICfAA.
Drittens: wenn man das Tetragramm in hebraisierender Weise
durch Kurzformen griechischer Worte ersetzte, so mußte man auch
hier notwendig den Strich über die griechischen Buchstaben setzen.
So entstand, wie wir vermutet haben, QC und KC. Viertens
aber: auch wenn man den zuletzt bezeichneten Schritt nicht tat, oder
vielleicht in einer Zeit oder an einem Ort, wo man ihn überhaupt
noch nicht getan hatte, kam man zu Schreibungen wie GGOC,
KyflOC und dergleichen.
Behandlung fremder Worte im Lateinischen.
Einige Beobachtungen über die Behandlung fremder Worte in
lateinischer Schrift werden den Sinn, den das Altertum und ihm
folgend das Mittelalter mit dem Kontraktions- oder Oberstrich ver-
band, noch weiter aufklären.
Auch im Lateinischen findet man hebräische Worte, die dem
Text einverleibt sind, mit dem Strich überzogen. Zahlreiche Hand-
*) Diese Form oder doch die etwas jüngere kommt so mit dem Strich vor,
vgl. oben S. 28; fron fehlt, es ist nur supponiert; nim ist nur ohne Strich er-
halten.
48 L- Traube,
Schriften der Werke des Hieronymus bewahren diese Überlieferung
treu. 1 )
Überwiegend wurden auch die griechischen Worte oder längeren
Zitate in lateinischen Texten in dieser Weise von den sie umgebenden
lateinischen Worten abgetrennt. In der Unciale war wegen der Ähn-
lichkeit der beiden Schriften ein solches Verfahren fast unumgänglich.
Noch zeugen dafür eine Reihe von lateinischen Handschriften des
6. Jahrhunderts in Unciale und Halbunciale; dann aber finden wii
die Spuren dieses Gebrauches in der Überlieferung des Tertullian,
Hieronymus, Augustin, Filastrius, Cassian, Boethius, Eugippius; ja
noch Codices des Isidor bewahren die Sitte. Auch in den Klassikern
läuft die Geschichte der Überlieferung, zum Teil wenigstens, auf
dasselbe Ergebnis hinaus. Die Würzburger Handschrift der Briefe
ad Atticum überstrich die Graeca, wie das Münchener Frag-
ment zeigt; im Rhetor Seneca, wo hie und da die Grenzen
zwischen lateinischen und griechischen Worten verwischt sind, fehlte
vielleicht der Strich. Die Überlieferung des Julius Paris kennt ihn
wieder.
Es gab nun freilich auch andere Möglichkeiten, der entstehenden
Schwierigkeit Herr zu werden. Ich meine nicht die Art der Latini-
sierung, die Nestle geschildert hat (Berliner philol. Wochenschrift XVII,
1897, S. 1469), oder die völlige Lässigkeit, die z.B. im Wiener Ruf in,
in den Florentiner Digesten oder im Theodosianus Reg. lat. 886
zwischen griechisch und lateinisch geschriebenen Stücken keinen
Unterschied macht. Aber man konnte das griechische Zitat (wie man
ja auch sonst bei längeren Anführungen verfuhr) einrücken, was
im Hilarius zu Verona XIII (11) geschehen ist, oder man konnte mit
roter Farbe schreiben, wie es vielleicht im Text des Scholiasta Bo-
biensis gehalten wurde (vgl. Mai, Classic, auct. II 3; 194; 389). Für
die Überlieferung der griechischen Stellen in unseren lateinischen
Autoren war vor allem die letzte Maßnahme verhängnisvoll, da Zinn-
ober leichter verbleicht als Tinte. 2 )
J ) Etwas anders ist Salvian. I 55 zu beurteilen, wo Paris (Corbie) lat. 13385
s. IX mitten in der Minuskel den hebräischen Namen (vgl. Num. 16, 1) so schreibt:
HON. Es ist unverständlich, daß die Herausgeber dafür Og (nach Num. 21, 33)
eingesetzt haben.
2 ) .Lateinische Schrift in griechischen Texten' hat Crusius (Philologus LXII
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 49
Am verbreitetsten blieb immer die Gewöhnung des Über-
streichens. Dies beweist schon allein der Umstand, daß in Erinne-
rung an das Griechische später auch angelsächsische Wörter inner-
halb lateinischer Texte den Oberstrich führen, wie im Amplo-
nianischen Glossar und in den Glossarien Voss. lat. Q. 69 und
Bern 258.
Nichtkontrahierte Nomina sacra mit Oberstrich im Griechischen.
Für den Gebrauch des Oberstriches über nicht kontrahierten
griechischen Nomina sacra haben wir eine kleine Reihe von Bei-
spielen, die eine genaue historische Umgrenzung gestatten.
Um die Mitte des 4. Jahrhunderts kommandierte im ägyptischen
Arsinoe der römische Reitergeneral Fl. Abinnaeus. Von seinem amt-
lichen und privaten Briefwechsel haben sich zahlreiche auf Papyrus
geschriebene Stücke erhalten, die jetzt teils in Genf, teils in London
liegen. Unter den Korrespondenten befinden sich auch einige, deren
Christentum, besonders in den Grußformeln, deutlich hervortritt. Der
Tribunus militum Eulogius schreibt: 1 ) 6N XCU XAI^; ein anderer
Offizier Aetius: 2 ) GN lOfflCO 06CO DAGICTA XAIfGIN oder,
wo ein anderer Schreiber für ihn die Feder führt: 3 ) GN OGGU
XAipeiN; ein Privatmann Thareotes, der seinen Sohn empfiehlt, 4 ) be-
ginnt mit: GN OCO XAlfGlN; für Apamios, der Privatgeschäfte
mit dem General hat, gebraucht einer seiner Schreiber folgende
Worten) GN KCÜ XAIfGIN . . GyXOMAI TCO OGÜ . . OC
AlAcpY^^H ce > em anderer in einem zweiten Schreiben aber
folgende: 6 ) GN KGÜ XAIfGIN .. GyXOMAI TCO 0GCD ...
A1A TON OGON . . . O lOfflOC O GeÖC AIA<j>yAAXI
133 ff.) behandelt. Ich kenne paläographisch davon nur die im Zosimus Vatic.
gr. 156 (zu den von Crusius angeführten Stellen kommt noch hinzu Zosim. V 38
p. 267 M. auf fol. 140). Es fehlt der Strich über den Wörtern und Sätzen. Die vom
Schreiber nachgemalten lateinischen Buchstaben mögen im Original eine Form ge-
habt haben, die der Unciale der Florentiner Digesten ähnlich sah.
1 ) Kenyon, Greek Papyri in the Brit. Museum, Vol. II p. 289.
2 ) Ebd. p. 290.
3 ) Ebd. p. 292.
<) Ebd. p. 297.
5 ) Ebd. p. 300.
•) Ebd. p. 301.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 4
50 L - Traube,
CAI. Es ist belehrend, hier den wechselnden Gebrauch so ver-
schiedener Hände zu verfolgen. Wir sehen, daß in Ägypten in
der Mitte des 4. Jahrhunderts die Kontraktionen \<C und 0C ganz
allgemein verbreitet waren, treffen aber dort auch in derselben Zeit
einen augenscheinlich ganz ungebildeten Schreiber, der wenigstens
bei &e6g die nicht kontrahierten, dafür aber überstrichenen Formen
vorzieht.
Ich fand ebenso einmal OGOY geschrieben in dem Propheten-
Codex, Rom Chigi R. VII. 45. *) Sonst stehen dort die kontrahierten
Formen; dort findet sich auch einmal ICfAHA 2 ) und immer, wie ich
glaube, Y ,oc unc * seine Formen. Die Handschrift — es ist die
berühmte einzige, die den Daniel in der Übersetzung der LXX über-
liefert — ist indessen nicht sehr alt und frühestens im 9. Jahr-
hundert in Italien entstanden. 3 )
KYfloy haben einmal die Psalmen-Fragmente auf Papyrus,
die aus dem ägyptischen Theben nach London (Brit. Museum, Pap.
XXXVII) kamen und, früher wie der Chisianus überschätzt, jetzt dem
6. oder 7. Jahrhundert zugeschrieben werden. 4 ) Wenn in denselben
Fragmenten zweimal CAf2. geschrieben wird, so mag hier die Er-
klärung zutreffen, die Rahlfs 5 ) gegeben hat, daß nämlich der Schreiber
ein Kopte war und der Strich aus dem Koptischen zu erklären sei,
wo über dem X ein Strich den zur Aussprache nötigen Hilfsvokal
bezeichnet. Dagegen gehört wieder das von Rahlfs aus einem sahi-
dischen Fragment verzeichnete IHCOTC in die Kategorie der nicht kon-
trahierten, aber überstrichenen Nomina sacra. Auch ixeyc auf einer
christlichen Inschrift in Sizilien (Kaibel, Inscriptiones graecae Siciliae
et Italiae n. 238) ist wohl in Erinnerung an diese Sitte entstanden.
] ) Vgl. Cozza, Sacror. biblior. vetustissima fragmenta, pars III, Rom 1877,
p. XLVIII und hier unten S. 86 f.
•) Vgl. ebd. p. LXX.
») Vgl. The Old Testament in Greek, ed. by Swete, vol. III, Cambridge 1894,
pag. XII.
<) Swete, An Introduction to the Old Testament in Greek, Cambridge 1902,
pag. 142. Vgl. unten S. 62 f.
5 ) Die Berliner Handschrift des Sahidischen Psalters, Berlin 1901, S. 18.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 51
Nichtkontrahierte Nomina sacra mit Oberstrich im
Lateinischen.
Die eben geschilderte Erscheinung ist häufig auch im Latei-
nischen anzutreffen, wobei die Fülle der Beispiele offenbart, daß Zu-
fall nicht wohl im Spiele sein kann. Es sei darüber gleich an dieser
Stelle berichtet. An den wirklichen Kurzformen, welche die be-
treffenden lateinischen Handschriften gleichzeitig mit den nur
überstrichenen Formen gebrauchen, haben wir ein gutes Mittel
für die Altersbestimmung. Unten in Kapitel IV § 3 bei der Er-
örterung über die afrikanischen Evangelien-Fragmente (k) und in
§ 5 bei der Analyse der Typen dtris und dns wird dem Leser
z. T. in tabellarischer Übersicht das Material geboten werden. Er
wird darnach nicht bezweifeln können, daß die Erscheinung in
ihrem letzten Ursprung sehr hoch hinaufreicht und im Lateinischen ge-
legentlich schon vor der Kontraktion angewandt wurde. Sobald diese
aufkam, verloren sich die älteren Formen. Jedoch erhielt sich eine
Zeitlang bei deus folgende unregelmäßige, den älteren und jüngeren
Gebrauch verbindende Deklination: 1 ) ds, dei, deö, dm.
Ich bringe zunächst die Belege für deus, dei u. s. w., wie sie
nach verschiedenen Gesichtspunkten zu bestimmten Gruppen sich
zusammenfügen.
Frühzeit, Africa: dei zweimal in k; öfters in Wien 1185;*)
deö (neben dm) in dem Fragment des Cyprian Orleans 192 (169)
fol. 1. Aus jüngeren Handschriften gehört hierher dei im Bononiensis
des Lactanz bei Brandt I 421, 22 im Apparat, und deus im Agobar-
dinus des Tertullian (ad. nat. I 17, 22, vgl. M. Klussmann, Curar. Ter-
tullianear. pari. I et II, Halle 1881, p. 50).
Italien, alte Vertreter des Typus dns: 3 ) dei und deö in den
Resten der Quedlinburger Itala; vgl. oben über Wien 1185; im Am-
brosius Paris lat. 8907 dee.
x ) Ich kann die Form deus überhaupt nur an den oben und S. 52 an-
geführten Stellen des Agobardinus und des Psalteriums S. Germani nachweisen;
denn für den Lyoner Psalter habe ich keine ganz bündige Bestätigung. Die Form
delvn begegnete mir nur einmal im Codex Bezae.
*) Vgl. unten IV § 5, 2, 7.
3 ) Vgl. ebenda.
4*
52 L- Traube,
Typus dms: 1 ) dei, deö, deum Cambridge Codex Bezae; dei
St. Gallen 1394; deö München lat. 6225; deö Paris gr. 107; dei, deö
Turin G. V. 37; deö Vercellensis der Evangelien; dei Veronensis der
Evangelien; dei, deö die Weingartener Fragmente der Propheten.
Besonders wichtig ist, daß Formen von deüs 2 ) auf den älteren
Blättern des Lyoner Psalteriums sich finden, nicht mehr aber auf den
jüngeren. Einmal steht deüs im Psalterium S. Germani (Paris lat.
11947 fol. 98).
Spanien: hier findet sich noch a. 616 auf einer Inschrift DEI
(Hübner, Inscr. Hisp. Christ. 19), vielleicht auch a. 627 (ebd. n. 29).
Auch gehört eine Stelle im Nazarianus des Seneca (de benef. VII 1,7
ed. Hosius p. 188,30) a deö vielleicht hierher; doch glaube ich, diese
Schreibung auch sonst öfters da angetroffen zu haben, wo man a deo
von adeo trennen wollte. 3 )
Andere Nomina sacra als deus kommen seltener so geschrieben
vor. Doch haben die alten Italafragmente k einmal dominum, und
auch im Codex Bezae kommen öfters Formen von dominus und spiritus
mit dem Oberstrich vor, ohne kontrahiert zu sein. Hierher gehört
wohl auch die Schreibung im Glossar St. Gallen 912 s. VIII: agios'
sanius, 4 ) scs (Corp. Glossar. IV 205, 37).
Die Kontraktion ist erklärt. Die zuletzt besprochene An-
wendung des Striches beweist noch einmal, wie weit man davon
entfernt war, die Kurzformen als eigentliche Abkürzungen zu be-
trachten.
*) Vgl. Kapitel IV § 5, 2, 6.
*) Vgl. oben S. 51 Anm. 1.
s ) Aus Versehen hat der Bononiensis des Lactanz (bei Brandt I 426, 13) adeo,
wo adeo gemeint ist.
*) Die Orthographie santus ist nicht ganz selten; sie findet sich z.B. auf
dem Reliquiar von Grado s. VI (Rossi, Bullet. II, 3, 158) und auf der lukanischen
Inschrift CIL. X 458.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 53
5. Verzeichnis der Handschriften und Inschriften, in
denen Nomina sacra begegnen.
Erst hier kann die Grundlage für die in den vorigen Para-
graphen vorgetragenen Vermutungen und Tatsachen geboten werden:
Ich gebe: A. ein Verzeichnis der Überreste auf Papyrus von biblischen
und andern christlichen Schriften; 1 ) sie werden nach dem von Wilcken
und Grenfell und Hunt eingeführten System zitiert; 2 ) B. ein Ver-
zeichnis der Inschriften, die etwas für unsere Zwecke ergeben; 3 )
zahlreiche nicht datierbare, meist jüngere wurden ausgelassen; zu be-
denken ist, daß die Kontraktion eigentlich keine Beziehung zur Epi-
graphik hatte: daher werden die Nomina sacra auf Steinen so oft
ausgeschrieben oder durch Suspension gekürzt; C. ein Ver-
zeichnis der Pergamenthandschriften von biblischen und andern christ-
lichen Büchern aus der frühesten Zeit bis zum 7. Jahrhundert; doch
sind einzelne Vertreter auch des 8. und 9. Jahrhunderts hinzu-
genommen worden.
Die Zauberpapyri (oben S. 38) und die Korrespondenz des Abin-
naeus (oben S. 49) mußten in der Liste A, die Aquilafragmente (oben
S. 40) in der Liste C hauptsächlich aus typographischen Gründen über-
gangen werden. Einzelne Zeugnisse, die in dem folgenden Paragraphen
erwogen werden, konnten aus anderen Gründen hier in den drei
Listen wegbleiben.
Die Reihenfolge, in der die Nomina sacra aufgeführt werden,
ist überall die gleiche: 0GOC, lOfflOC, HNeyMA, HATHf,
oypANoc, ANefconoc, AAyeiA, icfAHA, lefoy-
CAAHM, IHCOyC, XflCTOC, yiOC, CCUTHf, CTAyfOC,
HHTHf.
Bei den Anführungen aus den Papyri und Inschriften ist genau
der Kasus festgehalten; bei den Anführungen aus den Handschriften
*) Über jüdisch-hellenistische Spuren vgl. oben S. 30 und S. 38. Unser Ver-
zeichnis A beginnt mit einem sicher jüdischen Papyrus; vgl. unten S. 56 n. 1.
*) Vgl. Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri, Part IV, London 1904,
p. XII.
3 ) Unergiebig sind die meisten jüdischen Inschriften aus vorchristlicher Zeit,
vgl. Deißmann, Philologus LXI 252 ff.
54 L. Traube,
steht oft der Nominativ als Vertreter der übrigen sonst vor-
kommenden regelmäßigen Formen; ,etc.' bedeutet, daß die in der
Deklination des betreffenden Numerus folgenden Kasus alle belegt
sind; ANOC — ANON bedeutet, daß die zwischenliegenden Formen
vorkommen.
Im übrigen bitte ich in der Liste C genau auf die Interpunktion
innerhalb der einzelnen Spalten zu achten. Sie soll längere Aus-
einandersetzungen überflüssig machen und das Zusammengehörige
richtig abgrenzen.
Auf den Zeilenschluß (/) ist besondere Rücksicht genommen
worden. Denn es ist ein öfters zu beobachtender Gebrauch der
Schreiber, die Kurzformen nur an dieser Stelle der Zeile zu-
zulassen. 1 )
Man muß das wohl so auslegen: nicht allen Kalligraphen war
der sakrale Sinn der kontrahierten Form erschlossen; sie wandten die
gekürzten Nomina sacra nur an, um ein längeres Wort noch bequem
auf die Zeile zu bringen. Sie standen also, wenn man es so aus-
drücken darf, mehr in der klassischen als in der christlichen Tra-
dition. Gelegentlich kann man freilich, wie Cladder mir zeigte, auch
ersehen, daß der Zeilenschluß es rätlicher erscheinen ließ, ein Nomen
sacrum auszuschreiben als seine Kurzform anzuwenden, die eine Ver-
teilung auf mehrere Zeilen nicht zugelassen hätte. Es konnte sich z. B.
nA/THf mehr empfehlen als ÜHf/ oder AN (bzw. A-)/0f CODOC
mehr als ANOC/.
Es war im allgemeinen meine Absicht, die einzelnen Schreiber,
die an einer Handschrift tätig waren, nach der Art Tischendorfs und
Omonts zu unterscheiden. Trotz des Beistandes meiner Freunde
Cladder und Marc bin ich aber darin nicht recht weit gekommen.
Es gehen unsere Unterscheidungen, denen die Faksimile und nicht
die Originale zugrunde gelegt werden mußten, vielleicht zu sehr ge-
rade von dem Unterschied im Gebrauch der Nomina sacra aus,
während es an sich möglich ist, daß ein und derselbe Schreiber, von
seiner jeweiligen Vorlage abhängig, hierbei ganz verschiedenen Ge-
setzen folgte.
*) Über die Gesetze des Zeilenschlusses vgl. Traube, Paläographische For-
schungen, Vierter Teil, S. 53 f.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 55
Wo in der Erklärung, die den einzelnen Artikeln vorangeht, nichts
Besonderes hinzugefügt wird, versteht sich, daß die alttestamentlichen
Bücher in der Übersetzung der LXX gemeint sind.
Sehr schlecht bestellt ist es um die Datierung der einzelnen
Stücke. Kenyon auf der einen Seite, Grenfell und Hunt auf
der andern stehen sich in ihrer Auffassung meist scharf gegenüber.
Ich ergreife dabei selten Partei, halte mich aber im allgemeinen
mehr an Kenyon. Das Alter der Pergamene steht keineswegs
fester.
Auf das großartige Werk des Freiherrn von Soden (Die Schriften
des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt her-
gestellt auf Grund ihrer Textgeschichte, Berlin 1902 ff.) konnte leider
nirgends verwiesen werden. Die für uns wichtige zweite Abteilung
seines ersten Bandes war noch nicht erschienen, als die vorliegenden
Blätter dem Drucke übergeben wurden. Auf einer solchen Grund-
lage hätte die Lehre von den griechischen Nomina sacra ganz anders
ausgestaltet werden können. Der Schluß des ersten Bandes steht
auch jetzt, während ich diese Korrekturnote einschiebe, noch aus.
Wird er, wie zu hoffen, einen Abschnitt enthalten, der den aus
sämtlichen neutestamentlichen Handschriften erhobenen Befund
zu einem eignen paläographischen Bild zusammenfaßt, so mag
damit nicht nur eine Ergänzung, sondern wahrscheinlich eine voll-
ständige Erneuerung der beiden hier folgenden Paragraphen ge-
geben sein.
Wünschenswert ist auf jeden Fall bei einer künftigen Be-
handlung der Nomina sacra das Heranziehen einer ganzen Anzahl
von Minuskelhandschriften, die nach Sodens Gesichtspunkten aus-
zuwählen wären. Über die minutiöse Treue, die beim Abschreiben
der älteren Vorlagen oft aus Bequemlichkeit eingehalten wurde und
auch das paläographische Detail schützte, unterrichtet A. Schmidtke,
Die Evangelien eines alten Uncialkodex nach einer Abschrift des
dreizehnten Jahrhunderts, Leipzig 1903.
Die unter 79 verzeichnete Oktateuch-Handschrift Paris Coislin.
gr. 1 wurde für mich noch einmal von H. Lebegue benutzt; den Philo-
Papyrus (7) hat mir F. Cumont gütigst verglichen. Sonst liegen
überall nur die jedesmal am Beginn der einzelnen Artikel aufgeführten
Abbildungen und buchstabentreuen Drucke zu Grunde.
56
L. Traube,
A. Pa
I. P. Oxy.
s. III, Ge
eeoc
eeco
eeoN
Kypioc
i<Y?ie
(alle Formen
von zweiter
Hand; die erste
ließ Lücken,
vgl. oben
S. 30)
nXTHf
nxTfOC
oypx<NON>
xNepconoc
xNepcünoN
2. P. Gr
KC
s. III, Ez
xnoy
3. P. Oxy.
s. III, Mat
icf
I1NC
AXyiA
4. P. Oxy.
s. III, Jo
ey
nNx
5. P. Oxy.
s. III (?), sog.
ey
npx;
npiAi
(= naxQidi)
XNCÜN
6. P. Oxy.
s. III, sog.
nxTpoc
oyp<xr^oy>
OYPMNCD)
xNe<pcünoc>
s. III,
Philo; ed. Sehe
7.
il, Memoires p. p. les raembres de la Mission
Parts Suppl.
archeologique
ec
ey
eco
KC
KCÜ
F1NX
nNi
nf (nicht ftTp)
npc
npi
OypXNOGetc.
XNOC
xNoy
XNCO
eR
Re
npx
nxrepec
etc.
XNON
XNOl
XNCDN
XNOIC
xNoyc
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
57
py ri.
IV n.656
n e s i s.
e n f. I n. 5
e c h i e 1.
I n. 2
thaeus.
II n. 208
hannes.
I n. 1
Aöy ia.
IV n. 654
neue Aoyia.
IC
[HC
IHN
IC
IHC
XT
yioc
. Y ,CÜ
yie
YY
Y»oic
MHTfOC
gr. 1120
fr. au Caire, Paris 1893, IX 2; der Papyrus wurde von F. Cumont für mich verglichen.
\H\
YQTN
CCÜTH-
yioi
poc
eeoy
MHTHf etc.
58
L. Traube,
eco
ey
ey
er
ec
er
eco
eN
euo
\<Y
<)<>CÜ
KT
KC
eeoc i i<ri'ior
eco KCÜ
eecü
HNA
nNi
8. P.
s. III, Pastor Hermae; vgl. Diels und Harnack
ANepconoic
9. P. Oxy
s. III, Pastoi
10. P. Oxy
s. III, Ire
11. P. Oxy.
s. III, theolog
12. P. Oxy,
s. III, theolog
npc
OrpXNCÜN
ANepno^)
13. P. Brit
s. III, Psalmen; vgl. Kenyon
ÄFifiN AxreiA
(fälschlich gesetzt AXrGIT
und nachträglich
durchgestrichen) ;
XNepconcuN
14. P. Oxy.
s. III/IV, gnostisches
15. P. Oxy.
s. III/IV, Pastoi
ANepcunor | AxriA
16. P. Oxy.
s. III/IV, chrisi
OrPANOr
17. P. Brit.
s. III/IV, Brief; vgl. Deißmann, Originaldokument aus
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
59
III n. 406
Fragment.
II n. 210
Fragment.
IH<Ä>
oder eine
Form von
IHC
Berlin
Sitzungsberichte d. Berl. Ak. 1891 S. 427.
III n. 404
H e r m a e.
III n. 405
n a e u s.
<I>HN
IH<C>
vgl. unter
1HÄ
Mus. CCXXX
Facsimiles of Bibl. Manuscripts pl. 1.
ICpXHA
I n. 1
Fragment.
XC
xc ! yioc
ecTjNoc
yioyc
1 n. 5
Hermae.
III n. 407
liches Gebet.
iy
xy
iHcoy j xpei-
CToy
Mus. DCCXIII
der Diokletian. Christenverfolgung, Tübingen 1902.
CCOTH-
poc
60
L. Traube,
18. P.
s.
IV, Ȋltester' liturgischer Text;
nNCMATl
nxTfi
orr^Nor
19. P. Oxy.
s. IV, He
ec
KC
nNer-
nATfM
AxyeiA
ey
«Y
MATCON,
nATepec
eco
HNC
eR
stand vielleicht
an einer Stelle
20. P.
s. IV, He
HATpAClN
i
1 1
21. P.
s. IV, Genesis in der Übersetzung
ec
DNA
OrpANON
22. P. Stra8
s. IV, Samuel; vgl. Archiv
A<AreiA>
oder
A<AA>
23. P.
s. IV, Psaln
len; her. v. Heinrici, Fragmente
eÖ etc.,
KC
DNA
npc
OrpANOC
ANÖC
AA
eecoN
etc.
fJNI
01 T1?C
npcoN
orpANor
OrPANCÜ
ANOr
ANCO
ANC
ANCÜN
ANOrC
AAreiA
24. P. Oxy.
s. IV,
er
K?
HNA
npoc
| AArA |
25. P. Rainer
s. IV, Marcus; vgl.
ec
! 1
26. P. Amh.
s. IV,
ec
er
eN
27. P. Oxy.
s. IV/V,
xec
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
61
Rainer
vgl. Mitteilungen II 83.
I I
IV n. 657
b r ä e r.
IC
IN
Amh. I n. 3
b r ä e r.
I l l
Amh. I n. 3
der LXX und des Aquila, vgl. n. 20.
yico
yioi
CTxypoN
bürg gr. 91 1
für Papyrusforschung II 227.
Leipzig (/.)
einer Rolle der Psalmen, Leipzig 1903.
IHA 1AHM
II n. 209
Römer.
Inv. 8025
Gregory, Textkritik I 73.
I n. 2
Hymnus.
IHy
IC
IC
XC
(Ps. 33, 9
/grjoros)
xpy
XC
XC
yioc
yioi
yioc
yioy
yioi
yicüN
yioic
yioyc
TT
MHf>
(nicht
MTf),
MpC
c^y
III n. 402
Johannes.
a>c
62
L. Traube,
28. P. Amh.
s. V/VI, Ascensio
ey
0N
KN
nNC
oypxNON
oypxNoyc
ANepco-
noy
ey
eco
eR
KC
i<y
KN
29. P.
s. V/VI, Briefe des Basilius; vgl.
0<yNOC> ANCDN
ANOIC
30. P. Amh.
s. VI,
31. P. Rainer
s. VI, Matthaeus; vgl.
rmp
32. P. Rainer
s. VI, Lukas; vgl. Wessely,
KC
33. P. Amh.
s. VI, Pastor
KC
KN
Re
xNoyc
ec
34. P. Brit.
s. VI/V II, Psalmen; ed. Tischendorf, Mon. sacra ined., Nova Coli. I 217 — 278; vgl. Palaeographical
des sahidischen Psalters, Berlin
9C etc. | KC etc.
l xyptoy
DNA
nRi
npeec
OyNOC etc.
ANOC etc.
AANOC
AAyeiA
lÄXyÄ/
35. P.
s. VII, Zacharias und Malachias; ed. Hechler, Transactions
KC
AAA
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
63
1 n. 1
Isa iae.
| ICpAHA
lepoy-
CAAHM,
ie<poy>-
CAAHM (wobei
C nachträglich zu-
gefügt),
GP
lOYCAHA H M,
<IA>HM
Berlin
Landwehr, Philologus XLIII (1884) 106 ff.
II n. 191
Exodus.
IHA
Inv. 8023
Gregory, Textkritik I 418.
yioc
CTAYPO)
MHp
M<pCD>N
(nicht
MHCÜN),
MHTepec
Inv. 8021
Wiener Studien IV (1882) 198.
I I I ^
II n. 190
Hermae.
Mus. XXXVII
Society 1 38; Ancient Manuscripts I pl. 12; Swete, Old Testament in Greek II 12; Rahlfs, Berl. Handschrift
1901, S. 18, und oben S. 50.
IHA MpC
Hechler
of the 9th Congress of Orientalists, London 1893, II 331.
IAHM III! I
64
L. Traube,
36. P. Heidel
s. VII, Zacharias und Malachias; herausg. von Deißmann,
ec
KC
riNA
rmp
oynoc
ANOC
AXA
ecü
etc.
<n>NC
npcüN
oyNoy
ANOy
0N
finti
ANCDN
ANoyc
37. Amulette
Anhangsweise folge ein Wort über die Paläographie der Amulette, von denen jetzt eine ganze^An
einige Vulgarismen, wie sie in den Zauberpapyri angetroffen wurden. Sc^Jinden wir neben 9C,
Wilcken, Archiv für Papyrusforschung I 429 ff.), ÄN0C (P. Berlin 6096), COC (= ocorijQog, Archiv
der Göttinger Gesellschaft d. Wiss. 1892
eeoN j xypioy
eecoN i
ey
pneumn
(= DNC-yMA)
OypANCÜ
oypxNON
B. In
38. Bleitafel
s. III, Verfluchungssprüche; vgl.
ANOfCünOIC
ec
ey;
eec
(einmal)
KC
KC
KypiON
39. Inschrift der Marmorstatue
s. III; vgl. Ficker, Altchristi. Bildwerke im Museum des Lateran
40. Rhodische
s. III/IV, Verfluchung mit Worten aus Ps. 80
Oy<pXNOC>
41. Kyprisch«
s. III/IV, Verfluchung mit Worten aus Ps. 14 (15)
42. Alexandrinisch«
a. 409; vgl. Botti
eeoc
eeoy
nxTepcoN
43
Aus der Paläographie der Ostraka s. III sqq. sei nur erwähnt, daß ebensowohl die Kurzform en vo '
und riNATX Crum ^
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
65
oerg 1
Die Septuaginta-Papyri der Heidelberger Sammlung, Heidelberg 1905, S. 10 ff.
IHA
IAHM
MHp
auf Papyrus
zahl veröffentlicht ist. Sie hält sich an die Norm der christlichen ägyptischen Papyri, duldet aber
<C, HNA, HfC, OyNÖC (Führer durch die Sammlung der P. Erzherzog Rainer 528 mit Tafel;
i. a. O.), MHp (P. Heidelberg 2) auch öfters xp und IH xp (P. Berlin 6096, vgl. Krebs, Nachrichten
5. 114). Vgl. über xp oben S. 40 Anm. 1.
Schriften.
aus Hadrumetum
Deißmann, Bibelstudien S. 25 ff.
ICI'XMX
f(=tCpAHA)
des Hippolytus im Lateran. Museum
.eipzig 1890, S. 169 ff.; G. Morin, Revue benedictine XVII (1900) 247 ff.
tHcoyc
(für Iosua)
xy
Bleirolle
aer. v. Hiller v. Gärtringen, Berliner SB. 1898 S. 583.
Marmortafel
vgl. Bull, de corr. hell. XX (1896) 394 ff.
Inschrift
Bessarione VII (1900) 278.
IHCOyC
XpiCTOC
yioc
Ostraka
kommen als auch die ausgeschriebenen Worte. Bemerkenswert ist etwa AN0p/ CIG. IV 9060
Coptic Ostraca n. 513.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. IL 5
66
L. Traube,
C. Hand
44. Vaticanus
s. IV, Altes und Neues Testament; ed. Cozza, Rom 1869—81, 6 voll.; ed. Ende, Mailand 1904 ff.; vgl.
1899 Sp. 556. Es sind 4 oder wahi
B 2 (p. 335—674 = Lage 18—34 = 1 Reg. 19, 11— Ps. 77, 7V
ec,
b 4 eee
KC
B 4 5 DNA/
riXTHf
OYfANOC
ANepconoc
AA yeiA,
B 2 2 AAA
B 3 (p. 675 bis ca. 1244 = Lage 35— 6c
ec,
KC
hna,
ganz selten
HNCyMA
nATHf,
15 nlTp,
n|'C etc.;
kein Plural
O YPANOC ,
i oynoc
ANepconoc,
22 ANOC /
4 ANOC
AAyeiA,
2 AAA
B » (p. 1—334 = Lage 1-17 = Gen. bis 1 Reg. 19, 11
ec,
KC
HNA
HATHp,
ee
39
nNC
2 npc
HNATCÜN
3 HNCyMA
etc.
oypANOC
ANepconoc,
4 ANOC etc.
AAyeiA,
ganz selten
AAA
45. S
s. IV, Altes und Neues Testament; ed. Tischendorf: Codex Friderico-Augustanus (= FA.), Leipzig
einzelnen Hände wird nach Tischendorf vorgenommei
Sin. A »■ 2 - 3 - 4 -
A » = Chronic. 9, %
A s = Chronic. Forts.
[A s = 1 Maccab
A 4 am 4 Maccab. 8, 7 bi
[A 6 = Barnaba
ec
KC
HNA,
PNC,
TTNl;
A 6 nNACI
und
nNIKOC
nATHp;
24 nHp,
npc, npi,
npvnpec,
npcDN
OypANOC;
A 8 und A 6 :
9 OyNOC
AN epcon oc,
ANOC;
A 3 ANeCON
AAA
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
67
> c h r i f t e n.
rr. 1209 (B)
Rahlfs, Nachrichten d. Götting. Ges. d. Wiss. 1899 S. 81 und O. v. Gebhardt, Theolog. Literaturzeitung
scheinlicher 3 Schreiber zu unterscheiden.
jnd B 4 (p. ca. 1245 bis Schluß = Lage 64 ff. = Matth. 9, 5 ff.).
ICfAHA,
BM ICA/
2 ICA
B 4 1 ICA/
icpoy-
CAAHM
IC
nur für
Christus, sonst
iHcoyc
(für Christus
dies nur
dreimal)
xc
yioc
CCÜTHf
CTAypOC
MHTHp
Ps. 77, 72 bis Matth. 9, 5).
IC |' AHA,
16 ICA/
15 ICA
1 IHA
icpoy-
CAAHM,
5 IAHM/
4 I AHM
1 IAM
IC
(so neben
iHcoyc
fünfmal für
Iesus Sirach)
XC,
lxpy
yioc,
l yc
nach Tischendorf ist diese Hand = s D (vgl. unten S. 70 f.).
CCÜTHp
CTAypoc
ICA,
manchmal
ICfAHA
icpoy-
CAAHM,
3 IÄM
1 IAHM
«113 »C
yioc
CCÜTHf
1)1 IHQ,
i 168
Iihcoyc
CTAypoc
MHTHp
(MHp
4JMpC
MHTHp
naiticus (n)
1846, und Codex Sinaiticus Petropolitanus (= P), Petersburg 1862, 4 voll.
(A, B, C, D), aber spezialisiert und ausgestaltet.
= 1. Hand.
bis 11,22 (P. II 1).
Esdra, Esther (FA. 1—18).
(P. II 16—33).]
Schluß (P. II 37v— 41).
(P. IV 135—141).]
Die Trennung der
56[87]|CA,
7 [27] IHA,
A 3 21CHA
43 [90] IHAM,
A 12 ' 3 4 [5]IAHM ,
A 1 1 ICHAM
A 6 IC
A 6 XC,
i xpy
yioQ
A 2 iyy
CCOTHp
CTAypoc
MH THP;
A 4 2MfC,
MpA
68
L. Traube,
Sin. A 6 = Neues Testament
ec
KC,
DNA,
nHp,
oynoc
ANOC
AAA
KC KCÜN
nNC u .
npc,
Apoc. 17, 14 u.
nNATOC,
npi,
19, 16
jtnI,
nNATA,
nNATCÜN,
npA,
nep,
npcüN,
npAC
nNACIN;
nNlKON
ec
KC
ec
xc
ec,
eCÜ TCOV
ecöN
KC ,
Reo zw
KCÜN
Sin. B l = Isaias (P. II 42—67)
nNA,
nHp,
oypxNOC
ANOC
AAA
nNC,
npc u.
HNl
l npoc,
npA,
npec u.
l nepc,
npcoN
Sin. B 2 - 3 - 4 - 5 J
B 2 = Jerem. 1—10, 25
B 3 = Jerem. 10, 25 bis Thr. 2, 20
B 4 = Kl. Proph.
[B B = Pastor Hermae
nNA,
nFic,
ITNl
nnp,
npc,
npec u.
1 oi nAT ep,
npcüN,
npÄc
O YPANOC ,
l oyNOY,
B 5 oynoic
ANOC —
ANoyc,
B 6 ANOC
u. i ANne
AAA
Sin. C = Psal., Prov., Eccle., Cantic, Sap.,
nNA,
nNC ,
iInT,
nNATA u.
1 nNA (Plur.)
nHp,
npc,
npA,
nep,
npcüN
oypANOc,
Eccli. u. lob
vorwiegend
oyNOc
ANOC —
ÄRoyc
AAA
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
69
P. IV 1—134) = zweite Hand.
42 IHA ,
9 ICA,
2 ICHA
IHAM
IC,
1 Vocat.
IHY
(Apoc.)
1 IHN
(ebd.)
XC,
(Rom. 7, 4)
VC'
ye u.
Matth._21, 9,
yey
Matth. 20, 31
3 CfC
GCpCJÜ/eH
einmal
MHf>,
MfA
= dritte Hand.
IHA
23 IAM,
9 I CAM ,
8 1AHM ,
3 IGAHM,
1 IHM,
1 IACM
XCÜ
yioc
CCÜTHf
MfA
vierte Hand.
(P. II 68—73).
(FA. 20—43).
(P. II 74—87).
(P. IV 142—148).]
71 ICA ,
23JHA,
1 ICHA,
1 IHCA ,
1 IAHA
88 IHM
(4- 2 UHM u.
1 ICIHM),
3 IHAM,
3 IAHM,
2 IAM,
1 ICHM
IC
IN
yioc
CCÜTHf
2 MHf
Eccli., lob (P. III) = fünfte Hand.
45 ICA,
29 IHAM,
1 IHC
*Y.
l yc
1 CCOf
MHf»,
7 IHA
2 IAM
viog tcooedex
XCÜ,
XN
Sap. 9
Ps. 24, 5
MfC,
Mpi,
MfA
70
L. Traube,
Sin. D 1 ' 2 ' 8 '^
D " = Tob.
D 2 = Judith
D 3 = 4 Macc. 1—8, 7
D 4 = Neues Testament, einzelne Fragmente
ec,
KC
HNX,
HNATCÜN;
gelegentlich
sakral
nNeyMx
FIHp,
npc,
np»,
ripÄ,
nep,
npxc;
auch nATHp
etc.
oypxNOc
ANepcunoc
ÄXÄ,
AxyeiA
D 1 eee,
D 28 ee
u. ANOC —
ANOIC
46. Sarra
s. IV/V, Octateuch;
Omont unterschied zwei sich
_ec,
0C tcov
eecoN
KC
nNx,
G 1
nnp,
nNC,
G 2 np,
G 2 nNTCÜN
npc
npi
G'- 2 .
npx
npec
npcüN
[npAC
oypanoc
ANOC —
ANCÖN,
ANepcunoc
etc.
47. P. Rainer,
s. IV/V, kleine Matthäus-Fragmente auf Pergament;
KC
0<YNCÜN>/
oypANco
48. Paris gr. 9 = Codex
s. V, Reste des Alten und Neuen Testaments; ed. Tischendorf vol. I (Fragm. Veteris Test.), Leipz. 1845,
(erster Altes Testament, zweiter Neues Testament); sie haben aber ganz gleiche Übung; im Neuen
noch eine dritte Hand für die Acta Ap. anzu
C (Altes
ec,
ee
KC
nNA,
nHp,
OyNOC etc.,
ANOC —
AAA
nNC,
npc,
l oyNoyN
ANoyc
in n,
npi,
(Acc. Sing.)
l nNA
npA,
(Plural)
2 npec,
2 npcüN
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
71
sechste Hand.
FA. 19; P. II 2—7).
P. II 8—15).
;P. II 34— 37 0.
P. IV 10, 15, 28, 29, 88, 91, 126 v I).
1CA,
ICfAHA
IAM,
icpoy-
CAAHM
IC,
IHCOyN
(Marc. 16, 6)
xc
D 1 i yc/,
d* i yc
D* 1
CCJÜTHf,
DM Cf\
CTxypoc
etc.,
D 4 CTpGH
D 1 1 MHJ/,
D 4 1 MHf
tov Ry
vianus (G)
ed. Omont, Leiden 1897.
ablösende Hände G 1 und G J .
G* 1 1CHA/,
2 IC[AHA,
1 IHA-
AGlTOy
IHA;
G 1 fehlt,
IC etc.
(für Iosua)
yc-yN
u . yioc,
yioi
MHTHp
G 2 6 ICAM,
G* auf der neuen
Lage :
1 ICAM und
2 IAM
(diese drei Formen
vom Korrektor in
ICAHM
verwandelt)
u. 1 IHM/
Inv. 8024 (T.t)
herausgegeben von Gregory, Textkritik I 72.
Ephraemi Syri rescriptus (C)
vol. II (Fragm. Novi Test.), ib. 1843. Tischendorf unterscheidet vielleicht mit Recht zwei Schreiber
Testament gibt es (z.T. durch den Wortschatz bedingt) Plurales, die im Alten fehlen; vielleicht ist
setzen, wo einige seltene Formen vorkommen.
Testament).
3 (AHM YIOC MH]\
MfC,
Hfl,
MfA
4 IHA,
2 ICA
Eccli., neben
3 IHA)
72
L. Traube,
ec
C (Neues
KC
DNA,
nnp,
oynoc —
ANOC —
AAA
J1NC,
npc u.
oyNoyc;
ANoyc
JINI,
1 npoc
daneben
TINATA,
Act,
oypanoc
HNACIN,
npi,
(so anscheinend
HNIKOC
npÄ,
nep,
npec,
npo3N,
1 npACIN
Act.,
immer Joh.)
npAc
49. Alexan
s. V, Altes und Neues Testament aus Ägypten; ed. Thompson, London 1879—83; vorzugsweise be
Alexandrino ed. Baber, London 1816 ff.; Psalterium ed. id. ib. 1812; Novum Testamentum ed. Woide,
nimmt an, daß in den poetischen Büchern des Alten Testaments ein eigner Schreiber tätig war; der
ganz einheitliche
AAA
ec,
KC,
TINA,
nnp,
oyNOc —
ANOC —
ee,
KC TCOV
nNC,
npc,
oyNoyc,-
ANOyC;
0C zcov
KypiGDN
nNt,
npi,
daneben
1 NACO
eecoN
3 nNATA,
npA,
oypANoc
für ANCO
9nNCÜN;
nep,
etc.
nNIKOC
npec,
npcoN,
npACIN,
npAC;
daneben
nATHJ»,
nATepec;
in den Klemens-
briefen sehr gut
geschieden
zwischen
nATHp
und sakralem
nTTp
50. P. Straß
s. V, Gen. 25, 19—22 und 26, 3—4 auf Pergament; vgl. Archiv für Papyrusforschung II 224 ff. Das
nicht mit Sicherheit zuzuweisen;
l<<C>
i<y
oypANoy
51. 52. Pergamentstückchen
s. V, Act. Apost.; ed. Taylor,
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
73
Testament).
33 IHÄ,
8 ICA
(Act., daneben
1 (HA),
1 \e\
(Luc.)
54 1AHM
IC
XC
yc-
CHj\
ye
cpc,
Cf\;
daneben
CCÜTHp
CTAypOC
HHp,
MfC v
Mfl,
MfA
drinus (A)
nutzt wurden
London 1786
Gebrauch der
Tradition vor.
IHA,
daneben (in
einzelnen
Büchern
über-
wiegend)
(CA,
Jud. 15,10 u.
16,7
IAH',
Num. 25, 4
aber die älteren Zeilen- und buchstabentreuen Drucke: Vetus Testamentum e codice
und die Klemensbriefe nach der Appendix zum Sinaiticus von Tischendorf. Swete
Nomina sacra bestätigt dies, trotz einiger Schwankungen, nicht; jedenfalls liegt eine
IAHA/
IAHM,
9 IHAM,
1 IHM
IC
(im A. T. nur
zweimal
ic u. iy
für Josua)
XC
(Ez. 16, 4
xpy)
yioc;
im A. T.
selten
yy u .yR,
im N. T
sakralem
Sinn oft
yc
etc.
in
cht,
cpc,
cp,
CfA;
21
CCDTHf
CTAypOC;
3 cpoy ,
l cpco
MHp,
MfC,
MPI,
MPA
bürg gr. 748
Stückchen zeigt engeren Anschluß ans Hebräische als die LXX, ist aber einer andern Übersetzung
liegt jüdische Tradition vor?
aus der Synagoge in Kairo
Hexaplaric Fragments p. 94.
IN
XN
74
L. Traube,
GC;
1 sakrales
eeoy
ec,
ey.
leeoy,
1 eoy
(von spä-
terer Hand),
ecü ,
9N
KN
ec
KC
etc.
etc.
ec
KC
etc. ;
etc.
Vokativ
nicht er-
halten
nNA,
nRc
s. V, Ev. Joh.;
53. Palimpsest aus
s. V, 3 Reg.; ed. Tischendorf, Monumenta
AÄÄ
54. Palimpsestfragmente
s. V— VII, Fetzen in Petersburg; ed. Tischendorf, Mon. s. ined.,
fTHf,
npc,
npx,
nep
OYNCO,
OYNCDN,
oynoic
)<T
KC
nNA
hna
riHp,
nfcu.
l npoc,
npi,
npA,
nep,
npcüN
oynoc
etc.
u.OypANOC
ANOC,
ANOy,
ANCO
55. Palimpsest aus
s. V, Ev. Joh.; ed. Tischendorf,
56. Wiener
s. V— VI ; herausg. von Hartel
ANOC
etc.,
ANOl
etc.;
daneben
ANepconoc
KC
etc.
57. Genesis
s. V — VI; ed. Tischendorf, Monum. s. ined., Nova Coli. II 95 — 176; vgl. dazu
nNA nATHp oypANüc ANepconoc
ey
)<y
i<y
nNA
nNC
nATHp
oypANco
58. P. Grenf.
S. V— VI, Zachar.
59. P. Amh.
s. V/VI, Act. Ap.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
75
id. Taylor, 1. c. p. 92.
Codex Nitriensis (Z d )
5. inedita, Nova Coli. II 315 sq.
ICA
des Neuen Testaments (J)
Nova Coli. I 1 — 48; er unterscheidet sieben Schreiber
ic,
1AHM
nr,
IN
xy
19
TT.
YN
cpc
Codex Nitriensis (J b )
Mon. s. ined., Nova Coli. II 311—312.
je
•r
Genesis (L)
u. Wickhoff, Wien 1895.
9 1HA/,
3 ICHA,
1 IcpAHA
1 YC
MHTGpA
1 MHp,
1 HHpC
Cottoniana (D)
F. W. Qotch, Supplement to Tischendorf's Reliquiae codicis Cottoniani, London 1881.
7 IHA
YN
{ayag
21,9)
MHTpOC
I n. 6
auf Pergament.
lepOYCA-
AHM
MHTHp
I n. 8
auf Pergament.
ICpAH-
AG<ITAl>
IAHM
76
L. Traube,
ey,
eco
KCO ,
Re
KC,
KT
8C-
eco
ec
KC
60. Homilien-Palimpsest
s. V, unter einem Georgischen Texte; ed. Tischendorf,
fiep ANOIC
61. P. Grenf.
s. V/VI, Protevangel.
62. P. Oxy.
s. V/VI,
63. Fragmenta Nume
s. V/VI; ed. Tischendorf, Mon. sacra ined.,
KC —
KC
DNA
nHp,
npc,
npi,
npec,
npcüN
s. VI
aus Ägypten,
ANOC,
ANOy,
ANON,
ANOt,
ANCÜN,
64. Wiener
nent; herausg.
ANoyc
Ps. 26 auf Pergat
rinp
65. Marcha
s. VI, aus Ägypten, Propheten; ed. Cozza-Luzi, 2 voll., Rom 1890 u. 1889; vgl. Tischendorf, Mon.
von ICA
ec —
ee,
OC rcov
eecüN
KC
nNA —
nNi,
nNCYMATA
nnp,
npc,
npA,
npec,
npcoN,
nATpACIN,
oyNOc —
oyNe,
oyNOi
etc.
ANOC
etc.
AAA
npAC
KC
s. VI, Isai.;
61
ed. Abbott, Par p
5. Fragmenta
alimpsestorum
ec,
nNA
ANON,
er,
eN
ANCÜN
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
77
Tischendorfs
Anecdota sacra et profana, ed. 2., Leipzig 1861, p. 10
xy
I n. 8
auf Pergament.
CfON
III n. 401
Matth. 1—2.
rorum palimpsesta (H)
Nova Coli. I 49—138.
yioic
(es folgte
eine Kür-
zung von
ICpXHA)
yN
(von
Christus)
IHA
iHcoyc
YC,
(sehr oft)
(Josua)
YY;
daneben
Yioc,
yioi
M[C,
MfM
Psalmenrolle
von Wessely, Wiener Studien IV (1882) 214—223.
lianus (Q)
sacra ined.,
zu IHA.
IRÄ" 1 vgl.
ICÄJ oben
CHf MHp
Nova Coli. IV 225—296 und IX 227—248; auf pag. 173 erfolgt ein Umschlag
MHp,
IAHM
lYu.
IN
(von Josua)
XCÜ,
XN
Dublinensia (O)
Dublinensium, Dublin 1880.
ICA
IAHM
YC
ANOy,
häufiger
yioc
(auch mit
ANOy)
yioc,
yioi
CHf,
Cft,
CPA;
daneben
CCÜTHp
MPC,
MpA;
daneben
MHTHp
78
L. Traube,
ec —
ee
kc -
j<e
J~JNA u.
xo Ftn
(Act. 5, 9),
PNC ,
nFü;
VI, graeco-lat.,
sakral :
nxTHp
etc.,
3 nÄp,
8 npc,
Matth., Joh., Luc, Marc, Acta;
piur. nNA
(Marc. 3, 11),
xoig HNGYNA
(Marc. 1, 27)
l npoc,
6 npx;
nicht sakral:
nxTHp
etc.
u. l npc
(Joh. 4, 12)
oypANOc
ANepcunoc
67. Codex
ed. Scrivener,
AVfCIA
AAA
68. Codex purpureus
s. VI, wohl aus Konstantinopel; ed. Tischendorf, Monum. s. ined., Leipzig 1846, p. 11 — 36; Duchesne,
(Texts and Studies V4), Cambridge 1899; vgl. Kenyon, Facsimiles
PHP, OypANOC;
npc ,
npi ,
npA;
HATCpAC
ec
etc.
KC
etc.
DNA ,
nRi
seltener
oyNoc,
OyNCDN
ANOC
etc.,
ÄNÖl
etc.
KC
etc.
nTip,
npc,
npi,
npA,
riep
s. VI;
69. Codex Guelferbytanus
ed. Tischendorf, Monum. sacra
ec
etc.
J1NA,
nRi
OypANOC
ANOC
etc.,
AAA
ANOl
etc.
ec
etc.
KC
etc.
nNA ,
nNC,
fTNl;
nNey-
MATA,
nNey-
MATCür^
ITHp,
npc,
npi,
npA,
nep;
nATepec
oyNco,
oyNoyc
70. Codex Guelferbytanus
s. VI; ed. Tischendorf, Mon. sacra
ANOC AÄA
etc.,
ANOl
etc.
71. Codex Rossa
s. VI; Haseloff, Gebhardt und Harnack machen die nicht sehr ins einzelne gehenden Angaben
ec kc nNA fTRp | oypANOc | anoc
AAA
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
79
Bezae (D)
Cambridge 1864; Facsimile, Cambridge 1899, 2
Bde.
ICpAHA
lepoy-
CAAHM
IHC,
iHy,
IHN
xpc,
xpr ,
X[N,
xpe-
yioc
CCÜTHf
CTAYfOC,
CTxypocü
etc.;
CTpN
(Marc. 8, 34)
ctpy
(Marc. 15,30 u.32);
CTfN
(Marc. 15, 13)
u. CTN
(Marc. 15, 14)
= ozavQcooov;
MHTHp
CTH
(Marc. 15, 15)
Evangeliorum (N)
Archives des Missions scient., ser. III tom. 3, 1876, p. 387—419; Cronin, Codex purp. Petropolitan. N
of Biblical Mss. in the Brit. Mus., London 1900, pl. IV.
IHM IC
oder etc.
I ÄHM,
3 IHAM;
auch
lepoycA-
AHM
palimps. Evangeliorum (Q)
ined., Nova Coli. III 263—290.
2 ICÄ 1 IHAM, IC
1 IÄHM etc.
palimps. Evangeliorum (P)
ined., Nova Coli. VI 249—338.
XC
etc.
etc.
CCDTHp
CTAYPOC
MHp,
MfC ,
MpA
XC
etc.
YCu.
YN
(meist
sakral)
IHA
IAHM
IC
ttc.
XC
etc.
nur sakral:
CHp,
XC,
cpc
YN,
Ye
CTAYPOC
MfC,
MpA
nensis Evangeliorum (S)
über die Nomina sacra, denen ich zu folgen habe; einiges ist MuSoz* Tafeln zu entnehmen
IHA IHM IC XC YC
MHp
80
L. Traube,
ec
KC
ec
KC
ec -
eR
KC -
Re
ec
etc.
KC
etc.
ec
etc.
KC
etc.
HNC;
nicht sakral
HNCYMATA
nHf,
npi
oypxNOc
und
OYNCÜ,
oyNOic
72. Dubliner
s. VI, Matth.; ed.
ANepconoc
und
ANOC-ANCU;
ANOIC
AAA
73. Paris Suppl.
s. VI, aus Sinope, Matth., Gold auf Purpur; ed. Omont, Notices et
HNl
nNA ,
PNC,
nFH;
Plur.
nNA
( Luc. 11, 26) ,
JINCUN
DNA,
nNC,
nFÜ;
Plural
2 DNA,
1 PN ATA,
lHNATCÜN
HNA ,
HNC,
fJNl;
Plural
HNATA,
HNATCDN;
HNIKOC,
I Cor. 2, 13
HNATIKA
nHf,
npA,
npcöN
oypanoc
ANQC ,
ANOl
etc.
AAA
74. Codex
s. VI, Lukas ; ed. Tischendorf, Monum. sacra ined., Nova
rmp,
npc,
npi,
npÄ,
nep,
npec;
HATCpCON
oyNOc,
oyNOY,
OyNON,
OyNCÜN,
oyNOic
ANQC -
ANC ;
ANOl,
ANCDN
AAA
nHf ,
npc,
npi,
npÄ,
npec ,
npcoN,
nATfAClN,
npAC
nHf,
npc,
npi,
npÄ
75. Codex
s. VI, graeco-lat. aus Sardinien, Act.; ed. Tischendorf,
ÄNOC
OYNOC
etc.,
oynoyc
etc.
ANOl
etc.
AAA
OYPANOC
76. Codex Cläre
s. VI, graeco-lat., Ep. Paul.; ed. Tischer
AAY^IA
ANOC
etc.,
ANOl
etc.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
81
Palimpsest (Z)
r. K. Abbott, Dublin 1880.
IHA
IC,
XC,
yioc
nr,
*Y.
und
IN
xe
yc
? r. 1286 (r)
Extraits XXXVII 2, 599—675 und Journal des Sav. 1901 S. 260.
IHA
IC
XC
yc
IHA
(AHM
Mitriensis (R)
Zoll. II 1—92; vgl. Kenyon, Facsimiles of Bibl. Mss. pl. III.
\c, xn yc,
iy, yy,
yN;
yioc
gewöhnlich
nicht sakral
Laudianus (E)
Monum. sacra ined., Nova Coli. IX 1-
I HÄ I AHM \C
etc.
-226.
XC
etc.
yioc,
z.B.
ytON
TOV
Ähiöy
tnontanus (D)
dorf, Leipzig 1852.
MHTHf
und
2 MHJ7,
1 M|>Ä
MHf»,
MfA
CTxypoc
Mfl,
1 CCÜ-
rnpA,
l qpA
MfC,
Rpi
IHA
4 IHM,
4 icpoy-
CAAHM
IC
etc.
XC
etc.
yioc
CCOTHJ>
CTAypoc
MHTH|>,
FTfÄ
Rom. 16,13
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II.
82
L. Traube,
ec
etc.
KC
etc.,
i i<ypioy
sakral
nNA,
nNc,
flNI;
nNey-
MATA;
FINIKHC,
fTRlKCÖN
nHf
npc
1 nATepA
OYI'ANOC
ec
und
eeoc
KC
und
xypioc
77. Handschrift der
s. VI; ed. Omont, Notices et
11 AAÄ
ANepconoc
( ANCO
8 | etc.
[ ANoyc
78. Petrus
s. VII, aus Gizeh; ed. O.
OYI'ANOC
ANOC
79. Paris
s. VII, Oktateuch; nach Montfaucon, Bibl. Coisl. p. 3; Silvestre, Pal. pl. 65; Omont, Facsim. pl. 6;
ec kc nNÄ; nRp, npc , öyNON, anoc,
npl, nfÄT; öyNoyc anö i
HNA;
nNeyMA-
TCÜN
ec,
6N
i<y
KC ,
KCÜ,
KN
npec,
npcüN,
nATpACIN
npc
AAA
80. Evangelistarium
s. VII; ed. Tischendorf, Monumenta
ANON
nNA,
nNCÜN
81. Codex
s. VII, palimpsestierte Stücke aus Num., Deut., Jos., Judd.:
oyNoy
ANOC ,
ANON
82. Fragments
s. VII, aus Ägypten, Reg. 2 u. 3; ed. Tischendorf
ec,
ey
KC,
KY,
KN
npcotJ
ANOC,
ANOy,
ANON,
ÄNOIC
AAA
83. Psalteriun
KC,
KC xoiv
xypicüN
ITHf,
npc,
nep,
npec,
npcoN,
nATpACIN,
TTpAC
c
.VII; ed. Tischendorf, Monum
ec,
ec icov
nNA,
nNc,
rTNT,
flNATÄ
oynoc
etc.,
ANOC
etc.,
AAA
eecoN
oyNOi
etc.
ANOt
etc.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
83
Paulusbriefe (H)
Extraits XXXIII 1, 149—189.
IC
etc.
apokalypse
v. Gebhardt, Leipzig 1893.
xc
4 yioc
CCDTHp
etc.,
etc.,
1 XpiCTCÜ
lyioyc;
sakral
l y c
ICpAH\
icpoy-
CAAHM
yioc
CTAypoc
Coislin. gr. 1 (M)
über Lebegue vgl , oben S. 55; die Scholien bei Tischendorf, Monum. s. ined. (1846) p. 24 u. 401.
IHA
IAHM
yioc
CHf u ,
cpc
in den
Scholien
MHp,
MfC,
Mfl
palimps. Venetum
sacra ined., Nova Coli. I 201—206.
IC
IN
Tischendorf II (K)
ed. Tischendorf, Monum. sacra ined., Nova Coli. I 139 — 176
HA
IAHM
Tischendorfiana (Z a )
Monum. sacra ined., Nova Coli. I 177 — 184.
2 ICA ,
1 IHA
Turicense (T)
sacra ined., Nova Coli. IV 1—223
IHA IAHM
yioc,
yioi
MHf u,
MpC
(nicht sakral)
IC,
XC,
xy,
XN ,
xe
8 yioc
( i yio c
ANOy);
2 yN
ANOy,
l yc xov
npc
CHf,
cpi
6*
MHp u.
MHTHp,
MfC,
MpA
84
L. Traube,
ec
etc.
KC
etc.
DNA ,
nNC,
hni,
ec
ey
KC,
KT,
KN
KC
KC
ey
ec
ec
etc.
DNA
KN
KC
etc.
84. Propheten-Palimpsest
s. VII; ed. Cozza, Sacrorum bibliorum vetustissima fragmenta
AAA
nNA,
hnc ,
HNI;
nNCrMATA
etc.
nHp,
npc,
npi,
_nj>A,
npec,
npcoN ,
npÄc
orNQc,
orNor,
öYncd,
ÖrNON,
öYnöI
ANOC
etc.,
ANOI
etc.
85. Jesaias-
s. VII; ed. Tischendorf, Monum.
A NOC,
ÄNÖT,
ÄNÖrC
86. Codex
s. VII, Matth.; ed. Tischendorf, Monum.
npi,
npA
ANON
s
VII; specimina
87. Evangelistarium
ed. Tischendorf, Monum. sacra
nHp
OrNOC,
OrNCÜN
ANOr,
ANCO
88. P. Rainer
s. VII, Joh., auf Pergament;
89. Grottaferrata, Fragment
s. VII; ed. Cozza, Sacrorum
90. Codex
s. VIII
, Ev. Luc. ; ed.
nHp,
orp^NOc
ANOC
AAA
npc,
etc.,
etc.,
nep
3 ornor
ANOI
sakral ;
und
etc.
nATHp
etc.
OrNON
nicht sakral,
aber auch
l npec
Nomina Sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
85
in Grottaferrata (r)
etc. I (Rom 1867) 1—197, II (Rom 1877) p. CXI— CXVIII.
53 TCA, IAHM Xy
38 IHA
(die beiden
Formen gehen
durch-
einander),
1 Hf A
Palimpsest (Z»>)
sacra ined., Nova Coli. I 185—198.
THA IAHM
Tischendorf I (©)
sacra ined., Leipzig 1846, p. 3 — 10.
IC,
nr
Barberinum
ined., Nova Coli. I 207—210; vgl. Gregory, Textkritik I 399.
rc,
IN
Inv. 8020 (Tv)
vgl. Gregory, Textkritik I 74.
»CA
IN
ANöy
der Paul. Briefe (R)
bibl. vet. fragment. II 334 — 335.
Zacynthius {8)
Tregelles, London 1861.
i
IHA IAHM
IC
etc.
xy
xc
etc.
TN/
CH|>,
CfA;
CpiA,
CflAN,
CpiON
MfC,
Mfl,
MpX
CTpCU
(Joh. 19, 25)
Mpi,
RpÄ
MHp
5 yc
i cpc,
etc.
sakral,
1 Cpi;
1
aber auch
Y»oc
CCOTHp
xov
ANOY
und ein
nicht
sakrales
YN
1CTAYPON
MH p
(FipT
4 MHTHp
86
L. Traube,
ec
etc.
KC
etc.
ec,
eeoy
DNA,
HNC,
iInT ,
hnatX u .
nNey-
HATA ,
HNCÜN;
HNIKOC
etc.
s. VIII/IX, Epp., Acta, Apocal.
ANOC
etc.,
91. Codex
ed. Tischendorf,
riHp,
npc
etc.;
oynoc
etc.,
oyNOi
npec,
npcüN,
HATpAClN ;
npiKCDN
(Gal. 1, 14)
etc. ;
oyNicu,
enoyNioc
etc.
ANOI
etc.;
ANepco-
niNOC,
4>IAANIA
92. Codex
s. IX, Daniel ; ed. Cozza, Sacror.
AAA
KC
J1NA,
riHp,
oyNOc
ANOC
PNC,
fIRi;
npc,
npi;
etc.,
etc.,
oyNOi
ANOI
HNATA
npec,
npcüN,
npAciN,
npAC
etc.
etc.;
ÄN1NH,
ANINCÜN
93. Hamburger Fragment
s. IX, Hebr.; ed. Tischendorf, Anecdota
ec
KC
nNA,
nnp,
oyNOc
ANOC
etc.
etc.
nNC;
nNCyMATA
npA;
npec,
etc.,
etc.
oyNOi
nATpACIN
etc.;
enoyNioc
etc.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen.
87
Porfirianus (P)
Monum. sacra ined., Nova Coli. V und VI 1 — 248.
XC
IHA
IAHM
(C
etc.
Chisianus
bibl. vetust. fragmenta III p. XIX— XCIV.
IHA,
ICpAHA
(AHM
der Paulusbriefe (M)
sacra et profana, ed. 2, 1861, p. 177—205.
IAHM
IC
etc.
XC
etc.
yc
CHf,
etc.,
lOCfCu.
yioc
2 CfOC,
etc.
cpi,
CpA
CTfOC;
CTAy-
poyN
yioc
auch sakral
MHf ,
MpC
etc.;
MfAC
(1. Tim. 5, 2;
yioc
ANOy,
yie
ANOy;
yiöi,
yicüN
MIM
CpiA,
CpiAC
88 L. Traube,
6. Die einzelnen Nomina sacra.
Vorbemerkung.
Es wird gewiß einst möglich sein, die Eigenheiten des Ge-
brauchs und der Formung der Nomina sacra mit einzelnen großen
Schreibschulen in genaue Verbindung zu bringen. Das von mir be-
nutzte Material führt doch nur selten über Ägypten und Alexandria
hinaus. Vielleicht aber deckt schon die Ausbeutung der Minuskel-
Handschriften des Neuen Testamentes durch Soden und seine Mit-
arbeiter (vgl. oben S. 55) neue brauchbare Tatsachen auf.
l. eeoc.
Die regelmäßige Schreibung ist GC ey 0Cü 9N ee. Sie
wurde nach unserer Annahme von hellenistischen Juden eingeführt. 1 )
Die erhaltenen Beispiele sind freilich hier, wie bei allen andern
Nomina sacra, erst aus christlicher Zeit. Doch tragen die Zauber-
papyri, 2 ) die ÖC und \<C überliefern, gerade hierin deutlich jüdisches
Gepräge. ON auf dem sibyllinischen Pergament in Florenz (Vitelli,
Atene e Roma, 1904, S. 354) mag sich anschließen, obgleich die Hand-
schrift gewiß christlich ist. Das rhodische Bleitäfelchen s. III/IV (40) 3 )
mit Worten des 80. Psalms, wo neben e~C und ey auch einmal eec
begegnet, ist desgleichen wohl sicher christlich. Von ausgesprochen
christlicher Überlieferung ist der Anfang der Genesis in der Fassung der
LXX im P. Amh. I n. 3 saec. IV (21). Doch hier angesichts der Worte:
GN AfXH enOlHCGN O 0C TON OyfANON KAI THN
thn xai Tina ey enecj>epeTO ghanco thc
Aßyccoy, mag man sich noch einmal des Einflusses gewärtig
werden, den die jüdische Tradition auf die Schreibung des Gottes-
namens und den damit OC als Vorbild der Nomina sacra ausüben
mußte.
Sonst ist von den christlichen Zeugen wenig zu berichten. Unter
den ältesten ägyptischen Papyri s. III— IV (etwa 1—22 bei uns) finden
sich, bis auf ee, alle Formen des Singularis belegt. Wichtiger ist
*) Vgl. oben S. 32 und 37.
2 ) Vgl. oben S. 38 ff.
s ) Die rund eingeklammerten Zahlen beziehen sich in diesem Paragraphen
von hier an auf die Nummern der Tabellen S. 56—87.
Nomina sacra, III. Nomina sacra im Griechischen. 89
vielleicht, daß oy auf der stadtrömischen Inschrift s. III (39) und
OCÜ auf einem sizilischen Graffito a. 409 (Führer, Sicilia sotterranea
p. 150) eine weite Verbreitung für verhältnismäßig frühe Zeit belegen.
Es sind noch einzelne Eigenheiten zu besprechen. Der Vokativ
OG war allgemein geläufig: vgl. die Zauberpapyri Paris Louvre 2391 und
Paris Suppl. gr. 574 (oben S. 39), das Onomasticum P. Heid. I n. 5
saec. III/IV, das Amulett s. VI Archiv f. Papyrusforschung I 429 ; ferner
von Pergamenten: VaticanusB* und B 3 (44), Sinaiticus D 2 undD 3 (45),
Ephraem rescr. (48), Alexandrinus (49), Marchalianus (65), Codex
Bezae (67). Um so auffälliger ist es daher und für den von Tischen-
dorf angenommenen Zusammenhang zwischen Vaticanus und Sinaiticus
besonders charakteristisch, daß Vatic. B 4 und Sinaitic. D l die kon-
trahierte Form meiden und nur 0GG anerkennen. Eine andere Hand
des Sinaiticus (C) hat in Ps. 135,2 GGÜ TOJN 0CÜN gewagt; das
steht im Gegensatz zu dem regelmäßigen und einzig berechtigten
Genetiv eeCDN in den Leipziger Psalmen (23) und im Sarravianus (46),
Alexandrinus (49), Marchalianus (65), Psalterium Turicense (83). Nur
die Zauberpapyri London P. CXXII, CXXI, und Paris Suppl. gr. 574
mit Oe ON (= $ee &eäv), MeHCTH TCÜN GCÜN und dergl.
sind zu vergleichen; auch gehört hierher, wenn z. B. der Vatic. gr. 73
saec. X, der sonst die Pluralformen nicht kürzt, je einmal frön
(= ftecöv) und &g (= fteovg) zuläßt, vgl. Excerpta Constantini Porphyr.,
vol. IV ed. Boissevain, p. XVII.
Der Nominativ ÖGC auf dem rhodischen Bleitäfelchen (40)
wurde schon erwähnt; er scheint sich auf einer nicht datierbaren
syrischen Inschrift (Byzantinische Zeitschrift XIV 37 n. 39 neben OCÜ)
zu wiederholen.
Auch Lotharius von St. Amand s. IX in. schreibt QGC in einem
Zitat aus den Sibyllinen in seinem Lactanz (Lactant. ed. Brandt I 659, 14);
sonst gibt dieser Schreiber, wie Sedulius Scottus s. IX im Lactanz,
die regelmäßigen Formen weiter.
OÖC als Nominativ steht angeblich in der Vita S. Theodorae
des P. Par. 7403 s. VI (Wessely, Wiener Studien XI, 1889, S. 178).
Ohne Strich (0OC) findet es sich in einem Zitat aus den Sibyllinen
im Bologneser Lactanz s. VI/VII, wo sonst OGOC ausgeschrieben
wird (Brandt I 662). 0Oy schreibt eine spätere Hand in der Genesis
Cottoniana (57). Formen wie 0Oy und yoy setzt Cobet öfters für
90 L. Traube,
seine Emendationen voraus; ich weiß nicht, ob sie ihm in späteren
Handschriften untergelaufen waren.
Von 065OC etc. war oben S. 49 f. die Rede. Hier sind aber
noch die wenigen Beispiele anzufügen, die ein graphisch überhaupt
nicht ausgezeichnetes OGOC bezeugen. Es müssen dabei an erster
Stelle genannt werden die Genesisfragmente P. Oxy. IV n. 656 (1) und
die oben S. 40 f. erwähnte Aquilafetzen. In ihnen liegt wohl eine
jüdische Tradition vor, die sich von der gewöhnlichen alexan-
drinischen unterschied. Je einmal haben ferner GGOy die
Wiener (56) und die Londoner Genesis (57). Sonst hat man da, wo
nicht kontrahiertes und nicht überstrichenes 0GOC steht, wohl an-
zunehmen, daß Christen geschrieben haben, aber nicht berufs-
mäßige Kalligraphen; das gilt für die Papyri P. Oxy. III n. 407
s. III/IV (16), P. Brit. Mus. DCCXIII s. III/IV (17) und z. B. die Briefe
und Kontrakte P. Grenf. I n. 53 s. IV, P. Brit. Mus. CCXXXVI (vgl.
oben S. 49), P. Grenf. I n. 61 s. VI, n. 63 s. VI/VII, P. Grenf. II n. 88
s. VI/VII, P. Brit. Mus. CCXXX (<J>OBOC 0GOy in Ps. 13 [14], 3).
Für die Inschriften sind die ausgeschriebenen Formen ursprünglich
das Regelmäßige und auf lange Zeit das Häufigere.
Als ganz ungebräuchlich und verkehrt muß jede Kurzform für
\%oi und die andern Kasus des Pluralis bezeichnet werden. Sie
mußten ausgeschrieben werden, wie auch der Singularis, wo nicht
Gottvater oder Christus gemeint war. Cozza, l ) Omont 2 ) und Boisse-
vain 3 ) merkten dies sehr richtig für die von ihnen beschriebenen
Handschriften an; es gilt allgemein. Die wichtigsten Verstöße gegen
diese Regel, die uns aufgestoßen sind, wurden oben S. 89 an-
gemerkt.
Gelegentlich begegnet eine christliche Suspension 6 für fieog
und die Kasus des Singularis: so auf einer alexandrinischen Inschrift O
(Bessarione VII 277 n. III), auf einer antiochenischen 0* (Revue bened.
XXII 433). Wenn ein epigraphisches X gelegentlich als xvqioq
deog gedeutet wird (z. B. im Anfang einer christlich-palästinensischen
Mosaikinschrift, Römische Quartalschrift 1902, S. 368), so sind
J ) Sacror. bibl. vetust. fragmenta gr. et lat. part. I p. IX adn. 1.
2 ) Codex Sarravianus p. VII.
3 ) Vgl. oben S. 89.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 91
diese Buchstaben vielmehr mit xaxayßovioig fteolg aufzulösen und mit
Kaibel 1 ) als eine Nachahmung des römischen D. M. zu verstehen;
auch D. M. steht ja sehr häufig über christlichen Grabschriften. Über
die Suspension haben wir bei xvgiog weiter zu sprechen. 2 )
e
Auf späte, ganz andersartige Formen, wie cyN (= ovv ftetp),
die auch im koptischen Gebrauch vorkommen, kann hier nicht ein-
gegangen werden.
2. ICfpiOC.
Wir beginnen mit dem jüdisch-hellenistischen Gebrauch. Man
darf gewiß nicht sagen, daß voll ausgeschriebenes KYJMOC in einem
Zweig der LXX-Überlieferung für das Tetragramm gesetzt wurde.
Origenes' Ausspruch 3 ) sagt gar nichts über die Graphik des Wortes.
Jüdischen Gebrauch scheinen die Papyrusfragmente der Genesis
wiederzuspiegeln (P. Oxy. IV n. 656 [1], vgl. S. 30 und S. 53), in
denen xvgiog ursprünglich ausgelassen und erst von zweiter Hand
mit allen Buchstaben auf dem freigelassenen Raum nachgetragen
wurde. Man könnte glauben, daß hier eigentlich das hebräische
Tetragramm von einem kundigen Schreiber hätte eingesetzt werden
sollen.
Sonst ist in griechischen Handschriften Gott der Herr immer KC,
und dies war, nach unserer Vermutung, eine Erfindung alexandrinischer
Juden. Ob wir dafür noch das einwandfreie Zeugnis jüdischer Hand-
schriften haben, ist freilich die Frage. Hingewiesen werden konnte
oben S. 41 auf den Aquila-Palimpsest s. V, der neben dem hebräischen
Tetragramm einmal am Zeilenschluß Ry hat. Dazu kommt vielleicht
das Straßburger Genesisfragment s. V (50) mit K(C) und l<y. Über
die ägyptischen Zauberpapyri vgl. oben S. 38 ff.
Das älteste Stück der LXX in christlicher Tradition ist angeb-
lich P. Grenf. I n. 5 saec. III (2). Von dem hier gefundenen KC und
Ry zieht sich eine unübersehbare Fülle von Belegen für die Kurz-
formen von xvgiog durch alle Zeiten.
x ) In den Indices zu Inscriptiones gr. Siciliae etc. p. 756 und Gottingische
Gel. Anzeigen 1892 S. 104.
2 ) Vgl. unten S. 92.
s ) Vgl. oben S. 27.
92 L. Traube,
Wirkliche Varianten hat es nie gegeben. KfC auf einer syrischen
Inschrift ist nur eine irrtümliche Lesung, vgl. Deissmann, Philologus
LXIV 477. Statt TÖf findet sich hie und da KÖy.i) So nach Wessely
in dem Leben des heiligen Abraham in dem späten P. Par. 7404, vgl.
Wiener Studien XI (1889) 179. lÖfCO steht in einem Gebet, das
s. X in Oberägypten geschrieben wurde; vgl. darüber unten Kap. V
§ 1 über die koptischen Nomina sacra.
Über die Formen des Pluralis vgl. unten S. 93.
Über ICfflOC vgl. oben S. 50.
Ein Wort noch über die Suspensionen. In einem Kontrakt aus
der Thebais a. 103/102 v. Chr. in P. Grenf. I n. 33 begegnet pcto
x v (== xvoiov) rov eavrcov aöelcpov nayyd (= IIa%vovßiog). Die erste
Hand des Londoner Papyrus der 'Aftrjvaicov nok. (saec. I p. Chr.) schreibt
xvq 1 für xvgiog. Dazu halte man das oben S. 29 aus dem einen
Aquila-Palimpsest beigebrachte K und das S. 90 f. über G Gesagte.
Man könnte dadurch auf den Gedanken kommen, )<C und OC als
Fortbildungen der älteren Suspensionsstufen K und G zu betrachten.
Allein das Entscheidende: ein irgendwie verständlicher Grund, der
den Übergang von dem einen zum andern Prinzip erklären könnte,
wäre damit nicht gegeben. Man könnte höchstens sagen, daß bei
der Bildung von KC ein älteres in der profanen Titulatur gebräuchliches
X (xvgiog) mitgewirkt habe. Man habe absichtlich die Schreibung
des Gottesnamens differenziert. Hier stieße man dann wieder auf
dieselbe Schwierigkeit: woher nahm man das Prinzip? Und vor allem:
was veranlaßte den Gottesnamen zu kürzen?
Später wurde die Suspension l<Yf in der Titulatur für xvgiog
(oder vielleicht xvgig) und xvgia (oder xvga) gebraucht, vgl. z. B.
P. Grenf. II n. 96.
Sonst wird im allgemeinen — von Urkunden abgesehen —
xvgiog in der Titulatur und überhaupt in jeder Bedeutung, die nicht
Gottvater oder Christus betrifft oder allenfalls, wie in vielen Herren-
worten, auf sie bezogen werden kann, ausgeschrieben. Dieser Unter-
schied wird von den Paläographen meist nicht scharf genug be-
tont. Es finden sich in der Literatur selten so gute Beobach-
tungen darüber, wie bei Ceriani über den Oktateuch Ambrosianus
*) Vgl. über OOy oben S. 89.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 93
A. 147 i.: notandum quoque xvgiog breviari "cum de Deo sumitur,
non vero cum de hominibus; quod cum factum fuisset primo
Gen. XLIV, 7, ipsa prima manus suppressas Ute ras supplevit supra,
quod tarnen et cum de deo sumeretur factum vidi Num. XXXII, 27,
und bei Omont über den Sarravianus. Das absichtliche Auseinander-
halten wird sofort klar, wenn man Stellen wie I Kor. 8, 4 sqq. nachschlägt.
Diese Worte lauten z. B. im Sinaiticus (45): oyAlC 0C Gl MH
gic kai rAf einef gicin AGroMGNoi eeoi gitg
6N oyfANco gitg eni fhc cocnep gicin eeoi
nOAAOI KAI KyflOI JIOAAOI AAA HMIN GIC 0C (dies
Wort über der Zeile) O HATHf .... KAI GIG KC IC XC.
Auch in nicht sehr geregelten Schriftstücken wird scharf geschieden:
der Brief P. Heid. 6 s. IV schließt mit den Worten GN KCÜ XCü
KyflG ArAHHTG, wobei die letzten Worte an den Adressaten
gehen.
Wenn es also oben in dem Handschriftenverzeichnis heißt,
KC etc. komme vor, so ist das immer so zu verstehen, daß die
Kurzform nur da steht, wo das Wort sakrale Bedeutung hat. Das
schließt natürlich nicht aus, daß KC neben KyflOC auch hie und
da versehentlich geschrieben wurde, wo kein Anlaß war. Umgekehrt
schlüpfte gewiß auch einmal KYf'OC für KC durch; vgl. in unsern
Listen 1, 16, 38 und z. B. die Briefe s. IV P. Grenf. I n. 53 und P.
Brit. Mus. CCXXXVI. Meist liegen dann aber Entschuldigungsgründe
vor, wie sie oben S. 90 für ausgeschriebenes 0GOC angeführt
wurden.
Verpönt war auf jeden Fall die Kontraktion des Pluralis. Es
gibt dafür gar keine ordentlichen Formen. Nur von den Zauber-
papyri ist einer einmal auf TOyc KC (= xvgiovg) verfallen, vgl. oben
S. 39. Auch zwei Schreiber des Sinaiticus (45) entgleisen mit KC
TCUN KCON, was sonst in den Handschriften nur durch KC TCON
KYflCÜN wiedergegeben wird (vgl. z. B. 49 und 83).
3. rJNGyMA,
Vermutungen über die Herkunft der Kurzform DNA sind oben
S. 34, 42, 43 vorgebracht worden. Regelmäßiger Genetiv und
Dativ dazu wurde HNC und UNI. Der Pluralis ward so lange nicht
versucht, als die Kontraktion nur bei sakraler Bedeutung eintrat.
94 L- Traube,
Im einzelnen ist folgendes zu bemerken.
Eine Suspension UN statt und neben J1NA begegnet im Codex
Bezae (67). Dort zeigt sich auch sonst noch eine gewisse Unsicher-
heit, z. B. in toi? HNeyNA.
Eine späte ägyptische Nebenform von I1NA ist HMA; so auf
einer alexandrinischen Inschrift (Bessarione VII 447) und in dem griechi-
schen Stück einer koptischen Handschrift zu Paris s. VII (Notices et
extraits XXXIV 2 p. 380); dazu gehört als Dativ HMl in St. Peters-
burg gr. XX, wo die Vorlage, der Claromontanus (76), HNI hat.
Statt I1NC kommt DNATOC vor, vielleicht unter dem Ein-
fluß der gleich zu behandelnden Pluralformen UN ATA etc.: so im
Sinaiticus A 5 (45) neben ONC und in spätägyptischen Handschriften
(Crum, Coptic Mss. n. IX und Kopt. Papyrus a. 812 bei Stern, Kop-
tische Grammatik S. 435).
UNTI statt HNI hat ein später ägyptischer Papyrus (36), aber
ein damit zusammenzuhaltendes HNTCON gibt schon einmal die
zweite Hand des Sarravianus (46).
Über HMl vgl. oben unter HMA.
Der Pluralis ergab, als er schließlich gewagt wurde, im Nomi-
nativ und Akkusativ entweder DNA oder häufiger HNATA. Es
findet sich ra HNA öfters neben HNATA im Sinaiticus C (45), Ephr.
rescr. (48), Codex Bezae (67), Nitriensis (74), Claromontanus (75).
Dazu gehört der Genetiv HNCÜN im Alexandrinus (49) neben Nom.
HNATA, im Tischendorfianus II s. VII (81), im Porfirianus, s. VIII/IX (91);
I JNCON ist ferner die einzige Form des Pluralis im Verzeichnis der
Melchiten (oben S. 8).
Die verbreitetere Pluralform HNATA nebst zugehörigem
IJNATCüN und HNACIN geben Vaticanus (44) (dort begegnet
aber nur im Teil B 1 HNATCON und sonst überhaupt keine
kontrahierte Form des Plural), Sinaiticus (45), Ephr. (48), Ale-
xandrinus (49) (hier stehen vom Plural überhaupt nur 3 HNATA
und 9 HNCÜN), Claromontanus (76), Psalter. Turicense (83),
Porfirianus (91) (hier steht HNATA wieder neben HNCÜN),
Chisianus (92); ferner steht HNATA auf dem griechischen Ostrakon
mit Worten aus Ps. 103 bei Crum, Coptic Ostraca n. 513.
Über HNTCüN vgl. oben unter HNTI.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 95
Vom Dativ J JNI bildete man weiter JJNIKOC: so im Sinaiticus A 6
(45), Ephr. (48), Alexandrinus (49), Claromontan. (76) neben fJNATIKOC;
H der Paulusbriefe (77), Porfirianus (91). Dagegen kam man
vom Plural DNATA auf I1NATIKÖC im Claromontan. (76) und
im Koptischen (vgl. Stern, Grammatik S. 11).
Älteste Beispiele der Kurzformen gewähren P.Oxy. I n. 2 saec.III (3):
<reN>NHeeN e<i<> jinc <gctin> A<noy> (Matth. 1,20);
P. Oxy. II n. 208 saec. III (4): <ßAJJTIX>CDN GN FT<NT AHCO)
(Joh. 1,33; ähnlich 20,22);_P. Oxy. I n. 5 saec. III/IV (15): TCO DNi
TCO AriCO und TO DNA THC GGIOTHTOC (Pastor Hermae).
Eine der nächstfolgenden Stellen aus dem Anfang der Genesis in
P. Amh. I n. 3c saec. IV (21), die wir bereits oben S. 88 verwertet
haben, zeigt uns DNA 0y, den Ausgangspunkt des jüdischen und
christlichen Gebrauches, wenn unsere Vermutung zutrifft. Daß nvevfia
als Gottesname bereits von den Juden kontrahiert wurde, könnte
wieder gefolgert werden aus dem Streben der christlichen Kalli-
graphen, die Kurzformen zu beseitigen. Wenn Harteis Beobach-
tung über den Brauch der Wiener Genesis (56) — nämlich daß dort
JJNÄ regelmäßig nur am Zeilenschluß erscheine — einzuschränken
ist, da DNA überhaupt nur einmal und freilich dort am Zeilenschluß
vorkommt, so ist doch Cladders und Marcs Beobachtung über die
vierte Hand des Vaticanus (44) wichtig: es wird jivevjua bis Matth. 4, 1
regelmäßig kontrahiert, von da an regelmäßig ausgeschrieben mit
Ausnahme von Matth. 22, 43 und 27, 50, Marc. 12, 36, Act. 10, 19, Phile.25,
wo aber überall das Wort in den Zeilenschluß fällt.
Daß an ÜNÄ ey unmittelbar mit RNA AFION angeknüpft
wurde und der christliche Gebrauch sich untrennbar mit dem jüdischen
verband, ergab sich von selbst. Auch wo Tivsv/^ia vom Menschen
gesetzt war, wurde offenbar bald die Kurzform angewandt. Ja, man
versteht es, daß auch die ,unreinen Geister' mit der sakralen Form
bezeichnet wurden. Zu vergleichen sind die oben S. 94 f. erwähnten
Pluralformen. Selbst eine sonst so sauber trennende Handschrift, wie
Codex Bezae (67), hat diesen Mißbrauch mitgemacht. Dagegen weiß
Stählin (Clemens Alex. I p. XXII) aus der berühmten Arethas-Hand-
schrift Paris gr. 451 die merkwürdige Tatsache zu berichten, daß eine
Hand des 14. oder 15. Jahrhunderts nva in jivevjua korrigiere, wenn
es nicht den Heiligen Geist, sondern Hauch oder Atem bedeute.
96 L. Traube,
4. HATHf.
Die Schwierigkeit, die einer passenden Einrichtung von nATHf
entgegenstand, haben wir oben S. 34 kennen gelernt. Als man sich
entschlossen hatte, JlHf zu bilden, boten die Kasus einen neuen
Widerstand. Es hätte sich ergeben müssen die Reihe:
7i(ar)r]Q
7i(aT)Qog
7i{clt)qi
Tifarjega
7i(ar)eg.
Hierbei widerstrebte der Genetiv IlfOC, weil er mit der Prä-
position zusammenfiel; ferner erregte es Anstoß, daß die Formen ab-
wechselnd aus drei und vier Buchstaben bestanden. Es siegte
schließlich eine dreibuchstabige Bildung; man beruhigte sich bei der
unregelmäßigen Folge:
nFif , npc, nff, npÄ, rief.
Der Pluralis dagegen, der erst später aufkam, erhielt vier Buchstaben :
nfec, npcoN, nfXc.
Ein Dativ dazu wurde zunächst nicht beliebt.
Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß neben diesen
allgemein angenommenen Formen hie und da auch ursprünglich ver-
schmähte oder ganz neue sich einschlichen. Diese Unregelmäßig-
keiten seien zunächst belegt.
Die Form UHf bezeugen von den ägyptischen Papyri 31 und 36;
von den Pergamenten Vaticanus (44) und Sinaiticus (45), wenn sie
überhaupt eine Kurzform gebrauchen (vgl. S. 98) und die fol-
genden Handschriften alle. Dagegen kennt Codex Bezae (67) nur
J JAf und die zweite Hand des Sarravianus (46) Hf. Schon der
Papyrus des Philo (7) hat im Nominativ Mf (nicht DTf, wie Scheil an-
gibt). Wahrscheinlich ist auch TJTHf, wie nach Scrivener der Ros-
sanensis haben soll, ein Lesefehler, vielleicht die Mißdeutung einer
Ligatur.
Der sonst gemiedene Genetiv llfÖC findet sich im P. Oxy. II
n. 209 saec. IV (24) und einmal im Sinaiticus (45) von der Hand,
die den Teil B 1 schrieb, ferner je einmal im Ephraem rescr. (48),
in der Wiener Genesis (56) und im Codex Bezae (67). Alle diese
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 97
Pergamente haben sonst npC; die ältesten Belege für diese gewöhn-
liche Bildung stehen in den Papyri 7, 12, 23. Auch die Vita S.
Theodorae P. Par. 7404 I saec. VI (Wessely, Wiener Studien XI, 1889,
S. 188) hat JTfÖC. Die Mißbildung HTfOC scheint im P. Amh. I n. 9
vorzuliegen, doch ist die Lesung nicht sicher und das betreffende
liturgische Fragment erst s. VII/VIII.
Statt des regelmäßigen Pluralis Hfec setzen die Leipziger
Psalmen auf Papyrus s. IV (23) den Genetiv H?C; im Sinaiticus
(45) schreibt Hand B 1 dafür einmal YlGfC und einmal Hand B 2
nATGf, also eine Suspension. Die Londoner Psalmenfragmente auf
Papyrus s. VII (34) haben einmal ein seltsames npeec, 1 ) das, wie
das von ihnen gebotene AANOC, 2 ) einem ungebildeten Schreiber
zur Last fällt. Es mag irgendwie aus dem Koptischen zu erklären
sein. 3 )
npACIN, der erst später verkürzte Dativ, hat sich eingeschlichen
in das Neue Testament des Ephraemcodex (48), in den Alexan-
drinus (49) und den Chisianus (92). Dagegen steht jedesmal inmitten
der kontraktiven Bildungen ausgeschriebenes OATfACIN im Marcha-
lianus (65), Laudianus (75), Ps. Turicense (83), Porfirianus (91) und
in den Hamburger Fragmenten (93).
Die ältesten Belege der Kurzformen müssen von uns mit der
Bedeutungsgeschichte verbunden werden. Wir träfen die Kontraktion
zum ersten Male, wenn die Datierung einigermaßen richtig wäre, in
den Aoyia 'fyoov P. Oxy. I n. 1 saec. III (5): oyi< 0\|/ecee TON
npA (d. h. Gott). Seltsamerweise bietet dieser Papyrus auch
eine zwar an sich regelmäßige, hier aber ohne jede sakrale
Nuance gesetzte Weiterbildung, die sonst erst viel später be-
zeugt ist : Oyi< GCTIN AGKTOC npO<j>HTHC 6N
TH npiAl (= Tcargidi) AyTOy. Daß in dem theologischen
Fragment P. Oxy. II n. 210 (12) nfc von Gott gesagt ist,
scheint wahrscheinlich, aber nicht sicher; die hohe Datierung ,s. III'
wird hier durch die Verwendung einer alten Kurzform für ävOgamog
1 ) Tischendorf, Monumenta sacra ined., Nova Coli., I (Leipzig 1855) p. 241, 11.
2 ) Ebd. 241, 16.
3 ) Vgl. oben S. 50 über C\yx So steht in einer koptischen Bauurkunde
a. 753 IIPOOC für IIPOC, worüber unten in Kapitel V § 1 über die koptischen No-
mina sacra.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 7
98 L - Traube,
empfohlen. In andern Schriftstücken des dritten Jahrhunderts kommt
7ia%r\Q weder kontrahiert noch ausgeschrieben, weder in gewöhnlicher
noch in sakraler Bedeutung vor. Nur der Philo-Papyrus (7) setzt im
Singular ausnahmslos die Kontraktion. Im 4. Jahrhundert ist die Kurz-
form auf Papyrus und Pergament sehr häufig, und ein zwischen den
beiden Bedeutungssphären gemachter Unterschied läßt sich, scheint
es, selten mehr erweisen. Daß er aber ursprünglich vorhanden
war, daß Belege dafür aus älterer Zeit nur zufällig fehlen, darf
vielleicht doch einigen Beobachtungen entnommen werden. Da-
hin gehört das sichtliche Vermeiden der Pluralformen im Papyrus 7
und in den Handschriften 49, 68, 70; die Leipziger Psalmen (23),
die den Pluralis zuerst aufweisen, irren noch in der Form
(vgl. oben S. 97 über fifC statt rjfec). Für das 6. Jahr-
hundert haben wir das Zeugnis des Codex Bezae (67), der dabei offenbar
nur eine ältere Tradition wiederspiegelt. Hier wird narrjQ meist aus-
geschrieben und im ganzen nur, wenn ich recht gezählt, 19 mal kon-
trahiert. Nie kontrahiert wird es im Marcus und in der Apostelgeschichte,
d. h. in den Schlußpartien der Handschrift; selten im Matthäus und
Lucas, häufiger im Johannes. Wo die Kurzform steht, liegt nur
einmal keine sakrale Bedeutung vor. In den Klemensbriefen des
Alexandrinus (49) wird abwechselnd JlATHf etc. und HHf etc. ge-
schrieben. Sieht man näher zu, so haben die Kurzformen bis auf
zwei Stellen durchaus nur sakrale Bedeutung, die ausgeschriebenen
Worte sind nicht sakral. Der Marchalianus (65) kennt zwar den kon-
trahierten Pluralis, gebraucht aber im Singularis die Kurzform meist
nur, wo sakraler Sinn vorliegt. Ähnlich steht es mit dem Zacyn-
thius (90). Auch der Guelferbytanus (69) macht meist die richtige
Unterscheidung.
Gemieden ist die Kontraktion im Vaticanus (44) da, wo die
Hand B 2 - 4 schreibt; B 3 läßt 15 oder 16 kontrahierte Formen ein-
fließen; B 1 nur 2, wobei die eine sakralen Inhalt hat. Ebenso
schreibt im Sinaiticus (45) der Schreiber A *• 2 - 3 - *■ 6 naxr\Q gewöhnlich
aus. Über Codex Bezae vgl. oben. Die Genesis Cottoniana (57)
scheint die Kurzformen gleichfalls zu meiden.
Wir sehen hier wohl in den Gebrauch verschiedener Schulen
hinein und erleben etwas von dem Kampf der christlichen Kalligraphie
gegen die ursprünglich jüdische Erfindung. Doch die Kurzform war
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 99
bequem und hielt sich, und riHf verlor bald jeden besonderen Ge-
halt: die sakrale Kurzform wurde gewöhnliche Abkürzung.
5. oyfANOC.
Die Kurzform oyNOC (oder, wie bei dieser und andern
zweisilbigen Kurzformen oft geschrieben wird, OyNOC) nimmt
unter den Nomina sacra eine eigentümliche Stellung ein. Gegenüber
der Menge von Bildungen, die die Person Gottes und Christi be-
zeichnen, steht vereinsamt das graphische Symbol für den Himmel,
verbunden nur auf der einen Seite mit der Kurzform für Jerusalem,
auf der andern mit der offenbar christlichen für das Kreuz.
Überzeugt man sich davon, daß die Verwendung dieser Kon-
traktion in den christlichen Handschriften eine beschränkte ist, daß
eine große Anzahl christlicher Bücher die Kurzform nicht anerkennt,
so läßt sich die Vermutung wohl nicht abweisen, daß oyNOC oder
oyNOU) noch auf Rechnung der hellenistischen Juden zu setzen
ist und den Vorzug der graphischen Auszeichnung nur deshalb ge-
noß, weil das Wort als Gottesname betrachtet wurde. Ich glaube,
die Paläographie unterstützt hier in erwünschter Weise den Gedanken
Schürers, 2 ) daß ovqavoi in gewissen Verbindungen des Neuen Testa-
mentes eine metonymische Bezeichnung Gottes ist, die sich von einem
gangbaren jüdischen Sprachgebrauch herleitet. Es läge dann freilich,
da dieser Sprachgebrauch in den LXX nicht so deutlich hervortritt,
hier der Fall vor, daß die Formung eines Nomen sacrum nicht un-
mittelbar mit der Bibelübersetzung zusammenhinge. Wir werden für
die Kurzform von äv&Qconog eine ähnliche Beobachtung machen.
Auch die Kurzformen von Jerusalem, David und vielleicht Israel er-
öffnen einen Blick auf hellenistisch-jüdische Vorstellungen, die nicht
unmittelbar aus der Tora abzulesen sind.
Über Nebenformen von oyNOC ist nichts zu berichten. Auch
die Bedeutungslehre ist hier mit einem Wort erledigt. Denn es ist
klar, daß wenn einmal oyNOI in den Fällen geschrieben wurde,
wo die besondere sakrale Bedeutung vorzuliegen schien (wie be-
sonders im Neuen Testament in der Verbindung ßaodela xcbv ovqavcbv),
x ) Vgl. oben S. 35 über die Ursprünglichkeit des Pluralis.
2 ) Geschichte des jüdischen Volkes, 3. Aufl. II 539.
7*
100 L - Traube,
diese Schreibungsweise sich aufs leichteste überallhin übertragen
konnte, wo das Wort überhaupt vorkam.
Wir haben also nur noch die Handschriften auseinander zu
nehmen, die sich der Kontraktion entweder bedienen oder sie meiden.
Wir werden dabei gleich hinzufügen, wie dieselben Handschriften sich
zur Schreibung von äv&gcojiog stellen.
Wir unterscheiden demnach 1. Handschriften, die die beiden
Wörter nicht kürzen und oyf ANOC ANOfCüHOC haben; 2. Hand-
schriften, die nur äv&Qconog kürzen und also oyfANOC ANOC
(oder ANDC etc.) geben; 3. Handschriften, in denen beide Worte
gekürzt werden und in denen daher OyNOC ANOC steht. Daß
ein vierter Fall, Handschriften mit OyNOC ANOf GOHOC, nicht vor-
kommt, gibt zu denken. 1 ) ANOC muß früher nach Ägypten ge-
drungen oder OyNOC dort einem hartnäckigeren Widerstand be-
gegnet sein.
oyf ANOC ANGfCünoc haben von den Papyri 6 und 28,
von den Pergamenten einzelne Hände des Vaticanus (44, und zwar
B 2 * 4 und B l ) und des Sinaiticus (45, und zwar A 1# 2< 3> 4 * 6 ), ferner
Genesis Cottoniana (57), Codex Bezae (67), H der Paulusbriefe (77).
Auch der Lateiner, der Gote, Kopte und Armenier kennen keine
der beiden Kurzformen.
oyfANOC ANOC haben von den Papyri 13 (ANI1C) und
23, von den Pergamenten B 8 des Vaticanus (44) und B 1 , B 2 * 3 - 4 * 5 , C,
D i. 2- 3- 4 des Sinaiticus (45), der Sarravianus (46), Codex N (68),
Guelferbytanus (69), Hs. von Sinope (73), Claromontanus (76), Petrus-
apokalypse (78), Zacynthius (90), wahrscheinlich auch, wenn man nach
Munoz' Tafeln schließen darf, Rossanensis (71).
oyNOC ANOC ist gebraucht in den spätem Papyri 29, 34,
36 und im Sinaiticus (45), wo Hand A 5 schreibt. Ferner im Eph-
raem (48), Alexandrinus (49), in der Wiener Genesis (56), im Mar-
chalianus (65), Guelferbytanus P (70), Laudianus (75) u. s. w.
OyNIOC und enoyNIOC hat von meinen Handschriften
zuerst der Porfirianus (91).
l ) Vgl. oben S. 42.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 101
6. ANefcunoc.
Nicht ohne einiges Bedenken behandle ich an dieser Stelle, also
noch innerhalb der jüdischen Bildungen, die Kurzform für äv$Qcojrog.
Wie nicht zu bezweifeln, verdankt das Wort seine graphische Aus-
zeichnung in letzter Linie einer jüdisch-hellenistischen Vorstellung,
die in den heiligen Schriften am deutlichsten durch die Verbindung
6 vldg xov äv&Qd)7iov zum Ausdruck kommt, einen Titel des Messias,
der ihn als Gottes Sohn bezeichnet. Diese Verbindung aber tritt in
die literarische Erscheinung hauptsächlich erst, oder vielleicht über-
haupt erst, im Neuen Testament. 1 ) So könnte die Kurzform also
auch christlichen Ursprungs sein. Auf der andern Seite gibt es zu
dieser Kurzform einige sehr deutlich hebraisierende Nebenbildungen, 2 )
die ihre Analogie nur an den jüdischen Kurzformen für Jerusalem,
David und Israel finden.
Auch zeigt sich hier wieder der nun schon öfters bei den Kurz-
formen beobachtete Vorgang: die christliche Überlieferung hat bereits
die sakrale Form in einer zu allgemeinen Verwendung zugelassen. Es
steht also nichts im Wege, auf die Kurzform von ovgavol zunächst
die von ävfiocojiog folgen zu lassen.
Über das eigentümliche Verhältnis der Kurzformen von ougavög
und äv&gcojiog zueinander, ist oben S. 100 berichtet worden. Es ist
eben kein kalligraphisches Mot d'ordre ausgegeben worden, das eine
von vornherein bestimmte Menge von Wörtern konsekrierte und kon-
trahierte, sondern während einer langen Entwicklung erwuchs die
Reihe der heiligen Kurzformen aus den verschiedensten Anfängen zu
einer künstlichen und scheinbaren Einheitlichkeit. Dies Leben und
Weben in der Schrift versteht man nur, wenn man es mit analogen
Vorgängen in der Sprachgeschichte vergleicht.
Nachdem so der Einordnung von äv&Qomog als des letzten der
jüdischen Gottesnamen das Wort geredet worden, mag zuvörderst
eine Aufzählung der vorher erwähnten Nebenformen erfolgen. Das
*) Die Forschungen Lietzmanns (Der Menschensohn, Freiburg 1896, und Zur
Menschensohnfrage, Theolog. Arbeiten aus dem Rhein, wissenschaftl. Prediger-Verein,
Neue Folge II) haben hier, glaube ich, volles Licht gebracht; und wo Lietzmann
aufhört, setzt Reitzenstein mit seinem 'Poimandres' (Leipzig 1904) ein.
2 ) Vgl. oben S. 35 und unten S. 102.
102 L. Traube,
heißt: Nebenformen sind sie nur von einem Standpunkte aus, der
die Bildung ANOC als hauptsächliche, allgemein anerkannte be-
reits vor sich hat; es braucht aber kaum gesagt zu werden, daß
Formen wie ANOpnc, ANOpc, ANHC älter sind oder sein können
als ANOC.
ANepno steht in dem christlichen Fragment eines Papyrus-
buches P. Oxy. II n. 210 saec. III (12), dabei ist O unsicher und da-
hinter der Papyrus weggerissen. Wir können also als Nominativ z. B.
sehr gut ANOpnc ansetzen.
ANOpcüN fand ich auf einer Photographie des Psalterium duplex
in Cues 10 [4] fol. 25 v , die ich F. Steffens verdanke. Die Handschrift
ist karolingisch, bewahrt hier aber offenbar sehr Altes, wie der andere
noch jüngere Cusanus, über den gleich zu sprechen ist.
ANHC. Für diese Form haben sich mir mehrere Belege zu-
sammen gefunden. In Ps. 13 (14), 2 hat das Fragment auf Papyrus,
P. Brit. Mus. CCXXX (13):
<)<c> ei< tcon oypANcoN Aiei<y\J/eN eni Toyc
yioyc tcün ANepconcoN
<T>Oy IAIN Gl CCTIN CyNGICON ei<Z<HTGON T>ON
ANJJN ON
Es scheint, daß in diesen Worten AN11N, das der Schreiber
gleich wieder durchstrichen hat, ihm aus dem Ende der vorher-
gehenden Zeile in das Schreibrohr gekommen war. Sonst schreibt
er ANepconOC aus; hier nun entschlüpfte zugleich die alte Form.
ANTJC steht ferner für äv&Qojjie an einer Stelle im Sinaiticus (45) und
zwar, was wichtig scheint, gerade innerhalb des Pastor Hermae ; inner-
halb des Alten und Neuen Testamentes finden sich sonst in dieser
Handschrift nur ANOpCDJlOC und ANOC (vgl. oben S. 100). Doch
entfuhr noch einmal der Hand A3 ANOCON (1 Macc. 9,2V) Es
begegnet schließlich (einmal, wie es scheint) im Psalterium triplex zu
Cues A. 6 saec. X AN HOC neben ÄNpCüN und ANGUN.*)
*) Zu vergleichen ist XN0C in einem Amulett (37). Über ähnliche Gebilde
s. unten S. 126.
*) Vgl. C. Hamann, Programm des Realgymn. d. Johanneums zu Hamburg,
1891, S. 7 und 14. XNTTÖC statt ÄNnc steht bereits unter der Einwirkung von
ANOC.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 103
Die zuletzt angeführte Form ANfCüN mag ein Mißverständnis
für ANncüN sein. Der Schreiber des Cusanus, ein Grieche Johannes
aus Konstantinopel, der etwa am Anfang des 10. Jahrhunderts im
Abendland schrieb, hatte sich an lateinische Art und Schrift so sehr
gewöhnt, daß ihm die Verwechselung von n (graec.) mit P (lat.)
wohl zuzutrauen ist.
Doch kann es auch ANj>C und noch andere Kurzformen von
äv&Q(D7iog gegeben haben. Im Martyrium S. Pionii c. 6 (bei O. v. Geb-
hardt, Ausgewählte Märtyreracten, Berlin 1902, S. 102,5) gibt ägxov
der Handschrift für dv^gconov zu denken.
Über ANOOC vgl. oben S. 102.
AANOC im Psalter des Brit. Mus. auf Papyrus (34) wurde oben
S. 50 und 97 Anm. 3 zu erklären versucht.
Die Suspension AN0jy sei hier angeschlossen. Sie begegnet
auf dem späten Ostrakon CIG. IV 9060 (43) bei der Aufzählung von
Wundern Christi. Bei der Heilung des Mannes am Teiche Bethesda
wird der 'Mann' so gekürzt. Hiermit zu vergleichen ist bei
Crum, Coptic Ostraca, Add. 39, eNANTp'<co^oa?> in den Worten
eines Tropars. Ein gelegentliches AN© für äv&Qcojtov findet sich schon
in dem Berliner Papyrus des Hierokles (saec. II ex. p. Chr.).
Die Hauptform wurde und blieb das vorher erwähnte ANOC.
Es findet sich, wenn die Zeitansätze richtig sind, zuerst in den Resten
eines Papyrusbuches mit Fragmenten des Ezechiel, P. Grenf. In. 5
saec. III (2) Y ,e ANOY als Gottes Anrede an Ezechiel, und in den
^lö>aP.Oxy.In. 1 saec. III (5) TOIC yiOIC TCÜN ANCÜN. Von
da an steht ANOC regelmäßig l ) in allen Handschriften mit Ausnahme
der oben S. 100 aufgezählten.
Eine Weiterbildung wie ANINH 2 ) fand ich zuerst im Propheten-
codex der Chisiana (92), cj>IAANlA zuerst im Porfirianus (91).
*) Womit nur gesagt ist, daß die Kurzform nicht besonders gemieden wurde.
Ausgeschrieben findet sich das Wort dennoch auch in den Handschriften, die die
Kontraktion zulassen, recht oft.
*) Vgl. oben S. 95 über I INIKOC.
104 L. Traube,
7. AAyeiA.
Ich werde hier und in den beiden folgenden Artikeln mit den
griechischen Kurzformen zugleich die lateinischen behandeln, da
sie, unmittelbar aus dem Griechischen übernommen, das Material
nicht unwesentlich ergänzen, zu den lateinischen Nomina sacra aber
deswegen nicht gestellt werden können, weil sie auf lateinischem Ge-
biet in früher Zeit nur ganz ausnahmsweise zur Verwendung kamen.
Daß eine Kurzschreibung für AAyeiA aufkam, erklärt sich
wieder aus messianischen Anschauungen und scheint ursprünglich,
wenn wir die Wortbilder ins Auge fassen, eher vorchristlicher Zeit
anzugehören, als bereits der typologischen Beziehung von David auf
Christus graphischen Ausdruck zu geben.
Zwar fehlt unsern ältesten Zeugen die Kurzform. Wir haben
in dem Fragment aus Matth. 1 P. Oxy. I n. 2 saec. III (3) fünfmal
AAyiA, in dem Psalmenfragment P. Brit. Mus.CCXXX saec. III/IV(13)
AAyeiA und AAyeiT in den Überschriften, in den umfangreichen
Bruchstücken des Hebräerbriefes auf der Rückseite der Liviusepitome
P. Oxy. IV n. 657 saec. IV (19) zweimal AAyeiA, im P. Oxy. II n. 209
saec. IV (24) AAyA; auch in den einzelnen Teilen des Vaticanus (44)
wird AAyeiA (daneben AAyiA) allermeist ausgeschrieben. Aber
wir haben schon oben S. 42 mit der Möglichkeit gerechnet, daß die
Kurzform nicht ägyptischen, sondern etwa syrischen Ursprungs ist. 1 )
Dazu stimmt freilich nicht gut, daß auch Codex Bezae (67) nur aus-
geschriebenes AAyeiA kennt, und auch nicht, daß der Lateiner
— ebensowenig wie der Gote, Kopte und Armenier — eine kontrahierte
Form nicht vorgefunden zu haben scheint. Sonst schreibt von den
späteren Handschriften nur noch der Claromontanus (76) den Namen
aus (AAyeiA).
Seit dem 4. Jahrhundert bürgert sich die Kurzform AAA auch
in Ägypten ein. Vgl. von den Papyri 35 und 36, aus den Perga-
menten die vereinzelten Kurzformen im Vaticanus (44) und den Ge-
brauch der Schreiber A 1 * 2 * 3 * 4 * 6 , A 5 , B l , B 2, 3< 4> 5 und C im Sinai-
ticus (45). Später haben alle Handschriften bis auf die oben aus-
x ) Eine nichtdatierte syrische Inschrift mit AAA Byz. Zeitschrift XIV (1905) 31;
vgl. Mercati ebd. S. 587 und Deissmann, Philologus LXIV 476.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 105
genommenen AAA (vgl. 48, 49, 53, 65, 68, 69, 70, 71, 72, 73, 74,
77, 82, 83, 84, 90, 91).
Wir treffen diese Form als dad auch im Bodleianus der Chronik
des Hieronymus s. IV und im Rehdigeranus der Evangelien aus
Aquileia s. VII. Sie ist gebildet wie I~JAf . Daneben gab es wohl
AIA, das einem TJHf entsprechen würde: wenigstens steht did in
München lat. 6224 s. VII (dem alten von Valerianus geschriebenen
Frisingensis).
Gewöhnlich freilich schreiben die Lateiner seit dem 8. Jahr-
hundert dd. Da dies Bild bei Italienern, Irländern, Spaniern und
Franzosen begegnet, würde man seinen Ursprung gern höher hinauf-
rücken, obgleich in einem ebenso oder ähnlich geformten doppelten d
sich schon andere alte lateinische Bildungen (für diaconi, dilecüssimi,
dixemnt) trafen. Erst das Leipziger Fragment einer griechischen
Psalmenrolle auf Papyrus s. IV (23) zeigte, daß die Voraussetzung
berechtigt war: es gibt neben gelegentlichem AAY^iA häufig in den
Überschriften ein bis dahin aus griechischen Handschriften noch nie
nachgewiesenes AA. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir diese
Form für eine Anlehnung an OC oder vielleicht schon an IC halten
(vgl. oben S. 34).
Vielleicht die älteste Schreibung, die wir freilich nur in dem
nicht sehr alten Psalmenfragment P. Brit. Mus. XXXVII (34) neben
AAyGIA nachweisen können, könnte das stark hebraisierende
AAyA gewesen sein. Ihr entspricht dayd in Paris (Corbie) lat.
13347—49. Über AAyA ohne Oberstrich vgl. S. 104.
8. ICfAHA.
Unter der Voraussetzung, daß das Hinzunehmen der lateinischen
Kurzformen den Sachverhalt kläre, behandle ich auch hier wieder die
griechischen und lateinischen Bildungen, als wären sie gleichberechtigte
Zeugen für die große Mannigfaltigkeit der bis in jüdische Zeit zurück-
reichenden Versuche, das den Gottesnamen bergende Wort 'Iogayk zu
schmücken und zu verhüllen. Aus dieser Absicht folgte die ein-
gehaltene Ordnung von selbst.
Die häufigste und scheinbar älteste griechische, d. h. ägyptische,
Form ist IHA (vgl. oben S. 41); es folgt das viel seltenere (syrische?)
ICA. Zu den Ausnahmen gehören dem Befunde nach ICHA und \f A.
106 L. Traube,
Im Lateinischen war keine bestimmte Form recht anerkannt
oder gar allein herrschend. Im Psalterium der Salaberga finden sich
nebeneinander isrl, isl, tri, isäl, iräl, im Codex regularum aus S. Maximin
in Trier, jetzt München lat. 28118, saec. IX irl, isl, srhl, israh, isrh\ auch
sonst ist eine ähnliche Mannigfaltigkeit nichts Seltenes. Sehr häufig
ist freilich auch im Lateinischen ihl. Wenn auch die ursprünglichere
Orthographie Is{t)rahel (mit h) ist, 1 ) so spiegeln doch offenbar die
meisten der lateinischen Formen durch ihr h vielmehr das griechische H
wieder.
ICfAHA ausgeschrieben 2 ) hat das ältere Fragment der Psalmen
in London (13) und im wesentlichen der Vaticanus (44), ferner immer
P. Amh. I n. 1 (28), Codex Bezae (67) und Petrusevangelium und Apo-
kalypse zu Gizeh (78); ICf AHA begegnet neben 1HA im Propheten-
Codex Chigi (vgl. oben S. 50). Vgl. mit ICf AHA das folgende latei-
nische ISRAHL.
Tsrähl: Lyon 352 saec. VI (neben ist); isral insulare Evangelien
von Lindesfarne saec. VII; die Form ist auch später selten (vgl. unten
unter isfl), dringt aber bis ins Karolingische: Dagulf schreibt israhl,
Pacificus isral (neben isrt); in der Hincmarbibel in Reims (dort 1 und 2)
steht isral (neben isrht).
isrhl: gleichfalls ziemlich selten, Turin (Bobbio) Hofarchiv I. b.
VI 28 saec. VI, Berlin Phill. (Lyon) 1745 saec. VII; Orleans 91 undCassel
(Fulda) Theol. Q. 10 (vgl. unten unter Tri) frühkarolingisch; Laon 38
saec. IX und andere Karolinger; Escorial a. III 5 saec. XI.
isrlh: vgl. unten S. 110.
isrl: eine alte häufige Bildung im Lateinischen, zunächst be-
gegnend in einer Reihe von Uncialen und Halb-Uncialen (Casseler
Hegesipp aus Fulda, Lyon 397, Ambros. C. 73 i., Verona LIII [51],
Hilarius di S. Pietro, Burkhard-Evangel. in Würzburg, Lektionar
l ) Die Form Istrahel ist wohl mit Rönsch, Collectanea philologica, Bremen
1891, S. 245, für einen Latinismus zu halten. Im Griechischen, wo ja freilich zumeist
gekürzt wird, findet sich ICT|>AHA (oder ICTfAHAlTHC) oft in den Papyri magici
(oben S. 40 Anm. 2) und gelegentlich im Codex Bezae (67) und im Vaticanus (44),
vgl. Ranke, Fragmenta versionisAntehieronymianae.Wien 1868, S.29. ICAfAHAGlTHC
begegnet im Sinaiticus (45), vgl. So den, Die Schriften des Neuen Testaments I 1375.
Vgl. unten IV § 5, 2, 6 unter DMS.
s ) lepAMA auf der Bleitafel aus Hadrumetum (38) weist auf ausgeschriebenes
ICfAHA in der Vorlage, vgl. Deissmann, Bibelstudien S. 36.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 107
unter dem Julianus Pomerius in Wolfenbüttel, Vatic. lat. 3281, Biblia
Gregoriana in Cambridge [neben lrt\ f Cantuariensis der Evangelien
zu Oxford), dann in etwas jüngeren Uncialen und Halb-Uncialen (Ash-
burnham Pentateuch, Verona I [1] app., Verona III [3], Verona XV [13],
Sessorianus der Confess. Augustini, Turin E. IV 44, Orleans 16, Prima-
sius Douce 140 in Oxford, Antiphonar von Bangor, Amiatinus),
saec. VIII in Bamberg B. II 17, St. Gallen 11, im Evangeliar des Thomas
in Trier, in München (Regensburg) lat. 14421, und recht verbreitet in
karolingischer Kalligraphie, z. B. in Tours, Reims, Verona. Gelegentlich
trifft man auf hisrl Eine der lat. Kurzform isrl genau entsprechende
koptische beweist, daß ICfA nur zufällig aus griechischen Hand-
schriften bisher nicht nachgewiesen werden konnte.
srhl (ausgeschrieben srahel, ursprünglich wohl straftet) ist häufig
in spanischen Handschriften und darf unter die spanischen Symptome
gerechnet werden. Die frühesten sicheren Beispiele geben wohl das
Orationale Mozarabicum zu Verona und der Cavensis des Danila. Paris
lat. 12205 saec.VII/VIII, aber auch Harleianus 1775 saec. VI, die beide
so haben, sind darnach zu beurteilen. Im Codex regularüm München
(Trier) lat. 28118 saec. IX steht neben irl, isl, israh, isrh (vgl. oben
S. 106) auch srhl, aber nur in der Doctrina Orsiesii und der Regula
Fructuosi, wo spanische Vorlagen benützt wurden (vgl. Quellen und
Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters I 3 p. VIII).
srl: obgleich ich diese Kurzform in sicher spanischen Handschriften
nur seltener nachweisen kann als srhl (das älteste Beispiel steht im
alten Ovetensis Escor. R. II 18), so müssen Handschriften, deren Ent-
stehungsort nicht feststeht, sobald sie srl bieten, auch ihrerseits auf
spanischen Ursprung hin geprüft werden, wie das ziemlich späte
Fragment in Unciale Ambros. D. 84 i. und die wichtige Handschrift
Rom Reg. 2077 saec. VI, wo aber auch isrl vorkommt. Freilich hat
auch eine in Torre di Cappella bei Neapel gefundene Grabschrift
vielleicht aus dem 9. Jahrhundert srl (Capasso, Monumenta ad Nea-
politani ducatus historiam pertinentia II 2 p. 235).
isäl: Psalterium Salabergae (Berlin, Hamilton 553, vgl. oben
S. 106), München (Regensburg) lat. 14470 saec. IX (hier neben isahl
und ist).
ICHA steht neben IHA in der Wiener Genesis (56) und zwar
fol. XII, XXI (hier kaum zu erkennen) und XXIV v ; im Sinaiticus (45)
108 L. Traube,
begegnet dieselbe Schreibung neben der dort gewöhnlicheren IHA
und ICA, wo A 1, *' 3# *• 6 , A ö und B 2, 3 * 4 " 5 tätig sind; einmal wird
dort auch IHA zu ICHA verbessert. Aus koptischen Handschriften ist
ICH\ zu belegen. Das wohl mit ICHA zu verbindende ishl ist nicht
ganz selten in vorkarolingischen Handschriften, z. B. Wien 587,
Trier 36, Vatic. lat. 4938, Durham B. II 30, Oxford lat. th. d. 3, Peters-
burg (Corbie) 199 (Augustini retractationes), Barb. (Farfa) XIV 52,
Einsiedeln 27.
isahl: vgl. isal.
ICA schreibt im Vaticanus (44) die Hand B l , einige Male B *• * und
öfters B 3 , wo einmal auch IHA steht. Sonst herrscht dort, wie gesagt,
iCf AHA. Im Sinaiticus (45) begegnet ICÄ neben ICf AHA, ICHA und
IHA; meist überwiegt es sogar. Im Ephraem rescriptus (48), Alexandrinus
(49), Marchalianus (65), Fragmenta Tischendorf iana (82), T(84) wechseln
IHA und ICA. Sonst ist ICA, wie es scheint, allein überliefert im Guel-
ferbytanus Q (69), im Propheten-Palimpsest zu Dublin s.VI (66), im
Fragment aus Aquilas Übersetzung der Bücher der Könige (vgl. oben
S. 41), im Johannes-Fragment P. Rainer 8020 (88). Dazu kommen
nun die lateinischen Zeugnisse für Tsl im Palimpsest Vatic. lat. 3281,
Ambros. C. 39 i. und Lyon 352 (neben Ural) aus dem 6. Jahrhundert,
im Rehdigeranus (neben zweimaligem Ihl) und Frisingensis der Evan-
gelien s.VII, neben andern Formen im Psalterium Salabergae (vgl.
oben S. 106) und auch noch in karolingischer Zeit, z. B. München
(Regensburg) lat. 14470 und Zürich (Rheinau) XXXIV (neben isrl);
vgl. ferner die Zeugnisse für die koptische Form IC\ unten
Kap. V § 1.
Trhl steht neben israhel in der Unciale der Bücher der Könige
Verona II [2] s.VI, neben isfl und Tri in Zürich (Rheinau) XCIX a , neben
Tshl im Barb. (Farfa) XIV 52.
IfX läßt sich nur erschließen aus dem Itacismus HfX im oben
unter ICA erwähnten Codex aus Grottaferrata s. VII (84) und im Psal-
terium graeco-lat. Cues A. 6 saec. X. Als Tri begegnet es einmal in Biblia
Gregoriana (neben isrl), im Psalterium Salabergae (vgl. oben S. 106),
im frühkarolingischen Teil von Amiens 9 und im etwa gleichzeitigen
Metz 7 (wo es zu Isfl verbessert wird), sowie neben isrl, isrhl und
israt in Cassel (Fulda) Q. 10, einer französischen Handschrift s. VIII;
karolingische Schreiber verwerten es z. B. in Reims 384, Laon 328,
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 109
München (Regensburg) lat. 14470, (Tegernsee) lat. 18168, (Salzburg)
lat. 15813 (neben isrl), Zürich (Rheinau) XCIX a (neben isrl und Trht).
IAHA im Alexandrinus (49), neben gewöhnlichem IHA und ICA,
ist wohl nur ein Versehen.
IHA geben als Kurzform folgende Handschriften: Philo-Papyrus
in Paris (7), Leipziger Psalmen auf Papyrus (23), Codex Sinaiticus
(45, neben ICfAHA, ICHA, ICA), Codex Sarravianus (46), Codex
Ephr. rescr. (48, neben ICA), Codex Alexandrinus (49, neben ICA),
Wiener Genesis (56, neben ICHA), Genesis Cottoniana (57), Frag-
menta Num. (63), P. Amh. II n. 191 (30), Codex Marchalianus (65,
neben ICA), Codex purpureus der Evangelien N (68), Codex Carolinus
der Evangelien P (70), Codex Rossanensis (71), Evangelien-Palimpsest
in Dublin (72), Matth. aus Sinope (73), Nitriensis (74), Laudianus (75),
Claromontanus (76), Psalter. P. Brit. Mus. (34), Paris Coisl. gr. 1 (79),
Codex Tischendorfianus II (81), Fragm. Regum (82, neben ICA),
Psalter. Turicense (83), Propheten-Codex zu Grottaferrata (84, neben
ICA und HfA), Palimpsest des Jesaias (85), P. Heid. 1 (36), Codex
Zacynthius (90), Genesis Bodleiana 1 ) s.VIII/IX, Codex Porfirianus (91),
Codex Chisianus (92, neben ICfAHA). Von lateinischen Hand-
schriften kommen folgende hinzu, die ihl bieten: Rehdigeranus aus
Aquileia s. VII (neben ist), Verona II [2] in der Cursive des
Ezechiel s. VII, Verona VII [7], Verona LV [53] in der oberen
Schrift, Rom Barb. (Settignano) XIV 44 (neben isrhl), Novara LI,
Sessorianus LXXIV und XCIV, Sessorianus XCVI (neben irl), Wien
1188 (benevent), Montecassino 64 (benevent), Ivrea XCVII; ferner
Lyon 517 s. VI/VII, Schlettstadt 1 (Unciale), Chartres 41 (3, früh-
karolingisch), London Cott. Nero A. II ff. (festländisch s. VIII/IX) ; aber
auch z. B. der Ire Diarmait schreibt Ihl neben isrl. Im Koptischen
ist IHK die häufigste Kurzform von ICP3LHX.
ICA (statt IHA) hat sich Luc. 1, 16 im Codex Ephr. rescr. (48)
eingeschlichen.
IHCA und IAHA, vereinzelte Formen des Sinaiticus (45), sind
wohl für ICHA verschrieben. Unverständlich ist die gelegentliche
Mißbildung IAH im Alexandrinus (49).
x ) Vgl. unten § 6.
HO L. Traube,
Es schien gut, hier die Suspensionen anzuhängen, die im Latei-
nischen vorkommen.
israh: München (Trier) lat. 28118, vgl. oben S. 107 unter srhl.
isrlh: eigentümliche Bildung in Montpellier 362 und St. Omer 91
saec. IX.
isrh: Turin (Bobbio) Hofarchiv I. b. VI 28 saec. VI neben isrhl,
München (Freising) lat. 6298 (insular), München (Trier) lat. 28118,
München (Salzburg) lat. 15818 s. IX, Darmstadt 789 s. XI.
9. IGfOyCAAHM.
Auch hier lege ich die Formen der griechischen und lateinischen
Kalligraphie in einer Art systematischer Anordnung vor, die freilich
der geschichtlichen Entwickelung schon deshalb nicht entsprechen
kann, weil offenbar der Einfluß verschiedener Schulen sich kreuzt
und gegenseitig durchdringt. Bei den lateinischen Formen ist darauf
zu achten, daß die Kontraktionen zum Teil erst aus den Suspensionen
gewonnen sind. Diese selbst folgen am Schluß. Bedeutsam ist,
daß nur %govoalijju, niemals 'IegoooXvfxa kontrahiert wird; vgl. oben
S. 36.
lepoyCAAHM findet sich fast immer ausgeschrieben im Vati-
canus (44) s. IV (vgl. IAHM und lAM), im Codex Bezae (67) und in
den Petrus-Fragmenten der Handschriften zu Gizeh (78); auch der
P. Grenf. I n. 6 (58) scheint die Kurzform gemieden zu haben.
Eigentümlich sind die Verderbnisse, die in zwei Handschriften
das Wort betroffen haben. P. Amh. I n. 1 saec. V/VI (28) scheint zwar
die Kontraktion IAHM zu kennen, in der 5. Kolumne aber steht
v. 5 und 6: H
lOyCA HAM
und in derselben Kolumne v. 23 und 24 ist das Richtige auch erst
nachträglich hergestellt worden. In der Psalmenübersetzung des Aquila
aus Kairo s.VI (oben S. 41) glaubt man in Ps. 102,22 zu lesen:
lOyCAAM
vgl. die Ausgabe von Taylor p. 82. : ) Mir scheinen hier ältere jüdische
Kurzformen durchzuleuchten, die dem Wort seine bestimmte messia-
nische Bedeutung verliehen.
') Vgl. unten im V. Kap. § 1 IP2LII unter den koptischen Kurzformen.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. l\\
Hier ordnen sich die lateinischen Gebilde ein.
hieraslm: Unciale aus Settignano Barb. XIV 44 neben hiersim.
irshtm: Barb. XIV 52 aus Farfa neben hyrhtm und irhlm.
hirsim: auch wieder italienisch im Sessorianus LXXIV, aber auch
im Isidor aus St. Hubert neben hrstm und ihrslm.
ihrstm ist, wie srht, eines der spanischen Symptome. 1 ) Ältester
Beleg ist mir auch hier das Orationale Mozarabicum Verona LXXXIX.
Daß Lyon 430 [356], Libri Esdre et Machabeorum et Hester s. IX,
diese Form aufweist, ist charakteristisch für die Stellung Lyons in der
Überlieferungsgeschichte. Auch die Doctrina Orsiesii im Codex regu-
larum (vgl. oben S. 107) hat fol. 50, wie zu erwarten, die spanische
Form. Gleichfalls aus der Vorlage stammt sie in den Origines des Isidor
aus St. Hubert, wo neben ihr noch hrstm und hirstm erscheinen.
hiertm: im 9. Jahrhundert in Bern 233 (französisch?), Rom
Sessor. XCVI (italienisch?), München (Freising) lat. 6223, Zürich
(Rheinau) XCIX a .
hirtem, kirim, hrtm stehen neben verschiedenen Suspensionen
in München (Regensburg) lat. .14470.
hirtm findet sich neben irim und ihrtm in der Apokalypse
Cassel (Fulda) O. 5 saec.VIII.
hrtm hat außer der eben genannten Regensburger Handschrift
der italienische Sessorianus XCIV.
hyrhtm: vgl. darüber unter irshtm.
ihrtm steht im Cavensis des Danila, in der Fuldaer Apokalypse
s. VIII (neben hirtm und irtm), in Rom (Farfa) Barb. XIV52 (hier
wird aber neben irshtm und hyrhtm vielmehr irhtm geschrieben), in
der deutschen Insulare München lat. 14096.
IGAHM kennt neben mehreren andern Formen (vgl. unter 1AHM)
der Sinaiticus (45); der Sarravianus (46) verwandelt die von ihm neben
IHM gebrauchten Formen 1GAM und IAM öfters in IGAHR Die-
selbe Form kommt auch im Koptischen vor.
IGHAH im Sinaiticus (45, vgl. IAHM) läßt sich vielleicht als das
Ergebnis einer falschen Verbesserung verstehen (vgl. IGAHM und
IHAM).
a ) Vgl. oben S. 107.
112 L. Traube,
IGAM findet sich im Sinaiticus (45, vgl. IAHM), im Sarravianus
(46, vgl. "IHM, IGAHM und TÄM) und in koptischen Handschriften.
ICHM: einmal im Sinaiticus (45, vgl. IAHM).
IAHM: man darf diese Form als die eigentlich ägyptische be-
zeichnen. Die Zeugen sind von den Papyri 23, 28, 35 und 36 ; ferner
Vaticanus (44, neben IGfOyCAAHM und IAM), Sinaiticus (45, neben
IGfOyCAAHM, ICHM, IGAHM, IGHAM, IGÄFT, IHAM, IAGM,
IAM, IHM), Codex Ephr. rescr. (48), Alexandrinus (49, neben IHAM
und IHM), Petersburger Palimpsest (54), P. Amh. I n. 8 (59), Marcha-
lianus (65), Jesaias in Dublin (66), Ew. Purpureus N (68, neben IHM
und IHAM), Guelferbyt. Q (69, neben IHAM), Guelferbyt. P (70),
Ew. Nitriensis (74), Laudianus (75); im 7. Jahrhundert und später
herrscht IAHM allein (vgl. 81, 83, 84, 85, 90, 91, 92, 93).
IAGM begegnet einmal im Sinaiticus (45, vgl. IAHM).
IHAM (vgl. IGHAM und koptisches IHMffl) : so haben einzelne
Hände im Sinaiticus (45, vgl. IAHM) immer oder überwiegend; ge-
legentlich kommt die Form vor im Purpureus N (68, vgl. IHM),
im Guelferbyt. Q (69, neben IAHM), im Psalterium triplex in Cues A. 6
saec. X (vgl. IAM). Sie erhielt sich in koptischen Handschriften.
IAM: Vaticanus (44, vgl. IAHM), Sinaiticus (45, vgl. IAHM),
Sarravianus (46, vgl. 1GAM und IHM); das eben unter IHAM er-
wähnte Psalterium Cusanum hat HAM. Dazu kommt Um Autun 24
s. VI — VII (in der Halb-Unciale über dem juristischen Kommentar, den
Chatelain entdeckt hat).
htm (vgl. HAM unter IAM) bietet der Rehdigeranus aus Aquileia
s. VII.
IHM ist nach IAHM die häufigste Schreibung; da sie im Ar-
menischen fortwirkt, dürfte sie auch in Konstantinopel verbreitet ge-
wesen sein; sie findet sich in folgenden Handschriften: im Sinaiticus
(45, vgl. IAHM), im Sarravianus (46, neben leAHM, IGAM, TÄM),
im Purpureus N (68, neben TÄHM und IHAM), Rossanensis (71),
Claromontanus (76). Sie ist auch im Koptischen gebräuchlich.
ieü wird von Rahlfs aus dem Koptischen nachgewiesen.
Von lateinischen Suspensionen seien hier folgende angeschlossen:
hierusat: München (Regensburg) lat. 14470.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. U3
hierosot entspricht bisweilen in der irischen Handschrift St.
Gallen 48 dem IAHM des griechischen Textes, wobei %qooökvfia
(Hierosolyma) eingewirkt hat.
hiemst in der französischen Handschrift Cassel (Fulda) Theol.
Q. 10 s.VIII neben hierl.
hierus im karolingischen Rohan-Evangeliar Paris lat. 9451.
hierul: Merseburg 83 s.IX.
hiersl: München (Regensburg) lat. 14421 s.VIII und (Tegernsee)
lat. 18168 s.IX.
hierl: Cassel (Fulda) Theol. Q. 10 s.VIII, Wien 1370 s.IX (fran-
zösisch), Zürich (Rheinau) XCIX a neben hierlm.
hirl: München (Regensburg) lat. 14470 (vgl. hirtem).
Anhangsweise folge die Mischform:
hieriüsm aus dem Alcvin Zürich (Rheinau) CIV.
10. 11. IHCOyc XfICTOC.
Es gibt wohl keine griechische Handschrift, die die Namen des
Gottessohnes mit vollen Buchstaben böte. Kommt einmal ein aus-
geschriebenes IHCOyc vor, so kann man meist ganz leicht die Ab-
sicht oder das Versehen nachweisen. Gewöhnlich ist in solchen
Fällen nicht Jesus Christus, sondern ein Homonym gemeint. So
steht auf der Statue des Hippolytus s. III (39) innerhalb des Oster-
zyklus: rCNCCIC xy und JIAGOC xy, wo aber Josua gemeint
ist, zweimal IHCOyc. Ebenso wird man in den alten Handschriften
der Bibel IC (für 'Irjoovg Xgiorog) und IHCOyc unterschieden finden.
Selten sind die Fälle, wo IC, wie im Sarravianus (46), Marchalianus (65)
oder im Tischendorfianus II zu Leipzig (81), für Josua gesetzt wird.
Dem Alexandrinus (49) sind nur 2 IC (bezw. iy) für Josua ent-
schlüpft. Im Vaticanus (44) hat Hand B 3 5 falsche IC für Jesus Sirach;
die Absicht des Schreibers B 1 erkennt man leicht, wenn man die
Häufigkeit der Formen einander gegenüberstellt, die er für Josua
verwendet:
7 IHC (vgl. darüber unten S. 114)
13 IC
168 IHCOyc.
Gar nichts besagt es dagegen, wenn B 2 und B 4 , die IC XC an un-
gezählten Stellen für Jesus Christus gebrauchen, dreimal ihn auch
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 8
114 L. Traube,
IHCOyc schreiben. Auch im Sinaiticus (45) findet sich ein solch
verlorenes IHCOyN; Codex H (77) hat ein ebenso unrechtmäßiges
sakrales XfICTCü.
Wenn nun aber alle unsere Handschriften ohne Ausnahme da,
wo es sich um Nomina sacra handelt, die kontrahierte Form schreiben,
wenn sie ferner, wie die Handbücher der Paläographie lehren, in der
von ihnen gewählten Kurzform übereinstimmen und nur IC XC an-
erkennen, so folgt weiter, in wie früher Zeit die christliche Kalli-
graphie, dem jüdischen Vorbild folgend, die beiden Wörter ein-
gerichtet hat. 1 )
Diese Folgerung bleibt auch bestehen, wenn es sich bei näherem
Zusehen herausstellen sollte, daß die Bildung sich nicht so einspruchs-
los durchgesetzt hat, wie es auf den ersten Blick erscheint. Es gab
in der Tat ursprünglich eine Nebenbildung. Den Kurzformen IC
XC, die sich offensichtlich an QC und \<C anlehnen, stehen die
Kurzformen IHC XfC gegenüber.
Wir ordnen die Zeugnisse. IHC Xfc fand der Lateiner vor
und bietet ausnahmslos der Codex Bezae (67). Auf einer syrischen
Inschrift steht IHC (Revue bened. XXII, 1905, S. 440).
In Ägypten herrschte IC XC (vgl. von den Papyri 3, 5, 19, 23,
25, 26, 32); doch findet sich auch IHC und IHN (vgl. von den
Papyri 4, 6, 10 und vielleicht 12) und einmal IHy XfY ( 24 )- Auch
die koptischen Handschriften, wie der frühen, so noch der spätesten
Zeit, kennen beide Formen (vgl. z. B. Mitteilungen aus den Papyrus
Erzherzog Rainer V116 und 24 ff.; Crum, Coptic Manuscripts p. 4;
Göttinger Nachrichten 1898 S. 169 ff.; 1899 S. 92 Anm. 6). Auf einem
griechischen Amulett aus Ägypten s. VI fand Wessely (Denkschriften
der Wiener Akademie XLII, 1893, S. 69) XfY neben TÖy XOy.
Von den alten Pergamenten zeigen noch die ältesten und wahr-
scheinlich ägyptischen Vaticanus (44) und Sinaiticus (45) ein leises
Schwanken: B 3 (44) hat im Daniel einmal Xfy u nd B 1 für Josua
(vgl. oben S. 113) 7 IHC; A« (45) hat im Barnabas 1 Xfy, A 5 in der
Apoc. 29, 20 sq. 1 IHy und 1 IHN und Rom. 7, 4 1 Xfy, C hat
1 IHC yioc ICÜCCACK.
*) Vgl. oben S. 43.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. H5
Von den bilinguen Texten hat Codex Bezae (67), wie wir sahen,
nur IHC XfC, Laudianus (75) und Claromontanus (76) kennen nur
IC XC. Auf die jüngeren bilinguen Boernerianus s. IX und Augiensis
s. IX, die ausschließlich oder gelegentlich IHC XfC schreiben, mag
das Lateinische eingewirkt haben, eine Annahme, die für die älteren
bilinguen Codices weniger wahrscheinlich ist. Der Ire Martinus in
Laon 444 s. IX schreibt bald XC, bald XfC.
Wir haben oben (S: 4) die literarischen Zeugnisse für eine
Kurzform von 'Itjoovg kennen gelernt, die mit den christlichen Kon-
traktionen nichts zu tun hat: es ist 1H. Mir scheint es nicht fraglich,
daß IH eine Nachbildung von >ß ist.
Daß wieder für Xqioxög so früh dies Zeichen gebraucht wurde, das
aus der Verschränkung der beiden ersten Buchstaben bestand, hat
seinen Grund darin, daß eine derartige Buchstabenverbindung als
Vertreter verschiedener mit X und f beginnender Wörter im grie-
chischen Schriftwesen bereits eingebürgert war. Sie begegnet als
sehr altes Zeichen für xgövog und xQrjotjuov. 1 ) Schon in vorkonstan-
tinischer Zeit wurde nun
teils in absolutem Gebrauch zur Andeutung des christlichen Bekennt-
nisses, teils in grammatischer Konstruktion zur bestimmten Bezeich-
nung eines Kasus von Xgiorog angewandt. In dem zweiten Fall ist
es paläographisch betrachtet eine Suspension, für die auch gelegent-
lich die Buchstabenelemente nebeneinander gestellt werden (Xf).
Wir finden so zu Rom in der Priscilla-Katakombe aus dem 3. Jahr-
hundert COI AOXA CN >g (Rossi, Bullert, di arch. crist. IV 6, 31).
Es scheint, als habe dies Zeichen >ß eine Kurzform für 'Ljoovg
gleichfalls schon recht früh hervorgerufen. Man schrieb HH, wie ich
dies Gebilde auffassen möchte, als ein Iota inmitten eines Eta, 2 ) oder
nebeneinander IH. Die epigraphischen Zeugnisse aus Rom stehen
J ) Von der hieroglyphischen crux ansata (= Leben) kann hier abgesehen
werden. Dagegen hat man im Mittelalter öfters auf den Zusammenhang mit dem
Chresimon (Chrismon) hingewiesen. Vgl. z. B. Hraban. Maurus ed. Migne CVII 237
und die Handschrift der Orthographie des Alcvin St. Gallen 249 s. IX bei Keil, Gram-
matici lat. VII 312, 24.
*) Gewöhnlich nimmt man an, Iota stände neben Eta und werde von dem
Mittelstrich des Eta erreicht.
8*
116 L. Traube,
bei Rossi, Bullett. di arch. crist. IV 6, 30 sqq. undV3, 77. Unverbunden
findet sich z. B. auf einem römischen Cömeterialstein (ebd. IV 6, 36) :
eN Th xf.
Die ältesten christlichen Kalligraphen sind nun, als sie die Worte
'Irjoovg Xgiarog der altern Reihe angleichen wollten, an deren Spitze
OC und KC standen, entweder bei genauer Nachbildung der jüdischen
Formen auf IC XC verfallen, oder sie haben das vorhandene 1H
Xf zu IHC XfC weitergebildet.
Fortgepflanzt findet man die alten Formen IH und Xf z. B. im
unkalligraphischen Gebrauch der Zauberpapyri (oben S. 40) und
Amulette (oben S. 64 f.), dann wieder bei den lateinischen Schreibern
in Afrika. 1 ) Den Übergang von der Suspension zur Kontraktion ver-
anschaulichen Inschriften, wie die sizilischen (vgl. Kaibel, Inscr. n. 524,
und Führer, Sicilia sotterr. S. 142) mit dem Gebilde
*C.
12. yioc.
Vielleicht unter den ersten echt christlichen Kurzformen wurde
yc für yiOO) m die biblische Kalligraphie aufgenommen. Es
gehört zu IC und XC, wie diese Bildungen zu 0C und KC ge-
hören. Getragen wurde es von den Gefügen yc ey, yc ANOy,
yc AAA. Daß es bald, nachlässig gesetzt, auch in solche Stellen
eindrang, wo nicht von Christus und nur ganz allgemein von einem
Sohn die Rede war, braucht nach dem, was sich z. B. von der Kurz-
form für jiarrjg ergab, kaum noch hervorgehoben zu werden. Doch
besteht ein Unterschied: bis zur Pluralbildung scheint man bei vlög
nie vorgeschritten zu sein, und hierin mag das verschiedene Alter
der beiden Formen sich wiederspiegeln.
Der Gebrauch der einzelnen Handschriften ist längst noch nicht
ordentlich geprüft worden. Für unsere Zwecke genügt Folgendes.
Durchweg ausgeschrieben findet sich yiOC in den Leipziger
Psalmen auf Papyrus s. IV (23); von Papyri vgl. ferner 2, 5, 13, 18, 19,
22, 28. Im Vaticanus (44) hat nur Hand B 3 ein einmaliges yc
aufzuweisen; im Sinaiticus (45) entschlüpfen nur den Händen A 1, 2 * 3< 4# 6 ,
J ) Vgl. unten Kap. V § 3.
2 ) Die Zeichen der Diärese über y oder yi, die in einem Teil der alten
Handschriften sehr geläufig sind, lasse ich aus typographischen Gründen weg.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. H7
A 5 , C und D 1 ' 2 * 3 ** ganz gelegentlich kontrahierte Formen; Ephr.
rescr. (48) hat im Alten Testament yiOC, im Neuen yc etc.;
ebenso etwa der Alexandrinus (49): im Neuen Testament ist dabei
yc etc. meist sakral; im Jesaias-Palimpsest zu Dublin (66), im Codex
Bezae (67), im Laudianus (75) und im Claromontanus (76) steht
stets yiOC; ebenso in den Petrus-Stücken zu Gizeh (78). In einem
Teil dieser Handschriften wäre übrigens nur für yc mit nicht sakralem
Sinne Platz gewesen. Man kann also diesen Teil auch unter die-
jenigen Handschriften rechnen, die die Kurzform nur dort setzen,
wo sie ursprünglich am Platze war.
Zu diesen gehören Ephraem rescriptus (48, vgl. oben), Codex
Alexandrinus (49, vgl. oben), die beiden Guelferbytani (69 und 70),
der Matthäus-Palimpsest in Dublin (72) ; vgl. auch 74 und 83. Hier
ist überall nur yc ey und yc ANOy oder derartiges wie
TGXeTAI AC yR (Matth. 1, 21) durch die Kurzform ausgedrückt.
Es werden gewiß noch andere Schreiber diese natürliche Unter-
scheidung befolgt haben.
Von Einzelbelegen seien noch folgende festgehalten: yie
ANOy aus P. Grenf. I n. 5 saec. III (2, in der Anrede an Ezechiel),
aus dem Papyrusbuch mit dem Anfang von Matthäus P. Oxy. I n. 2
saec. III (3) BißAOC reNccecoc Ty xy yy AAyiA, aus
den Logia P. Oxy. I n. 1 saec. III (5) yiOIC TGON ANCüH aus
dem Fragment des Römerbriefes P. Oxy. II n. 209 saec. IV (24)
yy ey. Der Philo-Papyrus (7) erweist seinen christlichen Ur-
sprung durch den fortwährenden Gebrauch von yc etc.
Mißgestaltungen hat der Schreiber A 5 des Sinaiticus (45) sich
zu Schulden kommen lassen : er schreibt je einmal yyco
und yey.
13. CCüTHf.
Wie yc zu IC und XC, gehört CHJ', die Kurzform von oaoxrJQ,
zu I IHf. Die Deklination ist dem Vorbild entsprechend: CHf, CfC,
Cfl, cfÄ.i) Als Ausnahme wäre einzig COC statt cpc auf einem
>) In unsern Paläographien haben sich, infolge eines ungeschickten Vermerkes
von Tischendorf, bei der Behandlung von ooixr}Q und axavgös Irrtümer festgesetzt, die
ich hier stillschweigend berichtige; nur der Porfirianus (91) scheint den Genetiv
cpOC neben häufigerem C|'C zugelassen zu haben.
118 L. Traube,
wieder verloren gegangenen ägyptischen Amulett s. VI anzusehen,
falls die Lesung ganz sicher stände (37, vgl. Wilcken, Archiv f. Papyrus-
forschung I 431). In koptischen Handschriften begegnet neben CHP
auch CP und vor allem CUIP; es ist noch nicht bemerkt worden,
daß Schreiber C des Sinaiticus (45) auch 1 CCüf hat; ein anderer
gekürzter Nominativ findet sich in der Handschrift sonst überhaupt
nicht.
Für das Alter der Bildung haben wir ein indirektes Zeugnis,
das um so mehr zustatten kommt, als auf den älteren Papyri das
Wort weder ausgeschrieben, noch gekürzt begegnet. Codex Alexan-
dras (49) hat 3 Mac. 6, 32 Of A statt CfA und 3 Mac. 7, 16 COI
statt Cfl. 1 ) Die Kurzform stand also bereits in der Vorlage.
Die Verbreitung war ganz allgemein; nur der Vaticanus (44),
Codex Bezae (67) und Claromontanus (76) schreiben CCDTHf immer
aus. Auch die verschiedenen Hände des Sinaiticus (45) schrecken
im allgemeinen vor der Kontraktion des Wortes zurück. Gebraucht
wurde sie bald nach der Einführung überall, wo eine Beziehung auf Gott
und Christus herausgelesen werden konnte. Ihr eigentliches Feld
war aber und blieb das Neue Testament. Bekannt ist sie noch
dem Hrabanus Maurus (Migne, Patrol. lat. CVII 238).
Vom Dativ Cfl weiter gebildet, findet sich zuerst im Propheten-
Codex zu Grottaferrata s. VII (84) CflA, CflAN und CflON, in den
Hamburger Fragmenten s. VIII (93) CflA und CflAN."
14. CTAyfOC.
Sicher auf christlicher Erfindung beruht die Kontraktion von
oxavQog. Ein leicht zu benutzendes Vorbild war nicht vorhanden;
OY^OC oder ANDC mag eingewirkt haben. Wenn aber eine
ganz feste Kurzform nicht zustande kam, so kann dabei auch die
späte Einführung der Kontraktion beteiligt sein. Zusammen mit der
Kurzform des Substantivs (oravgog) tritt die des Verbs {oxavQovv) auf.
Doch kennt z. B. der Sinaiticus (45) nur Kontraktionen des Verbs,
der Alexandrinus (49) nur solche des Substantivs.
Vorgekommen sind mir sechs verschiedene Formen. 2 )
l ) An der ersten Stelle läßt Vaticanus (44) das Wort aus, an der zweiten
bietet er eine Verderbnis.
') Vgl. die Vorbemerkung zu öamfe oben S. 117 Anm. 1.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. H9
CTfC: in einem theologischen Fragment P. Oxy. III n. 406
saec. III (11) liest man ecTfNOC xc, im Sinaiticus*) (45, Hand
D*, Marc. 15, 15 = Tischendorfs Facsimile IV 28, 4) INA CTfGH, im
Codex Bezae*) (67) TOy CTff (Marc. 15,30 und 32), TON
CTfN (Marc. 8, 34) und CTf N (= ozavQcooov) AyTON (Marc. 15, 13),
im Evangelistarium Barberinum s. VII (87, Joh. 19, 25) TCO CTfCU.
CTfOC: dies ist die gewöhnliche mittelalterliche Form, für die
meinen ältesten Beleg der Codex Porfirianus (91) s. VIII/IX gibt. Der
Genetiv ist dann also otqov, nicht anqv.
C£C: diese künstliche Ligatur, bei der das im Schaft durch-
strichene f zugleich das Kreuz und das Monogramm Christi an-
deutet, 3 ) findet sich im P. Rainer n. 8025 saec. IV/V(25) TOy Cfy
(Marc. 15, 30). In den Atti della R. Accademia delle Scienze di
Torino XXXI (1895—96) 919 führt F. Rossi ein von ihm in kop-
tischen Handschriften gefundenes Benediktionszeichen auf eben diese
Ligatur zurück.
C-POC: dieselbe, nur etwas erweiterte Ligatur bietet der Sinai-
ticus^45, Hand A ö , Apoc. 11,8 = Tischendorfs Facsimile IV 130, 3)
ecpcÖGH (zwischen CO und O fällt Zeilenschluß) und eine kop-
tische Handschrift in Paris 4 ) s.VII in ihren griechischen Bestandteilen
C£ON 4>ej> GIN (Luc. 23, 26) und eCfCÖCAN (Luc. 24, 20). 5 )
CfOC ist die Kontraktion des Alexandrinus (49), der Cfoy
(Matth. 27, 42; 1 Cor. 1,18; Galat. 5, 11) und CfCü (Galat. 6, 12) auf-
weist; der Akkusativ CfON findet sich in der Homilie s.V unter
dem Georgischen Text (60).
CTC: auf diese Grundform führen zwei Stellen im Codex
Bezae (67): INA CTH (oTavQwtifj Marc. 15, 15) und CTN (oravgcoaor)
AyTON (Marc. 15, 14).
*) Die andere Stelle, wo der Sinaiticus kontrahiert, vgl. unter C_pOC.
*) Codex Bezae kontrahiert nur im Ev. Marc; vgl. die andern Stellen unter
CTC.
s ) Vgl. oben S. 13 f. über die ligierten Kürzungen von xqovo? und rgöjtog.
*) Vgl. über sie unten S. 127, wo die späteren Neubildungen behandelt werden,
bei ßaauevg.
5 ) Ähnliche Gebilde sind irn Koptischen nicht selten. Weyh weist mir sie
nach im Brucianus s.V der Pistis Sophia (ed. Schmidt-Petermann S. 357, 15), in der
Handschrift der Cyprianuslegende (ed. Lemm S. 22) u. ö.
120 L. Traube,
Bemerkenswert ist, daß der Vaticanus (44) wie auch einzelne
Hände des Sinaiticus (45) keinerlei Kurzform für das Substantiv zu-
lassen; auch in dem Bruchstück des Hebräerbriefes P. Oxy. IV n. 657
(19) steht ausgeschrieben CTAypON.
15. MHTHp.
Wir schließen die Reihe der Nomina sacra mit der Behandlung
desjenigen Wortes, das aus dem Rahmen der bisher behandelten
gänzlich herauszufallen scheint. Hört man von einer Kurzform für
MttiQ, so wird man zunächst geneigt sein, sie für eine inhaltsleere
Angleichung an die Kurzform für nm-qq zu halten. Findet man bei
näherem Zusehen, daß auch diese Kontraktion (wie die von naxrjQ,
nvevjua, ovgavög, äv&Qcojzog) von einigen Schreibern nicht anerkannt
wurde, so kann man dadurch ebensowohl in der ursprünglichen
Annahme bestärkt werden — denn in der heiligen Reihe mußte ein
beziehungsloses Wort befremden — , als auch zu der feineren und
vielleicht richtigeren Ansicht gelangen, daß hier eine Angleichung
höherer Art vorliege. Die Forschungen Useners 1 ) und Dieterichs 2 )
haben das Verständnis erschlossen für eine Heiligkeit der jurjtrjQ, die
älter ist, als die der fteoroxog und zusammenfällt mit der Personi-
fikation der göttlichen Weisheit und der Kirche. 3 )
Je weniger in den kanonischen Büchern von dieser heiligen
Mutter zu finden war, um so mehr mochte ein Schreiber, der in einer
solchen Vorstellung lebte, sich aufgelegt fühlen, sie in die heiligen
Texte hineinzutragen und dem Flf und yc ein Mf oder dem HHp
ein MHf an die Seite zu stellen. Diese neue Bildung wurde zu-
nächst an denjenigen Stellen angewandt, die über den jeweiligen Zu-
sammenhang hinaus eine geheimnisvolle Nebenbeziehung zuließen.
Ausgeschrieben findet sich MHTHf fast immer im Vaticanus (44),
wogegen der Sinaiticus (45) einzelne kontrahierte Formen fast in jedem
Teil aufweist; nur MHTHf kennt der Sarravianus (46) und der Codex
») Dreiheit S. 41 ff.
2 ) Mutter Erde S. 116 ff.
3 ) Man wird Reste dieser Mutterverehrung außer in der Kalligraphie auch in
der Buchmalerei finden. Zur Orientierung über die vorhandenen Darstellungen vgl.
F. F. Leitschuh, Geschichte d. karoling. Malerei S. 258 ff. (die Kirche) und S. 267 ff.
(Sophia sancta).
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 121
Bezae (67); wie es scheint, auch die Genesis Cottoniana (57). l ) Der
Claromontanus (76), und dies Beispiel ist besonders anschaulich, hat
nur da, wo ju^rrjg zum ersten Male vorkommt, die kontrahierte Form
(Rom. 16,13 MfA), sonst immer die ausgeschriebene (dabei Eph. 6, 2
MHTGfA COy neben HfÄ COy).
Zur Verwendung kommt sonst, soviel ich sehe, überall folgende
Reihe, die genau der bei riHf anerkannten entspricht:
MHf, MfC, Mfl, MfA.
Die im Verzeichnisse der Melchiten 2 ) aufgeführten ganz richtigen
Formen: JIsq, ]ÄQsg, figcov, Jigäg habe ich in alten Handschriften nicht
getroffen. Nur M<pcü>N ist offenbar im Berliner Papyrus-Fragment
der Briefe des Basilius s. V/VI (29) zu lesen, wo der Herausgeber
M<HCü>N vermutet. Und der späte Porfirianus (91) hat MfAC.
Der Nominativ Mp, der vielleicht in ältere Zeit zurückreicht, ist
mir doch nur in jüngerer und nicht in Handschriften begegnet. 3 ) So
steht auf dem Elfenbeindeckel des Evangeliars des Burkhard, Würz-
burg Mp. th. f. 68, und auf dem Kuppelmosaik des Doms von Murano
(Meier-Gräfe, Entwickelungsgesch. d. modernen Kunst, III Taf. 1) Mf
Öy. Öfters aber liegt auf ähnlichen Denkmälern eine Ligatur von
M, H und f vor, die mit Mp leicht zu verwechseln ist.
Über den unregelmäßigen und wahrscheinlich verschriebenen
Genetiv MHpc vgl. unten Anm. 1.
5. Die Nomina sacra in nichtchristlichen Texten.
Hier ist der Frage näher zu treten, ob die Nomina sacra außer-
halb der biblischen Bücher und, allgemeiner gesprochen, überhaupt
außerhalb der christlichen Literatur in profanen Texten zu einer häu-
figeren Verwendung kamen, eine Frage, die man auch so wenden kann:
ob die sakrale Bedeutung und Bedingtheit der Kurzformen bis in
*) Daß die Kontraktion in der Wiener Genesis (56) fehle, ist nicht richtig
behauptet worden. Gen. 37, 10 steht MHp und Gen. 24, 28 in einer eigentümlichen
Fassung dieses Verses MHpc als Genetiv.
s ) Vgl. oben S. 8.
s ) Älteste Beispiele für MHp geben die Papyri 23, 29, 36 und der Vaticanus (44).
Auf Irrtum beruht MTf (23).
122 L. Traube,
das Mittelalter hinein wenigstens einigermaßen bekannt und bewahrt
blieb.
Wir haben zwar schon bei jeder einzelnen Form in unserer
Aufzählung festgestellt, wo und wie weit der Gebrauch der kontra-
hierten Nomina sacra die ursprünglich eng gesteckten Grenzen über-
schritt. Aber es war dabei der Boden, auf dem wir uns bewegten,
immer noch der biblische und christliche, und die Verallgemeine-
rungen, die wir entstehen sahen, geschahen nur innerhalb des ur-
sprünglichen Gebiets der kalligraphischen Erfindung. Doch von ihnen
bis zu Wortbildern etwa wie: HHf ANAfCON TG 0CON TG oder
OY AeN ANOy AGINOTGfON neAGI, ist ein weiter Schritt.
Hat man ihn getan? Die Antwort ist wichtig für die Überlieferungs-
geschichte und weil sie noch einmal den ganz speziellen Gehalt
hellenistisch-jüdischer Spekulation uns fühlen läßt, den die Kontrak-
tionen bergen.
In der Fülle literarischer Papyri, über die wir jetzt verfügen,
finden wir nichts dergleichen. Nur auf einem Blatt eines Papyrus-
buches aus dem Faijüm begegnet ANOIC; es enthält eine eigen-
artige Fassung der Vita Aesopi. Der Herausgeber, Henri Weil, 1 ) setzt
es in das 6. Jahrhundert.
Ganz verbreitet scheint dagegen die Übertragung in den Perga-
menten vom 9. Jahrhundert an. Nicht wenige Philologen werden
darüber aus eigener Erfahrung berichten können. Heiberg schreibt
mir folgendes: „In den alten Ptolemaioshandschriften kommt der-
gleichen nicht vor (Gelegenheit war da bei ovoavög). Dagegen hat
Marc. 196 s. IX (Olympiodor. in Piaton.) immer avcov und dergl. (in
Überschriften regelmäßig avv #«). München gr. 427 s. XIII (Hypsi-
kles = Eukl. Eiern. XIV, in meinem Euklid vol. V) S. 2, 2 nQi, 10 ngog,
S. 4, 2 txqo. (einzige Gelegenheit). Cod. Constantinopolit. von Heron
S. XI — XII fol. 27 avöig (einzige Gelegenheit)." Aber schon ein flüch-
tiges Blättern in einer einzigen Sammlung wie Omonts Fac-similes
des plus anciens manuscrits grecs en onciale et minuscale zeigt
avövg im Hesiod Paris gr. 2771 s. X, avöi im Cisalpinus des Thuky-
dides (Paris suppl. gr. 255 s. XI), nrfq in der Alkestis Paris gr. 2713
s. XI.
J ) Revue de philologie, Nouvelle serie IX (1885) 20; abgedruckt in Weils
Etudes de litteiature grecque, Paris 1902, p. 119 sqq.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 123
Zwischen diesen Pergamenten und den vorher erwähnten Papyri
klafft die bekannte große Lücke. Nur die beiden Wiener Dioskurides,
die Ilias Ambrosiana, die vatikanischen Bruchstücke des Cassius Dio,
ferner die griechischen Palimpseste aus Bobbio zeigen das Vorhanden-
sein und die Art der dazwischen liegenden Überlieferung an. Und
auf solchen Pergamenten, nicht unmittelbar auf den Papyri beruhen
wohl zumeist die membranacel und chartacei, auf denen wir unsere
Texte aufbauen müssen. Diese älteren Pergamente scheinen nun
aber die Kurzformen der Nomina sacra nicht zugelassen zu haben.
Wenigstens weiß ich nur, daß im Dioskurides der Anicia (Wien
med. gr. 1), der c. 512 in Konstantinopel geschrieben wurde, neben
ANepconoiC und ANefGOnCüN je einmal ANOy, ANOIC und
ANOyc vorkommt. 1 ) Meine Hilfsmittel für diesen Zweig der Über-
lieferung sind freilich gering.
Gedenken möchte ich hier Diels' sehr sinnreicher Herstellung
eines Q \ in den Worten des Heraklit bei Apuleius de mundo (Sitzungs-
berichte der Berliner Akademie 1901 S. 199), wenn sie auch als gesichert
nicht gelten darf (z. B. könnten die beiden O, die Diels auf seine Ver-
mutung brachten, als Beziehungszeichen gedeutet werden, so daß
dann fteov, was an sich nötig scheint, bei Apuleius ebensowenig über-
liefert wäre als beim Auetor jieqI xoojuov, beim Armenier und bei
Stobaeus). Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß Diels selbst sich
die Frage vorgelegt hat, ob seine Annahme historisch möglich sei.
Er sagt: „Die Abkürzung OC ist in den kirchlichen Handschriften
regelmäßig und seit dem 3. Jahrhundert nachgewiesen. Wann sie
freilich in den Profangebrauch übergegangen ist, ist mir nicht be-
kannt. Das Material literarischer, nicht kirchlicher Texte aus den
letzten Zeiten des Altertums ist auch sehr spärlich." Die Antwort
freilich, die er für möglich zu halten scheint, glaube ich einstweilen
ausschließen zu müssen. 2 ) Auch stünde ein Text wie liegt xöojuov ge-
wiß nicht auf derselben Stufe wie die Klassiker; das gilt auch von
dem oben erwähnten Volksbuch, der Vita Aesopi, von der Bearbeitung
des Dioskurides und z. B. vom Olympiodor (oben S. 122) — und um
2 ) Vgl. Wessely in der Leidener Ausgabe (1906) I 201.
*) In der Deutsche n Literatu rzeitung 1903, S. 3006, setzt Diels die Möglich-
keit des Übergangs von ANCÜN zu AAACUl in einem Zweig der Platonischen
Überlieferung vielleicht auch zu früh an.
124 L. Traube,
wieviel mehr z. B. vom Lactanz, wo uns 9N und ANCON in den
sibyllinischen Versen ganz natürlich dünkt. Fände sich dergleichen
etwa in den Graecis des Rhetor Seneca, wo ich es aber nirgends ver-
spürt habe, so würde man weit eher denken können, ein Ire habe
es in die- Überlieferung hineingetragen, als dort gefunden und ge-
duldet. Gewiß könnte man dies auch vom Apuleius sagen, voraus-
gesetzt, daß ein volles Q\ in der Mitte und am Schluß jenes Satzes
erhalten wäre.
Zunächst muß man also wohl annehmen, daß Photius, Leo,
Arethas und ihre Schüler und Schreiber es waren, die bei gleich-
mäßiger Hinneigung zu den Klassikern und den kirchlichen Texten
eine Vermischung schufen, die vor dem 9. Jahrhundert nur ganz selten
vorkam. In der Tat, wenn man den Clarkianus des Plato öffnet, so
findet man nicht nur am Rand, sondern auch im kalligraphisch rein-
gehaltenen Text, wenngleich nicht sehr häufig, die vorausgesetzten
Gebilde (z. B. fol. 64 uvööv, fol. 144 ivömm). Vgl. über Paris gr. 451
oben S. 95.
Es verträgt sich sehr gut mit dieser Feststellung, daß in unsern
nichtkirchlichen Texten manche in die Augen springende Verderbnis
zu heilen ist, wenn man als Grundlage des Mißverstehens und
Verschreibens die Kurzformen der Nomina sacra ansetzt. Ja, wo diese
Art der Heilung ganz sicher ist, mag in ihr zugleich ein Stück Text-
geschichte liegen. Aber man sollte dann zunächst nur immer an den
großen Patriarchen und seine Schüler oder überhaupt an die Zeit
dieses ersten Wiederauflebens der Klassiker im christlichen Mittelalter
denken und nicht an frühere Phasen der klassischen Überlieferung.
Nach dem Vorgange Bentleys l ) hielten besonders Cobet 2 ) und
seine Schüler 3 ) große Stücke auf die hier bezeichnete paläographische
Kur. Wenn viele von ihren Voraussetzungen, wie etwa Ol NOMOl
KOI = ol vö/uot xvqioi, ganz undenkbar sind, so ist anderes, das sie
mit glücklichem Scharfsinn aufgedeckt haben, wie gesagt, der histo-
rischen Verwertung zugänglich und harrt des geschickten Deuters. 4 )
*) Vgl. oben S. 9 Anm. 2.
2 ) Vgl. besonders Novae Lectiones, Leiden 1858, p. XII.
s ) Vgl. besonders J. Chr. Vollgraff, Studia palaeographica, Leiden 1870, p. 69 sqq.
4 ) Cobet bedient sich noch in der zweiten Auflage der Variae Lectiones
(Leiden 1873) S. 13 eines Scholions zur Odyssee a 275, um das Alter der Kurz-
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 125
6. Spätere Neubildungen.
Wie sehr den Griechen die fremde Herkunft und der sakrale
Gehalt der Kontraktion bewußt blieb, zeigt aufs deutlichste eine letzte
Beobachtung, die wir zu machen haben. Während das in der Kon-
traktion liegende Prinzip von den Lateinern erkannt und fast bis^zum
Äußersten ausgenutzt wurde, haben es die Griechen, selbst in der
kirchlichen Kalligraphie, zur Schaffung neuer Wortbilder kaum ver-
wendet. Mit der Bildung der Kurzformen von ocotijq .und oravQÖg,
die ich für die jüngsten halte, war die Triebkraft erloschen. Man
hat im ganzen Umkreis griechisch-christlicher Schreibkunst den da-
mit erreichten Bestand der kontrahierten Nomina sacra weit eher zu
vermindern als zu bereichern getrachtet, freilich auch hierin ohne
eigentlichen Erfolg. Wenn nicht überall in vollzähliger Gemeinschaft,
lebten doch, alles in allem, die anerkannten Kurzformen der 15 Nomina
sacra ohne Einbuße fort.
Der kleine Zuwachs, der allmählich eintrat, entstand zunächst
nur aus der Einrichtung abgeleiteter Wörter. Wir sahen schon, wie
flHf (oder vielmehr der Dativ rlfi) zu nflc",i) ÜNÄ (oder fiRi und
ÜNÄTT) zu HNIKOC und JINATIKOC,*) ANOC zu ANINOC, 3)
CHf (oder Cfl) zu CfiÄ, 4 ) CTf OC zu CTf CUCAIs) führte. Wie
von selbst folgte z.B. OyNIOC,«) CpIAANIA,?) AMCüf (=d^Tö)g),
Formen, die sich immer noch auf Wörter des biblischen Textes
bezogen. Ableitungen, wie nQixiog ngiaQxrjg, gehören einer späteren
Zeit an.
Nicht so einfach ist &xög für öeotöxog zu bestimmen. Nimmt
man, wie es natürlich erscheint, &g als Ausgangspunkt an, so er-
formen nachzuweisen. Er zitiert es, offenbar nach Buttmanns hier auf Porsons
Exzerpt sich stützender Ausgabe (Berlin 1821), so: Tfj dQxaia avvrj&eiq iyiyeanzo
firjQ • rovio ayvor\oag rtg jigooe&rjXE x6 ä. Inzwischen war aber Dindorfs Sammlung
erschienen (Oxford 1855), wo man die richtige Gestalt der ganz andersartigen Be-
merkung finden konnte: Tfj aQxaiq ovvr]&eiq iysygajiro MGTGp dvrl xov MHTH|\
1 ) Vgl. oben S. 97.
2 ) Vgl. oben S. 95.
s ) Vgl. oben S. 103.
4 ) Vgl. oben S. 118.
6 ) Vgl. oben S. 118 f.
6 ) Vgl. oben S. 100.
') Vgl. oben S. 103.
126 L. Traube,
wartet man &roxog. Wenn sich ohne Ausnahme nur Vxog findet,
so mag vielmehr IAHM das Vorbild gewesen sein und eine alte
gute Tradition die Bildung empfohlen und geschützt haben.
Wir können für sie freilich kein altes Zeugnis beibringen. Das
Wort selbst, das im Neuen Testament noch fehlt, scheint sich erst
im 3. Jahrhundert eingebürgert zu haben. 1 ) Vor dem 11. Can-
ticum steht es im Alexandrinus, aber ausgeschrieben nfOCey^H
MAflAC THC eGOTOKOy; an derselben Stelle fehlt es im
Psalterium bilingue zu Verona. 2 ) Dennoch liegt die Möglich-
keit vor, daß aus dieser Überschrift oder aus dem Gebrauch der
Väter (vielleicht des Origenes) die Kurzform in die Minuskel-Hand-
schriften überging und als alt anzusehen ist.
Wir gehen zu eigentlichen Neubildungen über und schließen
siagdevog an fteoroxog. Hier überrascht zunächst folgende seltsame Form :
es findet sich in den Evangelien Paris gr. 62 saec. IX 3 ) und in dem Ox-
forder Teil der von Tischendorf auseinander gerissenen und in ein-
zelnen Stücken verkauften Handschrift des Alten Testamentes saec. IX/X 4 )
e
HAfNOC.
Derselben Kurzform begegnet man dann öfters auch in späteren kirch-
lichen Handschriften, wobei bisweilen der Strich unter dem fehlt.
Vergleichbar ist in einer oberägyptischen Handschrift saec. X
e e
ANCON (= äv&QtoJicov) und <J>1ANC (= (pääv&Q(07iog),
vgl. Junker-Schubart, Zeitschrift f. ägypt. Sprache XL (1903) 10 und 19.
Eine Kurzform von ßaodevg mochte leicht entstehen in An-
lehnung an xvQiog oder oconfe. Aber an das von Bruno Keil 5 )
postulierte BA*Y"Q das in viel höhere Zeiten hinaufginge, kann ich
nicht glauben. Daß auf smyrnischen Münzen des 2. Jahrhunderts
v. Chr. BAyc die Auflösung ßaodevg auch nur zulasse, 6 ) wird von
Numismatikern wie Pick und Riggauer bestritten. Scheint sie in
x ) Vgl. Salzer, Sinnbilder Mariens, S. 101; Reitzenstein, Zwei religions-
geschichtliche Fragen, S. 125.
2 ) The Old Testament ed. Swete III 809.
*) Vgl. Tischendorf, Monumenta sacra ined., Leipzig 1846, p. 18. Die Alters-
bestimmung gebe ich nach Omont.
4 ) Vgl. Tischendorf, Monumenta sacra ined., Nova coli., Leipzig 1857, II 179.
B ) Vgl. oben S. 12 Anm. 4.
6 ) Vgl. oben S. 12 Anm. 3.
Nomina sacra. III. Nomina sacra im Griechischen. 127
einer Verbindung wie AlONy^lOC BAyc zu passen, so erweist
sie sich als ungeeignet in einer andern wie MHNOcj)IAOC Kf ABAyc
(Head, Jonica p. 246). Seitdem auch in einem Papyrus des zweiten
nachchristlichen Jahrhunderts das Gebilde ßaoorjg, das man einen
Augenblick als Kontraktion von ßaodiaorjg angesehen hatte, von
Kenyon 1 ) als eben dieses Wort mit allen, nur sehr flüchtig hin-
gesetzten, Buchstaben erkannt wurde, bleibt nur ein ßavg im Mar-
cianus s. XV des Lexikons des Hesychius, wo nun, wenngleich eine
versehentliche Auslassung nicht unwahrscheinlich ist, vielleicht auch
eine Kontraktion vorliegen könnte, die der Schreiber der Vorlage s. IX
zugelassen hätte. Auf eine sofort anzuerkennende und an sich be-
greifliche Kontraktion stoßen wir in einem Stück griechischen Evan-
geliums in der koptischen Handschrift Paris copt. 129 8 fol. 150, viel-
leicht saec. VII, wo zweimal deutlich BACAC TCUN lOyAAlCON
steht. 2 )
Alles Weitere, was hier dem Scheine nach angeführt werden
könnte, ist sehr zweifelhaft: es beruht teils auf irrtümlicher Lesung
oder Deutung der Forscher, teils auf privater momentaner Laune der
Schreiber.
So glaubte Detlefsen 3 ) in dem Bruchstück einer griechischen
Legende vom hl. Georg, die er in Wien 954 unter einem lateinischen
Texte s. VIII fand, ONOC gelesen zu haben und als övojuarog ver-
stehen zu dürfen. Diese Deutung gibt aber in dem betreffenden Satze
keinen Sinn.
Dieterich 4 ) schloß aus der freilich an zwei Stellen vorliegenden
Verschreibung KfOC für KfONOC, die er in dem Leidener Zauber-
papyrus J. 395 fand, 5 ) auf eine Kontraktion KfOC für Kgövog, deren
sich die Vorlage bedient habe.
J ) Vgl. The Palaeography of Greek Papyri, p. 33 adn. 2, und oben S. 12
Anm. 4.
2 ) Vgl. Am&ineau, Notices et extraits XXXIV 2, p. 387 und pl. I; dazu E.
v. Dobschütz, Literarisches Centralblatt 1895 S. 1858, von welcher Stelle ich den
Hinweis empfangen.
J ) Sitzungsberichte der phil.-hist. Cl. der Wiener Ak. XXVII (1858) S. 394.
4 ) Abraxas S. 11.
5 ) Vgl. oben S. 38.
128 L.Traube,
In den Katakomben von Syrakus steht einmal AACü (= dovXcp)
neben ©C, 1 ) auf einer christlich-griechischen Inschrift in Rom MNC
für juvtjjurjg', 2 ) eine syrische Inschrift 3 ) bietet nebeneinander QC ABfM
ICK lAKCUß und <}>A2.N (= <pvXa£ov)\ der koptische Schreiber eines in
Oberägypten aufgezeichneten griechischen Gebetes 4 ) läßt Formen wie GTC
(für dvolag), 0TCAHPIOT (für &voiaotr]Qiov), UTCPIUIH (für juvotrjQicov)
einfließen. Dies und dergleichen gibt uns kaum ein Recht, von mehr
zu sprechen als einer gelegentlichen Nachbildung der Kontraktion der
anerkannten Nomina sacra. Eine wirklich legitime Vermehrung des
Bestandes werden wir dagegen im Kirchensla vischen antreffen. 6 )
J ) Kaibel, Inscriptiones gr. Siciliae et Italiae n. 158.
2 ) Ebenda n. 1776.
3 ) Le Bas, Voyage archeologique n. 2068.
*) Herausgegeben von Junker und Schubart, Zeitschrift für ägyptische Sprache
XL (1903) 1 ff.
s ) Unten Kap. VI § 1.
IV. NOMINA SACRA IM LATEINISCHEN.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II.
1. Übertragung der griechischen Nomina sacra ins
Lateinische.
In den ältesten Handschriften von Stücken des Neuen und
Alten Testaments in lateinischer Sprache finden wir einen Teil der
griechischen Nomina sacra in einer Form wieder, die offenbar auf
unmittelbarster Nachahmung und Übernahme beruht. Unter der Ein-
wirkung von ÖC ist deus zu DS, unter der Einwirkung von TINA
ist Spiritus zu SPS geworden. Griechisches 1HC XfC hat Latei-
nisches IHS XPS ergeben. KC wird seit dem 5. Jahrhundert durch
DNS und DMS vertreten; ein dem Griechischen entsprechendes DS
wäre mit der Kurzform für Gott zusammengefallen: so gebrauchte
man zunächst verschiedene Suspensionen, die man aus der Titulatur
der Kaiser herübernahm, und bildete dann aus diesen Suspensionen
die erwähnten Kontraktionen. Die anderen griechischen Nomina
sacra haben im Lateinischen keine Entsprechung. Für OHf oyNOC
ANOC Y^ CHf CTC MHf kommen keinerlei lateinische Kurz-
formen vor. Von AAA IHA IAHM (oder deren Nebenformen) gibt
es wohl schon in ziemlich alten lateinischen Handschriften genaue
oder ziemlich genaue Nachbildungen; aber in der Überlieferung
biblischer Stücke findet man sie schwerlich vor dem 6. Jahrhundert. 1 )
Sie sind nicht aus der Übersetzung der heiligen Schriften, sondern
aus sonstiger ekklesiastischer Literatur in Umlauf gekommen.
Die älteste lateinische Kurzschreibung der Nomina sacra geht
mithin von jener alten griechischen Stufe aus, die uns in einem
J ) Vgl. oben S. 104 ff.
9*
132 L.Traube,
Teile des Vaticanus (B 2 und B 4 ) erhalten ist, 1 ) nur daß dort für IHC und
XfC ausschließlich IC und XC gebraucht wird; doch waren die
Formen IHC und XfC andern Schreibern derselben Handschrift
wenigstens nicht unbekannt und wir wissen, daß IHC wie XfC
den Formen Tc und XC an Alter auch sonst mindestens gleich-
kommen. Die Kurzformen der Nomina sacra im Koptischen (in dem
IHC XfC und IC XC neben- und durcheinander vorkommen) und
im Gotischen und Armenischen (wo IC und XC nachgebildet wird)
setzen etwa dieselbe griechische Stufe voraus wie das Lateinische;
davon wird unten im fünften Kapitel gehandelt werden. Nur fehlen
im Gotischen und Armenischen die Kurzformen von jzvevjua, was im
Gotischen durch den Arianismus bedingt ist. Auch im Lateinischen
gibt es einige Handschriften, die SPS meiden, wobei denn wahr-
scheinlich gleichfalls antitrinitarische Gründe mitgesprochen haben.
Das Koptische und Armenische besitzen dagegen die Kurzformen von
'IoQarjX und e IeQovoaXrj[x.
Dürfen wir annehmen, wie wir das auch oben S. 43 getan
haben, daß im Codex Bezae die Kürzungen ©C KC LINA IHC
XfC, wie sie die geläufigen sind, aus der Vorlage übernommen wurden,
dagegen die Kürzungen HAf und CTfC (CTC), die dort nur ge-
legentlich begegnen, als Zutat der verhältnismäßig späten Abschrift
zu betrachten sind, so haben wir für die lateinischen Kürzungen DS
DMS (DNS) SPS IHS XPS eine auf das genaueste entsprechende
Grundlage gewonnen, und wir können dann auch die von der
Textgeschichte nahegelegte Vermutung auf das Paläographische aus-
dehnen, daß nämlich die griechischen Vorlagen der ältesten latei-
nischen Übersetzungen aus Syrien gekommen sind.
Es ist kaum nötig zu sagen, daß aus der biblischen Überliefe-
rung die so gestalteten Nomina sacra sich der gesamten christlichen
lateinischen Literatur mitgeteilt haben.
2. Alter und Heimat der lateinischen Nomina sacra.
Wann und wo wurden die lateinischen Nomina sacra in die
Kurzformen gebracht, die sie auf Jahrhunderte hinaus nicht mehr ver-
lassen sollten?
*) Vgl. oben S. 66 f.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 133
Das Material zur Antwort auf diese Fragen ist niedergelegt in den
Abschnitten, die unten den einzelnen lateinischen Nomina sacra ge-
widmet sind. Hier will ich versuchen, von den Sonderbeobachtungen
zu einer Gesamtanschauung zu gelangen.
Hinreichend deutlich stellt sich sofort heraus, daß die Kon-
traktion der lateinischen Nomina sacra nicht die beliebige Erfindung
irgend eines lateinisch schreibenden Christen war, sondern nur ent-
stehen konnte im engsten Anschluß an die Übersetzung der Bibel.
Der epigraphische Gebrauch bot keinerlei Anlaß zu dieser Neuerung.
Er ist auf die Suspension gestellt und bevorzugt diese auch dann
noch, als die Kontraktion schon allgemein sich eingebürgert hat. 1 )
Wenn wir daher nach dem Alter der Erfindung fragen, ist von vorn-
herein in Betracht zu ziehen, daß die epigraphischen Zeugnisse durch-
weg um ein Beträchtliches nachhinken, von den festen Daten also,
die sie bieten und derentwegen sie wertvoll sind, auch immer eine
Anzahl von Jahren abzuziehen ist. Eine wie große, ist freilich schwer
zu sagen. Nur bei Filocalus, dem Zeitgenossen des Damasus und
Hieronymus, der zugleich Steinmetz und Kalligraph war, braucht der
Unterschied nicht allzu bedeutend zu sein.
Die epigraphischen Zeugnisse leiden noch an einem andern
Übelstand. Eben weil sie von einem Gebiete kommen, auf dem die
Erfindung nicht gemacht worden ist, sind sie großer Zufälligkeit
unterworfen. Das gewöhnliche Formular der Inschriften umfaßte
nicht alle Nomina sacra gleichmäßig. Es kam in ihm Christus viel
häufiger vor als Jesus, deus nicht oft und Spiritus fast nie. Da uns
aber der innere Zusammenhang der Kontraktionsbildungen feststeht,
da wir von der Gleichzeitigkeit der Erfindung von ds, sps, ihs und
xps ebenso überzeugt sind, wie davon, daß dns und drris erst etwas
später hinzukamen, wird die Spärlichkeit des Materials einigermaßen
ausgeglichen.
Ich stelle in einer Übersicht zusammen, wie ich mir auf
Grund dieser allgemeinen Erwägungen die epigraphischen Zeugnisse
auslege.
*) Beispiele dafür werden unten in den Sammlungen für die lateinischen
Nomina sacra überall gegeben.
134 L.Traube,
Verbreitung der kontrahierten Nomina sacra:
in Rom vor 366 — 384: in diesen Zeitraum fällt eine Inschrift mit
XPS von der Hand des Filocalus;
in Afrika vor 408: aus diesem Jahre ist eine Inschrift mit DS und
XPS erhalten;
in Gallien ziemlich lange vor 431: in diesem Jahre ist DNS in
Lyon bezeugt;
in Sizilien vor 435: in diesem Jahre kommt XPS in Catania vor;
in Oberitalien ziemlich lange vor 442: in diesem Jahre kommt
DMS in Lodi vor;
in Spanien vor 446, in welchem Jahr XPS nicht ganz gut, oder
ziemlich lange vor 485, in welchem Jahre DNS bezeugt ist.
Es kommt noch folgendes hinzu. Wir können feststellen, daß
im 5. Jahrhundert in Italien die Kurzformen der Nomina sacra bereits
so sehr eingebürgert waren, daß man Analogiebildungen auf anderen
Gebieten als dem sakralen wagte. Hier nur soviel davon : die alte ita-
lienische Überlieferung des Codex Theodosianus, die durch die Jahre 438
und 533 umgrenzt ist, kennt nicht nur xps und s~cs (= sanctus),
sondern auch Bildungen wie ppö (= praefectus praetoriö), wofür
man noch kurz vorher p.p. geschrieben hatte. Christlicher Einfluß
muß diesen Umschwung bewirkt haben.
Ist es nun ein Zufall, daß für Italien die Kurzschreibung der
Nomina sacra früher bezeugt ist als für Afrika?
Hier ist eine prinzipielle Bemerkung einzuschieben. Wenn das
paläographische Problem, das wir erörtern, ersichtlich ganz hinein-
fällt in das größere literarische, das durch die Frage nach dem Alter
und der Herkunft der Übersetzungen der lateinischen Bibel auf-
geworfen wird, so muß doch unsere Darlegung sich frei halten von
aller Rücksicht auf die nicht hinreichend sicheren Antworten, die
diese wichtigere Frage gefunden hat. Umgekehrt dürfen wir hoffen,
daß der Versuch, das paläographische Problem auf rein paläo-
graphischem Wege zu lösen, auch der Lösung des literarischen zu gute
kommen muß.
Eines darf als durchaus sicher angesetzt werden: die ältesten
Schreiber der Vulgata kannten und gebrauchten ausschließlich die
sakralen Kurzformen ds, Ihs, xps, sps und dns. Ferner: in den Hand-
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 135
Schriften mit vorhieronymischen Texten herrscht dieselbe regelrechte
gräcisierende Bildung; nur ist dms häufiger als das. Man kann
dabei an und für sich schwanken, ob der Gebrauch des Hieronymus
einen vor ihm liegenden fortpflanzt oder ob der Gebrauch der
uns erhaltenen Handschriften vorhieronymischer Übersetzungen be-
reits die Eigentümlichkeit der Vulgata angenommen hat. Doch ist
die zweite Annahme bei der Fülle von vorhieronymischen Hand-
schriften verschiedenster Art, die in der Bildung der Nomina sacra
doch völlig übereinstimmen, mehr als unwahrscheinlich. Nichts be-
weist und das Vorhandensein dieser vielen freilich nur in Bruchstücken
überlieferten älteren Texte widerlegt, daß die Übersetzung des
Hieronymus bereits im 5. Jahrhundert solchen Einfluß gewonnen
hätte.
So müssen wir denn annehmen, daß ein Übersetzer vor Hie-
ronymus angesichts des griechischen Textes, den er ins Lateinische
übertrug, auch die graphische Umbildung der Nomina sacra voll-
zog. Denn kein anderer kann das getan haben als ein Mann, dem
das Griechische nicht viel ferner stand als das Lateinische, der das
Griechische durch das Lateinische zu erreichen, zu ersetzen suchte,
d. h. nicht ein beliebiger Kalligraph, nicht ein gewöhnlicher Leser,
sondern ein Übersetzer. Gewiß ist es auch, daß es sich zunächst
um eine Übersetzung aus dem Neuen Testament handelte. Die
Sparsamkeit der Nomina sacra, die er dem Lateinischen aneignete,
und die Bildungen ihs xps, die er nur in alten griechischen Hand-
schriften finden konnte, sprechen dafür.
Das Übereinstimmen so vieler Handschriften vorhieronymischer
Texte in der Schreibung der Nomina sacra beweist noch nichts für
ihre Gleichzeitigkeit oder unmittelbare Zusammengehörigkeit; sie legt
nur Zeugnis ab für die Stärke einer geschlossenen Tradition, in der
sie stehen. Da eine Anzahl Handschriften örtlich zu bestimmen
ist, so ist man darnach geneigt, diese Tradition eine italienische, ge-
nauer eine oberitalienische, zu nennen — die Tradition; über den
ersten Übersetzer ist damit noch nichts ausgesagt.
Eine einzige Handschrift, die uns in ziemlich umfangreichen
Bruchstücken erhalten ist, steht außerhalb dieser italienischen Tra-
dition, und der Gegensatz, der sich hier offenbart, fördert uns mehr
als die vorher betonte Übereinstimmung.
136 L.Traube,
Ich spreche von dem Evangelienfragment Turin G. VII 15 (k),
das im folgenden Paragraphen ausführlicher behandelt wird. In k
finden sich die regelrechten Kontraktionsformen nur von deus; da-
gegen Jesus, Christus und dominus werden durch Suspensionsformen
ausgedrückt; oft ist der Versuch gemacht, diese Suspensionsformen
durch Herüberschreiben des Endbuchstabens zu Kontraktionen um-
zugestalten. Die dadurch hergestellten Gebilde entsprechen aber
immer noch nicht den uns sonst geläufigen. Nach dem ganzen Be-
fund können wir nicht annehmen, daß k der Vertreter eines Zeit-
abschnittes ist, in dem aus der Suspension die Kontraktion sich ent-
wickelte. Eine solche Phase kann es überhaupt nie gegeben haben,
da die lateinischen Formen den griechischen nachgebildet sind, die
bereits kontrahiert waren. In k treffen sich vielmehr bereits völlig
ausgebildete Prinzipe verschiedener Herkunft. Anerkannt ist noch
größtenteils das Prinzip der Suspension; ihm aber steht gegenüber
das Prinzip der Kontraktion, und was wir sehen, ist ein Kampf, in
dem, wie es den Anschein hat, die Suspension erliegen wird.
Es gab also außer der gräcisierenden Kontraktion noch die echt
lateinische Suspension der Nomina sacra. Und da k einen vorhiero-
nymischen Text in sehr alter Niederschrift bietet, so gab es diesen
Gegensatz in der Zeit vor Hieronymus.
Die geschlossene Gruppe von Handschriften, in der die Kon-
traktion der Nomina sacra herrscht, ist in Italien geschrieben; die
einzelne Handschrift k, in der die Suspension der Nomina sacra
vorwiegt, kann ihrem ganz eigenartigen Aussehen nach nicht dort,
sondern muß außerhalb geschrieben sein. Die Suspension der
Nomina sacra, so voll entwickelt, findet sich in andern Handschriften
nicht wieder vor. Aber die Überlieferung der christlichen lateinischen
Schriftsteller frühester Zeit, darunter des Cyprianus, weist öfters in der
Schreibung der Nomina sacra eine gewisse Art von Verderbnissen auf,
die sich nur dann erklärt, wenn die betreffenden Archetypa dieselbe Eigen-
art hatten wie k. 1 ) Es ist also gar nicht nötig zu wissen, daß der Text
der Evangelien in k, wie die biblische Forschung festgestellt hat,
afrikanisch ist, um mit großer Wahrscheinlichkeit behaupten zu dürfen,
daß die Eigenart der Schrift und besonders die Eigenart der Nomina
l ) Vgl. unten S. 142 ff.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 137
sacra in diesem Fragment ebenfalls afrikanisch sind. 1 ) Womit denn
auch erwiesen scheint, daß die Kontraktion der Nomina sacra in
der k gegenüberstehenden Gruppe nicht nur italienische Tra-
dition, sondern auch italienische Heimat und italienischen Ursprung hat.
Es spricht auch alle innere Wahrscheinlichkeit dafür. Die
Christen, deren Muttersprache das Lateinische war, bedienten sich an-
fangs noch der nicht übersetzten griechischen heiligen Schriften. Zu
den christlichen Symbolen, die sie selbst zu schreiben hatten, nahmen
sie, wie es dem epigraphischen Gebrauch und Bedürfnis entsprach,
Suspensionen: sie setzten so die griechischen Monogramme >ß und
IH für Christus und Jesus; für dominus (xvgiog) setzten sie DOM.
oder DMN. oder DM. oder DN., Formen, die man sonst für den
Kaiser verwandte. Diese Art war überall verbreitet, wo es lateinisch
schreibende Christen gab. Sie ging über in ihre ersten literarischen
Werke, sie sollte dort die Kontraktion der Griechen ersetzen. Sie
herrschte lange in Afrika. Wenn man dort biblische Schriften über-
setzte, so hat man sich, wie k bezeugt, zunächst noch dieser älteren Art
bedient, die aber weder für diese Übersetzungen, noch überhaupt ur-
sprünglich für literarischen Gebrauch bestimmt war.
Daneben aber und ursprünglich völlig getrennt davon wurde die
griechische Kontraktion unmittelbar durch entsprechende lateinische
Formen nachgeahmt. Das geschah an einem andern Ort; geschah,
als man in Italien Stücke des griechischen Neuen Testaments ins
Lateinische übertrug.
Innerhalb der italienischen Kontraktion der Nomina sacra, wie
wir nun wieder sagen dürfen, hat man, in Fällen der Not oder aus
alter Gewohnheit, hie und da Formen der älteren Art zugelassen;
man schrieb für dominum etwa dorn, statt dmm oder dergleichen.
Umgekehrt wurde die Suspension in Afrika später durch die italie-
nische Kontraktion verdrängt. Und nicht nur dies: die afrikanischen
Kalligraphen gingen bald darauf zu einer Kurzschreibung über,
die von der sonst üblichen sich entfernte, aber gerade auf dem
Prinzip der Kontraktion ruhte, das ihnen durch die italienische Bildung
der Nomina sacra erst bekannt geworden war.
l ) Über andere spätere Handschriften mit afrikanischem Text vergleiche unten
§ 5, 2, 7.
138 L.Traube,
Wann diese Verdrängung der Suspension in Afrika erfolgte,
können wir mit eignen Mitteln aus k, den epigraphischen Zeugnissen
und den paläographischen Tatsachen der Überlieferungsgeschichte
z. B. des Augustinus ungefähr bestimmen : es geschah etwas vor 400.
Wann aber die verdrängende Kontraktion in Italien erfunden worden
war, dafür kann die Paläographie ein festes Datum leider nicht auf-
stellen. Doch gestattet der Filocalianische Stein (oben S. 134) zu
sagen: vor 350. Nimmt man aber hier endlich aus der biblischen For-
schung die wohlbegründete Annahme hinzu, daß der Erfinder, der zu-
gleich Übersetzer war, doch nicht unmittelbar vor Hieronymus gearbeitet
hat, so wird man dieses Datum noch wesentlich erhöhen müssen.
Daß er sich des tieferen Sinnes der griechischen Kurzschreibungen
noch voll bewußt war, ist nicht durchaus nötig anzunehmen. Es
könnte sich ihm nur darum gehandelt haben, wie den Worten des
Originals, so auch der auffälligsten, stetig sich wiederholenden Eigen-
tümlichkeit der Schrift des Originals möglichst nahe zu kommen.
Wenn freilich ein Spätling wie Christian von Stavelot 1 ) die Absicht
der sakralen Kurzschreibung noch durchschaut, so wird man dem
Manne, der den Zusammenhang zwischen den griechischen und latei-
nischen Formen hergestellt hat, ein volles Verständnis um so eher
zutrauen wollen. 2 )
3. Die Nomina sacra im afrikanischen Evangelienfragment
Turin G. VII 15 (k).
Seit langem gilt der von k gebotene Text als afrikanisch. Daß
aber die Handschrift selbst sehr hohes Alter habe und in Afrika auch
geschrieben sein müsse, haben wohl zuerst ich und Burkitt aus-
gesprochen. 3 )
J ) Vgl. oben S. 6 f.
2 ) Der sogenannte Hieronymus de monogrammate (vgl. oben S. 4 f.) be-
trachtet die sakralen Kontraktionen freilich als gewöhnliche Abkürzungen.
3 ) Von der Literatur über k führe ich an: Old-Latin Biblical Texts, II, Oxford
1886; Traube, Neues Archiv der Gesellschaft f. ältere d. Geschichtsk. XXVI (1900) 231 ;
Turner und Burkitt, Journal of Theological Studies V (1903) 88—107. Ein Bild
findet sich vor dem Titel der Old-Lat. Bibl. Texts und jetzt auch in Cipollas Codici
Bobbiesi (Milano 1907), tav. XIV et XV. Ich benutze ferner Aufzeichnungen, die ich
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 139
Undenkbar ist irischer Ursprung, für den Ceriani eintritt. Wir
haben gut bezeugte irische Schriften aus allen Epochen und finden
darunter nichts, was irgendwie verglichen werden könnte. Dagegen
gibt es in der Tat noch einige andere sonst unbestimmte Hand-
schriften, die ein Vergleich mit k nach Afrika verweist, wenn der
erste Ansatz richtig ist. Nach Bobbio können sie alle über Spanien
gekommen sein.
Burkitt nimmt an, k sei im vierten Jahrhundert niedergeschrieben
worden. In der Verwendung des Monogrammes
w
als Schreibung für Christus und seine Kasus, wie sie k kennt, würde
ich keinen ernstlichen Einwand dagegen erblicken. Inschriftlich
finden wir diese Form (ohne den Strich über ihr, den nur ein hand-
schriftlicher Kontext erforderte) in Rom zuerst, wie Rossi gezeigt
hat, 1 ) a. 347 (Inscr. Christ. I 95); in Afrika begegnet sie erst a. 419
(CIL. VIII 8641) und überhaupt nur noch einmal ohne Datum (CIL.
VIII 14128). Die Form ohne den Querbalken des Kreuzes ist frei-
lich auch in Afrika viel häufiger. Aber beide Formen sind auch
vorchristliche Zeichen, und keine Wahrscheinlichkeit spricht dafür,
daß Rom mit der Verwendung der zweiten voranging.
Auf der anderen Seite nimmt Turner, wie mir scheint, mit
Recht an, daß die vielen Fehler in k die Fragmente als Abschrift
charakterisieren, als Abschrift einer, wie ich glaube, kursiv geschriebenen
Vorlage. Wenn man dies erwägt und hinzunimmt, daß Benützung
und Verbreitung eines Textes, wie k ihn bietet, nach Augustins Tod
nicht erweislich und unwahrscheinlich ist, 2 ) daß ferner am Beginn
des 5. Jahrhunderts sich auch in Afrika schon die kontraktiven Kurz-
formen der Nomina festgesetzt haben, 3 ) kommt man für die Nieder-
schrift von k auf das Jahr rund 400. Damit haben wir in den
Resten der Turiner Handschrift immer noch eines der ältesten Zeug-
C. U. Clark und C. H. Turner verdanke. Die Handschrift hat bei dem Brande gelitten,
ist aber noch benutzbar. Vgl. ferner oben S. 136.
*) Vgl. aber die ähnliche Form a. 338 Inscr. Christ. I 48.
a ) Vgl. Burkitt p. 107.
3 ) Vgl. oben S. 134 über die epigraphischen Zeugnisse und S. 138 die An-
deutung über die Überlieferung des Augustinus, die die gewöhnlichen Mißverständ-
nisse der älteren christlich-afrikanischen Literatur nicht mehr aufweist.
140 L- Traube,
nisse für die erste Epoche des eben an die Stelle der Rolle ge-
tretenen christlich-römischen Buches.
Die Handschrift ist klein und hat vierzehn Langzeilen auf
jeder Seite. Hierdurch steht sie dem Rufin Wien 847 nahe; aber
seiner runden gräcisierenden Unciale gegenüber könnte man ihre
Buchstaben als eine Unclalis rustica bezeichnen.
An Kurzschreibungen kommen in k folgende vor.
Ein Strich über (nicht neben) dem Vokal am Schluß der Zeilen
bedeutet ohne Unterschied m und n. In der bekannten Weise wird
-bus und -que gekürzt; letzteres auch in reliquerit. Es stehen
Formen wie puer. und iudaeor. für puerum und iudaeorum; h für
non; alles nur am Zeilenschluß.
Ganz herausgeführt aus dem Kreis des uns sonst Gewohnten
werden wir durch die Schreibungen der Nomina sacra. Wir stellen
sie hier zusammen.
deus:
ds steht einmal für den Nominativ von deus; fälschlich wird dagegen
für deus (Nominativ und Vokativ) zehnmal dl geschrieben;
di steht sechzehnmal für den Genetiv; vgl unter ds;
dö steht einmal für den Dativ;
dm dreimal für den Akkusativ;
dei zweimal für den Genetiv.
Christus :
^ viermal für Christus, zweimal für Christi;
^ einmal für Christus, einmal für Christi, einmal für Christum;
t£ einmal für Christus.
lesus:
hi steht zweimal für lesus;
hi s steht zweiundsechzigmal für lesus, dreimal für lesu (Genetiv und
Dativ), zweimal für Iesum;
hs steht viermal für lesus, einmal für lesu (Ablativ) und für Iesum
desgleichen;
hs s steht zweimal für lesus;
hi N steht dreimal für Iesum, einmal für lesu (Ablativ);
hi m steht einmal für Iesum, einmal für lesu (Ablativ);
hi v steht einmal für lesu (Vokativ);
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 141
is fol. 2\ 7: dafür liest Turner hi s ;
ih u steht einmal für Iesa (Genetiv);
ih N steht einmal für Iesum.
dominus:
dorn steht dreimal für dominus, sechsmal für domini, zweimal für
domino (Dativ), vier- oder fünfmal für dominum, für domine
einmal;
doni s steht einmal für dominus;
dorn 1 steht vielleicht einmal für domini-,
dorn steht zweimal für domino (Dativ und Ablativ), für dominus
einmal;
dorn" steht einmal für dominum-,
dom e steht einmal für dominum, einmal für domino-,
dorn' steht elf mal für domine, dreimal für domini;
dominum steht einmal für dominum.
Spiritus sanctus: wird nicht gekürzt.
Zu bemerken ist, daß vor und hinter diesen Schreibungen (auch
beim Monogramm) sich Punkte finden.
Ordnet man die vorstehenden Reihen nach der Stellung, die in
ihnen die einzelnen Kurzschreibungen zum Prinzip der Suspension
und Kontraktion einnehmen, so ergibt sich folgendes Bild.
Die Kontraktion d's, di u. s. w. für deus u. s. w. hat sich schon
durchgesetzt; die vielen Verschreibungen gehen auf die kursive Vor-
lage zurück oder zeugen für die noch herrschende Unsicherheit. Für
Christus und die Kasus steht dagegen in Gestalt des Monogrammes
eine Form der Suspension. Ebenso für Iesus. Doch schwankt der
Schreiber zwischen rein griechischem 1H und latinisiertem HI. Durch
Hinzufügen der Endung in Gestalt von Exponenten schafft er auch
wieder zur Hälfte griechische, zur Hälfte lateinische Formen. Grie-
chisch bildet er Th N und hi N , lateinisch Jh u und die regelmäßige De-
klination :
hi s , hi u , hi a , hl m , hi u .
hs ist eine neu gewagte Suspension: H(ie)-s(us); dazu ist hs s die
Kontraktion: H(ie)-s(u)-s. Die zahlreichen Irrtümer sind bei diesem
Wort ebenso zu beurteilen, wie bei deus.
142 L. Traube,
In dominus ist Grundform die Suspension dorn. Dies Gebilde
steht noch für alle Kasus. Daneben wird, wieder durch Zufügen des
Exponenten, der Kontraktion zugestrebt:
dö~rh s , dorn', dorn , döm e .
Wichtig ist, daß für den Akkusativ nicht die Kontraktion
döm m ,
sondern eine neue Suspension
dorn"
gebildet wird.
In dei und dominum haben wir Reste der Art, die Nomina
sacra durch Überstreichung hervorzuheben, ohne Buchstaben in ihnen
aus- oder wegzulassen. 1 )
4. Entstellung der Nomina sacra in der Oberlieferung
der ältesten christlich-lateinischen Schriftsteller.
Unsere Annahme, daß der Zustand, in dem wir die Nomina
sacra in k finden, vor der Aneignung der griechischen Kurzformen
bei den Lateinern der gewöhnliche war, können wir auf sonstige,
noch vorhandene Handschriften nicht mehr stützen. Deutlich aber
bekunden es die Fehler, die sich" überall in den späteren Abschriften
eingenistet haben. Nicht mehr in der Überlieferung der Schriften
des Hieronymus, 2 ) Augustinus und Cassianus, aber fast durchgehend
in der Überlieferung der vorausliegenden Autoren findet man selt-
same Verschreibungen da, wo dominus, Iesus, Christus oder irgend-
welche Kasus dieser Wörter vorkommen. 3 ) Meist sind es höchst auf-
fällige Vertauschungen der einzelnen Kasus untereinander. Der Grund
dieser Erscheinung ist in den Mängeln des Prinzips der Suspension
zu suchen: es unterrichtet nur knapp über das Wort und nicht über
die jeweilige Endung. Es kam bei der Kurzschreibung der Nomina
J ) Vgl. oben S. 49 ff.
s ) Wir verfügen freilich, besonders bei Hieronymus, nur über wenige genaue
kritische Apparate.
3 ) Über die Mißverständnisse von noster vgl. unten § 5,3b; sie kommen auch
in der Überlieferung späterer Schriftsteller vor, da die Suspension N länger gebraucht
und verstanden wurde. Über sanctus unten §5, 3 a.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 143
sacra bis ins vierte Jahrhundert zur Anwendung (man schrieb aber
z. B. stellenweise noch im sechsten Jahrhundert dorn für den Ak-
kusativ von dominus, vgl. darüber unten § 5, 2, 6); inzwischen waren
die kontrahierten Nomina sacra aufgekommen und wurden bald die
einzig zugelassenen und sofort verstandenen Formen; es begann
gleichzeitig die Verstümmelung der aus älterer Zeit überlieferten sus-
pensiven Formen.
Die folgenden chronologisch geordneten Stellen wollen nur als
Beispiele betrachtet werden. Sie könnten eine genauere Auslegung
nur innerhalb der einzelnen Textgeschichten finden.
Epistola Clementis ad Cor. c. 7 (ed. Morin, Anecdota
Maredsol. II p. 8, 9): veniamus ad omnia saecula et consideremus,
quia in saecula poenitentiae dedit locum dominus (Morin, omnibus
Handschrift von Florennes s. XI) volentibus converti ad eum.
Epistola Clementis c. 46 p. 44,2: memores estote verborum
domini Iesu (Morin, dm ihm Handschrift von Florennes).
Epistola Clementis c. 60 p. 55, 15: tu, domine (Morin,
ordinem Handschrift von Florennes) orbem (Morin, orbis Hand-
schrift von Florennes) creasti. Vgl. Epistola Clementis c. 61 p. 57, 8.
Schon Morin hat alle diese Fehler des ersten Clemens-Briefes zusammen-
gestellt.
Tertullian. de idololatria c. 12 (edd. Reifferscheid et Wissowa
p. 43, 19): iam tunc demonstratum est nobis et pignera et artificia
et negotia propter dominum (dho cod. Agobardinus saec. IX)
derelinquenda. Vgl. de anima c. 9 p. 312, 4; de spectaculis c. 10
p. 13, 13; ib. c. 30 p. 29, 12.
Cyprian. ad Fortunatum c. 4 (ed. Hartel p. 325, 5): si de-
linquendo peccet vir adversus virum, orabunt pro eo dominum
(dorn München lat. 4597 s. IX, dessen Lesart hier von Hartel nicht
angeführt wird); si autem in domino (dnb München 4597, in oder
ad deum andere Handschriften, ausgelassen von Würzburg 145 s. IX)
peccet homo, quis orabitur (orabit die Handschriften) pro eo?
Cyprian. epistula 6 p. 480, 10: quid iocundius et subli-
mius quam osculari nunc ora vestra quae gloriosa voce dominum
(Montecassino 204 s. X, dni Paris lat. 12126 s. IX von zweiter Hand
und Vatic. Regin. lat. 1 18 s. X, dno Paris 12126 von erster Hand, ebenso
Wien 962 s. IX und Troyes 581 s. IX) confessa sunt. Ebenda
144 L- Traube,
p. 480, 17 habentes dominum (die anderen Handschriften, dno
Wien 962) protectorem.
Cyprian. epistula 6 p. 482, 10: Paulus etiam nos adhortatur,
ut qui ad domini {dnm Vatic. Reg. lat. 116 s. IX und Reg. lat. 118)
promissa venire cupimus, imitari dominum {dm Troyes 581, dno
Wien 962 und Reg. 116) in omnibus debeamus.
Cyprian. epistula 39 p. 582, 8: quem sie dominus {dno
Paris 12126 und Reg. 116, dnm Paris 12126 von zweiter Hand)
honoravit caelestis gloriae dignitate.
Cyprian. epistula 39 p. 583, 9: veri et spiritales dei milites,
dum diabolum Christi confessione prosternunt, palmas domini {a
dno Paris lat. 1647 A s. IX und Troyes 581, dno Reg. 116) et Coronas
inlustri passione meruerunt. Ähnliche Vertauschungen finden sich
an fast unzählig vielen Stellen im Corpus der Briefe.
Cyprian. de bono patientiae c. 24 p. 415, 8: qualis Jesus
dominus {iesus dns Würzburg 145 s. IX, hie dns St. Gallen 89
s. IX, iesu domini der alte verlorene Veronensis) et quanta patientia,
ut qui in caelis adoratur, needum vindicetur in terris.
Sententiae episcoporum de haereticis baptizandis c. 60
(Cyprian. ed. Hartel p. 455, 14) : ecclesiam Christus {christi Wien 962)
instituit, haeresim diabolus. Ebenda c. 67 ubi deus et Christus
{christi Wien 962) et ecclesia non est. Vgl. c. 11 p. 458, 17; c. 73
p. 457, 19; c. 79 p. 459, 7; c. 80 p. 459, 15.
Sententiae episcoporum de haereticis baptizandis c. 29
p. 447, 16: legis ecclesiasticae regulam dominus et deus {ds dno
Wien 962) noster Iesus Christus suo ore apostolos docens perim-
ülevit.
Arnobius adversus nationes II 65 (ed. Reiff erscheid p. 46, 20):
cumque novitas rerum et inaudita promissio audientium turbaret
mentes et credulitatem faceret haesitare, virtutum omnium dominus
{dorn Paris lat. 1661 s. IX, die Schreibung wird von Reiff erscheid
nicht erwähnt) atque ipsius mortis extinetor hominem suum permisit
interfici.
Anonymus in Matthaeum c. 12 (ed. Mercati, Studi e testi
XI 36, 6; ed. Turner, Theological Studies V 236, 8): haec utique
requies in saeculo data est ad momentum vel diem, illa requies in
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. ^45
regno Christi (Mercati und Turner, xps Ambros. I 101 sup.saec.VII)
aeterno aeterno,. 1 )
Lactantius divin. inst. IV7, 4 (ed. Brandt vol. I p. 293, 8): Iesus
(ihm Bologna 701, erst von der späten Hand richtig gestellt) quippe
inter homines nominatur.
Lactantius divin. inst. I 6, 4 vol. I p. 19, 17: hie (sc.
Mercurius Trismegistas) scripsit libros . . ., in quibus maiestatem
summi ac singularis dei asserit isdemque nominibus appellat quibus
nos dominum (dorn Paris lat. 1663 saec. IX, darüber von einer Hand
s. XII dm) et patrem; vgl. divin. inst. II 1, 4 p. 96, 1, wo die spätere
Hand im selben Parisinus dhm über dorn (d. i. dominum) setzt;
divin. inst. V21, 2 p. 472, 2: deus ille singularis . . ., quem dominum
(doin Rom Palat. lat. 161 saec. IX von der Hand des Lotharius von
St. Amand) omnium confiteris.
Lactantius de ira dei c. 16, 6 vol. II p. 109, 4: inania ergo
reperiuntur argumenta vel eorum, qui cum irasci dominum (so ist
wohl zu lesen, domino hat Bologna 701 saec. VI — VII, dm eine späte
Hand in diesem Codex) nolunt, gratificari volunt.
Filastrius diversar. hereseon c. 78 (ed. Marx p. 65, 17): propheta
itaque Esaias de anno Mo dixit salvatoris domini (dnö Hand-
schrift aus Corbie saec. IX).
Ambrosius de Abraham I 8, 79 (ed. Schenkl vol. I p. 553, 4):
hinc quoque promeruit dominum (Schenkl, dorn Paris lat. 12137
aus Corbie saec. IX von erster Hand, dno Troyes 550 saec. XI,
donum Paris 12137 von zweiter Hand und jüngere Handschriften,
de um andere jüngere Handschriften) Abraham.
Ambrosius de Abraham II 3, 9 ib. p. 571, 20: tunc deum videre
coepit et eum cognoscere esse dominum (dorn Paris 12137, dnm
Brügge 101 saec. XIII, deum Schenkl mit den andern jüngeren Hand-
schriften), cuius invisibili virtute advertit omnia regi et gubernari.
*) Mercati hat die Irrtümer zusammengestellt, die in dem Anonymus in
Matthaeum da zu finden sind, wo Formen von sanetus stehen. Es steht ses für
sanetis (ed. Turner p. 230, 2) und sanetos (p. 230, 5 und 237, 1), man kann dabei
als Fehlerquelle die Kurzform sc. denken (vgl. unten § 5, III a, 3). Dann aber liest man
sentorum (p. 236, 15) neben scötorum (p. 240, 6) und ist versucht, eine der Neben-
formen, wie z. B. snet., verantwortlich zu machen; scötorum kommt daher, daß der
Schreiber sich das abgekürzte Wort vorsprach. So steht im Salmasianus Paris
lat. 10318 fol. 32 scitissima für sanetissima.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 10
146 L.Traube,
Ambrosius de Abraham II 6, 36 ib. p. 592, 8: manebat apud
dominum (dorn Troyes 550, diim Paris 12137 und Brügge 101,
dm die jungen Handschriften und daher Schenkl de um) Susanna
pudica valde, etiam cum damnaretur adulterlo, quia deus non ad-
sertionibus falsorum testium facti examinabat fidem, sed intimae
conscientiam mentis interrogabat.
Hieronymus de psalmo X (ed. Morin, Anecdota Maredsolana
III 3 p. 8, 15): alii vero impii, qui pro peccatoribus non numquam
intelleguntur, quia minoris malitiae sunt, domini {dum Vatic.
Ottob. lat. 478, dei Venedig lat. cl. I 96 saec. XII und Vatic. lat. 317
a. 1554) iudicio reservantur. Vgl. ebenda p. 8, 20, wo für domini,
wie Venedig cl. I 96 richtig bietet, im Ottob. 478 und Vatic. 317 dum
geschrieben ist.
5. Die einzelnen Nomina sacra.
Es wird in den folgenden Abschnitten das Beweismaterial für
die einzelnen Formen der lateinischen Nomina sacra vorgeführt. Be-
gonnen wird mit der zusammengehörigen Gruppe DEUS, IESUS,
CHRISTUS, SPIRITUS. Der Abschnitt über DOMINUS, der aus
chronologischen Gründen diesen Worten folgt, bietet in der synoptischen
Tafel, die den Gebrauch des Typus DMS verdeutlichen soll, manche
Handhaben für vorher gemachte Ausführungen. Am Schluß werden
die Attribute (SANCTUS, NOSTER) behandelt, deren kontrahierte
Kurzformen in steter Beziehung auf SPIRITUS und DOMINUS, aber
erst in etwas späterer Zeit aufkommen.
I. Hauptgruppe.
a) DEUS.
1. D.
Auf Inschriften ist die Suspension D. für deus alt, selten aber
ist ihre christliche Verwendung. Rossi (Bullert. VI 10) hat nach
Boldetti die Beispiele zusammengestellt und vermehrt. Wenn in viel
späterer Zeit eine Königsurkunde aus Kent a. 679 beginnt: in n. d
nostri saluatoris ihu xpl, so kann nur domini gemeint sein.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 147
2. DES.
Diese Form findet sich einmal für deus im Palimpsest des Penta-
teuchs in München (Freising) lat. 6225. l ) Es wäre davon kein Auf-
hebens zu machen, da sie am Zeilenschluß steht, wenn nicht die
freilich auch singulare griechische Form 0GC sich zum Vergleich böte;
vgl. oben S. 89.
3. DS.
Über das Alter dieser in der gesamten christlich-lateinischen
Literatur fast ausnahmslos gebrauchten Form vgl. oben S. 131. Der
Zufall fügt, daß die ältesten datierten epigraphischen Zeugnisse jünger
sind als die für XPS; ferner daß Afrika an der Spitze steht, wohin
die Form erst später kam (vgl. oben S. 134).
Sicher belegen können wir DI und DO aus Afrika a. 408 mit
CIL. VIII 21551. Dieselbe Inschrift hat auch XPL Sie ist wohl jünger
als das oben S. 138 ff. behandelte Evangelienfragment k. Es folgt
ein Grabstein in Vercelli a. 471 (CIL. V 6741). Aus den Jahren 486
und 498 stammen die ersten Inschriften, die DS und DI für Gallien
(und zwar die Nähe von Lyon) bezeugen: CIL. XIII 1655 sq. Für
Rom ist das früheste Datum a. 527 bei Rossi Inscr. Christ. I 1011
(DS); es folgt a. 569 ib. 1119 (DM). Ein viel älteres Zeugnis scheint
das undatierte PAX TECVM IN * DO * in der Priscillakatakombe zu
sein (Rossi, Bullert. IV 4, 143), denn Rossis Deutung auf DOmino ist
ohne Analogie, wogegen das Mangeln des Striches bei der Lösung
D^O unter den epigraphischen Belegen für die kontrahierten Nomina
sacra keineswegs beispiellos ist. 3 )
Regelmäßig gebildet kann der Akkusativ von ds nur dm lauten.
Gelegentlich hat man dafür dum geschrieben; so in einem Teil des
Codex Bezae, angeblich 3 ) auch im Palatinus (Wien 1185). Wo Neuere
von der Form das sprechen, scheint ein Versehen vorzuliegen; gerade-
so, wie wenn die Männer des Nouveau Traite dmTs statt dris und
die heutigen Bischöfe eptis statt eps schreiben. Durch die Form epus
') Vgl. über die sonstigen Kürzungen in dieser Handschrift unten S. 180.
•) Selbst IN DO VIBANT auf einer Inschrift in Porto bei Ostia soll nach
Rossi (Bullett. I 4, 41 adn. 1) in domino vibant bedeuten, obgleich andere Portueser
Inschriften, die er daneben abbildet, IN DEO VIBAS ausgeschrieben geben. Rossis
Deutung ist in CIL. XIV 1956 eingedrungen.
3 ) Scrivener, Bezae Codex Cantabrigiensis, Cambridge 1864, pag. XLIV.
10*
148 L. Traube,
verrät sich auch sofort z. B. einer der Fälscher der Carte di Arborea
als Neuling. Doch werden wir unter IHÜS, XPUS und SPUS den-
selben Fehler schon aus recht alter Zeit nachweisen. 1 )
4. DEUS.
Über nicht kontrahierte Formen von deus, die gleichwohl über-
strichen sind, vgl. oben S. 51 f.
5. Falsche Anwendung der Kurzformen.
Deus wird durch die Kurzform nur da hervorgehoben, wo es
im christlichen Sinne steht. Verpönt ist also vor allem der Pluralis
dl (= dei). Im Heptateuch von Lyon wird z. B. ängstlich geschieden
zwischen ds etc. und dii oder daei, daeorum, daeis, deos oder daeos
(Robert p. XV). Doch finden wir schon im 6. Jahrhundert Fälle
wie dm matre in der Halb-Unciale von Augustinus de civ. dei Lyon
523 bis . Anders zu beurteilen ist Lactantius epit. (ed. Brandt p. 723, 5),
wo der Taurinensis ganz folgerichtig kürzt: ideo profetas ante prae-
misit, qui de adventu eins predicarent, ut . . ab hominibus et dl
filius et ds crederetur. nee tarnen sie habendum est, tamquam duo
sunt dl. pater enim ac filius unum sunt.
Später geht der Sinn für die Unterscheidung ganz verloren.
Schreibungen wie nam ds omnipotens qui rex hominumque dmque
oder sce dm summi custos Soractes Apollo (beide im Salmasianus
s. VIII der Anthologia latina) oder dm mater Idaea (in den Hand-
schriften des 9. Jahrhunderts im Cyprian, ed. Hartel p. 21, 13) sind
alltäglich geworden.
Aber von älteren Klassikertexten ist mir bisher nur der Ver-
gilius Romanus bekannt geworden als eine Handschrift, in der die
sakralen Formen ds und do inmitten der nationalen Capitalis für
ihren kleinen Teil das Verschwimmen der heidnischen und christlichen
Welt bezeichnen. Ich habe darüber besonders gehandelt in der Strena
Helbigiana (Leipzig, 1900) S. 307—314.
*) Vgl. auch über Formen wie nrurn (statt nrm) unten unter NOSTER 24
und über sciis unter SANCTUS 3. Über entsprechende Irrtümer der griechischen
Kalligraphen oben S. 89 und 92.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 149
b, c) IESUS CHRISTUS.
1. Vorbemerkung.
Die Worte Iesus und Christus dürfen hier sowenig voneinander
getrennt werden, wie im Griechischen, da die zugehörigen Kurzformen
sich in ihrer Entwicklung gegenseitig beeinflußt haben. Bevor wir
diese vorführen, muß die Orthographie von Iesus besprochen werden ;
denn hier, wie bei dem gotischen Wort für Gott, hat die beständige
und wohlberechnete kurze Schreibung dazu geführt, daß uns be-
rechtigte Zweifel über die volle Schreibung aufsteigen können.
Die einzige quellenmäßige Darlegung des kleinen Problems,
das seit dem ausgehendem Altertum die Geister beschäftigt hat, 1 )
haben Wordsworth und White gegeben, vor allem im Index zu ihrer
Ausgabe der Evangelien (Novum Testamentum I 776) und ebenda
zum Text von Matth. 1,1. Ihr Ergebnis kann durch Heranziehen
anderer Quellen noch ergänzt werden; aber im wesentlichen trifft es
gewiß das Richtige.
Die Schwierigkeit besteht in Folgendem. Iesus Christus ist
überaus selten ausgeschrieben worden; allermeist steht dafür die Kurz-
form, das Symbol, das einen Rückschluß auf die Orthographie nicht
gestattet. Die Homonymen dagegen (Iesus Nave, Iesus Sirach, Iesus
Eliezer u. a.) werden gewöhnlich ausgeschrieben, und nur selten
steht für sie und nur mißbräuchlich die Kurzform. Da die Heraus-
geber patristischer und anderer christlicher Texte bei Iesus Christus
die Kurzform gewöhnlich auflösen und jetzt meist Iesus trans-
skribieren, bei den Homonymen aber die gute handschriftliche Über-
lieferung beibehalten, welche mehr für Hiesus ist, pflegen sich in
diesen Texten, als läge eine beabsichtigte Differenzierung vor, Iesus
Christus und z. B. Hiesus Nave gegenüberzustehen. Das Richtige
wäre ja, wie es seit Tischendorf bei der Wiedergabe alter biblischer
Texte geschieht, die Kurzformen stehen zu lassen; geschieht das
nicht, so müßte mindestens da, wo Hiesus z. B. für Iesus Nave über-
liefert ist, auch Hiesus Christus gedruckt werden.
Hiesus war vielleicht die ältere Form im Lateinischen, iesus
war wohl vor Hieronymus schon im Gebrauch; aber erst er hat
Hiesus zu Gunsten der nichtaspirierten Form verdrängt. Für die
') Vgl. oben S. 3 ff.
150 L- Traube,
Werke und Übersetzungen des Hieronymus scheint in der Tat Iesus
die berechtigte Schreibung zu sein. 1 ) Ihesus ist eine jüngere Form,
die sich erst seit dem 6. Jahrhundert nachweisen läßt; veranlaßt war
sie, wie auch Hiesus, durch das Bestreben, der Dreisilbigkeit des
Wortes gerecht zu werden. Ich gebe schnell die Belege.
Hiesus: für diese Form sprechen die eigenartigen Kompendien
von Jesus Christus im Turiner Itala-Fragment k. 2 ) Ausgeschrieben
kommt die Form für Iesus Christus erst a. 530 (?) auf einer In-
schrift in Canosa bei Barletta (CIL. 1X411) vor, dann im Laudianus
und Cavensis des Neuen Testaments (beidemal neben Ihesus), Sehr
interessant ist die Überlieferung in einem Gedichte des Paulus
Diaconus (c. IV 21 ed. Dümmler, Poet. lat. I 43): am Schluß eines
Hexameters hat die eine Handschrift (Leipzig Rep. I 74 saec. IX) ihs,
die andere (St. Gallen 899 saec. IX/X) hiesus; gemeint ist auch hier Christus.
Dagegen in der Bedeutung von Iesus Nave und Iesus Sirach geben
Hiesus auch von biblischen Handschriften der Bonifatianus des Victor
von Capua (Act. 7, 45) und die gute alte Überlieferung in folgenden
Schriftstellern: Firmicus Maternus, Filastrius, Ambrosius (ed. Schenkl
IV 219, 18), Hegesippus (im Fuldensis zu Kassel saec. VI fol. 65),
Augustin (Speculum ed. Weihrich p. 438, 12), Salvian, Junilius, Jor-
danis, Excerpta Barbari, Fredegar.
Iesus: diese Form kommt ausgeschrieben für Iesus Christus
nirgends vor. Von vorhieronymischen Texten haben sie für Iesus
Eliezer der Heptateuch von Lyon und verschiedene Itala-Fragmente,
die von Wordsworth und White p. 41 aufgezählt werden. Die Vulgata-
Handschriften, alte (wie Mailand C. 39'inf. in Act. 7, 45) und karo-
lingische, haben für Iesus Nave immer Iesus.
x ) Nestles Hinweis auf die Interpretatio hebraicor. nominum des Hieronymus
(Onomastica sacra ed. de Lagarde, Göttingen 1870, p. 61, 24 = Göttingen 1887 p. 94),
auf den die englischen Gelehrten im Index sich berufen, erledigt diese Frage nicht
ganz. Vgl. die ähnlichen Bemerkungen des Hieronymus p. 38, 27 und 74, 7. Wenn
Hieronymus dem griechischen Vorbild folgend fast durchweg eigene lexikalische
Artikel des Buchstabens H vermied, so hat er doch oft dieselben Worte in dem
gleichen Werk auch wieder mit H geschrieben, wo sie nicht als selbständige Artikel
vorkamen. Vgl. Eusebius Onomasticon ed. Klostermann p. XXXV Im Floriacensis
der Chronica des Hieronymus heißt Iesus filius Iosedec auf einer Seite Iesus, auf
einer andern Hiesus (vgl. tab. 34 und 36 des Leidener Facsimile).
2 ) Vgl. darüber oben S. 140 f.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 151
Ihesus: der älteste Beleg 1 ) für diese Form scheint in den Flo-
rentiner Digesten fol. 16 vor der Const. Tanta (ed. Mommsen I
p. XXXII*) vorzuliegen. Da Justinian die Kürzungen verboten
hatte, wurde hier mit allen Buchstaben geschrieben: in nomine
domini dei nostri Ihesn Christi. Es kommen ferner der Reihe nach
als Zeugnisse für Ihesus {Christus) die Schreibungen im Laudianus
(neben Hiesus), auf einer spanischen Inschrift a. 627 (Hübner, Inscr.
Hisp. Christ, n. 119) und im Cavensis (neben Hiesus) vor. Auch für
die Homonymen wurde gelegentlich Ihesus, doch nicht in sehr alten
Handschriften, gesetzt.
Aber, wie gesagt, Iesus Christus begegnet ausgeschrieben in
Handschriften gar nicht, Hiesus Christus und Ihesus Christus findet
sich ungemein selten. Die Regel war, statt der beiden Worte die
Kurzformen zu setzen. Da diese zunächst aus dem Griechischen
entlehnt waren und nicht nur ein fremdes Aussehen boten, sondern
auch mißverständlich erschienen (das griechische Eta glich dem latei-
nischen Ha, das griechische Ro dem lateinischen Pe), quälte sich die
folgende Zeit an der Aufgabe; die griechischen Formen zu latinisieren.
Dies gelang, aber nun heftete sich nachträgliche Klügelei an die Er-
klärung der zu Wege gebrachten hibriden Bildungen und dem Pro-
zeß der Latinisierung folgte ein neuer der Gräcisierung.
2. IH und £.
Über die alten griechischen Kurzformen IH und & ist oben
S. 115 und 137 berichtet worden.
Zunächst gebrauchte man das Monogramm ^ß auch im latei-
nischen Kreise als christliches Symbol, das man am liebsten in seiner
ursprünglichen Atmosphäre beließ. Dann benutzte man es auch
wieder in beliebiger grammatischer Funktion, wie jede andere Sus-
pension. Man setzte nun z. B. auf einem Stein: SANCTI MARTYRES
APVT DEVM ET >ß ERVNT ADVOCATI. 2 )
*) Eine Inschrift zu Tropea (CIL. X 8076) gibt I|-ES V M, hat aber keinen chrono-
logischen Anhalt.
3 ) Rossi, Bullett. I 2, 34. Vgl. andere Beispiele, die Piper und Hauck in der
Protestant. Realenzyklopädie, 3. Aufl. XIII 369, gesammelt haben; dazu eine spanische
datierte Inschrift a. 484 (IN NOMENE XP) bei Hübner, Inscr. Hisp. Christ, n. 136,
bei der wir aber auf eine Abschrift angewiesen sind.
152 L. Traube,
Mit IH kann es nicht anders gestanden haben als mit >ß oder
XP. Das Turiner Evangelienfragment (k), über das ich oben im
Zusammenhang berichtet habe, 1 ) hat für Christus und seine Kasus
im Text zwischen den Uncialbuchstaben das Monogramm >ß mit
oder ohne den Strich darüber. 2 ) Es hat für Iesus verschiedene
Formen, darunter ih u und ih N , d. h. die Suspension IH, die man im
Begriff ist, durch Anhängen der Endung (einmal der griechischen)
zur Kontraktion umzugestalten. 3 ) Sonst finden wir ih nur noch ein-
mal im sog. Sakramentar von Autun, Rom Reg. lat. 317, wo diese
Suspension im Wechsel mit ihm für Iesum steht.
3. HI und XR.
Man hat bald versucht, die rein griechischen Formen IH und
zg dem Auge des Römers weniger fremd erscheinen zu lassen.
In den eben erwähnten Fragmenten k findet man neben den
auf IH zurückgehenden Kontraktionsgebilden auch Formen wie hi,
hl s , hi m , hi n , hi v , d. h. die Suspension HI mit verschiedenen Versuchen,
aus ihr eine entsprechende Kontraktion zu gewinnen. Es handelt
sich offenbar dabei um eine Latinisierung, bei der die Orthoepie
Hiesus vorschwebte, die wohl bestimmt für den Schreiber und seine
Zeit vorausgesetzt werden darf. Es hat sich hi sonst nur noch einmal
erhalten: im Heptateuch von Lyon steht oft für das Demonstrativ-
pronomen hi und hu. Man kann diese ganz seltsamen Gebilde nur
damit erklären, daß dem Schreiber als Kürzung für Iesus die latini-
sierte Suspension hi geläufig war.
Ein Gegenstück zu HI wäre XR. Diese halblatinisierte Schrei-
bung (nicht XP) scheint die portugiesische Inschrift a. 469 zu haben,
über die ich in den Sitzungsber. der bayer. Akad. 1900 S. 507 ge-
sprochen habe.
Nicht erwiesen scheint mir, daß ein ziemlich häufiges mono-
grammatisches Zeichen für Christus, in dem nicht das geschlossene P,
sondern eine andere Form benutzt ist, die man für R halten kann,
wirklich auch als Latinisierung aufzufassen ist. Rossi hat diese Be-
hauptung aufgestellt (Bullett. III 5, 154). Aber das Unwahrscheinliche
x ) Vgl. oben S. 138 ff.
2 ) Das Nähere siehe oben S. 140.
3 ) Im Codex Bezae begegnet statt ihm einmal gräcisierendes ihn.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 153
seines Beweises zeigt sich schon darin, daß er die frühesten Beispiele
des Gebrauches in Syrien findet und das Vorkommen von Raven-
natischen Monumenten mit dieser Form auf byzantinischen Einfluß
zurückführt.
4. IC, IS, HS.
Lange konnten die griechischen Formen IH und XP und die
latinisierte HI sich nicht halten. Man verwandelte sie entweder selb-
ständig in kontraktive Bildungen, wie HIS, über welche Form
unten S. 154 f. zu sprechen ist, oder ersetzte sie durch gräcisierende
Kontraktionen. Wir stellen dabei griechisches IC vor griechisches
iHC, obgleich diese zweite Form oder doch ihre lateinische Nach-
bildung älter ist. Aber die andern lateinischen Versuche, die von
IC ausgehen, stellen sich jetzt im Lichte der gesamten Überlieferung,
die sich für IHS erklärt hat, als ganz seltene Ausnahmen und frühe
Erscheinungen dar.
An einigen Stellen sehen wir das griechische IC einfach über-
nommen. Der Bodleianus der Chronica des Hieronymus saec. V
(Auct. T. 2. 26) hat auf fol. 11 l v : IPSE QUOQ. DUM IC (dieses Ge-
bilde ist von links unten nach rechts oben durchstrichen) IHS XPS. 1 )
Der Schreiber tilgte schon während des Schreibens die griechische
Form und ersetzte sie durch die Latinisierung, die auf der andern
griechischen Form beruhte. 2 ) Nicht korrigiert findet sich IC in dem
karolingischen Graeco-latinus der Paulus-Briefe (St. Petersburg gr. XX),
wo DNS IC dem griechischen \<C IC (1 Kor. 11,23) gegenüber-
steht. 3 )
An andern Stellen finden wir IC durch IS wiedergegeben und
is iü im dekliniert. Es begegnen diese Formen in einigen franzö-
sischen Halb-Uncialen des 6. Jahrhunderts. Lyon 483 (413) hat die
ganze Reihe, Orleans 192 (169) im Augustin-Fragment (fol. 31 — 33)
wenigstens im xpm. Wo Iesus Nave fälschlich gekürzt wird, hat der
Vaticanus des Eugippius s. VI is zwischen zwei Punkten (ed. Knoell
*) Ich habe dabei ausnahmsweise die Uncialen in unsere Versalien über-
tragen.
*) Vgl. über die Handschrift unten S. 170.
*) Ich entnehme dies einer Tafel in Bianchinis Evangel. quadruplex, auf die
Cavedoni verweist. Der Claromontanus bietet an derselben Stelle KC IC und
DMS IhS.
154 L. Traube,
p. 272, 15). In dem einen Archetypon der Quaestiones in hepta-
teuchum des Augustinus war Iesus Nave sicherlich auch mit is u. s. w.
gekürzt. Daher haben unsere Handschriften die seltsamsten Fehler.
Sie lesen statt Jesus (is) bald iis (ed. Zycha 420, 9), bald isri (419, 23;
420, 19), dann wieder ihm (448, 24) und sogar moyses (448, 14); statt
Jesu einmal ium (421, 19). Einmal hat Novara LXXXII saec. IX das
Ursprüngliche weitergegeben (449, 16): Expt questiones de libro iü
naue. Diese Schreibung muß es sein, die in der Überlieferung der
Acta Archelai folgende Fehler verschuldet hat.
Acta Archelai c. 11 (10) ed. Beeson p. 18,18: Uta autem
arbor, quae est in paradiso, ex qua agnoscitur bonum, ipse est
Iesus (für est Iesus hat Montecassino 371 saec. XI estis).
Ketzerkatalog in meiner Handschrift der Acta Archelai (vgl.
Sitzungsberichte d. bayer. Ak. 1903 S. 545,9; Acta Archelai ed. Beeson
p. 98,26): Valentinus vero et ipse duplicem esse simulavit divini-
tatem, is (so schrieb ich, ihs die Handschrift saec. XII) simul et
aeonum numerum novum visus est introferre.
Da aber tatsächlich im Lateinischen für 'Ir]oovg damals oft Hiesus
gesagt wurde, so hat sich neben IS eine Zeitlang auch HS gestellt.
Diese Form finden wir einige Male in den Turiner Fragmenten, frei-
lich daneben auch hs s , was mehr dafür spricht, daß hs hier als Sus-
pension aufzufassen ist. Der Genetiv zu HS mußte HU lauten. Er
steht in dem älteren Teil des Casinas CL fol. 385 v : dni ni hü xpi,
während die Handschrift sonst immer gewöhnliches ihü hat. Auch
in der lateinischen Übersetzung des Barnabas hat Petersburg Q. V. 1 39
saec. IX einmal hu, wo freilich der Akkusativ gefordert wird. 1 ) Auch
diese Handschrift folgt sonst der Regel. 3 ) Im Freisinger Pentateuch,
München lat. 6225, hat sich einmal hm filium naue erhalten.
Eine den Formen IS und HS entsprechende lateinische Bildung
XS ist mir nirgends aufgestoßen.
5. HIS.
Die eben geschilderten Versuche waren unmittelbar an das grie-
chische zweibuchstabige IC angelehnt. Nun gab es die andere Mög-
*) Vgl. Patres apostolici, iterum edd. Gebhardt et Harnack I 2 p. 27, 16.
2 ) Nur p. 37, 9 und 10, wo freilich die Wortstellung schwer ist, steht ihs
statt ihü.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 155
lichkeit, an die bereits vorhandenen Suspensionen anzuknüpfen. Hier
standen sich, wie wir gesehen haben, IH und HI gegenüber, die
griechische und die latinisierte Form. Ganz einfach war da zunächst
die Kontraktions-Bildung HIS. Entstehen sehen wir sie wieder in k: 1 )
hl, hi s , hi v , hl m (neben gräcisierendem hi N ). München (Freising)
lat. 6224, die bekannte Evangelien-Handschrift des Valerianus, hat
neben regelmäßigem ihs wenigstens an einer Stelle den alten No-
minativ his. Der regelrecht dazu gebildete Genetiv hin begegnet
zweimal im Cassian zu Autun 24 s. VII (ed. Petschenig I 180, 15
und 21). Der Akkusativ htm kann in dem Ottonischen Evangeliar
der Queriniana zu Brescia, wo er sich an einer Stelle findet, auf
Verwechselung beruhen {htm statt ihm). Dagegen auf einer Inschrift
von Castellamare, nach Rossi (Bullett. III 4, 120, vgl. CIL. X 8140)
saec. IV, könnte trotz der falschen Struktur IN NOMINE >ß HIM, wie
Rossi meint, wohl Iesum (oder vielmehr Hiesum) gedeutet werden
und ursprünglich sein. 2 )
Man könnte auch denken, daß die Form his für Jesus an zwei
merkwürdigen Stellen der römischen Literatur den Fehler veranlaßt
hat, der dort offenbar vorhanden ist und dessen Heilung freilich noch
einfacher wäre, wenn man die seltene Form his als Fehlerquelle voraus-
setzen würde.
In der Apologie des Apuleius c. 90 hat die Florentiner Hand-
schrift (ed. Helm p. 100, 10): si quamlibet modicum emolumentum
probaveritis, ego ille sim carmendas vel damigeron vel his (hier ist
Zeilenschluß) moses vel ioh vel apollo hqc vel ipse dardanus vel
quicumque alia s post zoroastren et hostanen inter magos celebratus
est Die Eigennamen sind, wie man sieht, z. T. entstellt; Bosscha
schlug vor: vel Hisus (vel) Moses. Er hätte Hiesus (his) schreiben
sollen.
Die Fulder Handschrift des Ammianus Marcellinus gibt XXII
16, 22: ex his fontibus per sablimia gradiens sermonum amplitudine
lovis aetnulus non visa Aegypto militavit sapientia gloriosa. Ver-
mißt wird ein Eigenname. Valesius setzte Piaton für non ein ; A. von
1 ) Vgl. oben S. 140 f.
2 ) Rossi vergleicht IN XPO IHES V M auf der Inschrift in Tropea, jetzt CIL.
X 8076; vgl. oben S. 151 Anm. 1.
156 L - Traube,
Gutschmid 1 ) dachte an den Ausfall von Hiesus (oder wie wir sagen
würden: his) nach his. Gegen diesen geistreichen Vorschlag ist
manches eingewandt worden; 2 ) unwahrscheinlich ist hier, wie im
Apuleius, daß ein Abschreiber an einer so außergewöhnlichen Stelle
den Namen nicht ausgeschrieben haben sollte. Im Mediceus des
Tacitus steht an der bekannten Stelle Christus mit vollen Buchstaben.
Anderseits konnte ein Christ, der noch ganz in der Tradition stand,
sich veranlaßt sehen, die kurze Form der Namen zu wählen.
6. IHS und XPS.
Die lateinische Suspension HI war von der eigentlich grie-
chischen Form IH ausgegangen, und diese, wie die griechischen
Formen ^ und XP, von der sie erst nachgezogen war, war auch im
Lateinischen, wie wir sahen, weit verbreitet. Man könnte also er-
warten, daß neben HIS s ) und auf demselben Wege, wie diese Form,
auch IHS und XPS sich entwickeln mußte. In der Tat sind diese
beiden Formen nicht nur gebildet worden, sondern es sind die
eigentlichen Kurzformen der lateinischen Kalligraphie. Die Ansicht,
daß sie zu betrachten seien als die zur Kontraktion gesteigerten Sus-
pensionen IH und XP, ist nicht neu und von einem Kenner wie
Henri Omont ausgesprochen worden, 4 ) der zugleich den Nachweis ge-
führt hat, daß die ältesten lateinischen Formen, eben diese hibriden
Gebilde, ursprünglich IHS und XPS und nicht, wie man so oft be-
hauptet findet, IHC und XPC geschrieben wurden. Sehen wir, was
sich dafür geltend machen läßt.
Wir beginnen mit XPS.
Wenigstens in einer Handschrift hatten wir für alle Casus von
Christus das Monogramm ^ gefunden. 5 ) An Beispielen für den Ver-
such, durch Beigabe der Endung dieses Monogramm dem Zusammen-
hang deutlicher anzupassen, fehlt es nicht ganz. Ich denke dabei
weniger an das Amulett im Louvre (Rossi, Bullett. I 7, 62), dessen
Rückseite
IESV >ßSTVS
*) Vgl. seine Kleinen Schriften, V 576.
2 ) Vgl. Petschenig in Bursians Jahresberichten LXXH 8.
3 ) Eine entsprechende völlige Latinisierung für Christus war nicht leicht
möglich. Über XRS vgl. unten S. 161.
4 ) Vgl. oben S. 11 Anm. 1.
5 ) Vgl. oben S. 139.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 157
zeigt, als an das Evangeliar von Aix. Diese Handschrift des 10. Jahr-
hunderts, dort früher 1042, jetzt 7, 1 ) hat unter der Aufschrift Versus
sancti Gregorii papae das Gedicht des Orator Andreas (Anthol. lat.
ed. Riese n. 766). Es ist ganz in künstlicher Capitalis geschrieben;
in v. 4 steht statt xpl, wie die andern Handschriften haben, $^I und
ebenso v. 15, wo die andern nati geben. 2 ) Auch die Inschrift zu
Como a.556 (CIL. V 5418): FAMVLVS XPTI MARCELLIANVS, kann
dafür angeführt werden, daß man durch Anhängung der lateinischen
Endung das Monogramm einzurichten versucht habe. 3 )
Noch fester scheinen die Stützen bei IHS. Hier sehen wir ja
in der Schreibung ih u , die in k steht, vor unsern Augen die Sus-
pension ih in die Kontraktion übergehen; vgl. oben S. 141.
Dennoch meine ich, daß diese freilich naheliegende Erklärung
gegenüber der Tatsache nicht standhält, daß im Griechischen selbst
die Formen IHC und XfC nicht nur überhaupt gebildet worden
sind, sondern sogar recht alte Bildungen sind. Es wäre ein merk-
würdiger Zufall, wenn das Lateinische aus sich selbst auf die gleichen
Formen gekommen wäre. Fand der Philolog und Kalligraph, der
zuerst die griechischen Nomina sacra ins Lateinische übertrug, IC
und XC, warum hat er nicht IS und XS darnach gebildet? An sich
sprach doch nichts gegen diese Formen. Vgl. oben S. 153 f. Fand
er aber IHC und XfC vor — und je früher man seine Tätigkeit an-
setzt, für um so wahrscheinlicher muß man dies halten — , welch
einen Umweg macht die Annahme, die den Übergang von IHC und
XfC zu IHS und XPS über IH und XP erfolgen läßt. Vielmehr ist
das Lateinische fast ganz genau in derselben Lage wie das Koptische;
es hat im Griechischen IHC und XfC vorgefunden und sich diese
Formen, so gut es ging, angeeignet; es hat später, als IC öfter ge-
lesen wurde, den Versuch gemacht, diese Form durch IS wieder-
zugeben; es ist nur eine Lücke unserer Überlieferung, wenn daneben
J ) Vgl. Catalogue general XVI 2 ff.
s ) Ich verdanke die Kollation meinem Freunde C. U. Clark. Die andern neuen
Lesarten haben nichts auf sich.
3 ) Plumpe Unmöglichkeiten sind dagegen E. W. B. Nicholsons Lesungen auf
der Bleitafel von Bath, vgl. Archiv f. Stenographie LVI (1905) S. 201.
158 L.Traube,
XS fehlt, das jedenfalls auch einmal dem griechischen XC gegenüber-
gestellt wurde.
Daß man aber mit den hibriden Formen XPS XPI XPO XPM
XPE und IHS IHU IHM sich überhaupt befreundete, das hängt wohl
damit zusammen, daß man das griechische X nicht gut umgehen
konnte. Setzte man dafür lateinisches CH, so hätte man dem Ori-
ginal nicht so treu bleiben können, wie bei DS und SPS. Auch
war man wenigstens an die Monogrammbildung bei XP völlig ge-
wöhnt, und war man es weniger bei IH, so mußte das Wagnis XPS,
durch das man dem griechischen XfC so nahe kam, das andere
Wagnis IHS notwendig herbeiführen. Man hat also an diesen
hibriden Bildungen keinen Anstoß genommen; ja, es lag in ihnen
etwas von dem geheimen Zauber, den die hellenistischen Juden em-
pfanden, als sie in den griechischen Texten den Gottesnamen mit
hebräischen Buchstaben schrieben.
Für die Chronologie und Topographie der Bildung XPS l ) steht
uns auf Inschriften ein ziemlich ausgiebiges Material zur Ver-
fügung. 2 ) Ich beginne mit Rom, das die ältesten Beispiele
liefert. Es findet sich XPI zwischen zwei Hederae auf einer Da-
masianischen Inschrift in den Buchstaben des Filocalus a. 366 — 384
(letzte Abbildung bei Grisar, Anal., tav. I 1). Dann XPI a. 401
(Rossi, Inscr. Christ. I 497), a. 444—461 (Grisar I 6), a. 461—468
(ebd. I 4), XPO mit einer Hedera dahinter a. 483 (Rossi, Inscr. Christ.
I 882), etwa aus gleicher Zeit dieselbe Form (Nuovo Bullert. V 208),
XPM a. 544 oder 533 (Rossi, Inscr. Christ. I 1087).
In oder bei Como finden wir FAMVLVS(-A) XPI a.484 (?CIL.
V5241), a. 501 (ebd. 5241), a. 505 (ebd. 5417), a. 530 (ebd. 5428),
a. 546 (ebd. 5427), a. 556Jebd. 5403).
Aus Salona wird XPE saec. V in. angeführt (Nuovo Bullett. di
archeologia crist. VIII 233).
In Catania findet sich a. 435 (CIL. X 7113) IN PACE XPI;
der Stein selbst ist nicht erhalten.
! ) Diese Form fehlt auf älteren Inschriften nur zufällig. Die Casus obliqui
finden sich sämtlich.
2 ) Vgl. zum Folgenden C. Caesar, Observationes ad aetatem titulorum lat.
Christ, definiendam spectantes, Bonn 1896, p. 3. Rossi (Bullett. IV 5, 96) will XPS etc.
auf Steinen schon seit dem 3. Jahrhundert gefunden haben.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 159
Narbonne a. 445 gibt XPO (CIL. XII 5336) ; die Inschrift ist
aber höchst bedenklich wegen der Fülle und Seltsamkeit der Abkür-
zungen.
Die afrikanische Inschrift mit XPI a. 408 (CIL. VIII 21551)
wurde schon oben für DI angeführt (vgl. S. 147).
Zwei ältere spanische Steine a. 446 und 485 (Hübner, Inscr.
Hisp. Christ. 98 und 46) sind beide nicht recht sicher.
Datiert ist ferner, aber örtlich nicht genau zu bestimmen, das
Konsular-Diptychon des Probus a. 406, vgl. CIL. V 6836; auf der
Fahne steht IN NOMINE XPI VINCAS SEMPER (so, mit zwei
Strichen, nicht XPI).
Die Kurzform IHS wird auf den eben angeführten oder gleich
alten Steinen nicht gefunden ; Jesus gehört nicht zum Formular dieser
Zeiten.
Aber in den Handschriften ist sowohl xps als ihs die herr-
schende, man kann sagen: die ausschließlich gebrauchte Form. Die
wenigen Fälle, in denen is, hs oder his statt ihs vorkommen, haben
wir bereits aufgezählt; sonst steht in den alten Handschriften der
Itala, wie der Vulgata, nur ihs und xps. Die genaueren Belege
werden unten (S. 178 ff.) bei der Behandlung des Typus dms
gegeben werden. Von sehr alten Handschriften kommen noch
die der Chronik des Hieronymus hinzu. Vom Bodleianus wurde
oben S. 153 berichtet; in den Fragmenten aus Fleury begegnet
xpö und xpi . anos. 1 ) Das letztere ist zu vergleichen mit XPIA NE
auf einer Toskanischen Inschrift s. V (Rossi, Bullett. IV 5, 95). Der
Punkt innerhalb des Adjektivs (xpi . anus) findet sich z. B. auch in
Petersburg Q. V. I. 3 (Typus dms, vgl. unten S. 182 f.) und in Paris
lat. 2235 Hieronymus in Ps. (Chatelain pl. XIX).
x ) Derartige Fortbildungen waren einwandfrei (vgl. oben S. 125). Recht alt
sind indessen nur einige wie mttcoe und xpianus. Das letztere ist die einzige
legitime Form. Wenn also Halm als Stütze von Stiebers falscher Konjektur im
Minucius Felix (p. 18, 14), Christianorum statt pistorum, ein ganz unbezeugtes
xpistorum oder xpiörum annimmt, so hatte Haupt (Opuscula III 390) recht, ihm
diesen S chnitz er aufzumutzen. Eine ganz richtige Vorstellung hatte aber auch er
nicht. XPIST, als Lesart des Vatic. Reg. lat. 886 s. VI von Mommsen in der Ausgabe
des Theodosianus p. CLII verzeichnet, ist Druckfehler statt xpianos.
160 L.Traube,
Noch eine graphische Eigenheit sei hier kurz erwähnt. Seit
dem 12. Jahrhundert findet man hie und da (z. B. bei unserm Ludwig
von Wessobrunn, aber auch in Beneventanischen Handschriften)
x statt xpi.
Man begreift diese Bildung sehr wohl. Nach dem Muster von
P — pri
hatte man eingeführt, daß t über einem Konsonanten den Ausfall
eines r zwischen dem Konsonanten und dem übergeschriebenen i
bedeute. Dies dehnte man auf x in xpf aus, aber so, daß
x nicht nur xri, sondern auch xpi
bedeutete. Man ging aber noch weiter und schrieb z. B.
x für Christe,
wie ich das z. B. in München (Tegernsee) lat. 19411 saec. XII ex. fol. 56
fand, und
o
X,
wie in meiner Handschrift der Acta Archelai geschrieben wird.
7. IHUS und XPUS.
Im allgemeinen vgl. über falsche Schreibungen dieser Art oben
S. 147 f. (unter DEUS).
XPVS auf einer Inschrift in Süditalien a. 529 (CIL. X 6218) ist
freilich nicht ganz einwandfrei überliefert. Aber ihus steht im Bres-
lauer Evangeliencodex aus Aquileia einmal neben häufigem ihs; öfters
hat der Cavensis der Evangelien die Form, gleichfalls neben ins; des-
gleichen das Sakramentar von Gellone (Paris lat. 12048); ihus steht
in Berlin (Metz) Phill. 1662 s. VIII/IX, und ebenso stand im Eugippius
Paris lat. 11642 s. IX an einer Stelle (p. 272, 15 ed. Knoell, vgl. oben
S. 153 f.) für Iesus Nave und wurde erst vom Korrektor in ihs ver-
wandelt. Desgleichen hat Colmar (Murbach) 39 und Cassel (Fulda)
Theol. O. ös.VIII einmal ihus xps, ebenso auch ein Fragment des Arator,
das aus der Handschrift München (Tegernsee) lat. 18710 gelöst ist. In
VeronaXIII(l l)fol.480 v schrieb unter denHilarius eine ziemlich ungebildete
Hand im 8. Jahrhundert den kernigen Spruch In none dni dl nostri ihuln 1 )
l ) Vgl. oben S. 155. Es fiel ja Iesu und Iesutn in der Aussprache zusammen;
daher die öftere Vertauschung der beiden Formen.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 161
xpi Ariperto rege fuit uera iastitia et sincera, und so hat für den
Akkusativ gelegentlich auch der Irenaeus aus Corbie, Berlin Phill.
1669 saec. IX.
8. XRS.
Wenn man den ersten Buchstaben in XPS ruhig hinnahm, da
man ihn nur umschreiben, nicht ersetzen konnte, und wenn man in
IHS den zweiten Buchstaben oft wahrscheinlich deshalb duldete, weil
man ihn fälschlich für das Zeichen der Aspiration hielt, so blieb das
P in XPS unbequem. Man wird sich daher nicht wundern, neben
XPS auch gelegentlich XRS anzutreffen, geradeso wie für XP auch
XR versucht worden war; vgl. oben S. 152.
Ich kenne für XRS zwei Beispiele aus Oberitalien. Von den
Resten der bischöflichen Kanzel in der Metropolitana zu Ravenna
berichtet Bormann (CIL. XI 266) gelegentlich die auffällige Einzelheit,
die ich sonst nicht erwähnt finde, daß auf der einen Inschrift
SERVVS XPI AGNELLVS ■ EPISC HVNC PYRGVM <FECIT>,
auf der andern derselbe Satz, aber XRI steht. Agnellus war Bischof
von 553 bis 568. Etwas später entstanden ist das Evangeliar von
Aquileia, jetzt in Breslau Rehd. 169. Hier sind neben den gewöhn-
lichen Formen sehr zahlreich die xrs, xrl u. s. w., die ein Korrektor
öfters durch übergeschriebenes p einzurichten versucht. In einer
Veroneser Halb-Unciale XXII (20) entschlüpft dem Schreiber saec. VI
die Mischform xprö. Man kann damit vergleichen die aus-
geschriebenen Worte xristus und xrisptus in einer Handschrift aus
Leon saec. IX/X, die auch sonst ein beredtes Zeugnis für die Tiefe
der damaligen spanischen Kultur ablegt (vgl. Poetae aevi Carolini III
125 sqq.).
9. IHC und XPC.
Obgleich die Gelehrten und Schreiber des frühen Mittelalters
keine ganz klare Einsicht in die Bildung der Formen IHS und XPS
gehabt hatten, so war ihnen deren Zusammenhang mit dem Grie-
chischen doch nie ganz entgangen. Vgl. die Stellen oben S. 5 ff. Je
mehr aber allmählich der philologische Sinn erwachte, um so skep-
tischer wurde man Gebilden gegenüber, die doch nicht ganz mit
ihrer Herkunft übereinzustimmen schienen. Man begriff, daß H, X
und P griechische Buchstaben waren, aber dann mißfiel das lateinische
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 1 1
162 L.Traube,
S. 1 ) Es ist ein gewisser Rationalismus, der jetzt beginnt, an dem
historisch Gewordenen herumzudeuteln und schließlich herumzumodeln.
Auf dem Kontinent geschah das im 9. Jahrhundert, auf den Inseln
vielleicht schon früher.
Zunächst suchte man die griechischen Bestandteile der beiden
Worte in der lateinischen Schrift abzuheben. Es geschah dies häufiger
bei ihs als bei xps, vielleicht weil man jetzt hauptsächlich glaubte,
die Deutung des h als eines lateinischen Buchstabens ausschließen
zu müssen; x und p sahen zwar fremd aus, waren aber doch nicht
mehr zu verkennen. So schrieb man nun in verschiedenen karolingischen
Schulen in den Minuskel-Texten nicht mehr ihf, sondern iHf; man
schritt auf demselben Wege fort und kam später auch von xpf
zu XPl
Für iHf iHü 2 ) itim (neben xpf u. s. w.) führe ich von turo-
nischen Handschriften an: Paris lat. 3, London Add. 10546; 3 ) von
Handschriften des Stiles ,franco-saxon' : Paris lat. 2, Paris lat. 2290,
Leiden publ. 48. Diese Art bleibt stellenweis bis ins 1 1 . Jahrhundert
erhalten. 4 )
XPf XPi u. s. w. (neben ihf oder iHf) fand ich zuerst in der
St. Galler Handschrift saec. IX ex. London Add. 11852.
Es ist möglich, daß ähnliche Versuche schon in früherer Zeit
unternommen wurden. Zum Beispiel schreibt die freilich nicht sehr
alte Unciale Wien 15216 nicht IhS, sondern IHS. Sonst ist H in
der Unciale nicht gebräuchlich, der Buchstabe steht also hier für Eta.
Man ist noch weiter gegangen und hat ihc und xpc statt ihs
(oder iHf) und xps (oder XPf) gebildet. Die insularen Schreiber
gingen darin, wie es scheint, den kontinentalen voran. In Würzburg
Theol. F. 69 steht über dem Bild einer Kreuzigungsgruppe IHS
Xfis. Der Buchstabe am Schluß der Wörter könnte als eckiges S
gedeutet werden, wahrscheinlicher ist er ein Sigma von epigraphischer
Gestalt, wie es neben n für P in irischen Handschriften nicht selten
») Die Endbuchstaben der Casus obliqui (*', o, m, e) ließen sich mit dem
Griechischen besser in Einklang bringen.
2 ) Ottonische Handschriften schreiben dafür gelegentlich iHV.
3 ) Nicht alle turonischen Handschriften scheinen diese Eigenart zu zeigen. _
4 ) Es verbindet sich dann manchmal, nicht immer, damit die Schreibung iHC.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 163
begegnet, n in XiJsT beruht auf einer belustigenden Verwechselung,
die sich durch folgende Gleichungen erläutert:
(lat.) R = (griech.) J>
(lat.) P = (griech.) n
R = n.
An solchen Experimenten sieht man wenigstens, daß die insularen
Schreiber die beiden Nomina sacra ganz zu gräcisieren suchten.
Wirklich erreicht ist dieses Ziel in dem kambrischen Iuvencus Cam-
bridge Univ. Ff. 4. 42, wo im Text neben Ihf und IHC auch öfter
Ihc, in den Interlinearglossen auch xpc vorkommt. Ich glaube nicht,
daß die Handschrift viel älter ist als saec. IX. Auf dem Vorsatzblatt
in Laon 26 steht xpc von irischer Hand saec. IX.
In eigentlich karolingischen Handschriften findet sich ihc und xpc
schon ziemlich oft: so in Paris lat. 9428, München (S. Emmeram)
lat. 14000, Paris lat. 9451 (hier steht xps neben ihc), Bern 258. Auch
schrieb man mit großen Buchstaben [HC innerhalb der Minuskel; so
z. B. Sintram von St. Gallen c. a. 900, die Schüler von Winchester,
viele ottonische Kalligraphen. 1 ) Von einer ganz allgemein angenommenen
Regel kann nicht die Rede sein: der Schreiber des Trierer Codex
Egberti setzt ihs xps, der Maler IHC XPC. 2 ) Und in vielen Handschriften
späterer Zeit trifft man nach wie vor nur ihs xps. Die Holztafel,
die Bernardino von Siena 1427 zur Andacht ausstellte, zeigte IHS
in goldenen Buchstaben mit einer Sonne darum. 3 ) Wohl hauptsäch-
lich hierdurch wurde im kirchlichen Gebrauch das alte Symbol in
seiner ursprünglichen Form wieder lebendig.
Wir schließen diese Betrachtung, indem wir erneut hinweisen
auf den großen Unterschied des Wahrscheinlichen vom Wahren, des
Naheliegenden vom historisch Eingetroffenen, den die Analyse auch hier
aufgedeckt hat. IHC und XPC sind im Griechischen alt, im Lateinischen
jung. Die Lateiner haben diese Formen den Griechen nicht entlehnt,
sondern sie haben durch einen rationalistischen, unhistorischen Ver-
1 ) Berlin Phill. 1681 saec. X/XI hat xpictianam fidem.
2 ) Auf Aachener Inschriften aus Ottonischer Zeit (Kraus, Die christl. In-
schriften der Rheinlande II 479, 480) ist gelegentlich HIC für IHC verschrieben
worden.
3 ) Piper hat darauf aufmerksam gemacht, vgl. jetzt in der Protestant. Real-
enzyklopädie, 3. Aufl. XIII 372.
11*
164 L.Traube,
such spät und zufällig das wieder eingeführt, was dort ursprünglich
vorhanden war. .
10. Falsche Anwendung der Kurzformen.
Es ist ganz selbstverständlich, daß wie im Griechischen (vgl.
oben S. 113) die Form ihs nur für Iesus Christus aufgebracht worden
war. In alten Handschriften ist auch die mißbräuchliche Übertragung
der Kurzformen auf die Homonymen noch ganz selten; immerhin liest
man ihs für Iesus Nave in der Itala Würzburg Mp. theol. 64 a und im
Hegesippus auf Papyrus in der Ambrosiana; 1 ) über is und hs für
Iesus Nave vgl. oben S. 153 f. Doch selbst in jüngeren Hand-
schriften wird die Übertragung meist sorgfältig gemieden.
Schließlich soll bemerkt werden, daß man xps auch z. B. im
Worte Antichristus kürzte; die Möglichkeit einer Kurzschreibung von
Christus in diesem Worte ging schon aus dem oben S. 4 er-
wähnten Traktate des Hieronymus De monogrammate hervor.
d) SPIRITUS.
1. SPS.
Das Formular der christlichen Inschriften enthielt einen Hinweis
auf die Trinität selten genug. 2 ) In diesen wenigen Fällen aber ist
in älterer Zeit SPIRITVS SANCTVS ausgeschrieben worden. Rossi
kennt für SPS SCI (so, ohne Striche) erst ein afrikanisches Beispiel
aus Theveste saec. VI, 3 ) das zudem nicht ganz einwandfrei ist; neuer-
dings wurde in Henchir Akhrib (Dep. Constantine) eine Inschrift
a. 582 ausgegraben, auf der in der Trinitätsformel SPSCI so mit
Einem S in der Mitte steht, wie auch SCECLSE mit Einem E statt
SCE ECLSE. 4 )
Die frühesten epigraphischen Beispiele stammen also aus Afrika
und sind ziemlich jung. Man könnte vermuten, daß die Kurzform
erst spät aufkam. So hat mich auch Turner darauf hingewiesen, was
J ) Über die Lesart des Hegesippus Fuldensis vgl. oben S. 150.
2 ) Vgl. die Beispiele bei Rossi, Bullert. IV 3, 102^
3 ) Bullert. III 3, 8; ein sicheres Beispiel mit SPS SCI aus Capua s. VII ebd.
IV 3, 102.
4 ) Vgl. Melanges d'archeologie XXIII (1903) 12. Man könnte freilich auch
auflösen: SC ECLSE.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 165
mir selbst nicht aufgefallen war, daß in einzelnen alten Handschriften
Spiritus nur ausgeschrieben vorkommt. Doch von sehr alten Codices
dieser Art kenne ich nur Turin (Bobbio) G. V. 37 — auf ihn wies
mich Turner — und vor allem die Turiner Evangelien-Fragmente k (vgl.
oben S. 141). Sonst geht aus meiner tabellarischen Übersicht über
die Handschriften des Typus dtris (unten S. 178 ff.) und aus gelegent-
lichen Beobachtungen über die alten Handschriften des Typus dns
(unten S. 190) mit Wahrscheinlichkeit hervor, daß sps mitgehört zu den
ältesten Kontraktionen. Dafür spricht vor allem die Einheitlichkeit
der Überlieferung. Es gibt zu SPS keine Nebenform von irgend-
welcher allgemeineren Verbreitung. SPS aber gehört zu DNA, wie
DS zu ©C. Wäre Spiritus erst später angeeignet und eingerichtet
worden, so würde man schwerlich in der alten Weise buchstäblich
genau das griechische Vorbild befolgt haben. Sollte es sich dennoch
bestätigen, daß hier und da in alten Handschriften die Kurzform sich
nicht findet, so ist wohl eher ein absichtliches Meiden anzunehmen l )
und die Begründung wird, wie bei k, in besonderen Verhältnissen zu
suchen sein.
Zu sps gehört der Regel nach als Dativ spi, als Akkusativ spm.
Doch hat die Bildung des Dativs Schwierigkeiten bereitet. Ich habe
spi nur selten gefunden; 2 ) häufiger spul, worüber ich unter spus
sprechen werde; daneben spu (= spiritu für spiritui) und statt spu
wieder als Dativ und Ablativ auch spo, 3 ) wie in Boulogne-sur-Mer 32
saec. VII (Ambrosius ed. Schenkl II 322, 1) und Paris lat. 12168
saec. VIII/IX (Augustin. Quaest. in hept. ed. Zycha p. 327, 28).
2. SPUS.
Für SPS tritt manchmal SPUS ein, ganz wie in den oben
S. 147 angeführten Fällen. Zwar im Heptateuch in Lyon steht, so-
viel ich sehe, sps und nicht spus, wie U. Robert in der Ausgabe des
Pentateuchs p. XV verzeichnet. Aber im Rehdigeranus der Evangelien
ist spus einmal überliefert (ed. Haase p. 123); auch für den Hilarius
Verona XIII (11) haben wir Zingerles ausdrückliches Zeugnis; ebenso
steht spus und spuin im Irenaeus von Corbie, Berlin Phill. 669 saec. IX.
>) Vgl. oben S. 132.
2 ) Für den Genetiv steht es in Paris lat. 2769 saec. VI fol. 16.
3 ) Vgl. unten S. 171 f. unter dorris. Über spirl vgl. unten S. 166.
166 L- Traube,
Und spat, was zu sptis gehört, haben Rehdigeranus, Sessorianus LV,
Amiatinus 1, die Lyoner Handschrift des Leidrat (Notices et ex-
traits XXXV 2 pl. X und p. 838), St. Gallen 98 saec. IX, Oxford Laud.
misc. 259 saec. X; spum hat München (Tegernsee) lat. 27152.
3. SPRTS, SPIRS, SPITUS.
Ich vereinige hier die wenigen Kurzformen von spiritus, die
mir neben sps begegnet sind.
Ein nicht datierter Grabstein in Marseille (Le Blant, Inscriptions
ehret. II pl. 73 n. 440, CIL. XII 483) hat CONMENDO SPRTM
MEVM. Die Bildung erscheint ganz afrikanisch oder spanisch. 1 ) Berlin
(Lyon) Phill. 1745 saec. VII bietet neben sps ses und seinen Formen
fol. 45 v spirl sco. Die einzige Handschrift von Commodians Carmen
apologeticum (Cheltenham 12261 saec. VIII) liefert mit spitx sanetus
eine andere Seltsamkeit, die, wie es scheint, im Ablativ spitu
des Isidor Wolfenbüttel (Bobbio) Weiss. 64 wiederkehrt. 2 )
4. SPC.
Die gräcisierende Schreibung ihc xpc ä ) hat bewirkt, daß in
einigen Kurzformen c statt des schließenden 5 geschrieben wurde.
So in epc (episcopus, hier kann aber in älteren Handschriften das c
auch als der fünfte Buchstabe des Wortes aufgefaßt werden), ompe
[pmnipotens) und sp'c (spiritus); vgl. Wattenbach, Anleitung z. lat. Paläo-
graphie, 4. Aufl. S. 67. Das erste Beispiel von spe gibt mir einst-
weilen der Cassellanus der Thebais des Statius aus Mainz (?)
a. 1010.*)
5. Falsche Anwendung der Kurzformen.
Die Kurzform sps war ersonnen nur für den Heiligen Geist.
Doch fehlt es nicht an einzelnen frühen Beispielen falscher Über-
tragung.
1 ) Vgl. unten § 6 über die Entfaltung der lateinischen Kontraktion.
2 ) Ich schließe das einstweilen nur aus Walthers Lexicon diplomaticum 377, 22,
wo auch ähnliche Formen späterer Zeit gesammelt sind.
5 ) Vgl. oben S. 161 f.
") Vgl. Theb. ed. Müller p. 248 v. 361 und C. F. Webers Programm, Marburg
1853. Für ompe führt Wattenbach Köln 139 saec. XII an; ebenso alt ist Paris
lat. 9551, älter das Troparium London Cotton. Calig. A. XIV, in welchen beiden
Handschriften gleichfalls die Form mit c begegnet.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 167
Bern F. 219, Oribasius saec. VI: quodsi inpneumatosis fuerit,
id est habundantia sps ventositatis (Hagen, Zur Geschichte der Philo-
logie, S. 261, 18).
Florenz Laur. pl. 65, 1, Orosius saec. VI: Delphici Ullas vanissiml
sps. et mendaclsslml nebulonls responso clrcumventus (ed. Zange-
meister p. 207, 10).
Berlin (Lyon) Phill. 1745, Concilia saec. VII: fol. 42 neqae verum
corpus habulsse, sed tantum modo spm futsse; fol. 4S v sps verltatls
. . . sps falsltatls.
Mailand B. 159 s., Gregorii dialogi c. a. 750, hat öfters mallgnl
sps und dergl., daneben fol. 39 qul In exfugandls spirttlbus inmensae
virtutis gratia pollebat. Vgl. oben S. 95 über FlNATA.
Paris lat. 10318, Salmasianus der Anthologia latina saec. VIII,
bietet viel Schreibungen wie sps interdum gemitus.
In den karolingischen Abschriften der Klassiker sind Fälle, wie
quapropter delictis tarn enerves anlml spm exercltus nostrl sustinere
non potuerunt (Valerius Max. ed. Kempf p. 426, 23 in Bern 366
saec. IX aus Ferneres), oder quid ergo? non caperls tantae molis
adspectu, etlam st te non tegat, non custodtal, non foveat generet-
que ac spü suo rlget (Seneca de benef. ed. Hosius p. 106, 9 in Rom
Palat. lat. 1547 aus Lorsch), durchaus nicht selten.
II. Dominus.
1. Übersicht.
Eine Kontraktion für dominus in der Bedeutung „Gott der
Herr" kam wahrscheinlich erst im 5. Jahrhundert auf. Bis dahin
schrieb man auch in den Texten, welche die Nomina sacra deus,
lesus, Christus, Spiritus schon als Kontraktionen gaben, dominus
nach den Regeln der Suspension. Und zwar war die häufigste Form
dorn., von der daher die folgende Darstellung ausgeht. Im 5. Jahr-
hundert wurden die Kontraktionen dms und dns geprägt; im 6. war
dns bereits allgemein angenommen und hatte dms überall aus dem
Felde geschlagen. In den ältesten Handschriften des Typus dms und
dns begegnen von Suspensionen außer dorn, noch dmn. und don.
Unser Weg mußte also von dorn, über diese nach alter Art gebildeten
Formen zu dms und dns führen. Ich habe es dabei für richtig ge-
halten, sowohl mit dorn, als mit dmn. und don. gleich die Kontrakta
168 L. Traube,
zu verbinden, die sich auf diesen suspensiven Formen aufbauten
(doms, dmns, dons). An dmns habe ich dnms gehängt. Als Schluß
folgt noch eine kurze Nachricht über domn. und domns. Es ent-
stehen so sieben kleine Abschnitte, in denen jedesmal erst die Sus-
pension, dann die Kontraktion behandelt wird: dorn. — doms,
dmn. — dmns und dnms, don. — dons, dm. — dms, dn. —
dns, domn. — domns. Die Abschnitte werden dadurch weiter ge-
gliedert, daß bei der Suspension erst der Gebrauch in der Titu-
latur, dann der auf sakralem Gebiete vorgeführt wird, und um-
gekehrt bei der Kontraktion erst der sakrale Gebrauch, dann der
Gebrauch in der Titulatur. Unter Titulatur verstehe ich die An-
rede oder sonstige ehrende Bezeichnung der römischen Kaiser, ferner
deren Nachbildung für die Barbarenkönige, die Bischöfe, Äbte u. s. w.
Die Kaisertitulatur war für den christlich-sakralen Gebrauch das Vor-
bild, wie ich schon in den Sitzungsberichten der bayerischen Aka-
demie 1900 S. 498 angedeutet habe. Daß dies Verhältnis bei allen
Formen der Suspension das gleiche ist, wird auch da einleuchten,
wo die überlieferten Beispiele für den christlichen Gebrauch zu-
fällig älter sind. Umgekehrt muß man annehmen, daß die einzelnen
Formen der Kontraktion für den sakralen Gebrauch geschaffen
wurden.
2. DOM. und DOMS.
Rossi scheint andeuten zu wollen, 1 ) daß auf epigraphischem
Gebiet die Form dorn, erst im 6. Jahrhundert begegne. Doch trifft
das nicht mehr zu. Wir haben vielmehr in dorn. n. einen ziemlich
alten Konkurrenten der Titulatur d. n. (= dominus nostef) zu er-
blicken.
Rom a. 388? (Rossi, Inscr. I 371): BOM MAGNO MAXSIMO;
zwei ägyptische Quittungen a. 398 (Papyrus Rainer bei Wessely,
Schrifttafeln zur älteren lateinischen Paläographie, Tafel VII 17 u. 18):
post cons. dorn n Honori Augusti quater; Bordeaux a. 405 (CIL.
XIII 912): PC DOM NTRI HONORI AVGVSTI SEX; Lyon a. 466
(CIL. XIII 2360, vgl. 2363): DOM N LEONE III;_Auvergne a. 526
oder 527 (CIL. XIII 1531): ANNO XV REGNO DOM THEVDORICI;
ebenda a.538 (CIL. XIII 1532): ANNO IUI RIG DOM NÜS TEVDO-
x ) Inscr. Christ. I 1316.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 169
BERTI; Sevilla a. 573 (Hübner, Inscr. Hisp. Christ. I 76): DOM
LIVVIGILDVS; 1 ) Rom a. 578 (Rossi, Inscr. I 1122): IMP ' DOM-N*
IVSTINO etc.; 2 ) Acque Salvie bei Rom a. 689 (Rossi, Bullett. I 7,84
und 87): DOM SERGI PAPA ■ ANNVS ■ SECVNDV.
Handschriftlich findet sich dorn, (dorn, dorn., dorn) als Titulatur
ziemlich oft vom 6. bis zum 7. Jahrhundert. So in Köln CCXII,
Paris lat. 8913, Bern (Fleury) 219,3) Berlin (Lyon) Phill. 1745,
St. Gallen 226. Vatic. (Bobbio) lat. 5758 hat den Herkunfts-
vermerk: de arca dorn Bobuleni, Turin (Bobbio) Hofarchiv Ib. VI 28:
de arca dorn Vorgasti abbi.*) In der Überlieferung von Schriftstellern
des 6. Jahrhunderts haben dorn, auch Handschriften späterer Zeit ent-
weder rein oder in durchsichtigen Fehlern erhalten, wie der Bruxel-
lensis des Ennodius, die Handschriften des Konzils von Mäcon vom
Jahre 583, die der Gedichte des Fortunatus (vgl. das Schwanken der
Kasus bei Leo p. 80 n. II und III, p. 81 n. IV, p. 248 n. XV), die der
Briefe Gregors I. Aus dem 7. Jahrhundert bewahrt die Überlieferung
des Marculf dorn.
Kaum nötig zu sagen, daß die Urkunden diesen Gebrauch fort-
pflanzen: ann XIIII regh dorn nl gibt in Nachahmung einer mero-
wingischen Privaturkunde Paris lat. 10756 fol. 64; die langobardische
Königsurkunde a. 755 hat dorn ebenso, wie die private aus Ceneda
a. 762.
Noch in karolingischer Zeit ist die Verwendung ganz lebendig.
Als Beispiele mögen stehen: München (Diessen) lat. 5508, 5 ) Wolfen-
büttel (Heimst.) 287 und 513, Vat. lat. 5007, Modena Est. lila. 800,
La Cava 22, Montecassino 439, 6 ) Turiner Fragment der Constitutio
vom Jahre 832. ?)
J ) In derselben Inschrift steht ausgeschrieben: domni nostri Ermingildi regis.
2 ) Vgl. Grisar, Analecta, tav. II 1.
3 ) Fol. 64 (Zangemeister et Wattenbach, Exempla, tab. 59): primus domicianus
dorn, et dm se appellari iussit. Hier schreiben die Abschriften des älteren Floriacensis
dominum und deum aus.
*) Vgl. aus späterer Zeit Rom (Nonantula) Sess. 40: hie codex adquisitus
per dorn Anselmum ati (f 803).
6 ) Hier steht fol. 106 auch: in basilicam dorn Mariae matris dni; derselbe
Gebrauch findet sich in einer stadtrömischen Urkunde noch im 12. Jahrhundert, vgl.
Archivio d. R. Societä di Storia patria XXVII 443.
•) Hier steht dorn Eusebii neben domno Eusebio.
7 ) Vgl. Cipolla, Atti d. R. Acc. delle Scienze di Torino, Vol. XIX.
170 L.Traube,
SVB TEMP. DOM. VALERII ARCHIEP. liest man auf einer
bekannten Inschrift des 9. Jahrhunderts zu Ravenna; ja, eine Neapo-
litaner des 12. gibt noch neben DOMi auch DOM.
Früh fand die Übertragung auf den Gottesnamen statt. Ich
beginne wieder mit den inschriftlichen Belegen.
Wir finden IANVARI IN PACE DOM in Porto (Rossi, Bullett.
I 4 p. 47 = CIL. XIV 1962), VENECESTVS PREVITER IN PACAE
DOM DORMIT in Rom (Nuovo Bullett. VII 270), AVGVRINE (vgl.
den Vokativ in der eben zitierten Portuenser Inschrift) IN DOM.
ET -P in Rom (Rossi, Roma sott., II tav. 39, 30), IN NOM DOM
2-EPELVTTA (= sepulta) IANVARIA in Afrika (CIL. VIII 15639).
In Handschriften begegnet dorn, für Gott den Herrn seit dem
5. Jahrhundert, also früher als für den Herrn und Herrscher; was
erklärlich ist, da unsere kirchlichen Handschriften höher hinaufgehen
und in den nichtkirchlichen Handschriften zur Anbringung und daher
auch zur Kürzung der Titulatur überhaupt seltener Gelegenheit ge-
boten war.
Um 400 hat das afrikanische Fragment Turin G. VII 15 dorn
neben den kontraktiven Formen dom s u. s. w.; vgl. oben S. 141 f.
Oxford Auct. T. 2. 26, die etwa zwischen 400 und 450 ge-
schriebene Handschrift der Chronik des Hieronymus, bietet fol. lll v
dorn ins (davor ist ic getilgt, vgl. oben S. 153) xps neben dem Typus
dns u. s. w. Zu dns, dni, dnö, dne tritt dorn, (oder dorn) als Ak-
kusativ in Verona LV (53) saec. V/VI regelmäßig, in Wien 2160*
saec. VI, wie es scheint, nur gelegentlich. Doch dies sind wohl Aus-
nahmen; dagegen im Typus dms, dmi u. s. w. stellt die Suspension
dorn, (oder dorn), man kann sagen, ein für allemal den Akkusativ.
Vielleicht wollte man drnrh vermeiden 1 ) aus Furcht vor Verwechse-
lungen mit dm (= deum)\ sieht man aber auch im Typus dns, dm
die regelrechte kontraktive Form dnm zunächst gemieden und beim
Typus dms neben dorn, auch die Suspension dmn. aus der älteren
Stufe hinübergerettet, so könnte es wahrscheinlicher dünken, daß ein
rein graphisches Unbehagen den Ausschlag gegeben hat. Die Belege
für dorn als Akkusativ innerhalb des Typus dms folgen unten bei
der Behandlung dieses Typus (S. 175 ff.). Hier bleibt zu bemerken, daß im
l ) Vgl. Sitzungsberichte der bayer. Akademie 1900 S. 500.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 171
Grunde alle Handschriften, die im Nominativ dms haben, den Ak-
kusativ dorn bilden; die wenigen, in denen dorn fehlt, bieten über-
haupt keine Stelle für den Akkusativ (wie St. Gallen 1394), oder sie
sind nur unvollständig bekannt (wie der Vercellensis), oder sie neigen
teilweise zum Typus dns (wie der Würzburger Priscillian). Von den
übrigen siebzehn Handschriften haben fünf neben dorn das erwähnte
dmh, zwei das seltene dort. Für den Genetiv scheint in dieser
Schicht dorn nur ausnahmsweise zu stehen, wie im Cyprian Turin (Bobbio)
G. V37; ebenso ist dorn eine Ausnahme für den Dativ in der Itala
Würzburg theol. F 64 a und für den Nominativ im Cyprian von Brescia.
Aus der Fehlerliste oben S. 142 ff. ist ersichtlich, in welchen Über-
lieferungen die Form dorn für Gott den Herrn von Handschriften
saec. IX — XI fortgetragen wurde; es handelt sich dabei ausnahmslos um
Schriften der frühesten christlich-römischen Literatur vom 3. bis zum
4. Jahrhundert: Epistola Clementis, Tertullian, Cyprian, Arnobius,
Lactantius, Filastrius, Ambrosius. In Handschriften des Cyprian, Ar-
nobius, Lactantius und Ambrosius ist dabei die Suspension selbst er-
halten; in den übrigen Schriften lassen die Fehler mit Sicherheit auf
sie schließen. 1 ) Wie wir es nach dem Befund 2 ) in Turin G. VII 15
erwarten dürfen, vertritt dabei dorn in der Überlieferung der ältesten
Autoren nicht nur den Akkusativ, sondern jeden beliebigen Kasus.
Das Entstehen einer Kontraktion doms können wir in der zuletzt
genannten Handschrift (k) verfolgen. Vgl. oben S. 141. Die Suspension
dorn, wird dort vor unsern Augen zur Kontraktion doms, indem die
Endbuchstaben als Exponenten angehängt werden (döm s ). Die Hand-
schrift gehört nach Afrika und etwa ins Jahr 400. Nach Rossi (Inscr.
Christ. I p. CXV) würde eine stadtrömische Inschrift, die zweimal DOMS
bietet (einmal mit Punkt dahinter, einmal zwischen zwei Punkten), sogar
schon ins 4. Jahrhundert zurückreichen. 3 ) Dann käme eine zeitlich
nicht einzuordnende Inschrift aus Aquileia, wo DOMS erscheint, zu-
! ) Es kommen noch von erhaltenen alten Handschriften solche des Hilarius
und Augustinus hinzu, vgl. unten S. 178 ff. Auch in der Überlieferung des Hieronymus
findet sich ausnahmsweise dorn; vgl. über den Bodleianus der Chronik oben
S. 153 und unten S. 177 Anm. 4 über den Cavensis.
2 ) Vgl. oben S. 138 ff.
3 ) Vgl. Bücheier, Carmina epigraphica n. 656.
172 L.Traube,
gleich auch SPO (= spirito für spiritu). 1 ) Von Handschriften geben
nur noch das Brescianer Fragment des Cyprian in Unciale (Typus
drrts u. s. w.) einmal domo (neben drhö) und der Codex Bezae (Typus
dfris) einmal dorne (neben dme oder dhe)\ im Irenaeus von Corbie
(Berlin Phill. 1669 saec. IX) begegnet neben drfs einmal doms (fol. 10),
neben dum hat dieselbe Handschrift auch dorn (fol. 9 V , 10 v ) und
einmal (fol. 2 V ) die aus drirn und dorn hervorgegangene Mißschreibung
dnom.
Im 7. Jahrhundert lebt doms u. s. w. wieder auf in französischen
Urkunden und Handschriften und vereinzelt wohl auch in spanischen.
Es wird da scharf gesondert zwischen dris, Gott dem Herren, und
doms, dem weltlichen Herrscher oder dem ,Herren', wo dies Anrede
und Titel ist. Man kann daher und soll wohl auch doms mit domnus
auflösen. So steht dornt Dionisii (oder Diunense) in den Urkunden
a. 692 (Tardif n.30), a. 695 (Tardif n.35), a. 769 (Mühlbacher 1 1 7) ; 2)
domo Medardo auf einem Pergamentstreifen des Reliquiars in Sens
(Prou, Recueil 1904 pl. 5). Es begegnet ferner domo und dornt
(neben dorn und domnö) in den Handschriften der Konzilien (vgl.
Concilia ed. Maassen I 98, 3 und München [Diessen] lat. 5508
fol. 107 v ); dorne neben dmns (wie auch in der eben angeführten
Urkunde Karlmanns abgewechselt wird) in der Überlieferung der
Briefe des Desiderius von Cahors (St. Gallen 190 saec. IX). Die
spanische Kursive Autun 27 hat a domo Esidoro. Vereinzelt
steht es noch in Montecassino 3; die Handschrift ist saec. IX (jedoch
nicht a. 811, wie die Mönche von Cassino sagen) von beneventa-
nischer Hand geschrieben, folgt aber einer französischen Vorlage. Aber
selbst im 12. Jahrhundert wird es in Neapel angetroffen. 3 )
3. DMN. und DMNS.
Die regelmäßige polysyllabare Suspension von dominus ist
dmn. Angewandt wird auch sie ursprünglich in der Titulatur und
dann erst übertragen auf das Nomen sacrum.
Für die Titulatur kenne ich an Belegen nur die stadtrömische
Inschrift a. 476 (Rossi, Inscr. Christ. I 863): CONS . DMN . Basilisci II
r ) Rossi, Bullett. III 1 p. 8 und tav. 1 (jetzt CIL. V 1722); vgl. oben S. 165.
2 ) Vgl. unten S. 192.
3 ) Vgl. oben S. 107.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 173
et ARMATI und die numidische a. 578—582 (CIL. VIII 4354): INP
DMN NST FLO COSTANTINO ET ANASTASIE.
Die Verbreitung war dennoch wohl allgemeiner, wie die Bei-
spiele aus dem sakralen Gebiet zeigen. Im Typus dms, der be-
kannten kontraktiven Form für Gott den Herrn ist als Akkusativ
neben der Suspension dorn auch die Suspension dmh im Gebrauch
aus Gründen, die bei der Bildung dorn erörtert wurden. 1 ) Zwei Ver-
treter des Typus dns, in denen gelegentlich dmh erscheint, Monte-
cassino (Castellum Lucullanum) CL und Mailand (Bobbio) O. 210 s.,
gehören erst dem 6. Jahrhundert an.
Die Kontraktion dmns wurde nur bei der Titulatur aufgenommen.
Häufiger lassen spanische Schreiber sie zu; so der des Ildefonsus,
Florenz Laur. Libri 1. Aber auch im St. Galler Desiderius von Cahors
kommt neben doms auch dmns vor, was in diesen Fällen wohl
richtiger mit domnus wiedergegeben wird.
4. DNMS.
Es ist die Frage, ob die vorstehende Form ein Versehen für
dmns ist oder eine Zwitterbildung, die aus dms und dns zusammen-
wuchs. DNMO GVDOMARO REGE setzte a. 527 ein Steinmetz auf
einer Inschrift, die sich in der Nähe von Genf 2 ) erhalten hat (CIL.
XII 2584). Hier ist gewiß domno gemeint. Das Nomen sacrum
meint der Korrektor des alten Lactanz in Bologna, der aus dnfh her-
stellt dnmi (vgl. Brandt I 326). In Leiden Voss. Q. 69 aus St. Gallen
c. a. 800 begegnet einmal dnms.
5. DON. und DONS.
Die eigentümliche Suspension don. ist mir in ihrer Verwendung für
die Titulatur nur aus einer späten Stelle bekannt. Im Liber ponti-
ficalis (bei Mommsen p. 142, 13) hat Vatic. (Farfa?) lat. 3761 saec. X
Augusto don Iustiniano, wo die andern Handschriften domno aus-
schreiben. 3 )
J ) Vgl. oben S. 170.
2 ) Jetzt in Lausanne; vgl. Egli, Die christl. Inschriften der Schweiz, Zürich
1895, n. 40 und Taf. II 12.
3 ) In Handschriften (saec. X — XI) des Registrum Gregorii I kommen für
domnus neben dti, dorn, dms auch don, donn (domno nostrol), donnl (statt domn?)
vor. Vgl. bei Ewald und Hartmann I 315, 8; 351, 2; II 275, 6; 276, 5 sq.
174 L.Traube.
Als Nomen sacrum findet sich dieselbe Form auf einer afrika-
nischen Inschrift a. 582— 602 (CIL. VIII 12035): IN NOMINE AON
(die beiden letzten Buchstaben sind ligiert, die Herausgeber lösen
fälschlich ANI auf). Von Handschriften hat sie sicher der Hilarius
Verona XIII (11) an einigen Stellen bewahrt, eine Unciale des 5. Jahr-
hunderts, die sonst den Typus dms aufweist. Es wechselt hier doh
mit dorn im Akkusativ, dort bedeutet aber auch den Dativ. In Paris
lat. 11947 (Psalterium S. Germani), wo neben dms auch dns gefunden
wird, kommt außer dorn mindestens zweimal (fol. 2 V und fol. 44) des-
gleichen doh vor. Aus einer Stelle des Veronensis notiert Zingerle (Hilar.
in ps. p. 22, 6) den Genetiv dorn h ihs (so) xpl. Das wäre eine aus don.
regelmäßig weiter gebildete Kontraktion.
Wenn wir in späteren Schriftstücken öfters doni, döno, done
lesen und die modernen Herausgeber diese Formen zu dominus
ziehen, so liegen hier vielmehr gewöhnliche Schreibungen von domni etc.
vor, in denen das m über dem o durch einen Strich wiedergegeben
ist. Zwar aus der Handschrift des Vergilius grammaticus Neapel
IV 434 saec. IX führt Huemer (p. 168, 30) mi done an mit dem Strich
über n und e, und dies könnte allenfalls mit ihm domine zu lesen
sein, obgleich auch hier an sich domne wahrscheinlicher ist. Aber
in einer italienischen Privaturkunde des Turiner Archivs (Sesto-
mercado a. 892) ist regnante dono nostro Berengario gewiß nicht
mit Vayra (Tavole grafiche ad uso delle Scuole di paleografia, tav. 1)
domino, sondern vielmehr domno wiederzugeben. In der Würzburger
Traditionsnotiz a. 1138 (München lat. 12633) hätte der Herausgeber
(Sitzungsberichte der bayer. Akademie 1898 I 401) für uice cton' statt
vicedomnus nicht vicedominas drucken sollen. Davor warnt z. B.
folgender Hexameter in unserm köstlichen Ruodlieb-Fragment (bei
Seiler IV 68 p. 218):
Inde petant summum, velut est dignum, viceüonum.
Gerade mit durchstrichenem d kommen solche Schreibungen für
domnus seit saec. X öfters vor. Auch C. Caesar liest 1 ) wohl fälsch-
lich in der Handschrift des Sedulius im Musee Plantin-Moretus saec. X
do{mi)nus Beda statt domnus Beda.
l ) Rheinisches Museum f. Philologie LVI (1901) 255.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 175
6. DM. und DMS.
Die Suspension DM. ist nur mit afrikanischen Inschriften zu
belegen. 1 ) Auf mauretanischen Steinen steht a. 469 und 493 (CIL.
VIII 21680 und 21689): AISCESSIT IN PACE DM; auf einem byza-
zenischen a. 510 (CIL. VIII 11649): ANO XIIII AM RG TSM
(= Thrasamundi). Die gewiß sehr lückenhafte Überlieferung kehrt
dabei den Sachverhalt um; denn auch bei dieser Suspension wird
die sakrale Verwendung die jüngere sein.
Zur Suspension dm. gehört die bedeutsame Kontraktion dtris.
Sie ist den Paläographen von jeher aufgefallen und gilt als ein An-
zeichen besonders hohen Alters. 2 ) Doch mit einer solchen Aussage
ist noch wenig getan. Wenn irgendwo, möchten wir hier eine klarere
Einsicht gewinnen, schon um unter der großen Menge alter kirch-
licher Handschriften aufräumen zu können. Sie bieten für Gott
den Herrn bald dms, bald dns. War dms die alte Bildung, an
deren Stelle später die jüngere dns trat? Oder liegt eine nur örtlich
unterschiedene Entwickelung vor?
Bis jetzt ist dms in vierundzwanzig alten Uncial- und in einer
Halb-Uncialhandschrift nachzuweisen. Da die zahlreichen auf uns
gekommenen Handschriften in Halb-Unciale sich über das ganze
christlich-römische Reich ausbreiten, so haben wir damit sofort einen
festen zeitlichen Anhalt: die Uncialen mit dms fallen im großen und
ganzen vor die Entwickelung der Halb-Uncialschrift, d. h. vor das
6. Jahrhundert. Dazu paßt, daß sie wohl den Gebrauch von n. für
noster kennen, aber noch nicht die kontraktive Weiterbildung m. 3 )
Dagegen enthalten sie außer n. noch viele andere Überreste von
Suspensionen, oft auch die alten überstrichenen Formen dei etc. 4 ) Die
*) Ein nicht afrikanisches älteres Zeugnis ist unsicher: Rossi bei Pitra,
Spicileg. Solesm. IV 533. Auch dm als stenographische Grundform (Kopp, Palaeo-
graphia critica II 101) und in den Notae iuris (Gramm, lat. ed. Keil IV 282) ist hier
nicht weiter zu verwerten.
2 ) Vgl. Nouveau Tratte II 399; III 544. Delisle, Melanges de paleographie
p. 14. Amelli, Un antichissimo codice biblico lat. purpureo, Montecassino 1893,
p. 4. Spagnolo, L'evangeliario purpureo veronese, Turin 1899, p. 5. Burkitt in
Texts and Studies IV 3 p. 81. Sickel, Lehre v. d. Urkunden d. ersten Karolinger,
S. 309, und Prolegomena zum über diurnus I S. 29.
3 ) Vgl. unten III b, 6.
*J Vgl. oben S. 51 f. und unten S. 178 ff.
176 L.Traube,
biblischen Texte, die durch sie überliefert werden, sind vorhierony-
mische. Die Normalisierung des Hieronymus vermissen wir z. B.,
sobald wir die Orthographie von Israel betrachten. Die allermeisten
der Handschriften mit dms haben Istrahel, Istrael, Isdrael, Sdrael. 1 )
Vgl. oben S. 106 Anm. 1. Die Stücke des Neuen Testamentes in ihnen
zeigen den europäischen Text.
Diese allgemeinen chronologischen Erwägungen werden durch
das ausdrückliche Zeugnis einiger Inschriften ergänzt. Auf einer Grab-
schrift aus Lodi a. 442 wird von einer Magd Proiecta gesagt (CIL.
V6402): SERVIVIT DM° SVO AN IUI M VI DEMISIT DE DOMINO
SVO FILIVM. Man sieht DM (= dominö) steht hier im Sinne von
possessori; aber die Fassung (ein Kreuz zwischen B und M, REQ"
IN PACE, die Crax monogrammatica nach dem Datum) ist unzweifel-
haft christlich. Wir finden also so frühe schon in Oberitalien eine
nichtsakrale Anwendung von drris. Sakral wird dagegen dms ge-
braucht auf einer Marmortafel der Cripta di S. Marziano in Syrakus
a. 423 (Notizie degli scavi 1905 II 396, Nuovo bullettino di archeo-
logia crist. XII 1906 p. 166): DEPOSITA EST IN PACE DM! V
NONAS MÄRT POST CONSS DD NN HONORIO Xffl ET
THEODOSIO X AAGG. Ferner bot eine Inschrift aus Vienne a. 491
(CIL. XII 2058): IN XPO DMO NOSTRO. Diese Inschrift ist nur
durch Spon bezeugt, aber dmö darf in ihr als sicher gelten, da zu
Spons Zeit die Paläographie sich noch nicht mit dem Alter dieser
Bildung beschäftigt hatte und man schwerlich damals darauf verfallen
konnte, dms einzuschmuggeln, um die Ehrwürdigkeit eines Zeugnisses
zu beweisen oder zu erhöhen. Endlich hat eine vor kurzem ge-
fundene jüngere afrikanische Inschrift (Comptes-rendus de l'Academie
des Inscriptions, 1906, p. 141): POSITA A DMÖ PATRE FAVSTINO
EPISCOPO VRBIS TEBESTINAE SVB DIE V IDVS APR INDICT
XIII, wo dmö wieder in der Titulatur steht.
An lokalen Handhaben stehen, abgesehen von diesen Inschriften,
folgende zur Verfügung. Es liegen oder lagen in Brescia 2 2 ) und 3;
J ) Vgl. in der folgenden Tabelle die Handschriften 2, 3, 4, 5, 7, 11, 15, 20,
22, 25; in einigen fehlt das Wort, für «ndere habe ich keine Ausweise.
2 ) Ich gebrauche die Nummern der folgenden Tabelle.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 177
in Bobbio 9, 17, 18, wahrscheinlich auch 10, vielleicht 23; in Ver-
celli 19; in Verona 20 und 21. Von 4 und 12 vermutet A. Souter
sardinischen Ursprung. 1 ) Italienisch sind gewiß 5 und 6, jetzt in
St. Gallen. Auch die obere Schrift in 25 führt für diesen Codex auf
Oberitalien. 2 ) In Frankreich sind oder waren niedergelegt 1 (jetzt in
Bern) und 14 (Psalterium S. Germani), wohl auch 13; ferner und
zwar in Lyon 7 und 8, in Corbie 15 und 16. 11 lag in Freising.
Spanisch könnte 22 den 3 Kolumnen zufolge sein. Auch in 2 könnte
die dort gebrauchte Form Sdrael und die Einleitung 3 ) einen gewissen
Zusammenhang mit Spanien herstellen. In Spanien ist aber inschrift-
lich die Form dris schon für das Jahr 485 belegt und bleibt dann die
regelmäßige. Wenn in einer Theodulf-Bibel, London Add. 24142,
dtriö gefunden wird, so kann hierin wohl ein älteres spanisches Vor-
bild befolgt sein, es bleibt aber dieser Fall eine Ausnahme. 4 ) In der
Titulatur dagegen ist seit dem 7. Jahrhundert dnis fast ausschließlich
in Spanien nachzuweisen; vgl. unten S. 186. Es mag aus Afrika
herübergekommen sein, wie die eben angeführte afrikanische In-
schrift nahe legt.
Man kann diese Verhältnisse, wie ich glaube, so auslegen: aus
frühchristlichem dm. bildete man in einem oberitalischen Scriptorium
dnis; diese Form kam im 4., 5. und 6. Jahrhundert von dort nach
Sizilien, Frankreich und Afrika, von Afrika nach Spanien. Ein etwa
gleichzeitig aus Rom vordringendes dris gebot ihr aber Halt oder
schränkte doch die Verwendung ein. 6 )
Ich führe nun in Tabellenform die Belege für sakrales dnis vor
und bemühe mich dabei, indem ich neben die Formen von dnis die
gleichzeitig sich findenden Formen der übrigen Nomina sacra und
die aus der Suspensionsschicht bezogenen Ergänzungen für dnis setze,
das historisch treue Bild einer Zeit zu zeichnen, in der die einzelnen
Momente der Entwickelung sich noch kreuzen und gegenseitig durch-
wachsen.
*) Sie seien nach 533 dort geschrieben worden.
2 ) An einer fehlerhaften Stelle des Ambrosius in ev. Luc. VII 110 (ed. Schenkl
IV 328, 9) hatte das Archetypon einiger Handschriften dnis.
*) Vgl. Haupt, Opuscula II 408, und Kauffmann, Zeitschrift f. deutsche Philo-
logie XXXII (1900) 306.
*) Dagegen schließt sich dorn in der Bibel von La Cava an den älteren oben
geschilderten Gebrauch an.
5 ) Darüber unten S. 189 ff.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 12
178
L. Traube,
Im folgenden bedeutet *, daß wegen fehlender Möglichkeiten andere Formen als die angeführten nicht
können. Fr. ist Fragment, Pal. Palimpsest. Die übrigen Abkürzungen
Ort
Inhalt
Schrift
Besondere
Zierde
deus
dorn.
döfns
1. *Bern 611
Fr. Pal.
Ev. Mc.
(t)
Unciale
2 Kol.
2. Brescia
Quir.
Ew.
(f)
Unciale
1 Kol.
Purpur mit
Silberschrift
3. * Brescia
Quir. H.VI. 11
Fr.
Cyprian.
Testim.
Unciale
2 Kol.
dorn
(nom. acc.)
domo
4. Cambridge
Un. NN. II. 41
(Codex Bezae)
Ew. Act.
griech. u. lat.
(d)
Unciale
mit halb-
uncialem
Einschlag
1 Kol.
del
deö
deüfh
dom (acc.)
dorne
Chur vgl.
St. Gallen
Darmstadt vgl.
Weingarten
Fulda vgl. Wein-
garten
5. *St. Gallen 912
Fr. Pal.
Jer.
Unciale
1 Kol.
6. * St. Gallen 1394,
St. Gallen Vad.
und Chur, erzb.
Arch.
Fr.
Ew.
(n + a*)
Unciale
2 Kol.
del
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen.
179
vorkommen konnten ; f, daß die Handschrift mir nur ungenügend bekannt ist, und also manche Formen fehlen
sind die gewöhnlichen in der Textkritik des Neuen Testamentes verwandten.
don.
döns
dmn.
dms
dns
noster
Die übrigen
Nomina sacra
m und n am
Zeilenschluß;
Punkte nach
oder vor und
nach den
Nomina sacra
drrii
ihs
sps
— m
drrie
dns
gewöhnlich
(dns
herrscht auch
auf den vier
Blättern der Ein-
leitung)
ds
ihs
xps
sps
scs
— m
— n
Reste von
Punkten
dnis
dml
dtriö
ds
xps
-7- m
— n
Reste von
Punkten
dmh
(acc.)
dnis
dml
dniö
dme
dns
gelegentlich, fast
ausschließlich in
Act.
ds
ihs
xps
sps
— m
dnis
dmi
dniö
dnie
— m
dms
dml
dme
dns
statt
dms
in dem später
restaurierten
Stück
(0)
ds
ihs
sps
AI
i n
Reste von
Punkten
12 =
180
L. Traube,
Ort
Inhalt
Schrift
Besondere
Zierde
deüs
dorn,
döms
7. Lyon 425 (351)
Ps.
Unciale
1 Kol.
die Formen
für deus und
dominus rot
deus
dorn
(nom.?, acc.)
8. Lyon 483 (413)
Orig. in Rom.
Halb-Unciale
1 Kol.
dorn
(acc.)
9. * Mailand C. 73 i.
(Bobbio) Fr.
Ev. Lc.
(s)
Unciale
2 Kol.
dorn
(acc.)
10. fMontecassino,
Archiv (Sarez-
zano) Fr.
Ev. Joh.
Unciale
2 Kol.
Purpur mit
Silberschrift
11. *München lat.
6225 (Freising)
Fr. Pal.
Pentat.
Unciale
2 Kol.
deö
dorn
(acc.)
12. fParis gr. 107
(Claromontanus)
Epp. Paul.
griech.undlat.
(d)
Unciale mit
halbuncialem
Einschlag
1 Kol.
deo
dorn
(acc.)
13. fParis lat. 10592
(Seguerianus)
Cyprian
Unciale
2 Kol.
dorn
(acc.)
14. Paris lat. 11947
und St. Peters-
burg
Psalterium
,S. Germani'
Unciale
1 Kol.
Purpur mit
Silberschrift,
Nomina sacra
in Gold
deüs
dorn
(acc.)
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen.
181
don.
döns
dmn.
dms
dns
noster
Die übrigen
Nomina sacra
m und n am
Zeüenschluß ;
Punkte nach
oder vor und
nach den
Nomina sacra
dms
dml
dmö
dme
dns
in den ältesten
Partien und
wieder in den
jüngeren
n
ds
xps
sps
— m
dmh
(acc.)
dms
dml
dmö
dme
n
m
N
(nostrum)
ds
Ö (!)
xps
sps
scs
In
dms
dmö
dme
ds
ihs
xps
dms
dme
dns
(von der
Hand eines
Korrektors)
ds
ihs
xps
sps
— m
— n
dms
dml
dmö
ds und
einmal des
hs
(lesus Nave)
sps
sts (!)
\n
dmn
(acc.)
dms
n.
ds
ihs
xps
sps
dms
dml
dmö
ds
— m
don
(acc)
dms
dmö
dme
dns
häufig
ds
xps
sps
scs
Zfo
182
L. Traube,
Ort
Inhalt
Schrift
Besondere
Zierde
deus
dorn,
dofns
15. f Paris lat. 17225
(Corbie)
Ew.
(ff 2 )
Unciale
2Kol.
dorn
(acc.)
St. Paul in Kärn-
then vgl. Wein-
garten
16. fSt. Petersburg
Q. V. I. 3
(Corbie)
Augustin.
de ag. Chr.
Unciale
2Kol.
dorn
(acc.)
St. Petersburg
vgl. Paris lat.
11947
Sarezzano vgl.
Montecassino
Stuttgart vgl.
Weingarten
17. f Turin E. IV 43
(Bobbio, gehörte
mit dem Sedulius
E. IV 42 zusam-
men)
Cerealis
contra Max.
Unciale
1 Kol.
18. Turin G. V 37
(Bobbio) und A.
112*.
Cyprian. de
op. et el.
Unciale
2 Kol.
dei
deö
dorn
(gen.?, acc.)
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen.
183
dort,
döns
dmn.
dms
dns
noster
Die übrigen
Nomina sacra
m und n am
Zeilenschluß ;
Punkte nach
oder vor und
nach den
Nomina sacra
dms
dml
drriö
ds
ihs
xps
sps
=i:
dms
n
ds
ihs
xps
— m
Reste von
Punkten
dms
(gelegent-
lich)
dns
(meist)
ds
ihs
xps
sps
scs
dtrih
(acc.)
dms
dmi
dmo
dme
ds
ihs
xps
spiräus
sanctus
■_<m
(n
mit Punkten
184
L. Traube,
Ort
Inhalt
Schrift
Besondere
Zierde
deus
dorn.
dörns
19. fVercelli, Cap.
Ew.
M
Unciale
2Kol.
deo
20. Verona VI (|)
Ew.
(b)
Unciale
2Kol.
Purpur mit
Silberschrift,
die Nomina
sacra in Gold
del
dorn
(acc.)
21. tVeronaXIII(ll)
Hilar. in Ps.
Unciale
2Kol.
dorn
(acc.)
22. * Weingartener
Fragmente in
Fulda, Darm-
stadt, St. Paul,
Stuttgart
Proph.
Unciale
3Kol.
del
deo
dorn
(acc.)
23. Wien 1235
(Neapel)
Fr.
Ew.
0)
Unciale
1 Kol.
Purpur mit
Silberschrift,
die Nomina
sacra in Gold
dorn
(acc.)
24. Würzburg
Th. Q. 3
Priscillian
Unciale
2 Kol.
25. * Würzburg
Th. F. 64*
Fr. Pal.
Proph.
Unciale
2 Kol.
dorn
(einmal dat.,
acc.)
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen.
185
dort,
döns
dmn.
dms
dns
noster
Die übrigen
Nomina sacra
m und n am
Zeilenschluß ;
Punkte nach
oder vor und
nach den
Nomina sacra
dms
dme
ds
\n
drris
ds
— m
dml
ihs
— n
dmö
dme
xps
sps
saric
Reste von
Punkten
doh
drris
dns
n.
ds
— m
(dat., acc.)
dorn
(gen.)
dml
drrie
(hie und da)
ihs
xps
sps
SCS und scts
Reste von
Punkten
drris
dml
•
ds
xp
m 1 immer aus-
n (geschrieben;
dmö
dme
(einmal am Rand
als allgemeiner
Hinweis, vgl.
Ranke p. 50)
sps
mit Punkten
dtrih
(acc, die
Lesung ist
unsicher)
dms
dml
dmö
dme
ds
ihs
xps
sps
f m
~\n(7)
Reste von
Punkten
dms
dns
.ri.
ds
— m
nur dreimal
gewöhnlich
ihs
xps
sps
SCS
— n
dms
dml
ds
ihs
l n
dmö
dme
(lesus Nave)
sps
SCS
omp
(= omnipotens)
ang
(= angelus)
Reste von
Punkten
186 L. Traube,
Als die Kontraktion dns fast allgemein im sakralen Gebrauch
anerkannt war, griff man auf die Kontraktion dms, die dadurch frei
wurde, zurück, um sie in der Titulatur zu verwenden. Man pflegte
diese Unterscheidung, wie wir bereits sagten (vgl. oben S. 177), be-
sonders in Spanien, 1 ) man begann damit im 7. Jahrhundert. Da also
stehen sich dns (dominus) und dms (domnus, Herr, Herrscher) gegen-
über; eher wird dabei dns auch für den weltlichen Herrn gebraucht,
als dms für Gott.
Vgl. Hübner, Inscr. Hisp. Christ. 100 a. 660: DMS BACAVDA
EPSCPS (neben ara scä dm); ebda. 110 saec. VII: DMI THEODE-
RACIS EPSCPI (neben in nomine dni 2 ) nostri Iesu Christi).
Escorial R. II 18 saec. VII/VIII: dml Ysidori neben domno Isidoro
und dno et filio Sisevuto; Madrid (S. Millan de la Cogolla) bei
Hartel-Loewe S. 486 saec. X/XI: dml Martini aepspl. Im Codex
Regularum aus S. Maximin in Trier (jetzt München lat. 281 18) saec. IX in.
trifft man, wo spanische Überlieferung durchleuchtet, auf ein un-
erwartetes regula a dmo et patre nostro Fmctaoso edita in pace.
7. DN. und DNS.
D. N. ist bis in die späteste Zeit — man denke nur an viele
Reihen von Münz-Legenden — von den Kurzschreibungen der Titulatur
bei weitem die geläufigste; D. N. ist dominus noster zuerst und be-
sonders, wenn von den Römischen Kaisern die Rede ist. 3 )
Als Mehrzahl gehört dazu, wie bekannt, DD. NN. domini
nostri, DDD. NNN. (tres) domini nostri, u. s. w.
*) Für ein weiteres Übergreifen spricht die Inschrift aus Clermont-Ferrand
a. 612 (CIL. XIII 1485): ANNV XVI REGNO DMI THEVDOBERTI. Die Handschrift
des Registrum Gregorii (vgl. oben S. 173 Anm. 3), die dms schreibt, stammt aus
Montecassino saec. XI.
J ) Die folgenden Worte waren erst richtig zu stellen; vgl. darüber unten
S. 235.
3 ) Auf einer phrygischen Inschrift saec. III IV (CIL^III 13661) ist D N die
Kaiserin. Ganz unsicher ist dagegen die Beziehung von D N als domina nostra auf
eine Private, die Rossi bei einem Graffito der Kallixtus-Katakombe gelten läßt
(Inscr. Christ. I 571). Die alten Sammlungen der Notae iuris geben für domina
auch die Kontraktionen dmü und dnä. Doch ist man nie sicher, ob dort nicht künst-
liche oder spätere Formen eingedrungen sind. Im Bobiensis der Reden des Cas-
siodor wird dns für den gotischen König gesetzt, aber domina für die Königin aus-
geschrieben.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 187
Ich habe für diesen Gebrauch nie besonders gesammelt und
weiß nicht, wann er beginnt. Doch kommt auf Münzen schon
am Anfang des 3. Jahrhunderts *) und auf einem ägyptischen Papyrus
schon a. 293 dd. nn. vor 2 ) und der Singularis ist im 3. Jahrhundert
auf Inschriften recht häufig. Die Schreibung DN findet sich bereits
a. 376, vgl. CIL. XI 6665; daß dort dominus noster aufzulösen ist,
zeigt ib. 6640 und 6658, wo die Worte ausgeschrieben sind. Sonst
kann man in der Tat, besonders später da, wo die Schreibung dri
vorliegt, schwanken, ob man dominus oder dominus noster zu deuten
hat. Denn dn. oder dn wurde mit der Zeit eine sehr beliebte Schrei-
bung für einfaches d(omi)n(us) oder d(om)n(us). Hierfür sind zu-
nächst sichere Beispiele zu beschaffen. 3 )
Ich komme da freilich über das 6. Jahrhundert nicht hinauf.
Rom (Verona) Vat. lat. 1322 hat auf fol. 166: consolatu dn m Mar-
ciani pp Augi, dem gegenüber z. B. fol. 34 unum filium, unum dnm
confitemur. Eine stadtrömische Inschrift a. 604 (Grisar, Analecta Rom.,
tav. III 2) hat: IMP. DN N FHOCA PP. AVG. ANNO SECVNDO;
eine Inschrift in Porto saec. VIII (Rossi, Bullett. 14 p. 102): SALBO
BEATISSIMO DN N LEONE TERTII PAPAE. Gerade in der päpst-
lichen Kanzlei erhält sich dauernd dn (z. B. dn meo papae) und dn n
(besonders für Kaiser und Papst). Vgl. Sickel, Prolegomena zum
Liber diurnus I S. 29, und von Bullen, die im Original erhalten sind,
die Paschalis' I (Jaffe Reg. 2551) a. 819, Benedikts III (Reg. 2663)
a. 855, Nicolaus' I (Reg. 2718) a. 863, Johanns VIII (Reg. 3052) a. 876,
Silvesters II (Reg. 3906) a. 999; die Kurzform dn n, die in ihnen
regelmäßig steht, wird dabei bisweilen selbst von Meistern der Diplo-
matik fälschlich mit donno wiedergegeben, wie auch in einer Privat-
urkunde von Treviso a. 780 verlesen wird (Bullett. dell' Istituto storico
it. XXII 50). Oft nachgewiesen ist AN (= domni u. s. w.) in Neapler
Privaturkunden vom Jahre 912 an; vgl. Capasso, Mon. Neap. II 1
J ) Vgl. Eckhel, Doctrina numor. VIII 365.
2 ) Grenfell and Hunt, Oxyrhynchos Papyri I p. 159 n. CX, pl. V. Wie lange
in den Kanzleien sich die iterative Bildung erhielt, zeigt die Überlieferung eines
Briefes des Papstes Bonifaz IV a. 613 (M. G. Epp. III 455). Die Handschriften saec. X
bewahren in ihm dd. nn. piissimis Augustis Heraclio . . . et Heraclio Constantino.
3 ) Die Inschrift zu Lyon a. 470 (CIL. XIII 2362): DN N SEVERO ET IOR-
DANE ist technisch fehlerhaft und kritisch bedenklich.
188 L. Traube,
p. 18 sqq. Auf römischen ist saec. XI dnh fast erstarrt und das
zweite n wird dabei öfters überflüssig; vgl. Archivio della R. Societä
rom. di storia patria XXII (1899) 74 sqq.
Bisweilen tritt die Form dn. uns in jüngeren Handschriften ent-
gegen, wo diese ohne rechten Verstand der Vorlage folgen. Auch
da ist eine Entscheidung oft nicht leicht zu treffen. Paris (Mainz)
lat. 4860 a. 939/954 und München (Regensburg) lat. 14613 haben
übereinstimmend in der Chronik des Cassiodor (Chron. min. ed.
Mommsen p. 159 a. 1326) a dn. nostro rege Theoderico. So muß
der Schreiber des Reichenauer Archetypon dieser Handschriften saec. IX
schon gegeben und wahrscheinlich auch selbst schon gefunden
haben. Hier ist also dn. = domino. In der Widmung von Servius
De metris (Gramm, lat. ed. Keil IV 468) gibt die einzige Handschrift
Paris (Montecassino) lat. 7530 saec. VIII fol. 35 v : Servius Fortunatiano
dn. Hier scheint dn. füglich nur domino oder domno, 1 ) nicht domino
nostro vertreten zu können. Dagegen würde in der Widmung des
Eutropius in Gotha (Murbach) mbr. I 101: DN Valenti Maximo
perpetuo Augusto, sich sowohl domino nostro als domino empfehlen.
Im Laterculus des Polemius a. 449 (Chron. min. ed. Mommsen I 523),
wo die einzige Brüsseler Handschrift saec. XII hintereinander gibt:
dm n Theodosius praesens Augustus und dn n Placidus Valentinianus,
könnte beide Male dn n als Überlieferung gelten; dagegen ist an
einer andern Stelle desselben Laterculus (CIL. I 2 p. 257): {natalis}
d n TheipdosiV) Au(gusti}, diese Lesart des Bruxellensis wohl die
Bezeugung von dn = dominus noster. Die Subscriptio des Solinus
lautet in der Heidelberger Handschrift Pal. 1568 saec. XI: studio et
diligentia domni Theodosii invictissimi principis; für domni steht on.
in Paris (Blois) lat. 6810 saec. X; Mommsen möchte d. n. (= domini
nostri) schreiben, vielleicht ist dn. (domini, domni) nicht weniger be-
rechtigt.
Aus dem Eindringen von dn. in die geistliche Sphäre 2 ) kann
man noch auf ein etwas höheres Alter der Titulatur dn. schließen,
*) Gerade diese Lösung geben einmal die Laterculi der Notae iuris, Gramm,
lat. ed. Keil IV 282.
*) Auch D. N. als dominus noster wird vor IHS XPS auf Münzen Iustinians II
gebraucht (Eckhel, Doctrina numor. VIII 228); D. N. IHS XPS soll auch auf einem
Contorniaten stehen (ebd. 174).
Nomina sacra. IV. Nomina Sacra im Lateinischen. 189
als die zufällig dafür erhaltenen Beispiele gestatten. IN PACE DN
auf der spanischen Inschrift (Hübner, Inscr. Hisp. Christ. 311) gehört
angeblich ins Jahr 511; IN PACE DN N IHS XPl (ibid. 302) belegt
den Gebrauch noch für a. 706. Aus Italien kann ich den Hinweis auf
die oberitalienische Handschrift Vatic. lat. 4938 bringen, 1 ) wo ursprüng-
liches dn riö oft von zweiter Hand in dris nor verwandelt wird; aus
Südfrankreich den Hinweis auf das sog. merowingische Sakramentar
Rom Reg. lat. 317, 2 ) wo per dn (neben dnrn) rirn häufig ist.
Die herrschende Form für Gott den Herrn wird, wie bekannt,
die aus dn. entwickelte Kontrakion dris. Wann und wo tauchte sie
zuerst auf? Wir sahen (oben S. 177) dms im 5. Jahrhundert viel-
leicht von Oberitalien aus sich verbreiten. Aber im 6. Jahrhundert
war diese Form überall niedergekämpft; für sakrales dominus schrieb
man da nur noch dris. Man hat daraus geschlossen, daß dms die
ältere, dris die jüngere Form ist. Und der Schein spricht dafür,
wenn man nach diesem Merkmal die Handschriften des Alten und
Neuen Testamentes ordnet: die Texte vor Hieronymus pflegen dms
zu haben; die Handschriften der Vulgata haben dris. Prüfen wir aber
den Befund näher, so ergibt sich ein wesentlich anderes und deut-
licheres Bild.
Daß schon die Kalligraphen des Hieronymus dris geschrieben
haben und diese Form nicht erst später in die Überlieferung der
Vulgata eindrang, beweist der Umstand, daß ebenso die gesamte
insulare Paläographie 3 ) wie alle alten mittel- und unteritalienischen
Handschriften und die Mehrzahl der oberitalienischen Handschriften
der Vulgata allein den Typus dris kennen.
x ) Vgl. unten S. 228.
2 ) Vgl. unten S. 221.
s ) Man kann das zeitlich ziemlich genau durch die einzelnen Stationen hindurch
verfolgen. Es hatten dris die alten Handschriften, die aus Rom und Süditalien nach
England durch Augustin und seine Nachfolger kamen, Handschriften, von denen wir
selbst noch besitzen z. B. den Bonifatianus I in Fulda, die Evangelia S. Augustini
Cambridge C. C. C. 286 und Würzburg Theol. Q. 2 (der Laudianus dagegen schreibt die
Nomina sacra aus). Dann haben wir mit dris die großen englischen Bibel-Hand-
schriften, das Lindisfarne-Buch und die ganze Gruppe des Amiatinus, d. h. Hand-
schriften, die man als Abschriften der aus Italien gelieferten Originale nachweisen
kann. Aber auch die irische Paläographie kennt nur dris, eine Erscheinung, die im
ersten Teil meiner Paläographischen Forschungen erläutert wird.
290 L. Traube,
Von Handschriften der Werke des Hieronymus, die vielleicht
noch auf ihn selbst zurückgehen, wenigstens ungefähr in die Jahre 400
bis 450 fallen, haben wir die Fragmente der Chronik aus Fleury, in
denen aber keine Form von dominus begegnet, und die Bodleianische
Handschrift der Chronik (Auct. T. 2. 26), wo dns geschrieben wird; nur
fol. lll v steht das alte ipse qaoq. dorn ihs (davor ist ic getilgt) xps
(vgl. oben S. 170). Es haben ferner von Handschriften der Vulgata,
die hierher gehören, wenn sie auch etwas jünger sind, dns Vatic.
lat. 3281 und St. Gallen 1395. Nach der Zeit und dem Ort ihrer
Entstehung rechne ich von Handschriften anderer Schriftsteller noch
in die Hieronymische Epoche Wickhoffs Rufin Wien 847, der
dns n. hat, und die Quedlinburger Fragmente aus den Büchern der
Könige, deren Text vorhieronymisch ist: hier steht dns noch ge-
wöhnlich zwischen zwei Punkten und neben .ds. begegnet dei. Von
späteren italienischen Handschriften wird es genügen auf die Evan-
gelien München (Freising) lat. 6224 (= q) und Breslau (Aquileja)
Rehd. 169 (= 1) zu verweisen und auf die Veroneser und Bobbieser
Tradition, die mit Ausnahme der oben S. 177 angeführten Fälle dns
bestätigt; vgl. z. B. Sulpic. Severus Verona XXXVIII (36) a. 517, Psal-
terium duplex 1(1), die Itala-Fragmente in 1(1) App. und II (2), Cassiodorus
Complex. XXXIX (37), Cyprianus Mailand D. 519 i., Evangelien Turin
F. VI 1. Inschriftliche genau datierte Beispiele sind mir nicht auf-
gestoßen. Ein metrisches Epitaph in Rom, das DNÖ zeigt, will Rossi
(Bullett. IV 5 p. 71) noch ins 4. Jahrhundert verlegen; und gewiß war
die Form, die in Gallien schon vor der Mitte des 5. Jahrhunderts
auftritt, in Rom, wie man nach sonstigen Erfahrungen annehmen darf,
schon im 4. Jahrhundert zu Hause.
In Spanien ist der Typus dns auf Inschriften in einer fest zu-
sammenhängenden Reihe seit a. 485 nachzuweisen: a. 485 (Hübner,
Inscr. Hisp. Christ. 135), a.510 (ib. 25), a.594? (ib. 342), a. 630 (ib. 100
und 142), a. 641 (ib. 333), a. 661 (ib. 143, vgl. II p. 68), a. 662 (ib. 31
und 88), a. 691 (ib. 172). Von alten Handschriften, die diesen Be-
fund bestätigen könnten, haben wir ja fast nichts. Zögernd führe
ich an Mailand (Bobbio) D. 84 i., ein Stück Vulgata (II Paralip. 5, 9—6, 8),
in dem dns ds srl charakteristisch ist, und mit viel größerem Vertrauen
die Freisinger Fragmente der Paulinischen Briefe München lat. 6436,
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 191
wo wenigstens das Fragment fol. 16 mit dni nsi ihu xpl spanischen
Ursprung deutlich zur Schau trägt. 1 )
Für Frankreich steht der epigraphische Gebrauch der Form dns
schon vor der Mitte des 5. Jahrhunderts fest: Lyon a. 431 (CIL. XIII
2354), Vienne a. 450 (CIL. XII 2081), Arles a. 533? (CIL. XII 944),
Avignon a. 587 (CIL. XII 1045). Wir haben oben S. 176 gesehen, daß
a.491 zu Vienne auch dms gefunden wird. Es ist kein Zufall, der in diesen
Zahlen herrscht: dris ist in Gallien in der Tat älter als dms, das da-
neben kaum aufkommt und bald auch wieder verschwindet. Wenn
man annehmen darf, daß von den zahlreichen Handschriften des
6. Jahrhunderts, die jetzt in Lyon liegen, in Lyon oder doch in diesem
Teile Frankreichs oder überhaupt in Frankreich die Mehrzahl auch
geschrieben ist, so finden wir dort (Lyon 352, 381, 372, 392, 408,
517, 519, 521, 523 bis ) immer dns. Lediglich in Lyon 351 und 413
steht dms; vgl. oben S. 180. In Lyon 351 haben aber die älteren
Partien, wie dann auch wieder die jüngeren, dns. Und, wenn man
den Heptateuch von Lyon an den Anfang dieser Reihe stellen kann,
so geht er mit der Form dns voran, die neben ds, sps, scs, n 2 ) dort
allein gefunden wird. Ähnliches kann man für die alten Handschriften
von Fleury und Corbie feststellen.
In Afrika war dorn, zu Hause; später wurde versuchsweise doms
gebildet; vgl. über die Itala-Fragmente k oben S. 138 ff. Wenn der
auf Purpur mit Silber und Gold geschriebene sog. Palatinus Wien 1185,
der seiner Textfassung nach afrikanisch ist {e der Ew.), die Reihe
dns, ds, 3 ) ihs, xps, sps aufweist und die Fragmente der Apokalypse in
Paris (Fleury) lat. 6400 G dns, ds, ihs, xps, sps, scs oder sts haben,
so kann es sich um europäische Abschriften afrikanischer Originale
handeln, oder aber: auch nach Afrika ist dns vorgedrungen. Für
dms dagegen haben wir keinen afrikanischen Beleg außer der S. 176
angeführten späten Inschrift.
*) Der Augustinus De baptismo im Escorial (Camar. de las rel.), mit dem
Ewald und Loewe die Reihe ihrer Bilder eröffnen — der Text selbst in Unciale und
die beigefügte Benedictio cerei in Kursive haben dns — , ist keine in Spanien ge-
schriebene Handschrift.
*) Über die Form hl und hü. vgl. oben S. 152.
s ) Öfters steht del statt dl.
192 L.Traube,
Es dauerte nicht lange und die bequeme Form dns wurde auch
auf den weltlichen Herrscher übertragen. Wir haben Zeugnisse
des 6. Jahrhunderts für diese Erweiterung des Gebrauches aus Italien,
Sardinien, Frankreich, Spanien und Afrika. Für Italien spricht der
Bobiensis der Reden des Cassiodor und Rom Reg. lat. 2077. Für
Sardinien gibt es die genauere Datierung im Basilicanus des Hilarius
a. 510 1) und auf einer Inschrift a. 582 (Eph. epigr. VIII 175 n. 721).
In Frankreich hat eine Inschrift der Auvergne a. 530: ANNO Villi
DECEMO REGNO DNI NOSTRI THODORICI RE (CIL. XIII 1503);
das Jahr (605?) einer anderen zu Clermont-Ferrand (CIL. XIII 1482)
ist nicht sicher. In zwei Inschriften aus Auch ist DNI • N, da
der Name des Königs nicht folgt (CIL. XIII 498 sq.), chronologisch
nicht zu fassen. Spanien zeigt uns die Ausdehnung des Gebrauches
zuerst im Jahre 577 und 594 (Hübner, Inscr. Hisp. Christ. 115),
dann wieder a. 691 (ib. 172). Zwischen diesen beiden Daten fanden
wir früher dtris für den Herrscher gebraucht (vgl. oben S. 186).
8. DOMN. und DOMNS.
Die Suspension DOMN. kann von vornherein nur domnus ver-
treten und ist deshalb nur in der Titulatur anzutreffen.
Auf einer afrikanischen Inschrift a. 530—534 (CIL. VIII 10862)
steht: AOMN GEILIMER; auf einer stadtrömischen saec. VIII ex.
(Duchesne, Liber pontificalis 1514): TEMPORIBVS DOMN STE-
PHANI IVNIORIS.
Von DOMN. ist man zu domris übergegangen, der regelrechten
dazu gehörigen Kontraktion. Sie begegnet schon im Jahre 503 auf
einer aquitanischen Inschrift (CIL. XIII 1529): ANNO NONO X REG
DÜMNl NOSTRI ALARICI. Und so steht domnö in Berlin (Lyon)
Phill. 1745 fol. 85 v aus dem 7. Jahrhundert und domris in einer Ur-
kunde Karlmanns a. 769 (Mühlbacher 117) mit Bezug auf das unmittelbar
vorausgehende dorm DionisiL
l ) Diese Handschrift bezeugt zugleich, daß damals in Sardinien für Gort den
Herrn dns im Gebrauch war. So hat die Subscriptio, während dns für den Kaiser
im Texte selbst steht (vgl. Steffens, Lat. Paläogr. I 17), also nicht notwendig für
Sardinien sprechen muß. Wäre Souters Vermutung richtig, so hätte später dms
auch Sardinien erobert; vgl. oben S. 177.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 193
9. Falsche Anwendung der Kurzformen.
Wir haben bei fast allen Kurzformen von dominus einen be-
ständigen Übergang aus dem Gebiet der Titulatur auf das sakrale Ge-
biet und umgekehrt zu bemerken gehabt. Nur im Vorbeigehen wurde
die fast selbstverständliche Erscheinung berührt, daß schon frühe
die christlichen Formen dms und dns auch da gesetzt wurden, wo
dominus nicht dominus deus, sondern possessor, den Menschen
als Besitzer, bedeutet. Ich meine nicht Fälle, wie sie in den
Gleichnisreden Christi vorkommen, wo die Kurzform ein Aus-
druck der Interpretation sein kann, die der betreffende Schreiber
der Stelle gab. Aber auch sonst sind solche Schreibungen schon
früh zu beobachten, z. B. in dem alten Evangelien-Fragment Mailand
C. 73 i., wo dms für den Menschen steht. Im allgemeinen halten
die lateinischen Schreiber nichtkirchlicher Texte den Unterschied genau
ein, wie das z. B. für die Sortes in St. Gallen 908 Winnefeld
p. 2 seiner Ausgabe gut hervorgehoben hat; sie sind vielleicht etwas
sorgsamer darin als die griechischen Schreiber. Seit der Karolingischen
Zeit etwa wird dominus gewöhnlich ohne Rücksicht auf den Inhalt
des Wortes abgekürzt.
III. Die Attribute.
a) SANCTUS.
1. Vorbemerkung.
Wenn es so gut wie sicher ist, daß die Kontraktion sps zum
ältesten Bestände dieser Art von Kurzschreibungen gehört, so ist die
im Mittelalter allgemein verbreitete Kontraktion scs entschieden jünger;
sie bürgert sich erst allmählich ein und hat allerlei Nebenformen.
In der alten griechischen Kontraktionsreihe ist eine Form für äyiog
nicht enthalten; die Kürzung von sanctus ist eine lateinische Schöpfung.
Ich glaube mit der Annahme nicht fehl zu gehen, daß sanctus ur-
sprünglich nur, wo es bei sps stand, zusammengezogen wurde; es hat
sps eine entsprechende Kurzform von sanctus ebenso hervorgerufen,
wie dns (dms) eine von noster. Dann aber freilich stand sanctus
in so vielen der Bedeutung nach ähnlichen Verbindungen, daß es
bald überhaupt gekürzt wurde, welcher Verbindung es auch immer
angehörte. Die Kurzformen von sanctus und noster, die eine weit
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 13
194 L. Traube,
größere Ausbreitungsfähigkeit hatten als die Reihe der älteren Nomina
sacra, haben denn auch sehr viel mehr zur Ausbreitung und all-
gemeinen Annahme des Kontraktionssystems beigetragen als etwa
äs und xps. 1 )
2. S.
Es fehlt nicht ganz an epigraphischen Beispielen vorchristlicher
Zeit, in denen S. eine Form von sanctus bedeutet. Auf die Ent-
wicklung der christlichen Kontraktion konnte aber eine solche Sus-
pension ursprünglichster Prägung keinen Einfluß üben, da SS. für
sapra scriptus seit ältester Zeit vergeben war. 2 ) Auch die Beispiele
für christliches S., wie etwa .S. PETRVS in Neapel saec. V (Rossi,
Bullett IV 5, 122) oder S. LVCAS in Ravenna saec. VI (vgl. CIL. XI
285 und 293 und dazu Caesar, Observationes p. 4), sind nicht ge-
rade häufig. Doch kann dieser epigraphische Gebrauch nie ganz
verschwunden sein.
Für uns ist besonders wichtig ein Grabstein zu Bordeaux
(CIL. XIII 906): AIVTIT (*= adiutet) SPIRITVS S; nach Le Blant ist
er saec. IV, nach Jullians wohl treffenderem Urteil saec. V; die beiden
Gelehrten mußten aber nach einer älteren Zeichnung urteilen, da das
Original nicht mehr erhalten ist. Ich glaube : die Schreibung Spiritus s.
setzt voraus, daß sps scs schon gebildet war.
Eine Kontraktion zu S. wäre säe aeccL catholicae in Berlin
(Reims) Phill. 84 saec. VIII, wenn hier nicht eher eine Verschreibung
(für sce) vorläge.
3. SC. und SCS.
Die Suspension sc. hat die allgemein verbreitete Kontraktion
scs hergegeben. Sie verdient daher besondere Aufmerksamkeit.
*) Über Kurzformen von sanctus vgl. C. Caesar, Observationes ad aetatem
titulorum lat. christianor. definiendam spectantes, Bonn 1896, p. 4.
2 ) SS. kann in älterer Zeit aus demselben Grunde durchaus nicht sancti be-
deuten, was selbst sehr bewährte Forscher behauptet haben; vgl. Neues Archiv d.
Gesellschaft f. ältere d. Geschichtskunde XXVI 231.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 195
Wir beginnen mit einer tabellarischen Übersicht über die ver-
schiedenen Kurzschreibungen der bekannten christlichen Formel 1 )
sanctae memoriae ille episcopus (presbyter etc.) auf datierten In-
schriften.
(Vgl. die Tabelle S. 196—197.)
Darnach ist sc. zuerst a. 519 nachzuweisen; allein aus der
ältesten Inschrift für sce folgt, daß in Italien schon vor a. 471 das zu
Grunde liegende sc. gebräuchlich war. Aus der afrikanischen Inschrift
a. 440 mit SCS (vgl. unten S. 198) geht für sc. noch höheres Alter
hervor.
Außerhalb der Verbindung s(an)c(tae) m(emoriae) habe ich sc.
nicht häufig getroffen. Doch weitverbreitet war die Form. Für Afrika
vgl. oben S. 164 (denn es ist wohl richtiger SC ECLSE zu trennen
und bei SPS <S>CI einen zufälligen Ausfall anzunehmen, als auf ein
eigenes Prinzip zu schließen); eine spanische Inschrift saec. VI? (bei
Hübner, Inscr. Hisp. Christ, n. 90) hat RELIQVIAE SCORV | MAR-
TIRVM • IB (= id est) SC ■ TOME | SC ■ DIONISI ■ SCÖRV COSME
u. s. w. In Dalmatien wurde jüngst die Aufschrift DOMOS SC S
(hier ist der Name abgebrochen) gefunden, jetzt im CIL. III 14902.
Am besten beweist die Lebenskraft der Form sc, daß in den alt-
französischen Texten der Handschrift Clermont-Ferrand 189 saec. X
für die romanischen Formen sancz, sanz, sanct in der Passion scs
nach der gewöhnlichen lateinischen Art geschrieben wird, daß aber
im Saint Leger dafür sc. steht. Diese Form würde also wohl nicht
im Wege stehen, eine Schweizer Inschrift an der Kirche zu Windisch
(bei Egli, Die christl. Inschriften der Schweiz n. 52), auf der IN
ONORE SC MARTINI ECP vorkommt, wie es geschieht, in die
karolingische Zeit zu verlegen.
Wie und wo ist sc. zu scs geworden? Ich habe schon oben
(S. 193) gesagt, daß meiner Meinung nach sps die Kontraktion scs
nach sich zog. Alle andern Verbindungen, in denen sanctus sonst
vorkam, boten keine Veranlassung zu einem Wandel der Form. Im
epigraphischen Gebrauch war die Suspension immer vor der Kon-
x ) Vgl. Caesar, Observationes p. 28.
13=
196 L. Traube,
Übersicht über die Entwickelung der Suspension und
SC. M.
S. C. M
ACACI
SCM
FYLACRIVS
EPS
SCM
CYPRIANVM
SANC. M.
SANCM
ADEODATVS
PREBS
SCE MEMORIAE
SCE MEMORIAE
CENOBIA
DÖ SACRATA
SCE-MR'
PRISCVS
EPISC
SCE MEMORI •
GALLVS
EPS
SCE M »)
<Valentianus>
EPCS
traktion bevorzugt. Als man begann, auf Inschriften SCE M(emoriae)
statt SC. M. zu setzen, war sicher SCS schon anderwärts gebildet
worden. Man sieht das am besten daraus, daß memorlae in der
alten Suspensions-Form oder ganz ausgeschrieben oder sonst ver-
*) SCE (oder SCE ■ oder SCE) M steht z. B. auch auf den undatierten
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen.
Kontraktion in SANCTAE MEMORIAE (vgl. S. 195).
197
Canosa bei Barletta
Novara
Rom
a. 519 CIL. IX 410
(nach einer Abschrift)
a. 554? CIL. V 6633
a. 578 Rossi, Inscr. Christ. I 1122
Mailand
a. 525
CIL. V 5683
Vercelli
Nola
Turin
Chur
a. 471
CIL. V 6741
a. 523
CIL. IX 1318
a. 546
CIL. V 6858
a. 548
Egli, Die cl
Schweiz, n. 37
(nach einer Abschrift ; auf dem Stein stand
als Überschrift des metrischen Epitaphs,
Bücheier n. 1378, nur SCE M EPCS)
kürzt, aber nie als Kontraktion in der Verbindung sce memoriae er-
scheint. Auch in einer andern Verbindung: presbyter (episcopus etc.)
sanctae ecclesiae illius, wird auf Inschriften und in alten Hand-
schriften vielfach sanctae kontrahiert, während für ecclesiae nur die
Inschriften CIL. V 5454. 5455 (Como), V 7136 (Turin), X 7747 (Cagliari).
198 L. Traube,
Suspension {eccl. und dergl.) eintritt. Wenn in derselben Verbindung
für episcopus eine Kontraktion gesetzt wird, so geschieht das doch
erst seit dem 5. Jahrhundert und die mannigfachen Formen der Kon-
traktion zeigen wieder, daß die Bildung neu war. Nicht eps und
ecclä {ecclesia) haben scs nachgezogen, sondern scs hat dazu bei-
getragen, eps und ecclä hervorzurufen, und allesamt stehen diese
Formen unter dem Einfluß der alten Reihe der Nomina sacra.
Wir vervollständigen nunmehr die chronologisch sicheren Be-
lege für scs aus den Inschriften. Die Reihenfolge ist die der über-
lieferten Jahreszahlen.
Sitifis in Afrika a. 440 (CIL. VIII 8634): HIC IACET ANTISTES
SCSQVE NOVATVS. Wilmanns löste sacerdosque auf, Bücheier
(Carm. epigr. 687, 1) stellte das Richtige her.
Beziers*) bei Narbonne a. 455 (CIL. XII 4311): IN HON SCRM
MART (die letzten fünf Buchstaben sind auf dem Stein nicht mehr
zu lesen, doch ist SCRM völlig sicher), vgl. unten S. 199.
Vercelli a. 471 (CIL. V 6741), vgl. oben S. 147.
Spoleto a. 489 (CIL. XI 4972): DP. SCI AMASI EP.
Ravenna a. 494 (CIL. XI 304): SCS ■ PAP IOHÄN.
Rom a. 526 (Rossi, Inscr. Christ. I 1005): sCÖ ET VENERA •;
es ist unsicher, welches Substantiv dazu zu ergänzen ist. 2 )
Sevilla a. 556 (Hübner, Inscr. Hisp. Christ. 357): ECESIA (so!)
SCE MARIE.
Hiernach ist nur das ganz deutlich, daß scs schon einige Zeit vor
a. 440 in Afrika im Gebrauch war. Kein Zufall scheint es, daß es
zuerst in einer metrischen Inschrift begegnet. Es steht damit, wie
mit XPI in der damasianischen Inschrift (oben S. 134 und 158).
In metrische Inschriften gingen Eigenheiten der Buchschrift schneller
über als in Inschriften des gewöhnlichen epigraphischen Formulars.
Aus diesem Grunde möchte ich aber die Erfindung der Form scs nicht
ohne weiteres für afrikanisch halten. Dagegen spricht unter anderem,
*) Die Inschrift in Narbonne a. 445 (CIL. XII 5336) ist als gänzlich unsicher
übergangen worden.
s ) Es folgen a. 565 und 578: SCE ECL (565, ECCL. 578) ROMANE (565,
ROM 578) bei Rossi I 1098 und 1122. Vgl. Nola saec. V (CIL._X_1365): SCE ■ NÖL
ECCL-; dagegen Pinguente in Istrien saec. VI (CIL. V 474): SCAE ECCLESIAe.
Nomina sacra. IV. Nomina Sacra im Lateinischen. 199
daß wir gerade in Afrika mehrere Nebenformen nachweisen können
(vgl. unten S. 200—203).
Wenn wir als wahrscheinlich angenommen haben, daß die Kon-
traktion scs von den Handschriften auf die Inschriften übergegriffen
hat, so haben wir doch zugleich vermutet, daß scs in den Hand-
schriften wieder erst eine spätere Zutat war. Es zwang zu dieser
Annahme der Befund, wie er oben in den Übersichten über den
Typus dms und dns dargelegt worden ist. Das jedoch darf behauptet
werden, daß das etwa am Anfang des 5. Jahrhunderts erfundene scs im
6. Jahrhundert überall angenommen war. Und schon vorher hatte sich
in Handschriften auch das Feld der Anwendung verbreitet. Der Frei-
singer Pentateuch verwendet scs ebensowohl als der Heptateuch von
Lyon an Stellen, an denen von sps nicht die Rede ist. Doch noch
am St. Galler Palimpsest des Lactantius kann S. Brandt die scharfe
Beobachtung machen: 1 ) 'sanctus ist in Verbindung mit Spiritus SCS,
sonst steht die volle Form'.
Es ist noch übrig, Bemerkungen über die Bildung einzelner
Kasus hinzuzufügen.
Für den Nominativ fand sich scus im Fragment aus Optatus,
Orleans 192 (169) saec. VI fol. 15; scüm hat Cassel (Fulda) Theol.
O. 5 saec. VIII fol. 40 v .
Der Genetiv Pluralis würde, regelmäßig gebildet, scorum sein.
Und diese Form ist später die gebräuchliche; sie kommt auf spani-
schen Inschriften 2 ) schon a. 644 und 657 vor (Hübner, Inscr. Hisp.
Christ. 111 und 89). Wir finden aber auf verhältnismäßig alten In-
schriften dafür SCOR. So in Afrika saec. V/VI (CIL. VIII 8632 und
Rossi, BuIIett. V4, 39, beidemal neben SCI) und in Spanien a. 662
(Hübner, Inscr. Hisp. Christ. 88). Es ist dabei Kontraktion (SCO) und
Suspension (-OR.) miteinander verbunden. Die letztere fanden wir
in Afrika oben S. 140, begegnen ihr aber auch z. B. in den Chronica
des Hieronymus aus Fleury. Häufig fand ich die Form scrm; so
schon auf der Inschrift Beziers a. 455 (vgl. oben S. 198), in der Halb-
Unciale saec. VI Lyon 372, im Sessorianus LV, im Rehdigeranus der
*) Sitzungsberichte der Wiener Akademie CVIH247.
2 ) Über Hübner n. 90 vgl. oben S. 195.
200 L. Traube,
Evangelien, in einer Randschrift der Freisinger Evangelien des Vale-
riana, desgl. in einer alten Beischrift zum Augustin Rom. Ottob. lat. 319,
und auf der Inschrift einer römischen Katakombe, die frühestens aus
dem 6. Jahrhundert stammen soll (Zettinger, Römische Quartalschrift
XVI, 1902, S. 341).
Der Genetiv sing. fem. ist scae, oft aber auch sce. 1 ) Vgl. darüber
unten S. 237.
4. SCT. und SCTS.
Neben sc. bestand auch die Bildung sct., die aus sanctus ebenso
gewonnen worden war, wie etwa nst. aus noster.
Erhalten ist sie nur auf dem afrikanischen Ziegel (Bullett.
IV 3 tav. III 2): SCT MARIA AIUBA NOS, der ins 6. Jahrhundert ge-
setzt wird.
Zur Suspension sct. gehört die Kontraktion scts. Es ist wesent-
lich, daß die Beispiele spanisch und südfranzösisch sind: Toletanisch
a. 587 (?) ein Stein mit ECLESIA SCTE MARIE (Hübner, Inscr. Hisp.
Christ. 155); aus Lyon, Paris lat. 8913 saec. VI/VII, wo scs das ge-
wöhnliche ist, aber fol. 1 scts pontifex steht. Für die Bestimmung
des Hilarius Verona XIII (11) saec. VI, der nach Zingerle neben scs
auch scts hat, kann das wichtig sein.
5. STS.
Für die seltene Kontraktion sfs ist eine Suspension st. voraus-
zusetzen, die sich bisher mit keinem Beispiel belegen läßt. Man
konnte schwanken, wo in sanctus die Silben zu trennen seien, ob
vor c oder vor t. Darf man nach der Verbreitung der Kontraktion sfs
schließen, so wurde st. in Afrika gebildet oder war dort verbreitet
gewesen.
Für den afrikanischen Gebrauch von sfs sprechen die Inschriften:
HIC MEMORIA STl FELICIS und HIC MEMORIA STl IVLIANI
(Melanges d'archeologie et d'histoire XXIII 17 und 19). Ferner, daß
im Palimpsest aus Fleury, Paris lat. 6400 G mit Resten aus der Apo-
x ) Vgl. oben S. 196. Auch ausgeschrieben kommt freilich SANCTE MEMO-
RIAE nicht selten vor, z. B. in Nola a. 553 (CIL. X 1357) und in Lodi a. 575 (CIL.
V 6401), als handelte es sich um ein Wort (vgl. terre motus und bone memorius).
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 201
kalypse, der Apostelgeschichte und den katholischen Briefen, a sfö
(1 Joh. 2, 20) und sü homines (2 Petr. 1,21) geschrieben wird. 1 )
Wenn im Freisinger Pentateuch, München lat. 6225, immer stm
statt seih steht, wie Ziegler beobachtet hat (slclum stm Num. 7, 43.
49. 61. 67. 73; populum stm Deut. 28, 9), so mag man dieses Merk-
mal bei der Bestimmung der Herkunft heranziehen. Freilich hat auch
Montpellier (Autun) 55 saec. VIII, wie Krusch anführt, sta Gerdrudis
(SS. Merow. II 453). Andere Beispiele aus älterer Zeit, wie STAE
RECORD ATIONIS in einer Trierer Grabschrift saec. VI, die nur auf
Browers Zeugnis beruht (Kraus, Die christl. Inschriften der Rheinlande
II 402), sind sicher verunechtet.
6. SANC. und SANCS.
Sehr verbreitet war einst sanc. für sanetus, gebildet wie dorn.
von dominus; es wechselte mit sc, konnte aber neben der be-
quemeren Bildung sich nicht behaupten.
Aus Rom stammt das wohl älteste epigraphische Zeugnis:
DEO SANC >ß VNI,
eine Inschrift von häretischer Färbung, die an der Via Latina ge-
funden wurde (Rossi, Bullett. IV 86, vgl. Nuovo Bullett. IX 313).
Stadtrömisch sind auch zwei datierte Inschriften a. 521 (oder 525)
und 522: A PRESVITERIS (521, A PETRO PRESVITERO 522)
TITVLI (521, TTL522) SÄNC. (521, ohne Punkt 522) CRISOGONI
(Rossi, Inscr. Christ. I 975 und 977).
Eine Mailänder Inschrift a. 525 (CIL. V5683) bietet SANCM •
ADEODATVS PREBS ; vgl. dazu eine dalmatinische CIL. III 14895.
In Nola fand sich die Grabschrift a. 484 (CIL. X 1344): DEP«
SANC • FE • LI- CIS ■ EPC.
Auf dem älteren Reliquiar von Grado (Rossi, Bullett. II 3, 156)
steht: SANC. MARIA. SANC. VITVS u. s. f.
Aus Afrika stammt die Aufschrift eines Reliquiars a. 474, das
jetzt dem Louvre gehört (P. Lejay, Revue d'histoire et de litterature
J ) Berger, Le palimpseste de Fleury, Paris 1889, p. 11, sagt, daß auch ses in
der Handschrift vorkomme, wofür ich sichere Beispiele vermisse. Vgl. über die
Handschrift oben S. 191.
202 L- Traube,
religieuses VIII 599): MEMORIE SANC MARTIRVM LAVRENTI
IPPOLITI u. s. f.
Auch auf spanischen Inschriften begegnet die Form, bei Hübner,
Inscr. Hisp. Christ. 157 saec. VI? (SANC. VINCENTI MARTERIS)
und ebd. 165 a. 680? (SANC . . vitAM in einer metrischen Grab-
schrift).
Wenn nun im Purpureus der Evangelien, Verona VI (6), de
spü • sdnc I to steht, so sieht man, daß der Schreiber ursprünglich die
alte Kurzform setzen wollte, nach dem Zeilenschluß aber in die aus-
geschriebene Form überging.
Die Kontraktion sancs, die zur Suspension sanc. gehört, hat
sich bisher nur einmal in Afrika gefunden. Mosaikmedaillons in
einer altchristlichen Kapelle zu Karthago (Nuovo Bullert. X281) haben
als Beischriften: SANCS SPERATVS, SANCS ISTEFANVS, SANCT
SIRICA, SANCS SATVRVS, SANCS SATVRNINVS. Man beachte
die Unterscheidung der Genera: SANCT steht vor dem Femininum,
SANCS vor den Maskulinis.
7. SANCT., SNCT., SNCS.
Die Bildung sanct, die wir soeben auf einem afrikanischen
Mosaik angetroffen haben, finden wir wieder im Lactantius
Bologna 701 saec. VI — VII: sanct. et incorruptibilem spiritum (ed.
Brandt I 286, 7).
Eine vielleicht aus sanct. verkürzte Form snct. ist einmal
überliefert in dem Cyprian-Fragment Orleans 192 (169) fol. 1: sps.
snct. 1 )
Zu snct. mag die Kontraktion sncs gestellt werden, die auf einer
spanischen Inschrift saec. V— VI begegnet: SNCE ECCLESIE VALEN-
TINe (Hübner, Inscr. Hisp. Christ, n. 184).
8. SAC. und SACS.
Aus der Kontraktion sacs müssen wir eine ursprüngliche Sus-
') Vgl. über diese Handschriften oben S. 51.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 203
pension sac. erschließen, obgleich das Recht einer solchen Bildung
nicht einleuchtet. 1 )
Tatsächlich steht auf einem Grenzstein, der jetzt im Lateranischen
Museum ausgestellt ist und von Rossi (Bullett. III 2, 17) ins 6. Jahr-
hundert verwiesen wird: LIMES IVRIS BASILICAE SAC ANDRAE
ET STEFANI.
Für die Kontraktion fand ich drei Beispiele. Auf einem afrika-
nischen Reliquiar (Melanges d'archeologie et d'histoire XXIII 15) gibt
eine nicht ganz klare Aufschrift saec. VI (?): HI SACS. In Berlin (Lyon)
Phill. 1745 saec. VII steht fol. 68 sedis apostolica sacd. Paris lat.
4627 saec. IX gibt in den 'Cartas Senicas', die man als Formeln aus
Sens deutet: domne (= domnae) sacq hac (= ac) reverentissimae
(Formulae Merowingici et Karolini aevi ed. Zeumer p. 190, 21).
9. SCSS., SCISS.
Einer späteren Zeit blieb es vorbehalten für den Superlativ
sanctissimus, der in der Rede häufiger wurde, eine geeignete Kurz-
form auszudenken.
In einfacher Weise hilft sich der Schreiber von Wolfenbüttel
Weiss. 99 saec. VIII. Er gibt 2 ) scismi für sanctissimi, wie er auch
(aber hierin mit andern übereinstimmend) karmi für karissimi schreibt;
doch karmi ist reine Kontraktion auf Grund der Suspension kar., die
Kontraktion scismi ist an die Kontraktion scis angelehnt.
Im Liber diurnus (ed. Sickel 74, 8) ist scss episcopo meo eine
geschickte Ausgestaltung der Suspension sc. Wieder auf der Kon-
traktion sei beruht die Form sciss, welche allgemeinere Gültigkeit
gehabt zu haben scheint; vgl. die stadtrömische Inschrift a. 741 — 52
SClSS. ZACCHARIAE PRESVLIS (Grisar, Analecta, tav. IV 2), ad
pfax sciss. pontif im Liber Pontificalis Lucca 490 c. a. 800, sciss in
einer Urkunde a. 1362 bei Walther Lexicon diplomaticum p. 359, 26.
] ) Vielleicht zog man SAC, eine bekannte richtige Suspension von
sacrum, heran.
8 ) kh benutze zu dieser Feststellung Walthers Bild im Lexicon diplomaticum
359, 25.
204 L. Traube,
10. Falsche Anwendung der Kurzformen.
Wie oben S. 199 hervorgehoben, wurde der Gebrauch von scs
allmählich ganz allgemein und beschränkte sich keineswegs mehr auf
die Stelle neben sps. Die Form steht vor allem überall in der
Titulatur, wobei es dann freilich leicht unterlaufen konnte, daß auch
sc§ capido in einer sehr weltlichen Anrede Amors gesetzt ward, wie
im Codex Salmasianus der Anthologia latina. Andersartig ist der
Fehler in folgender Schreibung des Lugdunensis der Concilia, Berlin
Phill. 1745 saec. VII: quibus bis in anno, quod nobis pro temporum
qualitate diffecele est, sein est conuiniri.
b) NOSTER.
1. Vorbemerkung.
Die Geschichte der Kürzung von noster habe ich zuerst in den
Sitzungsberichten der phil. und hist. Kl. der bayer. Akademie d. Wiss.,
1900, S. 497 — 538, zu zeichnen und mit den nötigen Belegen zu ver-
sehen gesucht. Sie steht in festestem Zusammenhang mit den Schick-
salen der verschiedenen Kürzungen für dominus. Überliefert war
das klassische D. N. {dominus noster) in der Titulatur der
Kaiser. 1 ) Erhielt in dieser Verbindung dominus christliche Be-
deutung und Form, so konnte es nicht ausbleiben, daß man sich
bemühte, auch die Suspension für noster zu einer Kontraktion um-
zuarbeiten. Die verschiedenen Versuche, die dahin führen sollten,
die dadurch bewirkten Mißverständnisse, die örtlichen Unterscheidungen,
die zu unserm Nutzen daraus entsprangen, überhaupt die gerade hier
sehr weitverzweigte geschichtliche Entwicklung, durch die allmählich
das Personalpronomen sich den Nomina sacra zugesellte und dann auch
wieder selbständig wurde und sich löste, bildete den Inhalt meiner
eben erwähnten Arbeit, die hier mit wenigen Auslassungen und
sehr vielen Zusätzen wiederholt wird. 2 )
Zu noster gehört uester \ aber noster zieht die Abkürzung von
uester erst nach sich. Deshalb fehlen in der Entwickelung der Kür-
») Vgl. oben S. 186.
2 ) Zum Teil wird dadurch den Ausführungen des nächsten Paragraphen vor-
gegriffen. Es war das aber nicht zu vermeiden, wenn ein Gesamtüberblick über
die Geschichte der Kürzung von noster an einer Stelle gegeben werden sollte.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 205
zungen von uester einige der ersten Stufen. So habe ich ii lis usi
nirgends gefunden. Ebenso ausdrücklich will ich aber erklären,
daß ui uri ut uri ues neben den entsprechenden Bildungen rii nri
u. s. w. manchmal auch da vorkommen, wo ich sie nicht besonders
anführen werde. Der Kürze halber sage ich oft 'rir nri u. s. w.' oder
'rii u. s. w.' oder ähnliches; zu ergänzen ist dann jedesmal die Fort-
führung der Deklination durch den Singularis, also 'rif nri nrö nffü
und l rii rio rihT. Im selben Sinne spreche ich vom 'Typus rii und
meine zunächst die Formen rii riö rim, und vom 'Typus nri und
meine dann nri nrö nrm. Über den Nominativ soll in diesen Fällen
nichts ausgesagt werden.
2. Grund der Kürzung. Theoretische Möglichkeiten.
Die Entwickelung der Kürzungen von noster ist ungemein
reich. Das kommt daher, weil auch in den Zeiten, die sich gegen
die Abkürzungen im allgemeinen ablehnend verhielten, bei noster
immer ein Grund zur Kürzung vorhanden blieb. Und das war
die Stellung von noster sowohl in der staatlichen als in der
gottesdienstlichen Anrede: dominus noster imperator Caesar steht
auf der einen Seite, dominus noster Iesus Christus auf der anderen.
Die althergebrachte Abkürzung der römischen Formel veranlaßte und
beeinflußte die der christlichen.
Da, wie wir wissen, von den beiden Arten der Kürzung die
Suspension die früher ausgebildete und eigentlich antike ist, die
Kontraktion dagegen die spätere und eigentlich christliche, so wird
man es verstehen, daß die Suspension von vornherein das Gebiet
der staatlichen Anrede beherrscht und auch auf das der gottesdienst-
lichen übergreift, daß andererseits die Kontraktion das der gottes-
dienstlichen sich zuerst erobern muß, mit der Zeit aber sich überall
durchsetzt und die Suspension aus noster überhaupt verdrängt. Es
wiederholt sich also hier der bei dominus geschilderte Prozeß.
Die theoretisch vorhandenen Möglichkeiten der Abkürzung
waren folgende, auf Grund
der Suspension: der Kontraktion:
n. rir
ns. nt. nst. nsr ntr nstr
nos. nost. nosr nostr
no. nor
206 L. Traube,
Es wäre nicht rätlich, diese Fälle alle einzeln und der Reihe
nach durchzusprechen. Etwas anderes ist die systematische Zusammen-
ordnung der möglich gewesenen Bildungen, etwas anderes der hier
unternommene Versuch, die tatsächlich benutzten in der Verkettung
ihres historischen Zusammenhanges vorzuführen. Ich stelle mich
dabei auf den Standpunkt, daß vor allem erkannt werden muß, wie
die für uns wichtigste Stufe (das ist die in der karolingischen Zeit
endgültig angenommene, sehr unregelmäßig gebildete Abkürzung rir
nrl u. s. w.) allmählich erreicht worden ist. Wir stoßen dabei, wie
von selbst, auf alle die Formen, die in der Überlieferungsgeschichte
der Schriftsteller durch ihre Mehrdeutigkeit Verwirrung gestiftet haben
und daher eine besondere Aufmerksamkeit beanspruchen.
3. Die Kürzung N.
An der Spitze der Entwicklung steht n. = noster. Es ist
überflüssig, dies aus der römischen Titulatur d. n. (dominus noster),
dd. nn. (domini nostri), ddd. nnn. (domini nostri, wo es sich um drei
handelt) u. s.w. eigens zu belegen; vgl. oben S. 186 ff. Der Gebrauch
von n., in dieser und allen möglichen andern offiziellen Anreden und
Benennungen (auch der Päpste), erhält sich lange, besonders in Ur-
kunden und auf Inschriften. 1 )
Von hier lag die Übertragung auf das gottesdienstliche Gebiet
nahe, und in der Verbindung dominus noster Iesus Christus wurde
zunächst die Suspension n. eingeführt, obgleich dominus (in diesem
christlichen Sinne) und Iesus und Christus bereits durch Kontraktion
gekürzt wurden, so daß also zuerst die unorganischen Gebilde ent-
standen: dns n (oder n. oder .7z., denn so wurden die Suspensionen
damals schon geschrieben) ihs xps, dm h ihu xpl u. s. w. Sehr
bald aber wirkte die Umgebung und das Bedürfnis nach Klarheit.
Die Suspension n wurde aufgegeben, und an ihre Stelle trat in den
Casus obliqui die Kontraktion rii no nm. Seit diesem Ausgleich
bildete man also dni ni ihu xpi u. s. w. Länger erhielt sich h als
Bezeichnung des Nominativs. Die so entstandene metaplastische
x ) So schrieb Petrus Presbyter auf der vorderen Archivolte des Ciboriums in
S. Apollinare in Classe noch im 9. Jahrhundert: DNI ■ N ' IHV ■ XPI (Ricci, Ravenna
p. 252; Kuhn, Allgemeine Kunstgeschichte S. 307).
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 207
Deklination 7z ni nö rim hat nichts Auffälliges; auch in der Abwand-
lung von dominus mischen sich in gleicher Weise Kontraktion und
Suspension (vgl. oben S. 178 — 185). Ein Grund liegt wohl immer vor:
wenn man bei dominus meiden wollte dmm zu setzen, x ) so genügt bei
noster der Hinweis darauf, daß man vor nr (dies wäre doch für den
Nominativ die natürliche Folge der Genetivbildung ni gewesen) einst-
weilen noch zurückschreckte, da man nur erst ds, dns (oder dms),
ins, xps, sps, also lauter Bildungen auf s anerkannte. Man kann ni
kurz als Analogiebildung zu dni bezeichnen.
Der Typus ni ist in den Uncialen und Halb-Uncialen des 6. Jahr-
hunderts schon so häufig, daß bei Handschriften, die in der Ver-
bindung mit den Nomina sacra nur die Suspension n zulassen, ohne
weiteres auf hohes Alter geschlossen werden könnte, wenn nicht die
feste Datierung der einen von ihnen, des Codex Bonifatianus 1, der
nur dni . n . ihü xpi kennt, zeigte, daß auch diese Form bis in die
Mitte des 6. Jahrhunderts sich erhielt. Aber sicher sind die folgenden
Uncialen und Halb-Uncialen, die im Nominativ und den Casus obliqui
.n. (Priscillian, Evangelienharmonie, Orosius) oder n. (Heptateuch,
Hilarius Veron., Hilarius Lugd., Epistulae Pauli) oder n (die übrigen)
haben, alle noch aus dieser Zeit und einzelne von ihnen noch etwas
älter: Rufinus Wien 847, Hilarius in Ps. Verona XIII (11), Heptateuch
aus Lyon (dort 329), Paris lat. 8907 in der berühmten Randschrift,
Priscillian Würzburg Mp. th. q. 3, Evangelienharmonie in Fulda Boni-
fatianus 1 (c. a. 540), Claromontanus bilinguis der Epistulae Pauli
(Paris gr. 107), Augustinus in Ps. Lyon 352, Hilarius in Ps. aus Lyon
(dort 381 und Paris n. a. lat. 1593), Hilarius in Ps. St. Gallen 722,
Orosius Laur. 65, 1.
Es gibt aber auch etwas jüngere Handschriften, die den Ge-
brauch fortsetzen: Sacramentarium Leon. Verona LXXXV (80), Lac-
tantius Bologna 701, Hieronymus Regin. lat. 2077 (beide saec. VI
bis VII), Cassianus Autun 24 (es ist wohl eine französische Halb-
Unciale saec. VII), Gennadius Ambros. O. 212 sup. (eine irische
saec. VII oder VIII). Über andere werde ich sprechen, wenn ich die
J ) Vgl. oben S. 170.
208 L. Traube,
Bildung des Genetivs nl und ihren Kampf mit der Bildung nri näher
betrachte.
4. Mißverständnisse im Gefolge von N.
Etwas anderes als dieser bewußte Gebrauch ist es, wenn längst
veraltetes n aus älteren Handschriften in jüngere durch zu genaues
oder gedankenloses Abschreiben eindringt. So steht in München
(Regensburg) lat. 14540 saec. VIII/IX dho n unigenito, wo eine spätere
Hand ro hinter n eingefügt. Im Vatic. lat. 5007 (aus Neapel) wird
nachträglich zwischen domino und ihu xpo ein n eingefügt. Jüngere
Handschriften des Augustin setzen öfters n für noster und die Kasus:
z.B. Metz 139 saec. XI und wahrscheinlich Salzburg A. VII 31 saec. XII
de fide et symbolo c. 8 (vol. XLI p. 17,16 im Wiener Corpus scriptor.
eccles.), Laon 135 saec. IX de opere monachorum c. 4 (XLI 538, 16).
Man kann in allen diesen Fällen als sicher hinstellen, daß n dem
Archetypon angehört, daß der Schreiber des betreffenden Apographon
sich über seine Bedeutung keine Rechenschaft ablegte und einfach
schrieb, was er fand.
Dachte er aber nach, ohne vom Latein mehr zu kennen als das,
was sein Beruf verlangte, nämlich die Form der Buchstaben und die
Bedeutung der Abkürzungen, so lag eine Gefahr nahe, die man
früher offenbar gering geschätzt hatte. Seit der ältesten Zeit wurde
nämlich auch non durch n ausgedrückt. Nun war wohl anfänglich
n (noster nostri u. s. w.) durch seine Beschränkung auf die Nähe
von dominus, detis u. s. w. zur Genüge geschützt; aber es kam die
Zeit, wo n für das Auge eines Schreibers nur noch non bedeutete.
Und da brachte denn die Vorlage, in der n noch für noster nostri
u. s. w. stand, arge Verwirrung in die Abschrift und oft in die ge-
samte Überlieferung des betreffenden Schriftstückes.
Ich belege das mit einigen Beispielen aus der Überlieferung des
Irenaeus, Cyprianus, Ambrosius, Cassianus und Ennodius.
Iren, lat») III 3, 4 (ed. Harvey II 12):
qui dominum nostrum viderunt
x ) Ich verdanke die Irenaeus-Stellen einem gütigen Hinweis C. H. Turners.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 209
qui dominum non viderunt Berlin (Corbie) Phill. 1669
saec. IX.
Iren. lat. III 5, 1 (II 18):
veritas ergo dominus noster existens
veritas ergo dominus non existens Berlin Phill. 1669.
Cyprian. ep. LXIII 18 (ed. Hartel 715, 22):
domini nostri verba
domini non verba Paris lat. 1647 A saec. IX und
München lat. 208 saec. IX.
Cyprian. ep. LXX 3 (769,19):
a Christo domino nostro
a Christo domino non Wien (Lorsch) 962 saec. IX.
Ambros. de Noe 27 (ed. Schenkl I 483,21):
dominus deus noster
dominus deus N Paris lat. 12137 saec. IX
dominus deus non Troyes 284 saec. XII etc.
dominus deus (ohne non) die jüngeren.
Ambros. de Noe 29 (488, 4):
domini dei nostri
domini dei non Paris lat. 12137 saec. IX
domini dei nostri non Paris lat. 1723 saec. XIV.
Ambros. de Abraham II 7 (594,5):
a domino deo nostro
a domino deo non Paris lat. 12137 saec. IX.
Cassian. collat. XXI 22 (ed. Petschenig II 595, 25):
dominus noster
dominus non x ) München (Benediktbeuern) lat. 4549 saec. IX
und (Freising) lat. 6343 saec. IX.
Cassian. collat. XXIIII 19 (695, 10):
domini nostri dilectione
domini n dilectione München lat. 4549 saec. IX
domini non dilectione München lat. 6343 saec. IX.
x ) Ortum ex antiquissimo conpendio N pro 'noster' bemerkt der treffliche
Herausgeber.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 14
210 L. Traube,
Ennod. LXI (ed. Vogel*) 74, 14):
Christo deo nostro (so vermutet Hartel)
chrlsto deo non Brüssel 9845 saec. IX, Vatican. lat. 3803
saec. IX/X etc.
christo deo nunc Regln, lat. 129 saec. XIV etc.
Ennod. LXXX (101,8):
apud deum nostrum agere
apud deum non agere Brüssel 9845 saec. IX.
Ennod. LXXX (106, 16):
cum laude dei nostri
cum laude dei n. Brüssel 9845 saec. IX etc.
Ennod. LXXX (106, 33):
deus noster
deus /z. Brüssel 9845 saec. IX etc.
deus non Regln, lat. 129 saec. XIV.
Ennod. LXXX (109, 16):
apud redemptorem nostrum
apud redemptorem n. Brüssel 9845 saec. IX etc.
Ennod. LXXX (101, 19):
in regni nostri circulo
in regni non circulo Brüssel 9845 saec. IX.
Das letzte Beispiel zeigt den ursprünglichen Gebrauch schon
etwas verschoben; es geht aber trotzdem sicher auf das Archetypon
zurück. Dasselbe gilt von folgenden Stellen aus
Cyprian. ep. XLV3 (602,15):
secundum consilium nostrum
secundum consilium non Wien 962, Troyes 581 saec. IX etc.
Cyprian. ep. XLV5 (603, 11):
ad clerum istic nostrum et ad plebem
l ) Auch dieser Herausgeber hat p. XLVII den Grund der Verderbnisse
erkannt.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 211
ad clerum Istic non et ad plebem Ambros. (Bobbio)
D. 519i. saec. VI*) und Troyes 581
ad clerum istic nee non et ad plebem Paris lat. 1647 A.
Ambros. in Luc. IV 6F (vol. IV p. 142, 6):
nostro periculo Adam scientiae boni et mall famem solvit
non periculo Adam scientiae boni et mall famem solvit
München (Freising) lat. 6273 saec. IX, München
(Oberaltaich) lat. 9543 saec. IX.
Concil. Epaonense a. 517 cap. XV (ed. Maassen 22, 14):
cum ullo clerico nostro
cum ullo clerico n Vatic. lat. 3827 saec. X
cum ullo clerico non Berlin (Ham.) 435 saec. VIII/IX und
Paris lat. 3846 saec. IX.
Ebenso gehört hierher eine merkwürdige Stelle aus
Cassiodor. orthogr. II (ed. Keil VII 154, 11):
nobis satius est alieno bene uti quam nostro eleganter*)
nobis satius est alieno bene uti quam N eligantur
Köln 83 saec. X
nobis satius est alieno bene uti quam nro ineliganter
Brüssel 9581 saec. XI
nobis satius alieno bene uti quam non ineliganter Bern 330
saec. X
Ferner kann hierher gerechnet werden:
Seneca dialog. IX 3 :
in opere esse nostro longe pulcherrimum est (so schreibt
richtig Gertz)
in opere esse non longe pulcherrimum est Ambros. C. 90
inf. saec. XI
in opere esse longe pulcherrimum est jüngere Hand-
schriften.
Damit sind wir ganz zurückgekehrt in die Sphäre des noch echt
römischen Gebrauches. Die Überlieferung des Symmachus gibt Ge-
x ) C. H. Turner machte mich auf die Stelle aufmerksam und gab mir die
Lesart des Bobiensis an.
2 ) So ist zu lesen trotz p. 157,29; nicht ineleganter, wie Keil gibt.
14*
212 L- Traube,
legenheit, zu zeigen, daß die richtige Wiedergabe der staatlichen
Titulatur noch größeren Gefahren ausgesetzt war, als die der rein
christlichen, da die Tradition hierin viel spärlicher, die Kenntnis daher
viel geringer war.
Symmach. ep. IV 9 (ed. Seeck 101, 11):
domini et principis nostri Honorii
domini et principis n honorii Paris lat. 8623 saec. IX.
Symmach. ep. IV 67 (121, 28):
principem nostrum
principem non Paris lat. 8623 saec. IX.
Symmach. ep. V 34 (132,26):
ad d. n. clementissimum principem
ad dn clementissimum principem Paris lat. 8623 saec. IX
ad eum clementissimum principem Rom Pal. lat. 1576
saec. XI
ad clementissimum principem das Florilegium.
5. Die Kürzung N N 1 ) N.
Es ist gesagt worden, daß n (noster) wegen der Gefahr einer
Verwechselung mit n (non) eine beschränkte und bedrohte Stellung
hatte; hiezu kam, daß, wenn man das erste n außerhalb des festen
Gefüges gebrauchte, leicht Unklarheit über den gemeinten Kasus ent-
stehen konnte. Das hatte in der juristischen Literatur dazu geführt,
die Kasus-Endungen dadurch zu bezeichnen, daß man den End-
buchstaben des betreffenden Kasus in kleinerer Schrift über das n
setzte. Damit war ein neuer Weg beschritten worden, der ebensowohl
zu größerer Deutlichkeit als zu sehr gesteigerter Gebrauchsfähigkeit
führte. So geschrieben finden wir
n (nostra)
im Veronensis des Gaius, und die Handschriften der Notae iuris be-
legen diesen Gebrauch noch mit anderen Kasus, wenn sie sich dabei
auch zahlreicher Schreibfehler schuldig machen.
J ) Über N als Nominativ vgl. unten S. 232 f.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 213
Die Abkürzung eines Wortes durch den Anfangsbuchstaben und
den über den Anfangsbuchstaben geschriebenen Endbuchstaben ist
im juristischen Gebrauch nicht selten. Kurzschreibungen wie
u (uero), q {qua), m (modo), n (nunc),
die dorther ihren Ausgang genommen haben (womit ich nicht sagen
will, daß sie auf geradem Wege aus dem juristischen Gebrauch in die
karolingischen Handschriften kamen, vgl. unten S.240ff.), sind dem Paläo-
graphen recht geläufig. Weniger bekannt dürfte es ihm sein, daß man zu
einer Zeit, als die regelmäßige Kontraktion noch nicht begonnen hatte
oder noch nicht durchgedrungen war, in viel allgemeinerer Weise diese
Art der Abkürzung einzuführen, wenigstens den Versuch gemacht hat.
Ich denke an Turin G. VII 15, in welcher Handschrift die Nomina
sacra der Itala-Fragmente durch eine ähnliche Notation die Unter-
scheidung ihrer Kasus erhalten; vgl. oben S. 138 ff.
Doch ich muß mich hier auf noster beschränken. Ein Beispiel
des soeben berührten Gebrauches findet sich in Lyon 413, einer Halb-
Unciale des 6. Jahrhunderts. Sie schreibt für dominum nostrum
fol. 212 und 213 dorn n, aber fol. 207 und 208 v
m
dorn (oder dmn.) N.
An dieser Stelle kommt mir ein freundlicher Hinweis von Alfred
Holder zu statten. Die Überlieferung von Caesars Bellum Gallicum
ruht bekanntlich auf zwei ziemlich weit auseinandergehenden Hand-
schriften-Klassen, a und ß. Aber auch die Klasse a selbst hat wieder
eine doppelte Überlieferung; d. h. die vier Handschriften, aus denen
sie besteht, haben zwei getrennte Archetypa, B' und A'. Nun kürzte
das Archetypon B', auf das zwei von den vier Handschriften zurückgehen,
nämlich Paris (Fleury) lat. 5763 saec. IX und Vatic. (Corbie) lat. 3684
saec. X, noster in der eben besprochenen Art. Denn statt nostri
hatte B' fast regelmäßig entweder n oder nisi oder nihil oder nim,
statt nostro aber non. Man könnte non ja auch mit bloßem n oder
riö erklären, nim ebensoleicht mit ni. Aber für n (und daher ent-
standenes nisi) und für nihil reicht diese Erklärung nicht, und eben-
sowenig für die Corruptel von nostrum in bell. Gall. III 20 und für
folgende Stelle in
214 L.Traube,
Caesar bell. Gall. VII 73:
opera nostra Galli temptare A' ß
a
opera . II . Galli temptare B'.
Es ist dann freilich nicht nur a, sondern auch noch B' als eine
alte vorkarolingische Handschrift und zwar etwa des 6. Jahrhunderts
aufzufassen.
Möglich, daß eben hierher gehört eine seltsame Überlieferung in
Cassian. collat. XIIII 19 (ed. Petschenig II 423,25):
dispensatoris nostri dei
dispensatoris nisi dei, so hat Petersburg (Corbie) O. I 4
saec. VII von zweiter Hand. ')
Die gallische Inschrift CIL. XII 5343, wo domni nostri
Athanagildi so geschrieben ist, daß statt des ersten Wortes ein d,
statt des zweiten ein «, beidemal mit einem i in diesen ersten Buch-
staben, steht, darf dagegen nicht einbezogen werden, da diese Stel-
lung des i auf epigraphischer Gewöhnung beruht; sie kann eher als
ein Beispiel des Gebrauches von rii für nostri gelten, zu dessen Fest-
stellung wir jetzt übergehen.
6. Die Kürzung NI NÖ NM.
Es kamen nämlich, wie bereits vorher erwähnt wurde, zur Be-
zeichnung der Kasus von noster schon im 6. Jahrhundert die Formen:
ni no rirri auf (wohl zunächst diese allein, die Pluralbildungen sind
vielleicht etwas späteren Ursprungs). Sie begegnen von nun an zu-
sammen mit n, wobei entweder das Prinzip festgehalten wird, daß n
für noster steht, die andern Formen für die Casus, die sie unmittelbar
veranschaulichen, oder es tritt n noch hie und da auch für die Casus
obliqui ein. Bisweilen scheidet n ganz aus; der Nominativ wird dann
ausgeschrieben oder durch eine andere Bildung ersetzt, wie wir später
zu erörtern haben werden.
Der Zeitansatz müßte anders lauten, wenn E. Hübner Recht
hätte. Er liest (Inscr. Hisp. Christ., Suppl. n. 312) auf einem Stein
von Mertola in Portugal a. 489: IN PACE DOMINI N(OSTR)I
IES(U) CHR(IS)TI. Aber auf seiner Abbildung steht N, nicht NT;
und das stimmt sehr gut zu dem folgenden IHS, einer Sus-
J ) Sed rursum deletum; uid. fuisse Nis = nostris sagt Petschenig.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 215
pension, während die Kontraktion IHU lauten müßte; wie Christi
geschrieben ist, kann ich genau nicht erkennen, ich denke: XP und
nicht XPI. 1 ) Mein frühestes Beispiel ist der Hilarius Basilicanus vom
Jahre 509/10. Dieser nicht italienischen Handschrift, die also sogar
noch für ein etwas höheres Alter der Einführung des neuen Ge-
brauches sprechen könnte, lasse ich die italienischen folgen, und zwar
von Halb-Uncialen saec. VI: Verona XXII (20), LIX (57), LIII (51),
Mailand O. 210s., Turin G. V26, Vatic. lat. 5750, Turin F. IV 1, 4 (diese
letzten vier früher in Bobbio), Rom Sessor. LV, Paris lat. 13367; von
Uncialen saec. VI: Wolfenbüttel Weiss. 64, Vatic. lat. 5757 (früher in
Bobbio), Oxford Bodl. e Mus. 100 sqq. (früher in Fleury).
7. Aufkommen der Kürzung NRI NRO NRM.
Also im 6. Jahrhundert kamen die Formen nl nö nm in Italien
auf und wurden neben dem absterbenden n die gebräuchlichen
Kürzungen von noster. Diese Tatsache wird bestätigt durch den
Befund der nicht italienischen Handschriften: die insularen und die
französischen, mithin diejenigen, die von der italienischen Gepflogen-
heit dieser Epoche abhängen (wenn auch beide in verschiedener
Weise), haben am Beginn ihrer eigenen Entwickelung, ebenso wie
die italienischen, n und nl nö nm; die spanischen Handschriften, also
diejenigen, deren Eigentümlichkeit bedingt ist durch eine etwas frühere
Lostrennung von Italien, kennen diese Formen nicht, sondern andere,
die auf die syllabarische Suspension ns zurückgehen.
Sind diese Verhältnisse einfach und in ihrem Zusammen-
hang leicht zu verstehen, so bietet die weitere Entwickelung
dem Urteil eine gewisse Schwierigkeit. Im 8. Jahrhundert nämlich
tritt sowohl in Italien als in Frankreich (und in Deutschland) und in
der insularen Schreibkunst nri nrö nffh an die Stelle von nl nö nm.
Der Typus nl wird nicht gleich endgültig beseitigt, aber man kann
sagen, daß die Neubildung nri u. s. w. im 9. Jahrhundert überall
durchgedrungen ist und die alte Abkürzung anfängt, zur größten
Seltenheit zu werden. Der Grund der Änderung ist klar: wie wir
später sehen werden, boten die älteren Formen mannigfache Gelegen-
*) DOMINI N IHS XP las auch der Herausgeber im Bulletin de la Soctete"
des Antiquaires de France 1881 p. 105; vgl. Le Blant, Nouveau Recueil des In-
scriptions p. 258.
216 L- Traube,
heiten zum Mißverstehen, denen die Neuerung aus dem Wege geht.
Wer aber hatte diese Neuerung ausgedacht? Wer die Losung zu
ihrer Einführung gegeben? Wessen Wort war damals auf diesem
Gebiete so stark, daß es in nicht zu langer Zeit eine förmliche Um-
wälzung herbeiführen konnte? Hier birgt die vorurteilsfreie Behand-
lung des kleinen Problems in sich auch die Antwort auf paläo-
graphische Fragen von viel größerer und allgemeinerer Bedeutung.
Es ist daher jeder Schritt mit der größten Vorsicht zu setzen.
Von vornherein scheinen drei Annahmen möglich zu sein.
Entweder: die Bildung nri war eine alte, die man überall gekannt,
nur hinter der kürzeren nl hatte zurückstehen lassen: sie brach mit
elementarer Kraft wieder hervor, als nl zu weiterer Verwendung un-
geeignet geworden war. Oder: die Neuerung geht von Rom aus.
Oder: die Neuerung kam aus dem Kopfe eines findigen Insularen.
Jede dieser Erklärungen hat ihr Bedenkliches. Zunächst gilt es, die
Tatsachen vorzuführen.
8. Kampf zwischen Nl und NRf in Italien.
Mit dem italienischen Gebrauch steht es so. Rom (b. Mariae
sedis Abruptiensis) Barb. XI 148 saec. VIII gibt per drim n ihn xpm,
in xpö ihü dno nö, in uno dno n ihu xpö. Die Urkunde aus Ceneda
a. 762 (vgl. oben S. 169) hat nl, nis, ui. Agimund, der die Vaticani
latt. 3835 und 3836 wohl im 8. Jahrhundert in Rom schrieb, gebrauchte
neben n {noster und nostri) und rifh und nö auch nrö und nfm.
Die wichtige Handschrift aus Farfa, jetzt in Rom Barb. XIV 52, hat nl nur
vereinzelt, sonst immer nri nrfn nrös u. s. w.; im Nominativ hat sie nri
und nsr; nr steht einmal für nostrum. Sie gehört aber wohl schon ins
9. Jahrhundert. 1 ) Ebenso herrscht in der Unciale aus Settignano Barb.
XIV 44 nr nri. In den beneventanischen Handschriften, von denen z. B.
Bamberg HJ. IV 15 in etwas frühere Zeit zurückreicht, habe ich immer
nur die Form nri u. s. w. gefunden. Vaticanus lat. 4938, wohl saec. VIII
aus Oberitalien stammend, hat neben nm schon die ganze Fülle von
nrae, nre, uro (uestro), uräs; daneben stand nö für alle Kasus, wurde
aber, wo es den Nominativ ausdrücken soll, später in her, nös und
nör verbessert. Der Diakon Theodosius, der Schreiber von Verona
x ) Vgl. über nri unten S. 229 f.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 217
LX (58), ließ neben nosi, nr, nis und riös auch nri zu; vor dem
8. Jahrhundert kann er nicht gut geschrieben haben, gewiß aber auch
nicht später. Etwas älter ist Verona X (8) : hier ist nri u. s. w. durch-
geführt; Nominativ dazu ist nr und nor. Die Handschriften des aus-
geprägten Veroneser Stiles saec. IX haben alle nur den Typus nri.
9. Kampf zwischen NI und NRI in Irland und England.
Die insulare Schreibweise ist zunächst rü u. s. w., daneben wohl
noch hie und da n. 1 ) Die frühesten irischen Beispiele sind Ambros.
C. 5 inf. (das Antiphonar von Bangor a. 680 — 691), Wien 16 2 ) und
Neapel IV. A. 8 (alle aus Bobbio) : sie flektieren nr (wie noster z. B.
im Antiphonar gekürzt wird) nur nach dem Typus ni. Noch Diar-
mait schreibt so im Ambros. C. 301 inf.; aber sonst ist bei den
irischen Schreibern im 9. Jahrhundert der Typus nri durchgedrungen.
Für den angelsächsischen Brauch haben wir das Zeugnis der Ur-
kunden. So finden wir .n. (nostri) a. 692/93 in einer Urkunde
Oethilreds (Facsimiles of Ancient Charters in the British Museum I 2);
zahlreiche Beispiele für rii und nö stehen in den Urkunden aller Reiche
aus dem 8. Jahrhundert; sichere Belege für nri scheinen erst in der
zweiten Hälfte des Jahrhunderts vorhanden, denn die aus früherer
Zeit (a. 734 II 1, a. 759 II 2) kann ich für alt (d. h. original) nicht
halten. Die Handschriften schwanken zunächst, z. B. das Psalterium
der Salaberga (Berlin, Hamilton 553) hat ni (auch nam für nostram,
nöfn und num für nostrum), außerdem aber auch nr, nri. St. Gallen
908 hat in der schönen wohl irischen Halb-Unciale, die auf S. 79 be-
ginnt, öfters dnfh nrfh. Dies dürfte eines der ältesten insularen Bei-
spiele sein. Im 9. Jahrhundert hat sich die Gesamtheit der insularen
Schreiber zum Typus nri bekehrt und kennt den Typus ni nur als
seltene Ausnahme.
10. Kampf zwischen NI und NRI in Frankreich.
Frankreich hat in der ältesten Zeit, soweit paläographische Zeug-
nisse für sie vorliegen, d. h. seit dem 6. Jahrhundert, n (daneben
*) So dris . n . itis xps und dnl . n . ihü xpi im Ambrosianus (Bobbio)
O. 212 s., der nach Turner c. a. 700 — 750 geschrieben ist.
*) Deshalb ist iuga ua in v. 311 des in dieser Handschrift überlieferten
Priscian. in laud. Anast. natürlich mit Denis als iuga vestra und nicht etwa mit
Baehrens als iuga vera aufzulösen.
218 L. Traube,
auch andere Formen dieser Suspension) und ni u. s. w.; seit dem
Ausgang des 7. Jahrhunderts wagt sich für ni die Neubildung not
vor; der Typus nri kommt erst unter den ersten Karolingern auf.
Auch hier ermöglichen die Urkunden, mit denen durchaus die Hand-
schriften gehen, eine ziemlich genaue Zeitbestimmung. Für die
älteste Zeit stehen, wie bekannt ist, nur Handschriften zur Verfügung.
Diese stelle ich daher voran. Die berühmte Sammlung der Canones
aus Corbie, Paris lat. 12097, zeigt erst in ihrem zweiten etwas jüngeren
Teil, d. h. von fol. 139 v an, mehr Abkürzungen als die üblichen der
Nomina sacra; aber auch dieser Teil gehört noch ins 6. Jahrhundert.
Hier steht nosx für noster und nostram, uesx für uester, no für nostro,
nam für nostram. Aus Rom Reg. lat. 316, d.h. aus dem alten Bestand
saec. VII, kenne ich no und nm, aus Rom Reg. lat. 9 saec. VII dm ni
ihü xpi. Aus gleicher Zeit etwa stammt Paris lat. 12205, wo außer na,
no, nm, nis, n\ (nostrae) auch ns und nosx, beide für nostris, be-
gegnen. Der Augustin aus Luxeuil a. 669 hat ni. In der vorkaro-
lingischen Schrift von Paris lat. 10756 und Bern 611, die zusammen-
gehören und öfters ein schönes Beispiel von Kreuzung einer mero-
wingischen Schrift und des insularen Abkürzungssystemes abgeben, 1 )
steht nm und ni; desgl. ni und nis in Berlin (Reims) Phill. 1743; nm in
Paris lat. 10910; nae in Metz 134. Und so ließen sich viele Beispiele aus
vorkarolingischen Handschriften anführen. Auch in frühen karolingischen
ist der Typus ni noch sehr gebräuchlich. So in den Handschriften,
die die ältere Schrift von Corbie zeigen, z. B. Donaueschingen 18 und
Paris lat. 3836; auch in andern frühkarolingischen, wie Chartres 41 (3),
Rom Reg. lat. 1040, Berlin Phill. 1667. Dagegen rir (und daneben andere
Abkürzungen, über die ich später zu sprechen haben werde) für
noster mit der Deklination über nri ist die angenommene Abkürzungs-
bildung erst der karolingischen Zeit, neben der der Typus ni zwar
noch ziemlich spät vorkommt, wie z. B. vereinzelt in der Bibel des
Vivian (Paris lat. 1) und im karolingischen Sakramentar des Domes von
Novara (Monum. palaeogr. sacra, tav. XIV), im allgemeinen aber
durchaus verschwindet. 2 ) Da es nun hauptsächlich französische
J ) Vgl. Neues Archiv d. Ges. f. ältere d. Geschichtsk. XXVI 238 Anm. 2 und
hier unten S. 222 Anm. 1.
2 ) Man stößt z. B. in St. Omer 15 ganz wie in den weiter unten erwähnten
Sangallenses auf die Umgestaltung des Typus ni zum Typus nri.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 219
Handschriften dieser Stufe sind, die uns wieder und wieder be-
schäftigen, und die deutschen, die ihnen an Wert nicht nachstehen,
die besprochene Eigenart mit den französischen teilen, so kann an
dieser Stelle der besonders hohe diagnostische Wert des Typus rii
hervorgehoben werden. In spätkarolingischer Zeit begegnet er überaus
selten; in nachkarolingischer fand ich ihn nie. Aus den Urkunden
führe ich nur an, daß nl, welches etwa von 653 bis 695, und nol,
das von 692 bis ins 8. Jahrhundert hinein begegnet — aber natürlich
könnten diese Zahlen bei einem genaueren Studium der Originale
mit sehr viel größerer Bestimmtheit auftreten — , erst unter den Karo-
lingern durch nr, nrl abgelöst werden. In der Urkunde Pippins vom
Jahre 760 (Mühlbacher 90) fand ich nr, in der Karlmanns von 769
(Mühlbacher 117) nosi für noster und nrä, nrl, url. Pippins Ur-
kunde von 768 für St. Denis (Mühlbacher 108) soll eine Nachahmung
aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts sein: in der Tat steht in ihr,
seltsam genug, nosi und url zusammen mit damals wahrscheinlich
schon gänzlich abgeschafftem nol. Karl der Große hat wohl nur
noch nrl u. s. w., aber für noster noch oft nosT.
11. Kampf zwischen NI und NRI in Deutschland.
In den deutschen Handschriften der karolingischen Periode
können wir den Kampf der Bildung nrl gegen die Bildung ni deut-
lich verfolgen, wenn wir die Bestände in Köln, Würzburg, München
(aus Freising, Regensburg, Tegernsee, Salzburg), Zürich (aus Rheinau
und St. Gallen) mustern. An St. Gallen 567 ist mir überhaupt die
Bedeutung dieses Widerstreites erstmals zur vollen Klarheit gekommen.
Die frühkarolingische Hand des Codex schreibt nafh, näe u. a.; eine
spätkarolingische setzt jedesmal sorgfältig die neuere Form, also nräm,
nre u. s. w., darüber. Nachher habe ich derartige Korrekturen viel-
fach gefunden; auch oft bemerkt, wie wenigstens ein späterer Schreiber,
wenn er die Bildungen des Vorgängers selbst nicht verbessert, doch
da, wo er Zusätze macht, ebenso getreu die neue Schreibung an-
wendet, wie sein Vorgänger die alte. Eine Ausnahme, wie Zürich
(Rheinau) Kant. XXXIV, wo auf p. 220 eine spätere Hand uiclnls nis
über einer Rasur schreibt, während die Hand des Textes ausschließ-
lich nr, nrl u. s. w. anerkennt, ist nur scheinbar: in solchen Fällen
220 L. Traube,
ist der Korrektor eben der ältere Schreiber, der noch der früheren
Richtung anhängt. Ich führe ganz wenige Beispiele an : Gotha m. I 85
aus Murbach ni; 1 ) Rom Pal. lat. 574 aus Lorsch ni, rifh; Köln 83 II
rii (a. 798) ; St. Galler Urkunde a. 757 drii nri ihu xpi partibus uris
uel successoribus uis; St. Gallen 193 rifh, rii, urfh, urath (die kleinere
Schrift scheint ausschließlich Formen des Typus rii zu haben); Mün-
chen (Diessen) lat. 5508 rii, riis, rifh, rif, ure, uri; München (Freising)
lat. 6300 opus rifh, nis oculis, nfh est neben nri, nra, nrae; Mün-
chen (Regensburg) lat. 14422 nfh neben rif, nri, nrös, uris u. s. w.;
München (Regensburg) lat. 14421 riis, rifh, um, uös neben urfh, uras;
München (Tegernsee) lat. 19408 riis und riös neben den Formen des
Typus nri; München Univ. 3 rifh, rii neben nri u. s. w.; Würzburg
Mp. th. f. 78 rifh; Zürich (Rheinau) Kant. XCIXa rifh, ufh, uis, naht,
rii neben rif, nf (nostef), uf, um, uras, uräm, nra u. s. w. Auch
Bern 376 mit ebenso mannigfaltigen Mischformen (z. B. in der Folge
der Seiten riis, riäs, riäm, urfh, rii, riös, uam, na, nis, nre, nö, ui,
ni, ua, uös, dris rif, nrfh) gehört eher hierher als nach Frankreich.
12. Die spanische Kürzung NSR NSI NSO NSM und die
Suspension NS.
Wer von der Feststellung des Gebrauches der kontinentalen
und insularen Schreiber, der im allgemeinen nur in der Fortentwicke-
lung vom Typus rii zum Typus nri besteht, zur Feststellung des
spanischen Brauches übergeht, wird von der gänzlichen Abweichung,
die er hier entdeckt, betroffen sein. Die normale spanische Form ist
nicht rii oder nri, sondern nsi. Wir finden sie schon auf den In-
schriften: vom Jahre 594 an liest man dort DNI NSI für den König
und den Bischof ebenso wie für Christus; vgl. Hübners erste Samm-
lung der christlichen spanischen Inschriften n. 115, 116, 111, 401.
Die Formen nsf nsi u. s. w. sind dann geradezu Erkennungszeichen
des spanischen Ursprungs geworden, und Handschriften wie Leiden
Voss. F. 111, Verona LXXXIX (84), Paris lat. 2855 könnte man schon auf
Grund dieses Merkmals für die spanische Paläographie in Anspruch
x ) H. Bloch verweist mich auf die karolingische Abschrift einer Murbacher
Urkunde a. 728, die noch ni, nö, näs und ua treu bewahrt und nirgends in den
Typus nri übergleitet.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 221
nehmen. Von älteren Handschriften haben wir oben S. 190 einige
Freisinger Itala-Fragmente derselben Formen wegen als wahrscheinlich
spanisch erklärt. Die Handschrift der Lex Visigot. Reccessvindi,
Vatic. lat. 1024, sieht wie eine gallische Halb-Unciale saec. VII aus. Es
bleibt aber eine gewisse unerklärte Eigentümlichkeit der Schrift, zu
der noch Formen wie precepti nsl temerator und flä für flagella
kommen, auch dies letztere eine nur in Spanien aus den Gesetz-
büchern eingebürgerte Schreibung, vgl. unten S. 256. So wird Vatic.
lat. 1024 zu den wenigen in Spanien geschriebenen Halb-Uncialen zu
rechnen sein, die wir kennen.
Die Nominative nsr und usr (uester) sind alt, sie begegnen
schon im Legionensis des Breviars, über dessen Eigenheiten ich gleich
sprechen werde, im Vossianus 111, in Madrid Acad. de la Hist. 65.
Der Typus nsr nsl muß von der syllabaren Suspension ns seinen
Ausgang genommen haben. Diese Form braucht nicht nur voraus-
gesetzt zu werden, sie ist erhalten in Verona II (2) in der Unciale des
Vorsatzblattes: dns ns; im Vatic. (Bobbio) lat. 5757 (Augustinus in ps.
über Cic. de re publica saec. VII/VIII), wo neben nl, nä, nls, nm u. s. w.
auf den ersten 180 Seiten achtmal ns nach dns, einmal dns ergo ns
begegnet; ferner in Rom Reg. lat. 317, dem sog. merowingischen Sakra-
mentar von Autun in Unciale mit merkwürdigen eingesprengten Teil-
chen einer älteren Minuskel, die ich den 1-Typus nenne und in
Burgund zu Hause denke. Hier steht n (nostmm) neben nl und nm,
nosrr kommt für nostro vor, nos für noster und nostro, riö für noster
und desgleichen öfters eben dieses ns. Noch später findet sich ns
als Nominativ neben nr und als Akkusativ neben nrm und nm öfters
in Berlin (Metz) Phill. 1662 saec. VIII/IX von insularer Hand. Auch,
wie es zu erwarten ist, in einer sicher spanischen Handschrift, Escorial
a. II 3 saec. X, begegnet neben nsr nsl ein dns ns ins xps.
13. Die Kürzung NSR außerhalb Spaniens.
Aus ns konnte sich, als die Suspension in die Kontraktion über-
ging, nsr leicht an verschiedenen Stätten zu gleicher Zeit entwickeln.
Tatsächlich findet es sich außer in Spanien und in einigen Hand-
schriften, die aus spanischen abgeschrieben sind 1 ) und spanische
x ) Für die Überlieferungsgeschichte belehrend ist folgender Fall. In dem
ersten Brief des Papstes Leo I stehen die Worte quod nostris remediis congruebat
222 L. Traube,
Eigentümlichkeiten, man könnte sagen, unabsichtlich nachahmen (ich
meine Paris lat. 11529, Glossarium Ansileubi, wo nsi begegnet, und den
Isidor aus St. Hubert jetzt in Luxemburg und den aus Fulda jetzt in
Basel F f. III 15, wo nsls und ähnliche Formen stehen), nur noch in
einer Gruppe von Handschriften, die vielleicht raetischen Ursprungs
sind x ) und ihr r eigentümlich mit heraufgeklapptem Arm bilden, statt
es am folgenden Buchstaben Anschluß suchen zu lassen: Einsiedeln
199 + 281 (6 nshi, 1 nrfh, 1 nrq, 2 nr, 1 uf, sonst nur Formen vom
Typus m), St. Gallen 108 (nsr), Novara LXXXIV (nsr). Vereinzelt
steht ds nsr in der Handschrift aus Farfa Barb. XIV 52. Erwähnen
will ich, daß Riese im Apparat zur Historia Apollonii 2 ) aus Laurent. 66, 40
usih für vestmm anführt, was vielleicht für ufm nur verlesen ist. In
dem Uncial-Codex des Iulianus Pomerius (Wolfenbüttel Weiss. 76)
steht nsr (nosträ); daneben nstrfn (nostrum), nostrs (nostris); ferner
nori, norm (nostram), nor (nostro), norä; aber besonders da, wo, wie
F. Köhler erkannte, ein anderer Schreiber tätig ist, stoßen wir auf die
Formen des Typus nti, nämlich nras, nrä, nrarh, nrm, nrls, nrae,
nri, nriim. Gewiß stammt dieser merkwürdige Codex aus dem süd-
lichen Frankreich und mag an der spanischen Grenze entstanden
sein. Auch Leiden Voss. 1 1 1 kennt neben nsr nsi, wenn auch seltener,
Formen wie nore und nsro und nsrin; in den Teilen aber, die neben
dem ausgesucht spanischen c p {per) auch das geläufige g zeigen,
bietet er außer nsr nsi auch nre, ura.
14. Die Kürzung NRI NRO NRM in Spanien.
Diese Formen des Typus nri, die, wie wir gesehen haben, außer-
halb Spaniens im 8. Jahrhundert auftreten und ni u. s. w. verdrängen,
sind nun überhaupt für Spanien, wie es scheint, schon aus früherer
und diaconum vice nostra direximus. Scherer (Die Codices Bonifatiani, Fulda 1905,
S. 26) fand sie im Codex der Ragyndrudis zu Fulda (Bonif. 2) saec. VIII so ver-
stümmelt: quo dns is remedüs c. und d. ui cen sa d.\ er nahm richtig nsis und
nsa als Fehlerquelle an und vermutete mit Berufung auf meine Arbeit für diesen
Teil der Handschrift eine spanische Vorlage.
J ) Wahrscheinlich liegt auch hier nur spanischer Einfluß vor, wie es von der
Einsiedler Handschrift fast gewiß ist; vgl. Sitzungsber. d. bayer. Akademie 1907
S. 71 ff. Vgl. ferner unten S. 233 über eine ähnliche Mischung, wie sie in dieser
Handschrift vorliegt.
s ) In der zweiten Ausgabe p. 5.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 223
Zeit belegt. Im 8. Jahrhundert begegnet z. B. nfm im Escorial R. II 18,
nri in Madrid (Tolet.) 2. 1, nro in Madrid (Tolet.) 15.8. Hier stehen
wohl überall auch Formen von nsr. Aber in höhere Zeiten hinauf
kommen wir durch die Feststellung des Gebrauches im Breviarium
Alarici von Leon, das nach Zeumer zwischen 546 und 660 geschrieben
ist. Dieser Palimpsest hat in buntem Gewirr oft auf derselben Seite
Formen wie nri, nris, nre, nrös neben nsr nsi u. s. w.; einmal fand
ich hier auch nsiro (S. 339 der Ausgabe). Der Salmasianus der Antho-
logia latina (Paris lat. 10318), den ich schon früher als ältere spanische
Handschrift angesprochen habe, 1 ) hat nrä, nri, nrös, nf$\ daneben
wie es scheint, kein nsr nsi. Eine spanische Inschrift aus dem 7. Jahr-
hundert bei Hübner, Inscr. Hisp. Christ. 175 (vgl. Supplem. p. 74) hat
NROR (die beiden letzten Buchstaben sind in der bekannten Weise
verbunden). Also in Spanien herrscht, und zwar bis ins 11. und
12. Jahrhundert, nsr nsi; daneben begegnet, verglichen mit den
andern Ländern, sehr früh der Typus nri.
15. Die spanischen Nebenformen NSTRI und NSRI.
Ehe wir weiter gehen, ergänzen wir noch hier die Beobachtungen
über den spanischen Gebrauch. Nächst nsi und nri fanden wir be-
reits nstrm in der Handschrift des Pomerius zu Wolfenbüttel und
nströ im Legionensis, dazu kommt nstri in einer alten spanischen
Handschrift saec. VII/VIII ehemals des Lord Ashburnham, jetzt des
Herrn H. Yates Thompson in London. Gebildet ist nstri u. s. w. so,
wie andere speziell spanische Abkürzungen. 2 ) Es liegt eine Form
zu Grunde, wie sie erhalten ist in der afrikanischen Inschrift DMN
NST (dominis nostris) vom Jahre 578/82 (CIL. VIII 4354). Aus der
Suspension nsr wurde die Kontraktion nstri, wie aus der Suspension
apstl die spanische Kontraktion apsvls.
Im Wolfenbütteler Iulianus Pomerius und im Ausonius Vossianus
fanden wir nori: diese Bildung setzt die Suspension no voraus; vgl.
darüber unten S. 232.
nsri im Vossianus kann ebensowohl eine spanische nicht ganz
rein entwickelte Schreibung statt nstri sein, als eine Mischung von
1 ) Philologus LIV (1895) 124.
2 ) Vgl. darüber unten S. 246 ff.
224 L- Traube,
nsi und nri; dies letztere ist nicht unwahrscheinlich; die Handschrift
kennt ja beide Bildungen. Vgl. unten S. 233 einen ähnlichen Fall
aus Cassel (Fulda) Theol. O. 5. Seltsam ist, daß in Paris lat. 12048,
dem Sakramentar von Gellone, neben den Formen des Typus ni
und nri vereinzelt auch usrm für vestrum vorkommt; denn die Hand-
schrift hat, so oft es auch gesagt wurde, mit Spanien nichts zu tun:
ich habe darüber ausführlicher in den Erklärungen zu Burns litur-
gischen Denkmälern gesprochen. Überraschend ist im Sakramentar
von Gellone auch nsi und usi für die Nominative.
16. Erklärung des Typus NRI.
Wir können jetzt das Aufkommen des Typus nri besser be-
greifen. Wir hatten ihn, wie man sich erinnern wird, in der italie-
nischen, insularen und französischen Paläographie im Wechsel mit
dem früher verbreiteten Typus ni seit dem 8. Jahrhundert getroffen.
Diesen Befund konnte man dahin deuten, daß etwa ein römischer
oder irischer Schreiber damals sich genötigt gesehen habe, die alte
Form durch eine bessere Erfindung zu ersetzen: infolge entweder
des allgemeinen Einflusses, den Rom übte, oder der bereitwilligen
Anerkennung der insularen Kunst sei die Verbesserung bald überall
angenommen worden. Aber eine derartige Annahme kann vor den
Ermittelungen nicht bestehen, die wir soeben an den spanischen
Handschriften gemacht haben. Darnach muß der Typus nri not-
wendig ein bereits vor der spanischen Sonderentwickelung vorhandener,
d. h. allgemein römischer, gewesen sein; während die verhältnismäßige
Neuheit und örtliche Begrenztheit des Typus ni, da ihn Spanien nicht
kennt, noch einmal nachdrücklich sich erweist, nri kann durch die
Bildung ni nicht veranlaßt, sondern muß im Gegenteil von ihr be-
schränkt worden sein. Es muß wieder hervorgezogen worden sein,
als ni aus irgend einem Grunde die Gunst verloren hatte.
Wenn für diese drei Behauptungen die Beschaffenheit der spa-
nischen Handschriften eine Art negativen Beweises ergab, so kann
ein positiver geführt werden durch die Ergänzung des italienischen
Materials für den Typus nri, durch eine genauere Charakteristik der
Fundschichten des Typus ni, durch eine genauere analytische und
historische Betrachtung der einzelnen Formen desselben Typus.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 225
17. Der Typus NRI in Italien. Die Kürzung NTRI NTRO
NTRM.
Ich habe bisher eine Inschrift aus Ostia vom Jahre 425/450 zurück-
gehalten (CIL. XIV 31). Sie hat: SALVIS D . D . N . NRIS (N und R
sind ligiert) THEODOSIO ET PLACIDO. Hier ist also die gewöhnliche
Suspension D. D. N. N. durch Anhängung der Endbuchstaben RIS zur
Kontraktion erhoben. Wir haben damit ein vollgültiges Zeugnis für
das Alter des Typus nri und können auf die spätere und verdächtige
Inschrift CIL. IX 2826 verzichten. Auch theoretisch läßt sich gegen
die Annahme nichts einwenden, daß nri alte und römische Bildung
ist. Erwarten würde man zwar eher nstri, d. h. die durch An-
hängung der Flexionssilbe stri oder tri erweiterte Suspension n. Und so
findet sich in einer gallischen Inschrift vom Jahre 405 P. C. DOM NTRI
HONORI (Jullian, Inscriptions rom. de Bordeaux n. 946) und dann
viel später wieder ganz vereinzelt neben um, nrm, nr\ auch mri,
mrfh, mram in der Handschrift München (Regensburg) lat. 13038
saec. IX, wo htri ganz gebildet ist wie in einigen alten juristischen
Handschriften hde hdem hdibhs für herede u. s. w. Aber die Re-
duzierung der Silbe (s)tri auf die Endbuchstaben ri lag doch nahe,
und die gewöhnlichen Kontraktionen, in denen vor der Endung nur
ein Konsonant stand, mußten dazu einladen.
Daß nl vor nri bevorzugt und bald übermächtig wurde, beruht
darauf, daß seine Entstehung und Verbreitung ganz in den kirch-
lichen Handschriften beschlossen war. Auch Bildungen wie nri gehen
wohl auf die Anregung zurück, die durch die Abkürzung der Nomina
sacra gekommen war. 1 ) Aber ni, eine Analogiebildung, wie ich oben
(S. 207) sagte, zu dem christlichen dm, war von christlichen Kalligraphen
geradezu für die Schrift der biblischen Bücher erfunden worden. Man
kann sich also sehr wohl vorstellen, daß, von der ursprünglichen
Suspension h fortgebildet, eine Zeitlang die Formen nri und ni,
zu denen noch
i
n
kommt, 2 ) bei getrenntem Gebrauch und Bedürfnis nebeneinander
1 ) Vgl. das Nähere unten S. 237 ff.
2 ) Vgl. oben S. 213.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 15
226 L- Traube,
bestanden. So versteht man, daß einerseits ni überwiegen mußte
— denn an die Kalligraphie der biblischen Bücher lehnte sich
die der übrigen christlichen Schriften, und bald gab es wenig
andere Literatur mehr als die christliche — , daß andererseits
nrl doch nicht ganz in Vergessenheit geraten konnte. Nun aber
stellte sich später die vollständige Unbrauchbarkeit der Bildung
ni u. s. w. heraus, und da griff man dann auf das vernachlässigte nrl
zurück.
18. Mißverständnisse im Gefolge des Typus NI.
Die Unbrauchbarkeit des Typus ni wurde hervorgerufen durch
das allmähliche Anwachsen der Abkürzungen überhaupt und die weite
Ausdehnung und Anerkennung, die der Strich über dem Vokal in
der Bedeutung eines m und n erhalten hatte. Ursprünglich ließen
die kirchlichen Handschriften nur die Abkürzung der Nomina sacra
zu, und der Gebrauch des Striches war allgemein nur am Zeilen-
schluß erlaubt gewesen. Mit dem allmählichen Aufhören beider Be-
schränkungen entstand die Gelegenheit zu einer Fülle von Miß-
verständnissen. Folgende Formen wurden zweideutig und gefährlich:
nö stand für nostro und konnte gefaßt werden als non
» » » » nos )
„ nam
„ „ „ ■ „ uim
. uero
n » » » "IS )
n n » » UOS. J
Daß das keine Ausklügelungen sind, sondern tatsächlich höchst
lebendige Fehlerquellen, mag eine kurze Zusammenstellung zeigen.
Augustin. ep. LXXV (ed. Goldbacher II 287, 6):
in explanaüone nostra
in explanaüone nam Köln 35 saec. IX.
nos „
n
nostros
na „
n
nostra
Ul
r>
uestri
uo „
»
uestro
uis „
»
uestris
uos „
n
uestros
*) In der insularen Schrift, wo einsilbige Worte Akzent erhalten; in derselben
Schrift konnte auch die Interjektion uä (Matth. 27, 40), wie sie z. B. in St. Gallen 48
aussieht, mißdeutet werden.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 227
Eugipp. exe. CLXXXIIII (ed. Knoell 623, 15):
inimica nostra
inimica nam Vercelli XXX (94) saec. X. 1 )
Cassiodor. orth. praef. (ed. Keil VII 143, 5):
in voce nostra possumus reddere
in voce nam possumus reddere Brüssel 9581 saec. XI.
Cellanus v. 19 (vgl. Sitzungsb. d. bayer. Ak. 1900 S. 487 und 496):
vulneribus sanans vulnera nostra suis
vulneribus sanans vulnera nam suis Florenz Laur. LXVI 40
saec. IX.
Bonifat. ep. 73 (ed. Dümmler, Mon. Germ. Epp. III 343, 18):
mater nostra aecclesia
mater nam aecclesia München (Mainz) lat. 8112 saec. IX
und Wien 751 saec. IX ex.
Dies waren Beispiele für die Gefahren, die nä {nostra) brachte;
es folgen die Mißverständnisse von uo. Bekannt ist ja, daß für
uero neben der juristischen Abkürzung u, besonders in einzelnen
Schreibprovinzen, lange uö bestand (vgl. unten S. 266).
Lactant. inst. V 17 (ed. Brandt I 453, 8):
exemplis ex uero petitis
exemplis ex uro petitis Paris lat. 1664 saec. XII.
Dosithei ars (ed. Keil VII 411,26):
ratio exigit certe, uocalitas uero certo
ratio exigit certe, uocalitas uro certo St. Gallen 902
saec. X.
Welche Verwirrungen im allgemeinen die Kompendien der Titu-
laturen und Ämter (z. B. u. c. } u. s., ppo) in den mittelalterlichen
Handschriften geschaffen haben, ist bekannt. Hier zu erwähnen ist,
daß u. m. oder u m, die geläufige Abkürzung von uir magnificus,
mit um (vestrum) zusammenfiel.
Gregor. I ep. III 1 (ed. Ewald 158, 13):
Scolasticus uir magnificus Campaniae iudex
Scolasticus urm Campaniae iudex Montecassino 71
saec. XI.
J ) Und so stand wohl auch von erster Hand in Paris lat. 11642 saec. IX.
15*
228 L. Traube,
Ich schließe mit einem Beispiel für die Fehler, die ui im Ge-
folge hatte.
Symmach. relat. XXXI (ed. Seeck 305, 1):
uim rescrlptl ... elasit München (Teg.) lat. 18787 saec. XI
und Gelenius
uestri rescripti . . . elasit Metz 500 saec. XI.
Also, um Zweideutigkeiten und Unzuträglichkeiten, wie die eben
besprochenen, zu vermeiden, griff man auf den Typus nri zurück.
Man schuf ihn nicht, sondern fand ihn vor. Wir müssen, glaube
ich, diese Lehre beherzigen: eine Reihe von paläographischen
Eigentümlichkeiten, deren unmittelbare Fortpflanzung aus der römi-
schen Schrift wir nicht genau gewahren können, behält doch unter
der winterlichen Hülle der ersten mittelalterlichen Jahrhunderte ihre
Triebkraft bei und wartet nur auf den Augenblick, um von neuem
zu sprossen.
19. Die Bildung des Nominativs NR und NER.
Es war bisher vermieden worden, von dem Nominativ nr (und
ur) zu sprechen. So geläufig er uns ist, so wenig einfach ist sein
Entstehen. Uns, die wir ihn tausendfach in den Handschriften des
Typus nri lesen, scheint er zu dieser Bildung zu gehören. Allein
dann wäre er eine vollständige Unregelmäßigkeit; man vergleiche
doch dris drii und scs sei mit nr nri. Zu nr würde ni gehören
müssen, und von nri käme man nur zum Nominativ ner. In der
Tat hat der Korrektor des Vaticanus lat. 4938 diese Form in seine Hand-
schrift eingeführt: für no, was er antraf, hat er im Nominativ nof
und ner verbessert. 1 ) Von erster Hand steht im Regin. lat. 1997 saec. IX
aus Chieti, wo meist nach dem Typus nri, selten nach dem Typus ni
dekliniert wird, fol. 136 redemptor ner; der Nominativ ner ist ferner
zwei beneventanischen Handschriften eigen: Wien 1188 und Monte-
cassino 3 saec. IX ex. Dagegen ist nr eine Bildung, zu der man auf
anderm, doppeltem Wege kommen konnte und in der Tat auch,
meine ich, gekommen ist: es ist die Kontraktion zur Suspension h
und zugleich eine Rückbildung von ni. Deswegen kommt nr auch
viel früher vor (d. h. in dem gewöhnlichen Gebrauch der Handschriften)
*) Vgl. oben S. 216.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 229
als nri. Veranlassung zur Bildung der neuen Nominativ-Form war
die fortschreitende Bewegung der Kontraktion und die wachsende
Furcht vor der Verwechslung mit n (nori).
Ich fand bisher als früheste Beispiele für nf (noster) folgende des
7. Jahrhunderts: aus Italien Vaticanus (Bobbio) lat. 5758, Verona X (8),
aus Frankreich Berlin Phill. (Lyon) 1745, aus Irland Ambros. C. 5 inf.
In den merowingischen Urkunden scheint nf zu fehlen; ich traf es
erst a. 760 unter Pippin, l ) aber nosx ist noch lange Zeit viel ge-
bräuchlicher.
20. NR indeclinabile.
Eine merkwürdige Erscheinung ist das starre, indeklinable nf,
d. h. ein rir, das nicht nur für den Nominativ, sondern auch für die
Casus obliqui gesetzt wird. Man kann es nur so erklären, daß der
Nominativ nf zu gleicher Zeit als eine syllabare Suspension der
Casus obliqui betrachtet wurde, als könne man trennen nost-rum.
Wie dem sei, meine Beispiele kommen gewiß nicht alle auf Rech-
nung des Zufalls: dnfh rir ihm xpm Bern 645 (gallische Halb-Unciale
saec. VII/VIII) ; cum tullio rir Paris (Montecassino) lat. 7530 saec. VIII ;
abicis rir (für apices nostros) uobis direximus in den Cartae
Senonicae aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts Paris lat. 4627
saec. IX; drim rir Rom (Farfa) Barb. XIV52 saec. IX; sce rir ecclißsiae)
Lucca 490 c. a. 800. Hierher könnte man auch eine römische In-
schrift ziehen, die Duchesne nach Bianchini mitteilt: AUXILIANTE
DNO DO NR (es stand NP da) XPO . . HILARUS ARCHIDIAC
FECIT. Duchesne 2 ) nimmt freilich an, mit Hilarus sei der spätere
Papst (a. 461 — 468) gemeint. Vielleicht handelt es sich aber um eine
Restauration der betreffenden Kirche unter Hadrian (a. 772 — 795), was
Duchesne nicht auszuschließen scheint.
21. Die Nominative NT und NRT.
Die Anerkennung des Nominativs nf vollzog sich keineswegs
ganz glatt. Er hat viele Mitbewerber besessen, und allerhand sonst
gar nicht allgemeiner gewordene, aber der Bildung nach mögliche
Abkürzungen wurden vorgesucht und machten ihm den Rang streitig.
*) Vgl. oben S. 219.
a ) Liber Pontificalis I 522.
230 L. Traube,
Über ris haben wir vorher gesprochen. 1 ) Wird aber die Silbe
nicht nach no (also no-ster), sondern nach nos (also nos-ter) ge-
schlossen, so kommt ni als eine zweite syllabare Suspension zum
Vorschein. Die Form ni wurde in der Tat lange Zeit als Nominativ
gebraucht. Wie alt sie ist und daß sie ursprünglich als echte Sus-
pension für alle Kasus stand, lehren Sigilli doliarii aus der Zeit des
Septimius Severus und Commodus mit der Ligatur rr für nostri*) und
eine gallische Inschrift aus Saint-Pe d'Ardet, 3 ) wo PAULINIANI NI neben
PAULINIANI NT begegnet, beides an Stelle des in diesem Gebrauch
inschriftlich herkömmlichen N. Das lehren ferner die kontraktiven
Weiterbildungen von ni. In München (Freising) lat. 6224 saec. VII steht
nü für nostri und in Trier 1245 saec. VIII/IX ntis für nostris. In
den Canones des Rachio, Bischofs von Straßburg (a. 788), war drii
nix ihu xpi vielleicht ein Versehen für nri.
Ehe über den Nominativ ni weiter geredet wird, ist es gut, den
Hinweis auf eine nahestehende Bildung, den Nominativ nri, voraus-
zuschicken, deren Ursprung, an sich ziemlich dunkel, doch offenbar
mit ni zusammenhängen muß. Ein Vergleich der Beispiele für beide
Formen lehrt nun, daß ni viel älter ist als nri. Das beweisen die
Handschriften durch ihr verhältnismäßiges Alter; das beweist vor
allem der Umstand, daß ni vielfach noch in Gesellschaft von ni auf-
tritt, nri nur neben den späteren «n-Formen. Man kann darnach
über den Ursprung von nri folgendes vermuten. Als der Typus nri
den älteren rü verdrängte, konnte man diesen Vorgang einfach so
auffassen, als würde nur überall der Deutlichkeit wegen ein r vor
der Endung der alten Kürzung eingeschoben. Nun fand man in
vielen Handschriften des Typus rü als Nominativ die nicht organisch,
aber durch den Gebrauch mit diesem Typus verbundene Form ni.
Ganz mechanisch schob man auch in diese Bildungen ein r ein.
Man glaubte also an die Richtigkeit der Gleichung nri : ni = nri : ni.
Die Unform nri für noster kann nicht besser erklärt werden. Der
1 ) Vgl. oben S. 221.
2 ) Nuovo bullettino di arch. crist. VII (1901) 132, 135, 137. Es wird sich
aber unten zeigen, wie wenig R. Kauer, Wiener Studien XXVIII (1906) 114, be-
rechtigt war, aus einem ui in Lyon 788 saec. IX auf eine Vorlage in Unciale zu
schließen.
*) Cagnat, L'Annee epigraphique 1888 S. 50.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 231
Hinweis auf die Ligatur rt, die vielleicht mit der Ligatur st vertauscht
sei, 1 ) wird angesichts der großen Zahl der vorhandenen Beispiele hin-
fällig, und ebenso dürfen andere Abkürzungen wie prbsi (presbyter)
und drrih {dominum) mit nri nicht etwa auf gleiche Stufe gestellt und
alle mit dem allgemeinen Satz erklärt werden, es läge hier eine Um-
ordnung der Konsonanten nach ihrer Folge im Alphabet vor.
Zürich (Rheinau) Kant. CXL saec. VIII ist eine Handschrift, in
der neben rii sich noch keinerlei Formen des Typus nri, sondern
nur solche des Typus rix zeigen; rii steht hier im Wechsel mit nosr.
Sonst kommt nx gewöhnlich mit Mischformen vor, unter denen der
Typus rii überwiegt, selten ausschließlich mit Formen des Typus nri.
Beispiele finden sich in folgenden Handschriften des 8. bis 9. Jahr-
hunderts: Wien 1861 (Psalterium des Dagulf), Bamberg B. V13 (Hand-
schrift des Bischofs Jesse von Amiens), Cassel (Fulda) Theol. Q. 10, Rom
Vat. lat. 41, München lat. 208, Berlin Phill. 84 und Phill. 1743 (beide aus
Reims), Reims 213 (im Stil 'franco-saxon'), Bamberg A. I 5 und Wien 468
(beide aus Tours), Paris (Rebais) lat. 12048, Lyon 526, Bern 89,
Bern 233, Rom Reg. lat. 612, Paris lat. 2718, Rom Reg. lat. 226,
Paris lat. 8071, Zürich (Rheinau) Kant. XCIXa, München (Trier)
lat. 28118, Filastrius Goerresianus (aus Trier) jetzt in Berlin, Berlin
(Werden) Theol. F. 364, München lat. 23591, München (Salzburg)
lat. 15813, Cassel Philol. Fol. 2. Aus späterer Zeit stammt Leiden
Voss. F. 86, der an einer von ihm nicht mehr verstandenen Stelle
in Cicero de legib. 11,4 (ed. Vahlen p. 6, 2) Ute rii*) aus der Vorlage
wiedergibt. Auf die Überlieferung mag besonders rii (vester) ver-
hängnisvoll eingewirkt haben, weil dafür ut gelesen werden konnte;
vgl. Zeumer zu den Formulae Merowingici et Karolini aevi, p. 257, 2.
Auf unverstandenem rii beruht vielleicht das folgende Versehen:
Victor Vit. I 38 (ed. Petschenig 17, 9):
Jesus Christus noster dominus
Jesus Christus inter dominus Bern (Fleury) 48 saec. X.
l ) Traube, Poetae Carolini III 754.
*) Voss. F. 84 saec. IX hat an derselben Stelle Ute non, wobei aber die
beiden letzten Buchstaben auf Rasur stehen; Leiden bibl. publ. 118 (olim N. Heinsii)
in beneventanischer Schrift saec. XI hat deutlich Ute rir. In meiner früheren Arbeit
hatte sich hier ein Versehen eingeschlichen.
232 L. Traube,
Wie nt in Frankreich und Deutschland, so wurde nfi in Frank-
reich und Italien sehr gebräuchlich. Eine kurze Überlegung lehrt,
daß deshalb sein Ursprung in Frankreich zu suchen ist. Wir finden
es von saec. IX — XI in Corbie, St. Bertin, Reims, Troyes, Langres,
Fleury und Tours, und zwar kenne ich folgende Handschriften, die
es gelegentlich gebrauchen: Berlin Phill. 1669, Cambridge C. C. C. 223,
St. Omer 33 bis und 202, Boulogne 35 und 40, Brüssel 9845, Utrecht 32,
Epernay 1, Reims 8, 70, 82, 369, Parislat. 12949, Troyes 1165 und 550,
Warschau 480 (Formulae ed. Zeumer p. 131), Rom Reg. lat. 140, Paris
n. a. lat. 454, Orleans 233 (203), Bern 3, Paris lat. 6115, Bamberg A. I 5,
Paris lat. 12958, Brüssel 10470, ferner Goerresianus 36 (jetzt wohl in
Berlin), Berlin Theol. F. 339, Leiden Voss. F. 98. Bemerkenswert ist,
daß in Chartres noch im Jahre 1028 pai nrx für pater noster ge-
schrieben wurde. 1 ) In Italien ist das älteste Beispiel Rom (Farfa)
Barb. XIV 52; ich habe es oben S. 216 bei der Altersbestimmung
dieser wichtigen und schwierigen Handschrift mitsprechen lassen.
Dann kenne ich Berlin (Verona) Phill. 1831, Padua 1117, Novara XXX
und LXXXII. Aus Deutschland kenne ich nur Florenz Laur. LXV35.
22. Die Kürzungen N, NO, NOI, NOR, NORI, NOT, NOTRI.
Wurde als Abkürzung die erste Silbe gesetzt, so ergab sich
noistef) oder nos(ter); wurde der erste Buchstabe der zweiten Silbe
einbezogen, so erhielt man wieder nos{ter) oder nost{ef). Wir holen
hier nach und wiederholen dabei zum Teil, was von den so gebil-
deten Formen tatsächlich vorkommt. Denn alle haben sie gelegent-
lich zur deutlicheren Bezeichnung des Nominativs herhalten müssen;
wir verbinden aber damit die kurze Darstellung ihres sonstigen Ge-
brauches und der auf sie gebauten Weiterbildungen. Die Kürzung riö
ist ganz alt. Man vergleiche CIL. II 5736: DO. NO. POS. IUI ET
VICT. COS (= domino nostro Postumo quartum et Vlctorlno con-
sulibus, a. 267). Ferner steht no für alle Kasus im Vatic. lat. 4938 ; 2 )
desgleichen im Ottob. lat. 319, also in zwei ziemlich alten italienischen
Handschriften; im etwas jüngeren französischen Reginensis lat. 317, dem
*) Vgl. Merkt et Clerval, Un manuscrit chartrain du XI « siecle, Chartres
1893, pl. 2.
*) Vgl. oben S. 228.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 233
Sakramentar von Autun, 1 ) für noster. Eine seltsame Nebenform
von nö hatte ich früher übergangen. Auf der stadtrömischen In-
schrift a. 404 (Rossi, Inscr. Christ. I 531) schien mir:
consulatu DOMINI .N. HONORI AVG.
nicht genügend gesichert, da der Stein nicht erhalten ist. 2 ) Nun
aber weist mir Turner aus der Collectio Canonum Frisingensis in
München lat. 6243 folgende Fälle nach, die eine gute Tradition haben
o o
müssen: fol. 79 coepiscopus n siccensis, ebenda fol. 82 ds n sancti-
tatem uestram. Sonst folgt diese Handschrift dem Typus tu. Für
die Geläufigkeit der Suspension nö sprechen auch die weiteren Ab-
leitungen. Denn zu nö gehören die beweglich gemachten Kasus noi,
noni; ferner der Nominativ nor und der Typus nori; aber auch noi
und notri lehnen sich an.
noi wurde oben 3 ) aus merowingischen Urkunden belegt. Turner
fand in der Handschrift St. Petersburg F. II 3, die nach ihm zwischen
650 und 700 zu Lyon geschrieben wurde und zu Berlin Phill. 1745
gehört (vgl. Journal of Theological Studies IV 429), fol. 172 adiu-
uante dnl di noi; sonst wird hier gewöhnlich noster ausgeschrieben,
doch steht fol. 57 v dns n. und fol. 173 dns h; fol. 176 nri concilil
ist von jüngerer Hand. Mir selbst stieß in Amiens 88, einer Hand-
schrift aus der Zeit des Maurdramnus von Corbie saec. VIII, öfters noi
auf; z. B. fol. 51 dni noi ihu xpi. Aus Cassel (Fulda) Theol. O. 5,
einem alten Band saec. VIII, der wohl aus Südfrankreich stammt,
notierte P. Lehmann nis fol. 3; noi fol. 10; nori fol. 16; nosx fol. 25;
nri fol. 17, nrö fol. 47 v ; nsi fol. 17, nsö fol. 11, 25 v , 55 v ; nsrfh
fol. 51. Chroust erwähnt aus Würzburg Mp. Theol. F. 64 noe
(= nostrae) und noani (= nostram) neben nm; die Schrift ist insular,
kontinentale Herkunft dennoch unzweifelhaft. Die Form nom steht
im Psalterium der Salaberga 4 ) und in St. Gallen 732 a. 811, wo sonst
nri herrscht.
>) Vgl. oben S. 189.
J ) Bekannt ist n = non als Nota iuris. Diesen Gebrauch setzen ganz ge-
legentlich insulare Schreiber fort, wie in Turin F. VI 2 (wo über das o noch ein
Strich gesetzt ist) und London Egerton 2831.
») Vgl. oben S. 219.
4 ) Vgl. oben S. 217.
234 L. Traube,
nor begegnet uns im Vatic. lat. 4938 *) als Verbesserung von no
und in Verona X (8); 2 ) nachzutragen ist es aus München (Regens-
burg) lat. 14540 saec.VIII. Aus dem Venezianischen Exemplar der Briefe
Senecas saec. IX hat mir G. D. Kellogg nor für rif gemeldet.
nori hatten wir für Spanien in Anspruch genommen. 3 ) Dazu
stimmt, daß in Zürich (Rheinau) Kant. CIV saec. VIII/IX nora ge-
braucht wird, denn diese Handschrift bietet auch sonst spanische
Formen. 4 ) Vielleicht war Paris lat. 13373 saec. IX, wo noro vorkommt,
ähnlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen. Dieselbe Form scheint im
Archetypon des über de dubiis nominibus, der nach Südfrankreich
gehört, gestanden zu haben. Für Tyrio conspectus in ostro (Gramm,
lat. ed. Keil V 585, 9), was verlesen wurde in conspectusi nostro und
conspectui nostro fast notwendig ergeben mußte, hat München
lat. 14252 tyrio conspectui noro, während die beiden andern Hand-
schriften nrö lesen.
not wies mir A. Souter 5 ) aus dem Augiensis CXIX in Karlsruhe
nach, einem [Pelagius] in epistulas Pauli saec. IX, der manche Alter-
tümlichkeit bewahrt hat; er schwankt zwischen den Typen rit und
nri, hat aber einmal noch n für nostri 6 ) und sonst gelegentlich
dorn 1 ) und istrahel. 8 )
notri steht auf einer gallischen Inschrift vom Jahre 608 9 ) in der
Verbindung DOMINI NOTRI TEODORICI (CIL. XII 2654).
23. Die Kürzungen NOS NOSI NOSO und NOST, NOSR.
Für nos gibt es ziemlich alte italienische und französische Be-
lege: Paris lat. 13367 saec. VI und Vatic. lat. 4938, hier öfters erst von
zweiter Hand aus no verbessert; 10 ) für Frankreich hat man die Inschrift
J ) Vgl. oben S. 228.
2 ) Vgl. oben S. 217.
J ) Vgl. oben S. 222.
4 ) Vgl. Neues Archiv der Ges. f. alt. d. Geschichtskunde XXVI 237.
6 ) Vgl. jetzt seine Abhandlung in den Berichten der Londoner Akademie.
c ) Vgl. oben S. 207.
7 ) Vgl. oben S. 169.
8 ) Vgl. oben S. 106 Anm. 1.
9 ) Vgl. Krusch zum Fredegar p. 134 n. 7.
10 ) Vgl. oben S. 189 und S. 232.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 235
a. 541 aus Narbonne (CIL. XII 5341): REGN DOM NOS TEUDERICI;
den Papyrus des Augustin Paris lat. 11641 saec.VI car(itas) ues(trd)\
eine Urkunde von 680 (Tardif pl. XVIII) nos regni; im Sakramentar
von Autun 1 ) steht nos für noster und nostro. Auch auf dem Deckel
des Lindauer Evangeliars findet sich nos für noster. Als Weiterbildung
gehören zu nos die Kasus: nosi, nosö u. s. w. Folgende Stellen
habe ich dafür nach und nach gefunden, die sich zu einer kleinen wohl
südfranzösisch-spanischen Gruppe zusammenschließen. In der gal-
lischen Halb-Unciale St. Petersburg (Corbie) F. I. 2 fol. 4: dnl nosi
ihü xpi; 2 ) in der Unciale Wien 563 fol. 172 v : defende dne pecura
nosä. Dazu kommt noch die spanische Inschrift bei Hübner, Inscr.
Hisp. Christ. 110 saec. VII, wo Hübner liest: DNI NOSII HU c, aber
vielmehr DNI NOSI IHU <XPI> zu verbinden und zu ergänzen ist.
Findet ein Leser, der an spätere Handschriften gewöhnt ist,
irgendwo die Formen nosi oder uesi für noster und uester gebraucht,
so wird er gewiß nicht hängen bleiben. Er wird sie sich mit der
gewöhnlichen Schreibung % für ter erklären. Und so mag auch
mancher spätere Schreiber gedacht haben, wenn er sie für den No-
minativ anwandte. Aber zweifelsohne waren es ursprünglich Sus-
pensionen, wie die alten Fälle beweisen, in denen durch nosi ein
Casus obliquus bezeichnet wird. In der wichtigen Subskription des
Würzburger Priscillian steht: lege felix (Amantia) cum tuis in . xpö .
ihü . dno . nosv. In den Unterschriften der Konzilienbeschlüsse wird
die Formel constitutionem nostram sabscripsi seit dem 6. Jahr-
hundert in Frankreich häufig mit Kürzungen wie constitü nosi si
wiedergegeben, z. B. in Paris (Corbie) lat. 12097 saec.VI, Berlin (Lyon)
Phill. 1745 saec. VII. Dieselben Handschriften kennen den Gebrauch
auch in anderen Fällen; von alten französischen ferner Paris lat. 12205
(für nostris neben nis), Paris lat. 10756 (für nostro), Cambrai 684 (nosi
und uesi für den Nominativ neben nm). Von dieser Seite aus wäre
also gegen die Inschrift vom Jahre 642 mit der Kürzung DOMNI NOST
CHLODOVEI (Jullian, Inscriptions de Bordeaux n. 862) nichts ein-
zuwenden. Theodosius, der Schreiber von Verona LX (58), ge-
») Vgl. oben S. 233.
8 ) Diese Stelle kenne ich aus einer Photographie; nosas auf dem Kupfer
des Nouveau Traite zu III 236 stammt aus derselben Handschrift.
236 L. Traube,
braucht host, ich weiß nicht, für welchen Kasus. 1 ) Im allgemeinen
aber darf man es wohl als französische Bildung ansehen. Über seine
Verwendung in den karolingischen Urkunden, wo es bereits nur den
Nominativ darstellt, habe ich oben S.2 19 gesprochen. Auch Handschriften
etwa der gleichen Zeit haben es in diesem Sinne nicht ganz selten,
z. B. Harley (aus Corbie?) 208, München (Benediktbeuern) lat. 4547;
Zürich (Rheinau) Kant. CXL hat nosi. neben ni. y Zürich (Rheinau)
Kant. XCII nosi neben nr. Selbst der Ire, der Basel A VII 3 im
9. Jahrhundert schrieb, ließ nosi zu.
Unerklärt bleibt die Suspension nosr, für die ich früher gleich-
falls keine Beispiele gebracht habe. Sie steht für nostris in Mailand
(Bobbio) B. 31 sup.; dnm nosfrh in Brüssel (Soissons) 9850 c. a. 700
ist die Kontraktion dazu.
24. Die karolingische Deklination NR NRI.
Die Geschichte von noster ist abgeschlossen. Nach so vielen
hin- und hergehenden Versuchen, nach so vielem Streit und Aus-
gleich ergab sich der karolingischen Zeit folgendes als die endgültige
Deklination:
nr nfa
nrl nrortim nfae nrarum
nfb nfis
nrm mos nfam riras
Doch blieben immer noch einige zweifelhafte Fälle, und sorg-
fältige oder archaisierende Schreiber waren nicht mit allen Einzel-
heiten zufrieden.
Als Nebenformen von nr müssen die vorher besprochenen Bil-
dungen ni, nri, nosi gelten.
Im Accusativ sing. masc. kommt gelegentlich rirum vor, 2 ) z. B.
in Mailand T. 120 s., Reims 377, München (Salzburg) lat. 15818,
München (Tegernsee) lat. 27152, St. Gallen 914.
Für den Genetiv plur. steht nrom in St. Gallen 914. In der
Handschrift des Notker Wien 1609 saec. X liest man immer nor
wobei r in bekannter Weise einen Suspensionsstrich erhält. Einmal
J ) Vgl. oben S. 217.
s ) Vgl. z. B. oben S. 199 über ähnliche Formen von sanctus.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 237
wird zur Verbesserung ein zweites r herübergeschrieben. Und diese
Form wieder (nrör) steht in Saint-Omer 33 bis fol. 23.
Der Dativ plur. konnte, ohne unklar zu werden, noch verkürzt
werden: nrs begegnet in Utrecht 32 (dem Psalter aus Reims).
Die klassische Form des Genetiv sing. fem. ist nrae; aber nre,
das einem gelegentlich unterläuft, zeigt e, nicht weil es im Vulgären
häufig für ae steht (es ist also auch nicht nostre aufzulösen), sondern
weil es, rein graphisch betrachtet, der letzte Buchstabe ist.
Ich habe, der typographischen Bequemlichkeit zuliebe, hier
wie sonst, den Abkürzungsstrich gewöhnlich über den Schlußbuch-
staben oder den letzten Vokal setzen lassen. Dies entspricht nicht
der älteren Sitte, die ihn mehr nach der Seite zieht, wo die Buch-
staben fehlen, und ihn meist über dem r anbringt. Aber auch hier
schwankt der Gebrauch. In Paris lat. 12949, einer Handschrift aus der
Schule des Heirich von Auxerre, steht er mehr nach meiner Art; oft
störend, wie ich zugeben muß: z. B. wenn aura reuerentia bedeuten
soll a vestra reverentia. Ganz ebenso halten es turonische Schreiber,
wenn sie, wie der von London -Add. 10546, corda urä kürzen.
Doch die Setzung und Formung des Striches gehört in ein
anderes Kapitel der Lehre von den Abkürzungen; vgl. oben S. 45 ff.
Hier sollte nur das mannigfache Spiel der Buchstaben betrachtet
werden.
6. Entfaltung der lateinischen Kontraktion.
Die sakrale Reihe der lateinischen Kontraktion war im 5. Jahr-
hundert durch scs, am Beginn des 6. durch m etc. (= nostri) er-
weitert worden. Das geschah in den Werken der christlichen Lite-
ratur. Damals aber war der christliche Kalligraph bereits zum haupt-
sächlichen Vervielfältiger der gesamten neuen und älteren römischen
Literatur geworden. Er kopierte ebensowohl die Gesetzbücher und
den Virgil, als die Evangelien und den Cyprian. Es hatte das
eine doppelte Folge. Die ursprünglich sakralen Kurzformen wurden
auch da angewandt, wo sie nicht hingehörten. Man schrieb im
Virgil ds nobis haec otia fecit und nannte den Kaiser dns. Darüber
ist oben am Schluß der betreffenden Abschnitte berichtet worden.
238 L. Traube,
Dann aber drängten sich unwillkürlich Analogiebildungen in die
Feder, die mit dem sakralen Element der Kontraktion nur entfernt
oder gar nicht mehr zusammenhingen. Nunmehr kann man eigent-
lich erst von einem Prinzip der durch Kontraktion vollzogenen Kür-
zung sprechen. Bis dahin waren es wenige und bestimmte Worte,
die man durch Ausstoßung des Wortinnern ausgezeichnet hatte. Jetzt
tritt die Kontraktion als eine Art der Schriftvereinfachung neben die
ältere Suspension und beginnt diese zu verdrängen.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auf dem Gebiet der Titulatur
der Ausgangspunkt für diesen Fortschritt zu suchen ist. Die nicht
sakrale Verwendung der kontrahierten Kurzform für dominus 1 ) auf
der einen Seite, auf der andern Seite die naheliegende Verwandlung
von Suspensionen christlich gefärbter Worte wie EP. (= episcopus) in
EPS, DIAC. (= diaconus) in DIACS 2 ), PB. in PBR, reu (= reve-
rentissimus) in reus, die sich alle aus italienischen Handschriften
und Steinen des 5. bis 6. Jahrhunderts nachweisen lassen und un-
mittelbar durch die sakralen Formen dns, sps, scs hervorgerufen sind,
erklären aufs einfachste, wie um dieselbe Zeit aus P. P. (= prae-
fectus praetoriö) ppö z ) werden und magtro offörum (für magistro
officiorum), augli (für Augustali) und dergleichen aufkommen konnte.
Über den weiteren Anstoß, den die Erfindung von rii etc. geben
mußte, vgl. oben S. 193.
Besondere Gelegenheit zur Entfaltung des neuen Prinzips bot
diejenige Klasse von Handschriften, in denen überhaupt vornehmlich
gekürzt wurde. Es waren die juristischen. Die in ihnen seit langem
gebrauchten Kürzungen (die sog. Notae iuris) hatten bis dahin aus-
nahmslos auf Suspension beruht. Nun ging exsc. (== ex senatus
consulto) in exsco, s. (= sententia) in sä, ac. (= actio, -nis etc.) in
axne (= actione), iud. (= iudicium) in iudürh, pec. {= pecunia) in
Vgl. oben S. 167 ff.
2 ) Auf einem Capuaner Stein a. 565 steht das sprechende Zeugnis des Über-
gangs: DIAO ROMANI.
3 ) Neben P. P. waren PR. PR. und andere Formen im Gebrauch. In Hand-
schriften saec. VI und in Überlieferungen von Schriftstellern saec. VI und VII, z. B.
bei Ennodius ed. Vogel n. CCCLXIV p. 265 (ich habe die Stelle im Index zum Cas-
siodorus unter vitis gedeutet), ist noch öfters pp erhalten. In den alten Hand-
schriften des Theodosianus und in den sehr viel jüngeren des Cassiodor und der
Briefe Gregors I herrscht bereits ppö.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 239
pecäj mcip. (= mancipiö) in mcipio, mf. (= manifestum) in m/tum,
aber auch z. B. Ic. (= licet) in B oder lex über. Die Suspensionen
wurden in Kontraktionen verwandelt. Oft entstanden dabei Zwitter-
gebilde, wie er. nus (= civis Romanus); hier ist er. die ursprüng-
liche Suspension (c. r.), an welche die Endung ganz äußerlich an-
gehängt ist. Der Punkt blieb dabei stehen, wie bei iud. um und
andern derartigen Neubildungen.
Wir müssen hier einen Augenblick anhalten, um auf das Ver-
hältnis von Strich und Punkt zu dem neuen Prinzip der Kürzung
hinzuweisen; vgl. oben S. 45 ff.
Das Abzeichen der Suspension war im Lateinischen vordem der
Punkt nach dem Worte gewesen oder die Punkte vor und nach dem
Worte, wofür es ja nicht nötig ist, irgendwelche Beispiele anzuführen.
Wie nun später die Suspensionen außer durch den Punkt auch durch
den Strich und schließlich nur durch diesen bezeichnet wurden, so
behielt man bald nach dem Aufkommen des neuen Prinzips bei den
Contractis außer dem Strich auch oft noch den Punkt bei. Es führen
die so geschriebenen Formen recht eigentlich in die Zeit des Schwankens
und Werdens hinein. Wir sehen das am besten, wo diese Erschei-
nung bei den älteren Nomina sacra auftritt. Es steht z. B. XPI auf
einer Inschrift im Museo Laterano (bei Rossi tav. I 1) zwischen zwei
Hederae, die hier die Punkte vertreten; auf der bekannten Inschrift
des Clematius in Köln liest man PRO NOMINE . XPI . SANGVINEM
SVVM FVDERVNT, x ) was einen durchaus echten und alten Eindruck
macht.
Ja, der Punkt oder die Punkte haben sich bei den Nomina
sacra contraeta auch oft noch in Handschriften erhalten. Man ver-
gleiche über Handschriften des Typus dms oben S. 178 ff., über Hand-
schriften des Typus d'ns oben S. 190. Obgleich gelegentlich diese
Eigentümlichkeit sich aus der Vorlage übertragen hat, ist man be-
fugt, sie als ein Zeichen des Alters, als ein Merkmal gerade der Zeit
des Übergangs vom 5. zum 6. Jahrhundert anzusehen. 2 )
') Vgl. G. Morin in den Melanges Paul Fahre, Paris 1902, S. 53.
2 ) Vgl. oben S. 159 über die damit zusammenhängende gleichfalls alte
Schreibung xpi. anus.
240 L. Traube,
Der Übergang von der Suspension zur Kontraktion, die Ver-
einigung von Punkt und Strich, das allmähliche Überwiegen der kon-
trahierten Formen zeigen uns in den vorher erwähnten alten juristischen
Handschriften und in den Verzeichnissen der Notae iuris, die als
Schlüssel für das Verständnis solcher Handschriften abgefaßt wurden
und in jüngeren karolingischen Abschriften auf uns gekommen sind,
aufs deutlichste die lebhafte Bewegung und das zielbewußte Vorwärts-
streben der immer mehr mit dem neuen Prinzip sich durchdringenden
Kalligraphie. Der Veroneser Gaius und der Wiener Ulpian nehmen
eine ältere Stufe ein als die Fragmenta Vaticana. Von den Verzeich-
nissen entspricht das des sog. Probus wieder mehr der Art des
Gaius, die sog. Notae Lugdunenses mehr der Art der Fragmenta
Vaticana. Das hat Mommsen gezeigt; 1 ) Sickel vervollständigte das
Bild; 2 ) er deutete an, wie das Verzeichnis des Magno über die Notae
Lugdunenses hinaus sich im Sinne fortschreitender Kontraktion be-
wegt. Aber es war nicht das Vorbild der Tironischen Noten, wie er
glaubte, das diese Entwickelung bedingte. 3 ) Die Kontraktion ent-
faltete sich und wuchs, je weiter das Christentum vordrang und je
mehr der christliche Kalligraph im römischen Schriftwesen zur Herr-
schaft kam.
Ist dies einmal erkannt, so wird die Analyse der Notae iuris
und die zeitliche Bestimmung der älteren juristischen Handschriften
ein gutes Stück weiter kommen können. Aber auch auf die gesamte
römische Überlieferung fällt ein neues Licht. Man begreift die Ver-
wandtschaft der kirchlichen und juristischen Unciale. 4 ) Der Kalli-
graph, der im 5. oder 6. Jahrhundert den Gaius schrieb, war nicht
weniger ein Christ, als der Schreiber, der im 7. Jahrhundert den
Juristen tilgte und die Briefe des Hieronymus über ihn setzte. Und
nicht anders als mit dieser Veroneser Handschrift wird es stehen mit
der Bobbieser, in der Ciceros Bücher de re publica unter Augustins
Psalmenkommentar begraben liegen. Aber selbst darüber hinaus glaube
J ) Vor seiner Ausgabe der Notae in Keils Grammatici latini IV 277 und im
Hermes XXV (1890) 153.
2 ) Lehre von den Urkunden der ersten Karolinger S. 307.
3 ) Vgl. oben S. 12 über Gitlbauer.
4 ) Von der älteren juristischen Unciale ist die Rede; christlicher Ursprung
für die der Digesten versteht sich ebenso von selbst, wie für die Unciale und Halb-
Unciale des Theodosianus.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 241
ich behaupten zu dürfen, daß unsere alten lateinischen Handschriften
fast ausnahmslos von Christen geschrieben sind und älter als das 4. bis
5. Jahrhundert nicht sein können.
Das ergibt sich so. Die Griechen verwandten am Zeilenschluß,
um die Zeile einzuschränken, 1 ) allerhand Ligaturen; statt N setzten
sie neben den vorausgehenden Buchstaben einen Strich, der das N
vertrat, etwa so: KAAO— | (= xaköv). Die Verwendung dieses Zei-
chens hing mit der christlichen Tradition nicht zusammen, es be-
gegnet bei den Griechen schon im 2. Jahrhundert vor Christus.
Doch die römischen Schriftstücke, die wir aus früher Zeit haben
(neben den Inschriften die Reste der herculanensischen und ägyp-
tischen Rollen) kennen nichts Entsprechendes. Erst die älteste latei-
nische Pergamentüberlieferung 2 ) hat, wo sich dazu Anlaß bot, dem
)<AAO-| ein MAGNV I gegenübergestellt, und es spricht alles dafür,
daß der Gedanke dieser Schrifterleichterung, der zu den Lateinern
nachweislich so spät kam, durch biblische Handschriften vermittelt
wurde, daß also zuerst die christlichen Kalligraphen Italiens nicht
nur SPS und DNA, sondern auch das Schluß-/rz und das Schluß-»'
sich entsprechen ließen. Nun kennen von alten lateinischen Perga-
menten mit klassischem Inhalt diesen Gebrauch sowohl der Sallust
von Fleury als die Exemplare des Livius aus Lorsch, Bobbio, Corbie
und Bamberg, ferner der Cicero aus Bobbio u. s. w. Nur das von
Chatelain entdeckte Fragment der Naturalis historia des Plinius aus
Autun scheint eine Ausnahme zu machen; es hat am Zeilenschluß
weder den m-Strich, noch den im Lateinischen später gewagten
«. Strich.»)
Die juristischen Handschriften der älteren Zeit waren wegen der
Fülle und der Art der Abkürzungen schwer zu lesen, und die Kon-
traktion bewirkte hier zwar einigen Wandel und schuf größere Sicher-
heit; aber die Veranstalter der Gesetzessammlungen im 5. und 6. Jahr-
hundert 4 ) fühlten sich doch bewogen, den Gebrauch der Notae für
') Vgl. Traube, Paläograph. Forschungen IV 53 (= Abhandlungen der Bayer.
Ak., III. Kl. XXIV, 1).
2 ) Gelegentlich auch der christliche Steinmetz Filocalus, der zugleich Bücher-
schreiber war.
3 ) Es wird hier auf die weitere Entwickelung dieses Gebrauches nicht ein-
gegangen; vgl. Traube, Hieronymi chronicor. codicis Floriacensis fragmenta p. VII.
4 ) Vgl. Traube in der Enarratio tabularum zu Mommsens Theodosianus p. 1.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 16
242 L- Traube,
die Reinschrift der Corpora zu verbieten. Damit büßte auch die
Kontraktion, die bereits begonnen hatte, aller Worte sich zu be-
mächtigen, viel an Boden wieder ein. Ein völliges Verschwinden war
freilich ausgeschlossen. Die große Bequemlichkeit der Notae und
darunter gerade derjenigen, die schon durch Kontraktion gebildet
wurden, schützte davor. So kürzten also die Notarii selbst da, wo
es ausdrücklich untersagt war (in den Handschriften der Corpora),
wenigstens hie und da, wenigstens ein und das andere Wort in alter
Art. In den Urkunden aber, wo sie unbeschränkt waren, schrieben
sie z. B. hdes (= heredes) und ssü (= suprascripti) fast regel-
mäßig. Diese kontraktiven Formen waren mittlerweile an die Stelle
der betreffenden älteren suspensiven % und s. s. getreten.
Auch in den Handschriften der Konzilien ist manches derartige
zu finden und geht auf den nicht ganz bezwungenen Hang der
Notarii zu Kürze und Bequemlichkeit zurück.
Nur die Techniker hatten sich ursprünglich den Gebrauch der
Kürzungen erlaubt, als diese noch lediglich durch Suspension her-
gestellt wurden. Also außer den Juristen die Mediziner, die Mathe-
matiker, die Grammatiker, die Periegeten u. s. w. In den Rein-
schriften von eigentlichen Werken der Literatur duldete man bloß
die Kürzung der Namen und Ämter und einiger ähnlicher Technika.
Auch auf diesem so eingeengten Gebiet macht sich der Übergang
zur Kontraktion im 5. bis 6. Jahrhundert fühlbar.
Zum Beispiel in der Überlieferung der Briefe des Symmachus
(bei Seeck p. 212, 1 und 212, 12) scheint nicht mehr die Suspension
lud., die so oft in unsern Klassiker-Handschriften vorkommt und neben
iudices auch iudicium bedeutet, sondern die Kontraktion mdam vor-
zuliegen. Im Archetypon des Valerius Maximus (vgl. Kempf p. 34,9)
ebensowohl als in dem von Senecas De beneficiis (vgl. Hosius p. 44, 7)
standen neben der Suspension aug. (für Augustiis etc.) auch die
Kontraktionen augi (Augusti) und dugo (Augusto). Der Liber de of-
ficio proconsulis wird im sog. Philoxenus-Glossar Paris lat. 7651 als
liber de offo proconsulis zitiert (vgl. Rudorfs Tafel in den Abhand-
lungen der Berliner Akademie 1865).
Eine andere Ursache, die das völlige Erlöschen der Kürzung
und damit auch der Kontraktion verhinderte, wird begriffen, sobald
wir von der chronologischen Betrachtung zu einer lokalisierenden
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 243
übergehen. Was nämlich an den Hauptplätzen der Kalligraphie zu
verhindern gesucht wurde, geschah in provinzialen Schreibschulen
ruhig weiter. Mag der Gaius von Verona in die Zeit fallen, als der
Noten-Gebrauch noch nirgends eingeschränkt war, so fällt der Kom-
mentar zum Gaius sicher in den Zeitraum des Verbotes und mag in
Autun geschrieben sein, wo Chatelain ihn entdeckte. In Verona
wurden im Laufe des 6. Jahrhunderts zwei Handschriften geschrieben,
Verona LIII (51), Facundus, und Rom Vatic. lat. 1322, Canones, die als
Erzeugnisse einer Schule gelten dürfen, in der die Notae iuris und
andere Kürzungen — beide meist in kontrahierter Form — an den
älteren juristischen Gebrauch erinnern.
Haben wir hier noch die Handschriften selbst zur Verfügung,
so ist eine gleichzeitige viel bedeutendere provinziale Schule nur aus
ihren weit herabreichenden Wirkungen zu erschließen. Während näm-
lich in Italien und Frankreich der Gebrauch der Notae im 6. Jahr-
hundert als fast versiegt oder doch aufs äußerste zusammengeschmolzen
erscheint, verfügen die insularen Schreiber des siebenten und der
folgenden Jahrhunderte über den ganzen Besitzstand der älteren Zeit.
Im Zusammenhang mit andern graphischen Tatsachen weist das auf
eine bedeutende Schule in Südwestbritannien, in der im 5. und 6. Jahr-
hundert — fast wie im bewußten Gegensatze zu Frankreich — die
Notae aller Art gepflegt wurden.
Unsere bisherigen Feststellungen bezogen sich auf die Ent-
wicklung, Pflege und Beschränkung der Kontraktion in den Schulen
verschiedener Länder, die aber von einem Zentrum abhingen. Das
Zentrum war Rom, für die christliche Literatur eine Zeitlang vielleicht
eine oberitalienische Stätte, wie Mailand. Von da aus empfingen die
Schulen Italiens, Frankreichs, Südwestbritanniens und zunächst auch
Spaniens ihre Regeln dadurch, daß die römischen oder von Rom aus-
gehenden Literaturwerke rasch sich verbreiteten und die Moden der
Schrift und vor allem der Kürzung überallhin trugen. Die dadurch
verbreiteten Bildungsgesetze waren noch die einfachsten. An die
vorhandene Suspension hing man, um die Kontraktion herzustellen,
den letzten Buchstaben oder die letzte Silbe oder die letzten Silben
des Wortes an: man vergleiche eps (= episcopus), pecä (— pecunia),
Hdem (= heredem), ssti {== supra scripti), mftum (= manifestum),
%\dibus (= heredibus), mcipio (= mancipiö). Die Suspensionen
16*
244 L- Traube,
selbst 1 ) waren, je nach der Zeit, der sie entstammten, durch den oder
die ersten Buchstaben des Wortes {% — heres, pr. = praetor), durch
die erste Silbe 2 ) und den ersten Buchstaben der nächsten Silbe
(ep, = episcopus, lad. = iudicium, off. = officium etc.), durch
die ersten Buchstaben der führenden Silben (bf. = beneficium, mf. =
manifestum) oder ähnliche Kombinationen (z. B. mcip. = mancipium)
hergestellt gewesen. Dies eröffnete der Kontraktion weiten Spiel-
raum, verlieh ihr viele Möglichkeiten.
Dieser römischen oder italienischen Art der Bildung steht
eine andere gegenüber, die ihren Ursprung in Afrika hat.
Wir betreten damit abermals dies für die Entwickelung der
christlichen Literatur so wichtige Land. Daß die folgenreichste Neue-
rung der christlichen Kalligraphie, die Übernahme der kontrahierten
Nomina sacra aus dem Griechischen, nicht in Afrika erfolgte, sondern
dort erst am Ausgang des 4. Jahrhunderts von Italien aus bekannt wurde,
hat sich oben bei der Analyse der Evangelien-Fragmente k ergeben. 3 )
Später aber stellten die afrikanischen Schreiber eine Reihe eigen-
tümlicher auf Kontraktion beruhender Formen den italienischen Bil-
dungen entgegen. Wir finden auf afrikanischen Inschriften : EPSCPS
(= episcopus, ital. EPS) CIL. VIII 11645; a. 582 ECLSA (= ecclesia,
ital. ECLÄ) Melanges d'archeologie XXIII 12 (vgl. oben S. 164);
APSTS (= depositus) CIL. VIII 11645; BNCTS (= benedictus) und
DMSTCS (= domesticus) CIL. VIII p. 2282. Wir können diese Art,
dem Eindruck nach, als eine hebraisierende bezeichnen. 4 ) Der wahre
Ursprung Hegt aber wohl vielmehr in der polysyllabaren Suspension
vom Typus DMN. (= dominus). h )
Von Afrika kam diese neue Sitte im 6. und 7. Jahrhundert nach
Spanien. Wir finden ihre ersten Spuren dort im Breviar von Leon, in
dem sich italienische mit afrikanischer Art berührt. Spanien wieder
bildete die hebraisierende Kontraktion noch weiter aus und vermittelte
sie zu einem freilich nur kleinen Teile vom 7. bis zum 9. Jahrhundert
») Vgl. oben S. 205 f.
*) Selten durch diese allein, iu. = iure, fu. == fuit.
3 ) Vgl. oben S. 138 ff. und S. 146 ff. über das früheste Vorkommen der Nomina
sacra contracta auf afrikanischen Inschriften.
*) Vgl. über derartige Schreibungen im Griechischen oben S. 35.
5 ) Vgl. oben S. 172.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 245
den andern Schreibschulen des Kontinents, auf die es durch die ge-
waltigen Massen von Literatur Einfluß gewann, die es damals teils
erzeugte, teils aus früherer Zeit übernahm und in Umlauf setzte.
Die folgenden Übersichten wagen den schwierigen Versuch, die
Errungenschaften der verschiedenen kalligraphischen Schulen zu-
sammenzustellen, soweit sie auf dem Prinzip der Kontraktion sich
aufgebaut haben. Die Abgrenzung der einzelnen Schulen und die
Reihenfolge, in der sie dabei vorgeführt werden, ergibt sich aus den
Darlegungen auf S. 243 ff. Nur wird hier noch die beneven-
tanische Schule, die von der römischen abhängt, aber von der spani-
schen und später der insularen beeinflußt ist, nach der spanischen
eingefügt. 1 )
Römische, bezw. italienische Schule (vgl. oben S. 243 f.).
1. Die alte sakrale Reihe ds, iks, xps, sps seit c. a. 300, dazu
dns seit saec. IV; ferner die Attribute scs seit saec. V, m, no etc. seit
saec. VI in. Vgl. darüber oben- S. 146 ff. und 243.
2. Kirchliche Worte, von denen die meisten saec. V/VI gebildet
wurden:
omnips = omnipotens (saec. VI).
pbi pbb etc. = presbyteri -ro (saec. VI), eps = episcopus
(saec. VI), diacs = diaconus (saec. VI), clrs = clericus
(saec. VIII).
kme = karissime (saec. VI?), reas = reverentissinws (saec. VI),
frabs = fratribus (saec. VII).
eccld = ecclesia (saec. VII).
3. Allgemeine Worte aus dem Bestand der Notae iuris, gebildet
saec. V/VI, hier nur so weit aufgezählt, als sie sich außerhalb des
J ) Zu vergleichen ist das alphabetische Verzeichnis der Kontraktionen
unten S. 252 ff., wo vor allem die Suspensionen verzeichnet werden, soweit sie
zum Verständnis der kontraktiven Bildungen dienen können. Die eingeklam-
merten Angaben, wie (saec. VI) etc., bezeichnen kurz das Alter meines jedesmal
ältesten Beleges. Es braucht kaum noch einmal hervorgehoben zu werden, daß
mein Versuch nur darauf abzielt, die Kontraktionen zu erläutern; die Sus-
pensionen sind hier nur subsidiär behandelt.
246 L- Traube,
engen technischen Kreises erhalten haben und später wieder hervor-
treten :
ee = esse uö = vero
qä = quid qdo = quando.
Über heres vgl. unten unter 5., über noster oben unter 1.
4. Allgemeine Worte, dem Bestand der Notae iuris später hinzu-
gefügt:
oms = omnes, oma = omnia (saec. VI).
qrh und quin = quoniam (saec. VII).
5. Aus Urkunden (saec. VI): verschiedene Kontraktionen, be-
sonders von heres und supra scriptus.
Jüngere afrikanische Schule (vgl. oben S. 244).
Wir sind für sie auf die Steine angewiesen; denn direkte hand-
schriftliche Zeugnisse, wie sie k (vgl. oben S. 138 ff.) entnommen werden
können, eröffnen einen Einblick nur in die ältere afrikanische Schule.
Es folgt das Eindringen der italienischen Kontraktion; dann erst in
einer Zeit, aus der wir, wie es scheint, afrikanische Handschriften
nicht mehr haben, bildet sich die jüngere Schule aus.
1 . Zu den italienischen Nomina sacra contracta fügen die Afrikaner
sts = sanctus (saec. VI), vielleicht auch Formen für Israel und
Jerusalem. 1 )
2. Über kirchliche Worte, wie epscps und eclsa (saec. VI) vgl.
oben S. 244.
3. Es ist sehr wahrscheinlich, daß viele der in der nächsten
Übersicht zusammengestellten spanischen Formen schon in Afrika
gebildet wurden. Über Israel und Iemsalem vgl. oben unter 1.
Spanische Schule (vgl. oben S. 244).
Die Eigenart der spanischen Schreiber gibt sich besonders in
den hebraisierenden Formen der Kürzung kund; 2 ) sie unterscheiden
J ) Vgl. oben S. 105 ff.
2 ) Diese Bildungsgesetze sind so lebendig, daß die einzelnen Schreiber öfters
neue und eigene und doch sofort als spanisch zu bezeichnende Formen hervor-
bringen. So findet man in dem Uncial-Fragment (Labitte, Le Manuscrit 1 168), das
sonst keine örtliche Bestimmung zuläßt, neben apstli das offenbar auch auf spanische
Herkunft deutende tstmnti. Im karolingischen Isidor Basel F f. III 15 ist appltr
gewiß aus der spanischen Vorlage übernommen.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 247
sich aber schon dadurch z. B.'von den italienischen Schreibern, daß
sie der Suspension fast immer aus dem Wege gehen. Bereits vor-
handene suspensive Formen bedingen dann die Form der betreffenden
spanischen Kontraktion, wie z. B. bei awh = autem, ppr = propter,
flm = flagellum.
Im einzelnen hervorzuheben sind folgende Formen.
1. In der sakralen Reihe kann sprts (vgl. oben S. 166) hierher
gehören; dmns (vgl. oben S. 173) kommt nur in der Titulatur vor.
Von den Attributen ist spanisch nstr (saec. VII), nsf (später);
vgl. oben S. 223 und S. 220.
Über srhl und srivgl. oben S. 107; über ihrslrh oben S. 111.
2. Kirchliche Worte:
sclm = saeculum (saec. VII).
prsr = presbyter (saec. VII/VIII), epscps (auch epscs) = epi-
scopus (saec. VIII).
apstts oder apsls — apostulus (saec. VII), prphtä = propheta
(saec. VIII), dscpls = discipulus der Jünger (saec. VIII),
epstla oder epslä = epistula (saec. VIII).
gla = gloria, aber vielleicht war die hebraisierende Bildung
glra die eigentliche spanische Form.
msrcdia = misericordia (saec. IX).
ah = amen (saec. X), ptr = pater (saec. XI).
3. Allgemeine Worte, wo Notae iuris irgendwie vorangegangen
waren:
tmh = tarnen (saec. VII), qnrh= quoniam (saec. VIII, wahrschein-
lich spanisch).
aum = autem (saec. VIII), idsr und idr = id est (saec. VIII),
ppxr und ppr = propter (saec. IX), ul = vel (saec. IX).
tpore = tempore (saec. VII).
4. Zusätze zu den allgemeinen Worten, wo Notae iuris nicht
geprägt waren:
homns = {h)omnes (saec. VIII), ms = meus (saec. VIII), scds =
secundus (saec. IX).
sex = sicut (saec. X).
nmn = nomen (saec. VII), gns = genus (saec. VIII).
ppls = populus (saec. VIII), grci = graeci (saec. VIII).
248 L. Traube,
5. Aus den Gesetzbüchern:
aqä = antiqua, Überschrift der einzelnen Gesetze in der Lex
Reccesv., Rom Reg. lat. 1024 (saec. VII).
flm = flagellum (saec. VII).
Beneventanische Schule (vgl. oben S. 245).
Sie hat in der Kontraktion folgende Besonderheiten:
1. Kirchliche Worte:
mia = misericordia (saec. VIII), gloa = gloria (saec. VIII).
2. Allgemeine Worte:
ama = anima (saec. X), dann auch z. B. ami = animi; popls
(saec. XI); tpe = tempore, vgl. oben S. 247.
Insulare Schule (vgl. oben S. 243).
Nach unserer Vermutung verhält sich die insulare zur südwest-
britannischen, wie die spanische zur afrikanischen Schule. Da die
südwestbritannischen Schreiber im Besitze der vollständigen Notae
iuris waren, so verfügen über diese auch die insularen Schreiber.
Aufgezählt wird hier nur das, was als ihre Zutat erscheint, nach
dem Gesagten aber sehr gut auch älter, also südwestbritannisch und
zum Teil darüber hinaus italienisch sein kann.
1. Kirchliche Worte:
ho und andere Formen = homo\ fls — filius; pr = pater;
peccäfn = peccatum (saec. VIII).
2. Allgemeine Worte, wo Notae iuris irgendwie vorausgegangen
waren:
si = sunt (saec. VIII) -n = -runt (saec. VIII)
es = cuius (saec. VIII) nc = nunc (saec. IX)
hs = huius (saec. VIII) tc = tunc (saec. IX)
tn = tarnen (saec. VIII) im = tantum (saec. VIII)
ts = trans (saec. IX) ql = qnot (saec. IX)
qsi = quasi (saec. VIII)
igr = igitur (saec. IX)
t = vel.
saec. VIII und IX.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 249
3. Allgemeine Worte, wo die Notae iuris nicht vorangegangen
waren :
sm = secundiitn (saec. VIII), darnach auch Formen wie sa =
secunda etc.
sf — super (saec. VIII) lic = hunc (saec. VIII).
dicere:
df oder dir oder die? = dicitur
dnr oder dntr = dieuntar j
dr oder dec = dicit
dm = dieunt
dre = dicere
des oder dies = dicens
dem = dictum
habere :
h% = habet
hm = habent
hre = habere,
noe = nomine und entsprechende Formen.
ois = omnis und entsprechende Formen (also 01, oe, oes
neben os, oium, oid neben oä); insular seit saec. VIII, bene-
ventanisch seit saec. XI.
pls = populus (saec. IX).
«wo = namero (bei Johannes Scottus).
Während die Kürzung und im besonderen die Kontraktion bei
den Spaniern und den insularen Schreibern gedieh, war sie, wie wir
gesehen haben, bei den Italienern — und ebenso bei den Franzosen,
die ihre Anregung von den Italienern bekamen — mehr oder weniger
eingegangen. Wir haben den Grund in dem Verbot der Notae iuris
gesucht; doch sollte man vielleicht allgemeiner schon dieses Verbot
selbst als ein Zeichen der Reaktion auffassen. Die Folge dieser
Verhältnisse ist jedenfalls, daß die Grundlagen unserer Überlieferung:
die gewöhnlichen festländischen Handschriften, die, wenn man weite
Grenzen setzt, vom 8. bis zum 12. Jahrhundert reichen, arm sind an
gekürzten Wörtern und dem Verständnis hierdurch kaum irgendwo
ein größeres Hindernis in den Weg legen. Vornehmlich die
250 L Traube,
Karolingischen Schulen
gewähren ständigen Einlaß ganz wenigen Kurzformen. Nur, wo
starke insulare Einflüsse gewirkt haben oder Kreuzungen 1 ) ein-
getreten sind, ist das Bild ein anderes. Gelegentlich haben auch
spanische Vorlagen in dieser Richtung gewirkt. Eine kleine An-
zahl insularer und spanischer Bildungen bürgert sich wirklich ein
und stellt sich neben die überkommenen italienischen Formen, deren
Zahl überwiegt. Beispielshalber, die Turonischen Kalligraphen der
guten Zeit kommen mit folgenden Kontraktionen aus: sie gebrauchen
die Kurzformen der alten sakralen Reihe und dns, dazu die Attribute,
ferner . ee ., omps, isrt, eps, apls, scltn, qnfri neben qm\ daneben
benutzen sie noch eine Anzahl von Suspensionen, die hier zu be-
sprechen nicht der Ort ist. Die Schreiber Hincmars von Reims sind
vielleicht noch etwas sparsamer, sie bevorzugen qnm 2 ) und irl. Der
Veroneser Pacificus und seine Schule hält sich fast ganz an den
Turonischen Gebrauch; eigentümlich ist ihm ma für misericordia, eine
Form, die schon in älteren Veroneser Handschriften überrascht.
In anderen karolingischen Handschriften findet man von Kon-
traktions-Bildungen älterer Schulen in zum Teil etwas veränderter
Gestalt außerdem benutzt die Kürzungen für epistula, discipulus, ec-
clesia, gloria, 2 ) misericordia, propheta, f rater, omnis, vero, quando,
nunc, tunc, sunt, vel. 4 )
Als Erfindungen oder Wiederbelebungen der karolingischen
Schreiber könnten (abgesehen von den eben erwähnten Ausgestaltungen
älterer Formen) folgende Kontraktionen gelten: gra (= gratid), angls
(= angelus), dilmi und ähnliche Formen (= dilectissimi), ferner
ca (= causa), apd (== apud), pr (= post) und qct (= quod). Doch
sind auch diese Formen wahrscheinlich schon früher im Gebrauch (viel-
leicht zunächst der insularen Schreiber) gewesen.
*) Vgl. Neues Archiv d. Ges. f. ältere d. Geschichtskunde XXVI 238 Anm. 3.
2 ) Daneben gebrauchen sie die Suspension quo.
3 ) Auch Pacificus kennt gta.
4 ) Vgl. für alle diese Worte das Nähere in dem Verzeichnis, das auf diesen
Abschnitt folgt (S. 252 ff.).
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 251
Die Zeit vom 9. bis zum 12. Jahrhundert
bringt keine Neuschöpfungen hervor. Ein kontraktiver Versuch, wie
sct für sed, den ich erst aus dem 10. Jahrhundert belegen kann, ist
gewiß älter. Sicher darf man dies von andern Formen behaupten;
sucht man, so finden sich für alle etwas auffälligen Erscheinungen
die Vorbilder bei den Insularen. In der Tat war es denn auch die
Hauptleistung dieser nachkarolingischen Periode, aus dem Vorrat der
älteren Schulen Brauchbares auszuwählen und sich anzueignen.
Die Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert
bedeutet dagegen einen erneuten Aufschwung auf dem Gebiet der
Kürzung und auch der Kontraktion. Die Blüte der medizinischen,
juristischen und philosophischen Studien, welche die Schaffung neuer
Technika bedingte; die große Literatur der Briefsteller und Formel-
bücher, die zur Kürze und Knappheit drängte; das Diktieren und
Nachschreiben der Kollegienhefte an den neuen Universitäten; das
Konzipieren und Exzipieren der ins Massenhafte sich steigernden
Predigten seit der Begründung des Dominikaner-Ordens — das sind
die Momente, die zusammenwirken, um in diesem letzten Zeitraum
der lateinischen Paläographie einen ebenso gewaltigen wie unorgani-
schen Haufen von allerhand alten und neuen Kurzformen aufzutürmen.
Ein gewisser Fortschritt besteht darin, daß man mit einiger Gleich-
mäßigkeit im Innern der Worte Buchstaben oder Silben ausläßt.
Man schrieb etwa mone für mon(ef)e, minoem für mino(f)em, spes
für spe(cie)s, aucte für auc(torita)te, caü für ca(s)u. Später setzte
man die Endbuchstaben nach der Auslassung etwas über die Zeile.
Dadurch entstehen immer Formen, die sich als Kontrakta darstellen.
Im ganzen aber, muß man sagen, ergaben sich damals mehr neue
Schemata und allgemeine Möglichkeiten, als einzelne festumrissene
neue Gebilde, die sich mit denen der früheren Zeit auf gleiche Stufe
stellen könnten. Man darf etwa spes vergleichen mit Formen wie
epta, -e für -ere mit -rt für -runt. Dagegen schaffen z. B. die Aus-
lassungen von r und 5 wohl eine bequeme Freiheit für das Schreiben,
aber nicht minder eine lästige Vieldeutigkeit für das Lesen.
252 L. Traube,
Das folgende Verzeichnis umfaßt die Kontraktionsbildungen der
älteren, in festen Grenzen sich haltenden Epoche. Absichtlich aus-
gelassen sind Formen wie Icö (= lectiö), dmnca (= dominica), die
bei spanischen Schreibern nur gelegentlich vorkommen, sonstige
nicht recht durchgedrungene Bildungen (z. B. für euangelium), sowie
einige anerkannte Kontraktionen aus der Zeit vom 12./ 13. Jahrhundert
(z. B. abbs, hatus, iohes).
Verzeichnis der vom 5. bis zum 12. Jahrhundert gebräuchlichen
Kontraktionen.
amen. Die Kontraktion ah ist spanisch saec. X, vgl. oben S. 247.
angeln s. Im Würzburger Propheten-Palimpsest steht einmal ang
(vgl. oben S. 185), in französischen und deutschen Handschriften
saec. IX angts, was eme Suspension angt vorauszusetzen scheint
(vgl. oben S. 250).
anima. Über die beneventanische Kontraktion ama (saec. X), die
dann auch ami etc. nach sich zieht, vgl. oben S. 248.
apostolus. Alte Suspensionen sind AP. (römisch a. 533—535), und
APOS. (römisch a. 544); daneben treffen wir in insularen, fran-
zösischen, deutschen Handschriften saec. VIII sq. zahlreiche andere
Formen, wie apt, apol, aposl, aposv, apostt, apsl, die zum Teil
viel älter sein werden als ihre Handschriften. Kontraktionen:
apstls und apsls spanisch seit saec. VII (vgl. oben S. 247),
apostls insular saec. VIII; apois, aposts, apts (dies die karolin-
gische Normalform, vgl. oben S. 250) seit saec. VIII — IX in fran-
zösischen, beneventanischen und deutschen Handschriften; oft
begegnen fünf bis sechs verschiedene Formen (Kontraktionen
wie Suspensionen) nebeneinander.
apud. Die Suspension ap. oder ap ist Nota iuris, sie kommt bei
den Insularen vor, wird karolingisch apd. Vgl. oben S. 250.
autem. Neben der Suspension ax. oder av, welche als Nota iuris
vorkommt, ist au nachzuweisen seit saec. VII in italienischen
Handschriften ; doch gewiß war die Form älter, da aus ihr spa-
nisch dum (saec. VIII) hervorgegangen ist; vgl. Neues Archiv d.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 253
Gesellsch. für ältere deutsche Geschichtskunde XXVI S. 234 ff.
und oben S. 247.
carus vgl. karus.
causa. Eine Suspension c. oder c. ist Nota iuris; die Kontraktion
cd z. B. in St. Gallen saec. VIII IX; sie bleibt äußerst selten und
wird von Philologen gewiß nur fälschlich öfters als die Ursache
von Textverderbnissen vorausgesetzt. Anerkannte Abkürzung
ist cd erst seit saec. XIII.
clerus. Die ziemlich alte Suspension ctr ist erhalten z. B. im Lu-
censis des über pontif.; cirs ist Kontraktion für clericas italie-
nisch saec. VIII und französisch saec. IX, dafür auch clrici und
eis saec. IX. Vgl. oben S. 245.
cuius und huius. Die Suspensionen cui. und hui. oder cui. und hui.
sind Notae iuris. Unabhängig davon entstehen die Kontraktionen
es und fts (irisch saec. VIII). Von den Suspensionen, die ihnen
zu Grunde liegen, ist h = huius in einer insular beeinflußten
Handschrift saec. IX erhalten.
dia conus. Die alte Iteration dd. = diaconi in der Tradition der
Cyprianischen Briefe (vgl. dixerunt unter dicere und dilectissimi)
setzt die Suspension d. = diaconus voraus, daneben gibt es
diac. im Liber pontificalis, in Konzil-Handschriften, im Archetypon
des Fortunat und Ennodius. Die werdende Kontraktion DIAC 1
ROMANI steht auf einer Capuaner Inschrift a. 565, dann findet
sich oft in Konzil-Handschriften seit saec. VII diaeö = diacono etc.
Vgl. oben S. 245.
dicere. Alt ist die Suspension ti (oder mit andersartigem Strich)
= dixit, det = dixerunt, beides im Gebrauch der Notare (meist
erhalten in den Konzil-Handschriften und Acta martyrum bei
Aufzählung von Rede und Antwort [r. und rr. = respondit und
responderunt}); sie drang auch in die Texte ein (z. B. Münchener
Pentateuch, Überlieferung der Orestis tragoedia, Commodian,
Auetor de dubiis nominibus); später schrieb man dfx und dx.
Eine andere Suspension d. = dicitur wird von den Scholiasten
saec. VI gebraucht.
254 L. Traube,
dicere. Über die Kontraktionen
dr, dir, dicr (= dicitur),
dnr, dtur (= dicuntur),
dr, der (= dielt),
dm (= dieunt),
dre (= dicere),
des, dies (= dicens),
dem = {dictum),
die seit saec. VIII oder IX nachzuweisen sind, zuerst wohl bei
den Iren, vgl. oben S. 249.
dilectissimi fratres. Die alte Iteration rfrf. (vgl. diaconus und
dixerunt unter dicere) z. B. im Basilicanus saec. VI des Hilarius;
die Kontraktionen d//m, rfi/mi, dilecmi (beeinflußt von den Kurz-
formen für karissimi) seit saec. VIII italienisch, französisch,
deutsch. Vgl. oben S. 250.
discipulus (der Jünger). Eine Suspension diseip ist nachzuweisen (in-
sular saec. VIII), auch andere Formen kommen vor, z. B. diseipü.
Die Kontraktion dscpls ist spanisch (Berlin lat. F. 327); einer
Reihe anderer Versuche, die nicht recht durchgedrungen sind,
begegnet man in deutschen Handschriften saec. IX: deplis, auch
eteiplina, displis, discplfs, diseiplis (gewöhnlich ist das / durch-
strichen). Vgl. oben S. 247 und 250 und unten S. 264 die Kür-
zungen von saeculum, an die einzelne der für discipulus ge-
brauchten Formen angelehnt sind.
ecclesia. Die eigentliche Suspension ist ECCL. oder ECL. saec. VI
römisch und gallisch, sie kommt ziemlich häufig vor und hält
sich lange in Urkunden, Konzil-Handschriften, aber auch in
andern Handschriften (z. B. Dialogi Gregorii c. a. 750 aus
Bobbio); daneben gab es die Suspension eccle. (erhalten in
Wien 2232 saec. IX). Die Kontraktion ECCLÄ (a. 687—701
römisch) wird die Normalform (vgl. oben S. 245), aber ecclea
ist in französischen und deutschen Handschriften saec. IX, ecclla
in italienischen und deutschen saec. IX nicht selten; eced traf
ich vereinzelt in einer deutschen Handschrift saec. VIII/IX. Selbst
die afrikanische Kontraktion ECLSA (a. 582, vgl. oben S. 246)
bricht gelegentlich wieder durch, wie in München lat. 14446 b
saec. IX.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 255
episcopus. Suspensionen: EP. römisch a. 252 (lange erhalten in
der päpstlichen Kanzlei), epl italienisch saec. VI, EPIS römisch
a. 395, EPISC. in Rom und sonst verbreitet seit saec. VI (episc
z. B. bei Victor von Capua a. 546), EPISCOP" Filocalus c. a. 354,
EPC. römisch a. 397, EPCP. afrikanisch, E.P. S. afrikanisch a.475,
epsc. in der Überlieferung des Praeceptum Theoderici a. 501.
Kontraktionen: EPS seit saec. VI italienisch und römisch, episi
(Genetiv) französisch saec. VII, episci (Genetiv) italienisch und
französisch saec. VII, epcs italienisch saec. VI, EPSI (Genetiv)
afrikanisch a. 582, EPSCPS afrikanisch und spanisch saec. VI
und in spanischen Handschriften seit saec. VIII, epscs in spani-
schen Handschriften seit saec. VIII. Vgl. oben S. 245 und 247.
epistula. Die Kurzformen wurden zunächst für die Überschriften der
neutestamentlichen Briefbücher angewendet. Von Suspensionen
finden wir saec. VI italienisch episf., desgl. epis, saec. VII
spanisch epistt., karolingisch saec. IX epsi. Darauf bauen sich
auf die Kontraktionen epstla und epsla (spanisch seit saec. VIII,
vgl. oben S. 247), ferner- episia (spanisch und karolingisch
saec. VIII/IX) und schließlich das später so allgemeine epia (vgl.
oben S. 250), das zuerst in Italien saec. VIII/IX nachzuweisen,
aber in eigentlich karolingischen Handschriften noch gar nicht
so recht geläufig ist (vgl. Seeck, Symmachus p. XXXVIII).
ergo vgl. igitur.
esse. Die Kontraktion ee. oder ee ist Nota iuris, sie wird auch
schon saec. VI in Scholien verwertet. Vgl. oben S. 246. Es
gehören dazu die gleichfalls schon als Notae iuris gebrauchten
Weiterbildungen eet (= esset) und eent (= essent), ohne die ein
karolingischer Schreiber kaum mehr auskommt.
filius. Es gab dafür die alte Suspension F., sie war aber unbrauchbar
geworden, seitdem man F. für frater (im christlichen Sinne)
verwertete. Für sakrales yc stehen die Suspensionen //. und
fil. in dem südfranzösischen Sakramentar Rom Reg. lat. 317.
Kontrahierte Formen (fls, Gen. flu, Acc. Plur.//as) haben nur
die Iren. In einigen kontinentalen Handschriften entstanden
daher Mißverständnisse: z. B. fil. ctd = filii David in München
(Freising) lat. 6329. Vgl. oben S. 248.
256 L.Traube,
flagellum. Die Suspension fit hat sich nur in späteren spanischen
Handschriften erhalten. Die Kontraktion ftm oder film (Gen.
Plur. auch fllor) wurde in den Handschriften der spanischen
Gesetzbücher saec. VII ausgebildet und über Spanien hinaus
verbreitet durch Handschriften des Eugenius und Isidor; sie wurde
auch da angewandt, wo nicht vom Ausmaß körperlicher Strafe
die Rede ist. Vgl. oben S. 248.
f rater. Für das Wort im kirchlichen Sinne kommt die Suspension F
(Plur. FF; f rater karissime in der Anrede FK, Plur. dazu FFKK)
in der Überlieferung des Cyprian, Tyconius, Hilarius und anderer
Patres und noch in vielen Abschriften saec. VI und später vor;
dazu gehört FFB. (= fratrlbus) französisch saec. VII.
Die Suspension fra. ist erhalten im Sakramentar von Autun
(Reg. lat. 317), dazu frabs italienisch saec. VII und öfters fräs
(=fratres) deutsch saec. VIII. Andere Kontraktionen gehen von fr
aus. Man bildete wohl zunächst Formen wie fri {fratri), frs
(fratres), nachher auch freih, frf (Jrater) u. s. w. Im No-
minativ auch oft fri und davon wieder Nom. Plur. frts und
Gen. Sing. fräs. Diese Entwickelung vollzieht sich im VIII. und
IX. Jahrhundert. Vgl. oben S. 245 und 250.
genus. Die Kontraktion gns, gnns, Plur. giira ist spanisch saec. VIII,
sie dringt auch ins Beneventanische ein; mißbräuchlich verwenden
spanische und beneventanische Schreiber gns für gens und
gentes. Vgl. oben S. 247.
gloria. Gekürzt wurde das Wort ursprünglich nur im sakralen Sinn
(z. B. in caeli enarrant gloriam dei), wobei die Kurzformen für
die Titulatur gloriosissimus mitwirkten. Auf die Suspension gl.
geht zurück gta (spanisch saec. VIII, beneventanisch, französisch,
deutsch saec. IX, englisch und italienisch saec. X); aus der Sus-
pension gto (sie begegnet noch bei irischen und deutschen Schrei-
bern saec. IX) entspringt die Kontraktion gloä (beneventanisch
saec. VIII, französisch saec. IX); aber auch sie ist vielleicht spa-
nischen Ursprungs. Gelegentlich trifft man andere Bildungen,
wie z. B. glra (deutsch saec. IX). Vgl. oben S. 247 und 250.
Graeci. Die Spanier verwenden seit saec. VIII die Kontraktion grcl;
die Iren gel, was gebildet ist wie regdiens, nigdo und also
nicht eigentlich als Kontraktion aufgefaßt werden darf.
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 257
gratia. Die Nota iuris gra {verbi gra) war gewiß eine Suspension.
Später wurde die Form für christliches gratia verwandt und
dabei als Kontraktion betrachtet. Ich finde derartige Formen in
deutschen Handschriften saec. VIII/IX, in französischen saec. X,
in beneventanischen saec. X/XI. Neuschöpfer waren wohl auch
hier die Insularen (oder die Spanier?), doch fehlen mir die Bei-
spiele. Vgl. oben S. 250.
habere. Die Kontraktionen hx (= habet), hm (= habent), hre
(= habere) scheinen in älterer Zeit nur in insularen Hand-
schriften vorzukommen. Somit macht die Lesart hm im Ger-
manensis und huc im Oxoniensis des Catull (c. 62, 13) für
habent wahrscheinlich, daß die spanische Vorlage durch die
Hand eines Iren gegangen ist, oder daß Oxoniensis wie Ger-
manensis erst aus einer Abschrift des Veronensis geflossen
sind. Vgl. oben S. 249.
he res. Die Suspension war h. oder h und daneben für die Casus
obliqui hd. Aber schon juristische Handschriften saec. V/VI
gehen zur Kontraktion hs,. hdem über. Im Plural kommt be-
sonders in Urkunden neben hdes und hds die Iteration hhdes
vor. Nachwirkungen solcher Formen begegnen noch ziemlich
spät, z. B. in der Überlieferung der Briefe Gregors I, vor allem
aber in Urkunden. Vgl. oben S. 246.
homo. Es sind sehr wahrscheinlich insulare Kalligraphen gewesen,
die etwa im 8. Jahrhundert, vielleicht durch griechische Psal-
terien aufmerksam geworden, folgende Entsprechung versuchten :
avöv = höis 1 ) für hominis, ctvov = hoem, 2 ) ävöi = höes, 3 )
avööv = ho um. 4 ) Eine bestimmte sakrale Bedeutung des Wortes
hatten sie dabei gewiß nicht im Auge; sie wollten eine Ab-
kürzung schaffen und glaubten Vergessenes nachzuholen. Im
Nominativ und Dativ des Singulars, ebenso im Dativus Pluralis
gerieten sie ins Schwanken; gerade dies spricht deutlich für die
Nachahmung. Es wurde homo zu ho, z. B. im Boethius Leiden
*) Turin F. IV 1 (VII) saec. IX irisch, Bern C 219 fol. 2 welsch.
*) Bern C 219; auch in München lat. 15826, aus Salzburg mit cassinesischem
Einschlag.
3 ) Laon 55 Vorsatzblatt, irisch saec. IX.
4 ) Johannes Scottus am Rand von Reims 875.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 17
258 L. Traube,
Voss. lat. Q. 2 (welsch) und Bern C 219, Mediceus der Briefe
Ciceros saec. IX/X (aus der insularen Vorlage übernommen),
Paris lat. 12949 (Schule des Heirich), Boulogne 82 (insular),
Paris lat. 7900 A (mit insularem Einschlag), im Propheten-Codex
von Grottaferrata (am Rand von der italienischen Hand, die
saec. X den Isaias schrieb), in München lat. 15826 und Stutt-
gart Landesbibl. bibl. 4° Nr. 12 (beide Handschriften zeigen die-
selbe Art; vgl. oben S. 257 Anm. 2 über die erste); zu h° in
Paris lat. 12949; zu h°m° ebenda; hom° schreibt z. B. später
Ademar von Chabannes; fimo fand ich in München lat. 6267, einem
Augustinus de civ. dei, und zwar in den Partien, die den St. Galler
Typus der zweiten Stufe zeigen. Homini ist hol im erwähnten
Leidener Boethius und im Book of Mulling, hömi im insularen
Augustin Vatic. lat. 491 saec. VIII. Dort steht auch hörn für
hominem und homs für homines; dafür steht höns im älteren
irischen Teil von Neapel IV. A. 8; später schrieb man höies.
Für den Dativ des Plurals hat höib; und homib; der erwähnte
Salzburger Codex, München lat. 15826. Die erste dieser Formen
geht in allgemeineren Gebrauch über.
hui us vgl. cuius.
hunc. Die Kontraktion hnc ist insular; ich fand sie bei Iren
saec. VIII.
id est. Die Suspension I. E. gehört ältester Zeit (saec. II) an, sie er-
hält sich im Gebrauch der Juristen {T7e., ie.), auch in dem der
insularen Schreiber, die aber eine wohl gleichfalls alte Sus-
pension . I . vorziehen, aus der, unter Hinzufügung des insularen
Zeichens für est, früh schon k- oder Ähnliches wurde. Daneben
gab es die Suspension ii italienisch saec. VI und auf christ-
lichen spanischen Inschriften IB (in späteren spanischen Hand-
schriften ist). Hierzu gehören die spanischen Kontraktionen
idsi und idi, erstere nachzuweisen seit saec. VIII. Vgl. oben
S. 247.
igitur. Suspensiv ist die Nota iuris ig. oder ig.; die insularen
Schreiber erkannten ig an, schrieben aber oft ig (/ und g mit
einem fast senkrechten Strich darüber) und deuteten dies als
igiy schrieben dann wirklich ig (i und g mit einem i darüber) und
schließlich vereinfachend g. Analog und von igitur beeinflußt
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 259
ist die Entwickelung der Kürzung von ergo. Nota iuris war
eg (erhalten im Palimpsest von Autun); diese Form setzten die
Insularen fort neben er und efg; daraus wurde dann eg {e und
g mit einem o darüber) in dem beneventanischen Virgil Oxford
Can. lat. 50 und schließlich g. Die Formen g und g sind
bei insularen Schreibern schon ganz eingebürgert saec. VIII,
in die kontinentalen Schulen ziehen sie erst allmählich ein. Die
Kontraktion igr saec. IX hat vielleicht erst Johannes Scottus,
der irische Philosoph, gewagt. Vgl. oben S. 248.
karissime. Suspension war K (Plur. KK, vgl. oben S. 256 unter
frater), auch ka, wofür wir ein altes merkwürdiges Zeugnis
haben bei Velius Longus (Gramm, lat. ed. Keil VII 53): qui
illam esse litteram defendunt (sc. k), necessariam putant esse
nominibus quae cum 'a' sequente haue litteram inchoant; unde
etiam religiosi quidam epistalis subscribant 'karissime' per
'k' et 'a'. Der Verfasser denkt an Briefschlüsse, wie opto te
frater carissime bene valere bei Cyprian. Darnach ist seine
Zeit zu bestimmen. Kontrahierend schrieb man kme, welche
Form oben S. 245 vermutungsweise als italienisch saec. VI an-
gesprochen wurde. Sie findet sich zuerst im Breviar von Leon.
Italienischer Ursprung ist aber wahrscheinlich wegen der späteren
allgemeinen Verbreitung dieser Form, neben der krme und frs
cai (= fratres carissimi, vgl. oben über die Suspension ka)
ganz selten sind. Die eigentlich spanische Form krsmi zeigt
uns der Cavensis der Evangelien.
mens. Die Kontraktion ms hat zum Vorbild der Gestalt nach deus,
dem Inhalt nach noster; sie findet sich italienisch saec. VII/VIII,
insular und französisch saec. VIII, spanisch saec. IX, beneventa-
nisch saec. X. Sie könnte gleichzeitig an mehreren Stellen auf-
gekommen sein; wahrscheinlicher ist mir wegen des in Spanien
sehr verbreiteten Gebrauches spanische Herkunft. Vgl. oben
S. 247.
misericordia. Von den Kontraktionen folgen sich chronologisch mia
beneventanisch saec. VIII, misdia und midia französisch saec. VIII,
msredia oder msreda spanisch saec. IX, mseda oder msda
spanisch saec. X. Diese auf Grund unseres Materiales gegebene
Chronologie entspricht schwerlich den wirklichen Verhältnissen.
17*
260 L. Traube,
Vgl. oben S. 247 und 248. Nur mia erfreute sich schließlich
allgemeiner Anerkennung. Außer den oben verzeichneten
Formen kommen noch einige andere vor. Über Veroneser ma
vgl. oben S. 250.
nomen. Suspensionen: . N. in Formelhandschriften etc. = nomine;
in xpi h Lyon saec. VII; daneben IN XPI NO Lyon a. 626;
in xpi norh Lyon saec. VII; in xpi nm Lyon saec. VII. Die
Kontraktion dazu hat zwei Typen: einen insularen von no ab-
geleiteten; nb selbst bleibt dazu als Nominativ im Gebrauch; Abi.
nöe, Plur. noä; dieser insulare Typus findet sich seit saec. VII/VIII.
Genetiv dazu wird nöms von der Suspension nöm. Der andere
Typus ist spanisch: IN NME DNI a. 691; Pluf. nmä; Nominativ
Sing, rimh und nmeh. Der gleichfalls spanisch anmutende Ab-
lativ nmne kann mit einer Veroneser Handschrift saec. VI ex. be-
legt werden, die vor der Zeit des spanischen Einflusses ent-
standen ist. Vgl. oben S. 247.
numerus. Der Philosoph Johannes Scottus (saec. IX) gebraucht
und bildet vielleicht zuerst nub = numero und nuos = nu-
merus. Vgl. oben S. 249.
nunc und tunc. Für die Notae iuris
c c
N und %
wurden die regelrechteren Kontraktionen nc und tc wohl durch
die insularen Schreiber saec. IX eingeführt. Vgl. oben S. 248.
omnipotens. Es gibt zahlreiche Suspensionen: omp italienisch
saec. VI, OMNP römisch a. 741/42, ommp italienisch saec. VI,
ompi italienisch saec. VIII/IX, ompöi Lucca c. a. 800, omnipö
insular saec. IX. Von den dazu gehörigen Kontraktionen ist die
später geläufigste Form omps nachzuweisen erst bei Italienern
saec. VII; da aber gleichzeitig auch insulare Schreiber so kürzen,
wird man auf saec. VI zurückgehen müssen. Sicher saec. VI
ist italienisch omnips; spanisch saec. VIII omnps. Weniger be-
deutende Nebenformen werden hier, wie auch sonst gewöhnlich,
übergangen. Vgl. oben S. 245.
omnis. Die Suspension om. oder om kommt unendlich oft bis ins
9. Jahrhundert hinein vor (wie natürlich, für alle Kasus und
Genera). Sie muß alt sein, wofür auch die Nota iuris omb =
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 261
omnibus spricht; omh ist daneben selten. Die zu om. gehörige
Kontraktion verhilft zu folgender in den karolingischen Schulen
des vorgeschrittenen 9. Jahrhunderts überall anerkannter De-
klination: omis, omi, omem, oms (= omnes), omurh oder orhu,
omibus oder ornb; (vgl. oben), oma oder omiä. Die Formen
oms und oma sind italienisch saec. VI (vgl. oben S. 246), die
andern saec. VII und VIII; oms wurde manchmal mißbräuchlich
für omnis gesetzt, aber gewöhnlich von späteren Schreibern
verbessert. Für omibus etc. steht saec. VIII italienisch omb
nach alter Sitte; auch gleichzeitige Iren in Italien schreiben so;
omiä findet sich bei Insularen schon saec. VIII/IX; sonst scheint
es erst saec. X italienisch, besonders beneventanisch. Die Spa-
nier haben in älterer Zeit gewöhnlich homls, homi, Plur. horhs
etc., aber auch homris (vgl. oben S. 247). Zu letzterer Form
paßt der insulare Genetiv omnm saec. VIII. Ein anderer Typus
ist: ois, oi, oe, oes oder os, oiüm, oib; , dta und oä. Er ist
insular seit saec. VIII (vgl. oben S. 249) und beneventanisch
seit saec. XI. Doch fand ich os und oia nur in beneventanischen
Handschriften. Die Formen onis etc. stellen keinen eigentlichen
Typus dar; sie sind einfach durch den m-Strich gewonnen.
pater. Eine Suspension pa kommt im Sakramentar von Autun (Rom
Reg. lat. 317) vor. Kontraktionen werden versucht, die sich in
früherer Zeit aber nicht durchsetzen: Genetiv pis Luxeuil a. 669;
pr insular saec. IX; pfr spanisch saec. XI. Vgl. oben S. 248
und 247.
peccatum. Die Suspension peccä ist insular saec. VIII; in derselben
Handschrift (Vatic. lat. 491) steht daneben die Kontraktion
peccam (= peccatum); vgl. oben S. 248. Beneventanisch
saec. XI scheint pecctm zu sein.
populus. Von den Kontraktionen scheint ppts spanisch (saec. IX),
popis beneventanisch (saec. XI), pts insular (saec. IX) zu sein.
Feststehend ist in karolingischen Handschriften noch keine
dieser Formen. Vgl. oben S. 247 und 248.
post. In alten juristischen Handschriften mit Abkürzungen ist p 3
sowohl pos (z. B. p'sessor) als post. Für post steht p 3 oft in
karolingischen Handschriften; durch insulare Tradition kamen
262 L- Traube,
bisweilen kleine Nuancen (wie/?;) auf; besonders beliebt wurde
bei den Insularen (seit saec. VIII) p (wobei der Halbkreis sich
zum Kreis geschlossen hat) ; eine andere häufige insulare Schrei-
bung p führte zu der kontraktiven Form p%. Vgl. oben S. 250.
Man muß in Betracht ziehen, daß hier überall die Kurzform
für post von den Kurzformen für per und prae unterschieden
werden sollte.
presbyter. Als Suspensionen kommen vor PRESB., PRB., PR.,
PB. (a. 555); dazu Bildungen der Mehrheit PRESBBB. (= pres-
byteri tres), pprrbb (in Handschriften der Konzilien), pprf,
ppbby pfr (in Handschriften des Cyprian), daneben zahlreiche
andere Formen, wie presbi, presb, prsb, prebi, prbr, preb, psb
und die seltsamen Mißgebilde prbsr, prbs und pbn. Zu prb.
und pb. gehören als Kontraktionen prbr und pbr. Der Dativ
pbo ist schon saec. VI/ VII in Italien und Frankreich nach-
zuweisen; doch trifft man auf großes Schwanken noch saec. VII
z. B. in Berlin Phill. 1745, einer Halb-Unciale aus Lyon. Spa-
nische Schöpfungen sind pfsr saec. VII/VIII, prsbr saec. X. Vgl.
oben S. 245 und 247.
propheta. Von Suspensionen kommen vor propfii spanisch saec. VIII,
proph (oder pro/) saec. VIII vielleicht auch ursprünglich spanisch.
Kontraktionen sind prphxa und prfa spanisch saec. VIII, prop%a
italienisch und deutsch saec. IX.
propter. Nota iuris und im Gebrauch gewöhnlicher italienischer
Schreiber saec. VI ex. ist die Suspension pp\ sie wird sehr viel
später noch überall gefunden (auch in dieser Form: gg)\ andere
Suspensionen waren ppr italienisch saec. VIII und pröp fran-
zösisch saec. VIII, insular j?p saec. VIII. Über die spanischen
Kontraktionen ppr und pptr (saec. IX) vgl. oben S. 247.
quaesumus. Wir können die Kurzform qs (= quaesumus) seit
saec. VII/VIII nachweisen. Sie ging von den Sakramentarien aus,
die mit der alten Wortform 1 ) vielleicht auch eine alte Kürzung
J ) Sittl in den Commentationes Woelfflinianae, Leipzig 1891, S. 403, ver-
gleicht sehr gut das 'quaesumus der christlichen Liturgie mit der altheidnischen
Formel deos quaeso'. Nur hätte er deos quaesumus sagen sollen, vgl. Cic. Epp. XI 3, 4
(ed. Mendelssohn p. 282, 32).
Nomina sacra. IV. Nomina sacra im Lateinischen. 263
bewahrten. Zwar nicht qs im Bruxellensis saec. IX des Ennodius,
aber die Fehler der Überlieferung für quaesumus in den Briefen
Gregors I (vgl. Hartmanns Ausgabe II 374 g und 424 d) könnten
dafür sprechen. In diesem Fall wäre qs eher als Suspension =
q(uae)s(umus), denn als Kontraktion = q(uaesumu)s zu be-
trachten. In jedem Fall aber hatte ich Unrecht und kann meinen
Fehler nur mit einer argen Zerstreutheit entschuldigen, wenn
ich in der Berliner Philol. Wochenschrift 1902 S. 727 dem Lexicon
abbreviaturarum von Cappelli den Vorwurf gemacht habe, qs
fälschlich mit quaesumus, statt, wie ich schrieb, vor allem mit
quaeso aufzulösen.
quando. Die Suspension qh (die in karolingischen Handschriften
meist quoniam vertritt) steht (wie Versmaß und z. B. Verbin-
dungen, wie aliqn, zeigen) seit saec. VIII auch für quando;
daneben begegnet seit derselben Zeit auch die Suspension qn<$.
Die Kontraktion quo ist seit saec. VIII nachzuweisen; qndo desgl.;
qdo dagegen kommt schon in juristischen Handschriften saec. VI
und vielleicht früher vor. Vgl. oben S. 246. Alle diese Formen
fanden besonders den Beifall der insularen Kalligraphen.
quasi. Es begegnet als Nota iuris (im Wiener Fragment De for-
mula Fabiana und im Straßburger Ulpian) die Suspension qs; die
Kontraktion qsi tritt zuerst bei insularen Schreibern saec. VIII auf.
quia und quod. In den alten juristischen Handschriften soll unter-
schieden werden zwischen q (= quam), q (= quod), qc
(= quia). Die beiden ersten Zeichen werden aber oft ver-
mengt. Als die Kontraktion aufkam, schrieb man qa für qc.
Im Veroneser Gaius herrscht am Anfang qc, am Schluß qa.
Vgl. oben S. 246. Beide Formen haben sich erhalten, doch ist
die zweite selten geworden und oft erst aus Korruptelen zu
erschließen. Auch q (= quod) erhält sich, ist aber öfters
für quia gebraucht. Öfters wird aber auch q (== quia) und q>
(== quod) oder in ähnlicher Weise differenziert. Kontraktionen
für quod werden qd (oder qd) und qud, beide seit saec. VIII
verbreitet. Die von qd; (= quod) geschiedene Form qd (= quid)
hängt mit dieser Entwickelung nicht zusammen, sondern ist aus
der Suspension g = qui weitergebildet.
264 L. Traube,
quid vgl. quid.
quod vgl. quia.
quo modo. Es ist wenigstens nicht ausgeschlossen, daß quo (was
gewöhnlich quoniam bedeutet) gelegentlich suspensiv auch
quomodo vertrat. Alt ist es nicht. Kontraktion wohl eher als
Suspension ist das seit saec. VIII besonders von den Insularen
verwandte qmö, neben dem quomo nur ganz selten vorkommt.
quoniam. Von den Suspensionen kommt am frühesten qh vor (als
Nota iuris im Berliner Papinian), quo ist erst seit saec. VIII
nachzuweisen, aber, wie die Kontraktion quom zeigt, ersichtlich
älter. Von Kontraktionen ist am frühesten nachzuweisen qnm
(in Verona saec. VI ex., besonders beliebt in Spanien und dem
dort herrschenden Bildungsgesetz entsprechend); zu quo gehört
quom (saec. VIII). Anders gewonnene Kontraktionen sind qm
und qum (seit saec. VII). Der Häufigkeit nach folgen sich etwa:
qm, qnm, quo, qh, qum, quom. Von Raritäten, wie qoth und
qunm, wird hier abgesehen. Vgl. oben S. 246, 247 und 250.
quot. Die Kontraktion l[i ist wohl insulare Erfindung; man trifft
sie aber schon saec. IX bei den Beneventanern.
reverentissimus. Über die Kontraktion reus (in der Halb-Unciale
Verona LIII saec. VI ex.) vgl. oben S. 245 und 243.
-runt. Die bekannte schon in alten juristischen Handschriften häufige
Suspension r (z. B. uider = viderunt) wird, wohl unter der
Hand insularer Schreiber (saec. VIII), zur Kontraktion (z. B.
ulden = viderunt). Vgl. oben S. 248.
saeculum. Von Suspensionen liest man SEC. und SCL. (auf einer
Mailänder christlichen Inschrift), daneben saecut, saecü, sae
(die beiden letzten Formen neben sei in insularen Handschriften).
Die Kontraktion SCLO steht auf einer spanischen Inschrift und
sclrh etc., das früh schon in spanischen Handschriften vor-
kommt (vgl. oben S. 247), wird die karolingische Normalform.
Andere Versuche, wie slm und saclfn (schon im insularen Ge-
brauch saec. VII/VIII), erhalten sich daneben auch noch in
frühen karolingischen Handschriften.
seeundum. Für seeundum (in der Bedeutung von iuxtd) setzten
die insularen Schreiber die Suspension r ; aus derselben Schule
Nomina sacra. IV. Nomina sa.cra im Lateinischen. 265
ging die Kontraktion sm hervor (irisch saec. VIII) und darnach auch
entsprechende kontraktive Formen wie sa = secunda. Es gab
aber auch für secundum Suspensionen, wie scfi, sec, secfi, sect, und
dazu wieder die Kontraktion scdm. Darnach wieder wurde ge-
bildet sctfs, sccta u. s. w., Formen, die sich überallhin ver-
breiteten, vielleicht aber von Spanien ihren Ausgang nahmen.
Vgl. oben S. 247 und 249.
sed. Nota iuris war dafür S' und ft; die Insularen schrieben
(saec. VIII), um diese Suspension von der für secundum ab-
zuheben, vielmehr .f. oder f. Eine Kontraktion sä habe ich
erst saec. X/XI gefunden. Vgl. oben S. 251.
sicut. Insulare Schreibungen seit saec. VIII waren
s und s,
eine deutsche saec. VIII sie. Die Kontraktion sei ist spanisch
(saec. XI), sici beneventanisch (saec. XI). Vgl. oben S. 247.
sunt. Die suspensive Nota iuris s. oder s bleibt lange erhalten; die
dazu gehörige Kontraktion st taucht zuerst saec. VIII im Gebrauch
der Insularen auf. Vgl. oben S. 248.
super. Die insularen Schreiber (saec. VIII oder IX) bildeten die
Kontraktion sr. Vgl. oben S. 249.
supra scriptus. Die alte Suspension S. S. bleibt immer als ss er-
halten; aber vom 6. Jahrhundert an werden daneben Kontrak-
tionen versucht (Gen. Sing, und Nom. Plur. z. B. ssi, ssti, sspti),
die zu vielen Mißdeutungen verleiten (z. B. sacrosanetus, sese
oder dergl.; in der Überlieferung des Liber Pontificalis hat
a sspto uiro ergeben: ad sanetissimum Petrum).
tarnen und tantum. Notae iuris waren die Suspensionen tm. oder
tfh = t(a)m{en) und tt. oder ü = t{an)t(um). Die Insularen,
wie es scheint, schufen die Kontraktionen tn = t{ame)n und
tm = t(antu)m, was viele Verwirrungen brachte, denn die Sus-
pension für tarnen fiel mit der Kontraktion für tantum zusammen.
Auf Grund der alten Suspensionen entstanden noch tmn = tarnen
bei den Spaniern (saec. VII), ttm = tantum bei den Insularen
(saec. VIII); bei diesen kommt aber auch noch tnm = tantum
hinzu, was sie vielleicht erfanden, um der Verwirrung zu steuern.
Vgl. oben S. 247 und 248.
266 L. Traube,
tantum vgl. tarnen.
tempore. Die Suspension temp. ist Nota iuris; tempr., tpr. y tepr.
sind überall verbreitet seit saec. VIII. Dazu gehören als Kontrak-
tion außer spanischem tpöfe (vgl. oben S. 247) noch karolingisches
tempre (saec. IX) und beneventanisches tpe (saec. IX, vgl. oben
S. 248). Veranlassung zum Fortgebrauch und zur Ausgestaltung
gaben die Lektionarien (in Mo tempore). Natürlich bildete man
schon ziemlich früh auch Nominative zu den Ablativen.
trans. Nota iuris war die Suspension TB; kontrahiert wurde von
den insularen Schreibern ts (saec. IX).
tunc vgl. nunc.
ut und vel. Die Nota iuris u. oder ü bedeutete beide Wörter (daher
kann auch wieder uü für velut stehen); sie erhielt sich für vel.
Für ut schufen die Insularen v, die Spanier verwandten die
Ligatur it. Für vel setzten die Insularen ganz originell und
einzigartig t (ein / mit einem Strich durch den Balken), die
Spanier (wenn sie es waren, die damit vorausgingen) ut. Vgl.
oben S. 247 und 248.
vel vgl. ut.
vero. Die Nota iuris war u, daneben schrieben die Italiener aber
auch üö (vgl. oben S. 246). Die Insularen und Spanier setzten
das ältere u fort, die Insularen auch v (vgl. oben unter ut).
Die Kontinentalen hielten sich lieber an üö und übernahmen
u vielleicht erst von den Insularen.
V. NOMINA SACRA IM KOPTISCHEN,
GOTISCHEN UND ARMENISCHEN.
Vorbemerkung.
Die Übernahme der griechischen Nomina sacra ins Lateinische
vollzog sich nicht ohne Schwierigkeit. Das völlig ausgebildete latei-
nische Schriftwesen setzte stellenweis den neuen christlichen kon-
traktiven Formen die aus eigner Kraft gebildeten suspensiven ent-
gegen. Anders gestaltete sich der Übergang da, wo für das christ-
liche Schrifttum zugleich eine im wesentlichen neue Schrift erst
geschaffen wurde. Es war dabei nur natürlich, daß die Kurzformen
der Nomina sacra als ein integrierender Bestandteil des Vorbildes
betrachtet und so treu wie möglich wiedergegeben wurden. Das
schloß neue und eigne Überlegungen nicht aus.
1. Koptische Nomina sacra.
Die Eigenheiten der koptischen Paläographie dürfen wir als im
3. Jahrhundert n. Chr. entstanden und mit der Entwickelung einer
nationalen christlich-ägyptischen Literatur verknüpft denken. Von
den vorhandenen Handschriften — durch die fortgesetzten Funde und
Grabungen treten beständig neue ans Licht — reichen die ältesten
ins 4. Jahrhundert zurück. Von da an bis etwa zum 6. Jahrhundert
und gelegentlich auch später mag zwischen koptischer und ägyp-
tisch-griechischer Art noch ein gewisser Ausgleich stattgefunden haben.
Immerhin gibt uns gerade die Beschaffenheit der Kurzformen ein
Anrecht, die nachträglichen Einflüsse der griechischen Schreiber auf
die koptischen für gering zu erachten gegenüber der früh erfolgten
unmittelbaren Übernahme.
Es gibt einen ziemlich festen Bestand anerkannter Kurzformen,
in dem die ältesten und die jüngsten koptischen Handschriften
270 L. Traube,
übereinstimmen. Es gibt vor allem eine ganze Anzahl griechischer
Kurzformen, die in koptischen Schriftwerken durchaus fehlen. Da die-
selben Formen nun auch, wie wir (oben S. 43) festgestellt haben, in
einigen der älteren griechischen Bibelhandschriften nicht oder selten
vorkommen, so fällt eben der Ausgangspunkt koptischer Schreibeigen-
tümlichkeiten in den früher bestimmten älteren griechischen Kreis
hinein.
Es fehlen im Koptischen die Kurzformen für TtatrJQ, ovgavog,
ävßgcoTiog, 1 ) vlog, 2 ) fXTJrrjQ.
Für C£ÖT (von oravgög, vgl. oben S. 119) und ClUP finden
sich Beispiele schon im Codex Askewianus der Pistis Sophia saec. V 3 );
doch mögen diese Wörter und Wortbilder zu den älteren koptischen
Gebilden erst durch die oben berührten Nachschübe hinzugekommen
sein; denn die betreffenden griechischen Kurzformen sind gewiß die
jüngsten ihrer Art.
Sicher alt ist im Koptischen die Kurzform für Gott: statt GC,
das nur selten, wie es scheint, übernommen wurde, setzte man
<j>«F (= 4>H0TT, Gott). )<C, das als koptische Kurzform gleichfalls
v i Das in Oberägypten geschriebene griechische Kirchengebet saec. X (Zeit-
schrift für ägyptische Sprache XL, 1903, 1 ff.) weist Formen auf, wie nsoov und
71SQV (= JiaTSQOiv), 31QS, JUXQS ', OVVÜiV, OVVICOV ', fernen
d__ i?
avcov, cpikvg {= (piläv&Qcojiog).
Es müssen dabei nicht nur griechische Worte und Laute, sondern auch Erinnerungen
an bestimmte geschriebene Wortbilder vorgeschwebt haben. Vgl. unten über vlög
und ocorr/g.
2 ) I1TC fand Weyh einige Male in der jungen Liederhandschrift auf Papier
P. Berl. 9287 (= Ägyptische Urkunden aus den Museen zu Berlin, Koptische Ur-
kunden 132). Ferner: GH OHOU3LTI TOT IIPOOC (für SPÖC, vgl. oben S. 97
Anm. 3) TOT TIT TOT OtYIOT IlHC in einer koptischen Bauurkunde auf
Stein vom Jahre 753, vgl. Zeitschr. für ägypt. Sprache XL (1903) S. 64.
3 ) CHP kommt in der eben in Anm. 2 erwähnten jüngeren Berliner
Handschrift vor; CP führt L. Stern, Koptische Grammatik, Leipzig 1880, S. 11 an.
CHPI&JK für ooiTrjQiav, aber auch fälschlich dafür CHP^H, steht öfters in dem
erwähnten griechischen Gebet aus der Feder eines oberägyptischen Schreibers.
Nomina sacra. V. Nomina sacra im Koptischen, Gotischen und Armenischen. 271
wohl nur selten vorkommt, 1 ) zog XC (oberägyptisch XOeiC, Herr) 2 )
und später GC (unterägyptisch 6TUIC)3) nach sich.
Ebenso alt und häufig ist IIH3L; das dazu gehörige Adjektiv
schwankt zwischen 'fifilKOC und llH^TIKOC.
Sicher alt sind ferner im Koptischen die Kurzformen IHC oder
IC, XPC oder XC>) IHC und XPC könnten wieder das Alter der
koptischen Bildungen anzeigen. 5 )
^;XA kommt in jüngeren Handschriften vor, einen Beleg aus
älteren habe ich nicht. Die mannigfachen Kurzschreibungen für
Israel und Jerusalem, die wie im Griechischen nebeneinander be-
stehen, dürften sicher alt sein.
Für Jerusalem (vgl. oben S. 110 ff.) begegnet am häufigsten
I\HH; Rahlfs 6 ) weist daneben nach: IPäJI, IHU, IMI, ICÜ, ICXHU,
IHXHII, dazu kommt noch IGMI in der oben erwähnten Berliner
Handschrift. Für Israel (vgl. oben S. 105 ff.) begegnet am häufigsten
in alten Handschriften IHX, daneben in jüngeren IC\, ICPJV und
ICHX.
2. Gotische Nomina sacra.
Die wenigen gotischen Handschriften, die auf uns gekommen
sind, gehören durchweg dem 6. Jahrhundert an. 7 ) Sie haben alle
nicht nur einst in oberitalienischen Bibliotheken gelegen, 8 ) sondern sind
J ) In einer Verfluchung steht beispielsweise KC, Zeitschrift für ägyptische
Sprache XXXIV (1896) 86,13; die ganze Formel ist aber griechisch.
2 ) So öfters in den von Schmidt herausgegebenen Petrusakten, Texte und
Untersuchungen IX (1903) S. 2 und 6.
*) Vgl. Stern, Zeitschrift für ägyptische Sprache XXIII (1885) 30.
4 ) Die beiden Doppelformen kommen oft in denselben Handschriften neben-
einander vor.
5 ) Vgl. oben S. 114 ff.
6 ) Die Berliner Handschrift des sahidischen Psalters, Berlin 1901, S. 18
Anm. 1 (= Abhandlungen der Ges. der Wiss. zu Göttingen, philol.-hist. Kl., N.F. IV 4).
7 ) Das Alter des Carolinus kann man ganz gut nach der Schrift und den
Abkürzungen {diu rii und scatn, vgl. Tischendorf, Anecdota sacra et profana p. 155) der
beigegebenen lateinischen Übersetzung abschätzen. Zusammenhang und Ähnlichkeit
des Argenteus mit dem lateinischen Purpureus in Brescia führt auf dieselbe Zeit;
vgl. Kauffmann, Zeitschrift für deutsche Philologie XXXII (1900) 305.
8 ) Über den Argenteus vgl. die vorige Anmerkung. Über den Carolinus vgl.
Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde XXIX (1904) 567.
272 L- Traube,
auch aller Wahrscheinlichkeit nach die Erzeugnisse derselben oberitalieni-
schen Schreibschule. Dennoch kann kein Zweifel bestehen, daß sie
eine ältere bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts zurückreichende
Tradition mit aller möglichen Treue wiedergeben und daß im wesent-
lichen Wulfila selbst die Feinheiten ersonnen hat, mit denen in ihnen
die Nomina sacra behandelt werden.
Kurz geschrieben werden in den gotischen Handschriften die
Worte für: Gott, Herr, Jesus, Christus. 1 ) Wenn der heilige
Geist in dieser Reihe fehlt, so kann Wulfila eine Kurzform für ihn
einzuführen seinem Arianismus gemäß gemieden haben. Möglich
bleibt aber immerhin, daß er ein Vorbild dafür im Griechischen nicht
antraf. Gewiß scheint mir diese Annahme für die übrigen im Goti-
schen niemals kontrahierten Nomina sacra. Sie lassen als Vorlage
des Wulfila eine Handschrift voraussetzen, die, was das Paläographische
betrifft, auf der Stufe des Neuen Testamentes im Vaticanus gr. 1209 (B)
stand (vgl. oben S. 43 und 66 f.).
Daß der Gote die Nomina sacra nicht nach einer lateinischen,
sondern nach einer griechischen Handschrift formte, ist zweifellos.
Zuletzt hat über die ganze Frage G. A. Hench sehr befriedigende
Betrachtungen angestellt. 2 ) Aber das Hauptergebnis, zu dem er ge-
langt, kann ich vom paläographischen Standpunkt doch nicht gut
heißen.
Es entsprechen sich im Gotischen und Griechischen folgende
Formen:
Gb = ec, gB = ey, gT>a = ocö, gF = erT.
Seine Herkunft aus Bobbio und sein Zusammenhang mit Vat. lat. 5763 scheint mir
gewiß. Er und die Ambrosiani A (= Mailand S. 36 s. + Turin F. IV. 1 n. X),
B (= S. 45 s.), C (= I. 61 s.), D (= G. 82 s.) und die Handschrift der Skeireins
(Vat. lat. 5750 -\- Ambros. E. 147 s.) sind in Bobbio auch reskribiert worden von
Händen, die sich teils irischer Schrift, teils der dort gleichzeitig gepflegten ober-
italienischen Kursive bedienen.
*) Es versteht sich von selbst, daß es auch im Gotischen die Absicht war,
Kurzformen nur da anzuwenden, wo diese Worte die sakrale Bedeutung hatten.
Diese Absicht ist im allgemeinen recht treu durchgeführt worden, vgl. Gabelentz
und Loebe, Ulfilas III, 88; 208; 112,20 und Hench im unten zitierten Aufsatz
S. 562.
2 ) Paul und Braune, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache XXI
(1896) 562 ff.
Nomina sacra. V. Nomina sacra im Koptischen, Gotischen und Armenischen. 273
FA (frauja) = KC, FINS (fraujins) = )<y, FIN (fraujin) = KCD,
FN (fraujan) = )<N.
IS (Iesus) = lc, IUlS (Iesuis) = \Y, IÜÄ (Iesua) = Ty, IU (Iesu)
= IN.
XS (Christus) == XC, XAUSj(Christaus) = xy, XAU (Christau)
XÜJ, XU (Christu) = XN.
Für FN kommt in allen Handschriften auch FAN vor; statt IS
und XS hat der Ambrosianus B IUS und XUS.
Diese Doppelformen beweisen, daß eine kleine Entwicklung
innerhalb der gotischen Paläographie sich vollzogen hat, die vor den
auf uns gekommenen Niederschriften liegt. Wir verstehen aber sofort
den Anlaß des Schwankens, und dieses selbst scheint uns fast selbst-
verständlich. Für Formen wie IUS brauchen wir nicht erst das Latei-
nische heranzuziehen. 1 ) Auf FAN hat der Dativ FIN gewirkt.
Im allgemeinen war das gotische Prinzip, das ganze Wort wie
im Griechischen durch den ersten und letzten Buchstaben auszu-
drücken. Es war durchzusetzen nur in den Nominativen und Akku-
sativen. Wäre man auf demselben Weg fortgeschritten, so hätten bei
frauja Dativ und Akkusativ, bei Iesus und Christus Genetiv und
Nominativ, bei Christus ferner Dativ und Akkusativ zusammenfallen
müssen. So kam man bei diesen drei Wörtern zu mehrbuchstabigen
Endungen: die Genetive wurden durch die letzten drei, die Dative
durch die letzten zwei Buchstaben bezeichnet. Das alles scheint ganz
regelmäßig. Nur kann man fragen, weswegen man nicht mit drei-
buchstabigen Gebilden (fns, fin; Tis, Tüä; xus, xau) auszukommen
glaubte. Daraufscheint es nur eine Antwort zu geben: der Genetiv
XUS wäre mit dem Nominativ XUS zusammengefallen, der sich in-
zwischen mißbräuchlich eingestellt hatte.
Wenden wir uns nunmehr den Kurzformen für Gott zu, die
bisher absichtlich nicht herangezogen wurden, so gewinnt die eben
ausgesprochene Hypothese an Wahrscheinlichkeit. Denn, sobald man
die dreibuchstabigen Gebilde für Gott hinzunimmt, scheinen
x ) Vgl. oben S. 89, 92, 114 ff., 117, 119, 147, 160, 165. Hier sei beiläufig bemerkt,
daß die lateinischen Elemente der uns vorliegenden gotischen Alphabete in keiner Weise
den Einfluß des nach Wulfila liegenden Übergangs von der lateinischen Unciale
zur lateinischen Halb-Unciale zeigen.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. II. 18
274 L. Traube,
die ursprünglichen Deklinationen nur diese gewesen sein zu
können:
gp g\ß W" g\P
f\a fins f\in fin
i\s i\is i\ua i\u
xs x\us x\au Xiii.
Keinem Zweifel scheint mir zu unterliegen, daß Henchs oben
berührte Annahme vom paläographischen Standpunkt betrachtet nicht
bestehen kann. Man hat nämlich früher die Kurzformen für Gott,
die sich nirgends ausgeschrieben finden, so aufgelöst: gup, gups,
gupa. 1 ) Hench schlägt aus sprachlichen Gründen dafür vor: gup,
gudis, guda. Er stützt diese Verbesserung mit dem Hinweis auf
griechische Formen wie HfC, MfC, CfC, HNC. Von ihnen hat
Wulfila höchstens die letzte gekannt. Sie bietet aber nichts Ver-
gleichbares. Oder könnte man sagen: nvu (für Jtvevjua) verhält sich
zu nvq (für Tivevjuaros), wie gp (für gup) zu gps (für gudis)?
Aber auch DfC, CfC, MfC bieten keinen Vergleichspunkt.
Und dieser dürfte überhaupt auf dem weiten Gebiet der alten Kurz-
formen nirgends zu finden sein. Es ist nie ein Buchstabe in diesen
Gebilden, der nicht in den aufgelösten Wortformen eine feste Stelle
hat. Das Belassen des Nominativ-Endbuchstaben in einem Casus
obliquus, der diesen Endbuchstaben selbst nicht aufweist, ist paläo-
graphisch ein Unikum und Unding. Und deswegen meine ich: so
scharfsinnig Hench entschieden zu haben scheint 2 ) und so allgemein
*) Eine andere Auflösung, die man versucht hat, gup, gupis, gupa, ist unwahr-
scheinlich. g(u)p<f)s hat an den sonstigen gotischen Kurzformen keine Analogie.
Es wäre gis zu erwarten, und man hätte wohl, als man später zu fins, iuis und
xaus überging, gpis gebildet, wobei denn alle Nominative und Akkusative aus zwei,
alle Genetive aus vier, alle Dative aus drei Buchstaben bestanden hätten. Setzt man
gups als G enetiv voraus, so verbot sich eine nachträgliche Annäherung an die
Reihe fins, iuis, xaus von selbst; denn gups wäre das Wort selbst mit allen Buch-
staben gewesen.
2 ) Mit Recht weist Hench darauf hin, daß im Plural und in Kompositis ge-
wöhnlich guda, selten gpa geschrieben wurde. Dies letztere kann aber nach meiner
Ansicht nur als gupa aufgelöst werden. Da Wulfila in seinem Original nirgends
einen kontrahierten Pluralis finden konnte (vgl. oben S. 90), so geht freilich gpa
als Plural (Gal. 4, 8) lediglich auf die Laune eines Schreibers zurück. Ebenso
steht es mit den kontrahierten Kompositis; auch dafür gab es durchaus kein
griechisches Prototyp. Man kann daher in diesen Fällen gpa statt guda für ein
einfaches Kopisten-Versehen halten. Um so mehr wird nun Hench behaupten, im
Nomina sacra. V. Nomina sacra im Koptischen, Gotischen und Armenischen. 275
man ihm bisher gefolgt ist — man muß vielmehr an Jakob Grimms Er-
klärung festhalten und eher nach neuen Stützen für sie suchen als
nach neuen Auflösungen für die Kürzung.
Wenn wir aber dieser sprachlichen Angelegenheit eine so um-
ständliche Behandlung eingeräumt haben, so geschah es, weil auch
hier die eigentliche Absicht der Kontraktion sich in seltenem Maße
bewährt hat. Sie bestand ja darin, ebensowohl hervorzuheben als
zu verhüllen. Im Gotischen ist das nun so wohl gelungen, daß
über dem Wort, das Gott bezeichnete, ein Schleier liegt, der sich
noch immer vergleichen läßt mit dem über das hebräische Tetragramm
gebreiteten.
3. Armenische Nomina sacra.
Von der Einrichtung des armenischen Alphabets durch Mesrop
und den griechischen Kalligraphen Rufinus (etwa am Anfang des
5. Jahrhunders), von der Übersetzung der heiligen Schriften aus dem
Syrischen ins Armenische, von der Verbesserung dieser Arbeit aus
griechischen, in Konstantinopel erworbenen Handschriften (nach dem
Jahre 432) wird in der armenischen Geschichte des sogenannten Moses
von Chorene sehr Genaues, vielleicht zu Genaues berichtet. Die
literarische Überlieferung wird durch die paläographische Analyse der
armenischen Nomina sacra, die wir hier zu geben haben, wirksam
kontrolliert.
Die ältesten unter den erhaltenen armenischen Handschriften
gehen über das 9. Jahrhundert nicht zurück. An der Spitze steht
wegen der gesicherten Zeitangabe der Pergament-Codex in Moskau,
Institut Lazareff n. 1111, vom Jahre 887 n. Chr.; er wurde 1899 voll-
ständig im Lichtdruck veröffentlicht. Ausgebeutet wurden ferner für
mich durch Pater Merk das von Strzygowski beschriebene Evangeliar,
Etschmiadzin 222 vom Jahre 989, dies freilich nur, soweit die spär-
Recht zu sein. Allein, da die Kontraktion gp gps gpa gewiß nicht nachträglich
von einem Schreiber ersonnen werden konnte und alle Gewähr der Ursprünglich-
keit trägt, so meine ich, sie enthülle uns ebenso wie das freilich schlecht ge-
schriebene gpblostreis neben gudafaurhts eine ältere zu Wulfilas Zeit noch lebendige
Bildung, die später vielleicht verwischt wurde.
18*
276 L- Traube,
liehen Facsimile es zuließen. Außerdem der Agathangelus-Palimpsest
in der Wiener Mechitharisten-Bibliothek n. 56, nach Dashians An-
nahme saec. IX — X, auch wieder nur auf Grund der betreffenden
Tafel 3 in Dashians Katalog (Band 1, Wien 1895). Genau ferner die
jüngeren Evangeliare: München arm. 1 vom Jahre 1287 und im Bayer.
Nationalmuseum (Saal 73, Kasten 3) n. 3869 vom Jahre 1506. 1 )
Die frühesten unter diesen Codices zeigen eine schöne aufrechte
rundliche, der älteren griechischen Kirchen-Unciale nachgebildete Schrift.
Später neigen sich die Buchstaben nach rechts, werden mit der Zeit
kleiner und gehen zur Kursive über. 2 ) Gemeinsam ist allen die Kon-
traktion der Nomina sacra nach griechischem Muster. Kontrahiert
werden die Wörter für Gott, Herr, Jesus und Christus und zwar
dadurch, daß je der erste und letzte Buchstabe gesetzt und dies zwei-
buchstabige Gebilde überstrichen wird. 3 ) Die einzelnen Kasus werden
auf dieselbe Weise gebildet. Nur bei rein sakraler Bedeutung wird
kontrahiert, da aber auch regelmäßig. Kontrahiert werden ferner
Jerusalem und Israel mit Formen, die den griechischen IHAund IHM
entsprechen.
In jüngeren Handschriften wird auch heilig durch Setzung des
ersten und letzten Buchstabens ausgedrückt; Merk fand diese Form
zuerst in München arm. 1 (a. 1287). In dieser Handschrift wird auch
eine grammatikalische Endung durch Kontraktion bezeichnet. Ähn-
J ) Der in den Veröffentlichungen der k. Universitätsbibliothek zu Tübingen
erschienene „Atlas zum Katalog der Armenischen Handschriften'' mit dem Abriß
einer Armenischen Paläographie von Fr. N. Finck, Tübingen 1907, konnte von Traube
nicht mehr, wie er es beabsichtigte, benützt werden. P. Marc.
2 ) Einen ganz guten Überblick gibt Silvestre, Paleographie univ. pl. XLII.
Man erkennt hier den Zusammenhang und die Entwickelung der verschiedenen
Typen ; die Handschriften selbst könnten trotzdem ziemlich jung sein. Die Unciale
pflanzt sich lange mit so großer Treue fort, daß Westwood (zu pl. 9 seiner Palaeo-
graphia sacra) annehmen konnte, ein armenisches Fragment in London Burn. 277
sei von derselben Hand wie ein armenischer Parisinus. In der Erklärung zu Sil-
vestres Tafel herrscht offenbar einige Verwirrung: die geneigte Unciale (XLII) gibt
den Anfang des Johannes-Evangeliums, ist also vielleicht aus der Papier-Handschrift
Paris arm. 7 genommen.
3 ) Von Gott (Luc. 1,47 und Joh. 10,34 u. 35) und Christus (ysvööxgiozoi
Marc. 13, 22) kommen im Cod. Laz. 1111 dreibuchstabige Gebilde vor, die ihren
späteren Ursprung ebensowenig verleugnen, wie kontrahierte Gebilde für das Äqui-
valent von tieooeßrjg und die Adjektiva von Jerusalem und Israel.
Nomina sacra. V. Nomina sacra im Koptischen, Gotischen und Armenischen. 277
liehe Übergänge von der sakralen Kurzschreibung zur Kürzung,
die lediglich der Bequemlichkeit dient, schaffen im Armenischen all-
mählich ein umfangreiches Material gewöhnlicher Kompendien, die
sich den lateinischen des Mittelalters vergleichen lassen (vgl. das
Verzeichnis in Petermanns Grammatik, Berlin 1872, S. 4 ff.). Der hier-
mit dargelegte Tatbestand erlaubt es, als Vorlage der frühesten
armenischen Kalligraphen griechische Codices des 4. Jahrhunderts
anzusetzen. Bemerkenswert ist das Fehlen einer Entsprechung für
fJNA.
Vervollständigt würde das Bild werden, wenn eine genügende
Zahl älterer georgischer Manuskripte auf die Nomina sacra hin
durchgesehen werden könnte. So muß es mit der Feststellung sein
Bewenden finden, daß auch die georgische Paläographie ihre Abhängig-
keit von der griechischen oder armenischen durch die sakrale Kon-
traktion bekundet.
VI. NOMINA SACRA IM MITTELALTER
UND IN NEUERER ZEIT.
Vorbemerkung.
Die eigentümliche Kurzschreibung, die wir Kontraktion nennen,
nahm ihren Ausgang in Ägypten von der Absicht griechisch
schreibender Juden, den Gottesnamen zugleich auszuzeichnen
und zu verhüllen. Andere griechisch -jüdische und griechisch-
christliche Kreise lehnten daran die Sitte, eine ganze Reihe heiliger
Namen in derselben Weise zu feiern. Aus den Exemplaren des
griechischen Neuen Testamentes (oder einzelner Stücke, die sie
zuerst übersetzten) übernahmen dann der Lateiner, der Kopte, Gote
und Armenier die Reihen dieser von den Griechen umgrenzten
Nomina sacra. Sie hatten dabei noch volles Verständnis für die
sakrale Grundbedeutung oder doch für die Notwendigkeit graphischer
Übereinstimmung ihrer Nachahmungen mit dem in diesem Punkte
unantastbaren Original.
Dies geschah während des 3., 4. und 5. Jahrhunderts. Es folgte
innerhalb des lateinischen Schriftwesens eine weit über das religiöse
Gebiet herausgreifende Entwickelung der Kontraktion, wodurch diese
schließlich die bevorzugte Art überhaupt jeder Kürzung wurde. Nur
das Armenische schlug einen ähnlichen Weg ein.
Nicht erörtert wurde bisher, in welcher Weise die im Mittel-
alter neuentstandenen Kulturkreise, die zum Teil von der griechischen,
zum Teil von der lateinischen Lehre abhängig waren, sich zu den
alten Symbolen stellten.
1. Das Altkirchenslavische.
Im 9. Jahrhundert wurde zusammen mit der kyrillischen Schrift
(d. h. der griechischen Kirchen-Unciale) im Altkirchenslavischen die
282 L. Traube,
Kontraktion der Nomina sacra eingebürgert. Man ahmte dabei den
Inhalt und die Form der griechischen Vorbilder genau nach. In den
ältesten erhaltenen Handschriften — sie stammen aus dem 11. Jahr-
hundert — ist die griechische Reihe wohl schon etwas erweitert, aber
doch so, daß es nur sakrale Wörter sind, die kontrahiert werden.
Zu den Äquivalenten für die fünfzehn griechischen Nomina sacra
sind außer mehreren Compositis hinzugekommen z. B. die Äquivalente
für ßaodevg (sc. xcbv ovgavcbv), Xoyog, äyyeXog. 'Seit dem 12. Jahr-
hundert', wie Karskij sagt, 1 ) auf dessen Paläographie und Tafeln diese
Darstellung sich stützt, 'werden die Kürzungen zahlreicher, und in
manchen Denkmälern des 14. Jahrhunderts gibt es deren sehr viele.
In der Kursive sind die Abkürzungen überaus verbreitet.' Sie haben
dabei die ursprünglich gesteckte Grenze des heiligen Gebietes über-
schritten. Doch z. B. in den modernen russischen Gebetbüchern,
wie sie durch den Druck verbreitet werden, ist die Kontraktion wieder
auf die Nomina sacra beschränkt; nur gibt es statt der griechischen
fünfzehn heiligen Wörter jetzt mehr als die doppelte Zahl. Der Ur-
sprung der Kurzschreibung leuchtet dabei noch so sehr durch, daß
z. B. der Pluralis von Gott regelmäßig mit allen Buchstaben ge-
schrieben wird.
2. Das Irische.
In den lateinischen Handschriften des Mittelalters hatte die Kon-
traktion so sehr überhandgenommen, daß zwischen der sakralen Kurz-
form und der rein graphischen Kürzung nur besonders Eingeweihte
scheiden konnten. 2 ) Dies ist der Grund, daß in den keltischen,
germanischen und romanischen Sprachen, deren literarische Fixierung
gebunden war an die bis dahin entfaltete Eigenart der lateinischen
Kalligraphie, das sakrale Element nicht mehr recht beachtet wurde.
Das gilt zunächst für das Irische. Hier mag in älterer Zeit,
wenn man sich der lateinischen Kurzformen bediente, die kon-
sekrierende Absicht noch nicht ganz verwischt gewesen sein. Als man
aber das Irische zur Schriftsprache erhob, waren die lateinischen Vor-
*) Ocerk Slav. Kirillovskoj Paleografii (russ.), Warschau 1901, S. 241.
2 ) Vgl. über Christian von Stavelot saec. IX oben S. 6.
Nomina sacra. VI. Nomina sacra im Mittelalter und in neuerer Zeit. 283
bilder bereits in der geschilderten Weise mit allerhand andern. Kür-
zungen durchsetzt. Wo die irischen Schreiber nun selbst zu kürzen
begannen, huldigten sie dem Prinzip der Suspension. In dieses
übertrugen sie auch bei Christas (irisch crist) und Spiritus (irisch
spirut) die älteren Contraeta xps und sps und schrieben er und spir.
Bei Iesus traf es sich, daß eine Kontraktionsform ihu (lateinisch =
iesu) für irisches isu (oder issu) bequem beibehalten werden konnte.
Aber schon der Umstand, daß die irischen Worte für Gott (dia) und
Herr (coimdiu) nicht in ähnlicher Art eingerichtet wurden, zeigt, wie
sehr man von einem vollen Verständnis des eigentlichen Sinnes dieser
Bildungen entfernt war.
3. Das Angelsächsische.
Ganz ähnlich ist das Verfahren der angelsächsischen Schreiber
zu beurteilen. Öftere Weglassungen der letzten Buchstaben von
dryhten, dryhtnes etc., z. B. im Vespasian-Psalter saec. IX in., sollen
lediglich das Wort befähigen, in der Interlinear- Version mit ebenso
geringem Platz auszukommen, wie die darüberstehenden Kurzformen
von dns. Ebenso verhält es sich mit haelend, dem gewöhnlichen
Äquivalent von lateinisch ihs, für welches Wort Suspensionen wie
haet und h eintreten. Ausgeschrieben wird god und gewöhnlich das
ebensowenig umfangreiche crist oder krist; doch trifft man gelegent-
lich auch Kontraktionen, wie erst im Evangeliar von Lindisfarne
(Joh. 4, 25). Im allgemeinen erkennt man deutlich, daß es sich hier
überall nicht mehr um Konsekrierung, sondern lediglich um Kürzung
handelt.
4. Das Althochdeutsche.
Die althochdeutschen Kalligraphen sind bei Iesus und Christus
von dem lateinischen Vorbild stark beeinflußt. Sie deklinieren ihs,
ihüses oder ihses, ihdse oder ihse, ihusan oder ihsan und xps,
xpes, xpe, xpan. Diese Formen herrschen in den beiden Hand-
schriften saec. IX in., aus denen wir die Isidor-Übersetzung und ihre
Sippe kennen; xps, xpes, xpe begegnen auch in der Wiener Hand-
schrift des Otfrid. Daneben haben wir bei Otfrid für die deutsche
284 L. Traube,
Form des Nominativs die Mißbildung xpx und endlich die von den
Fesseln der Konvention befreite Form krist. Im St. Galler Tatian
saec. IX ex. wagt sich ebenso neben lateinischem ihs deutsches Christ
und crist hervor. Das erwähnte xpx des Otfrid und xpist und
xpistan (neben xps und xpan) in der Isidor-Gruppe sind darnach
nicht als Formen zu betrachten, die absichtlich sakralen Charakter
zeigen sollten, sondern als bloße Ungeschicklichkeiten und, wie die
übrigen latinisierenden Schreibungen, als die starren Reste einer
jahrhundertalten, aber nicht mehr verstandenen Tradition.
5. Das Altfranzösische.
Viel näher lag es, in den romanischen Sprachen die lateinische
Sitte fortzupflanzen, wo dazu nicht nur die Lehnworte Jesus und
Christus (und spiritus, wie im Irischen) einluden, sondern die sämt-
lichen Worte des sakralen Kreises einen gewissen Anlaß und Anhalt
boten. Und in der Tat schreckten die tastenden Versuche der alt-
französischen Schreiber, dem Laut der Volkssprache schriftlichen Aus-
druck zu verleihen, anfangs vornehmlich bei den Nomina sacra vor
selbständiger Entscheidung zurück. Mit den lateinischen Formen
duldeten sie die lateinischen Schriftbilder gerade hier. Wir lesen in
den ältesten Denkmälern ds und do (letztere Form für den Genetiv,
also deo als Repräsentant für deu), ihs und ihm, xps, sps und spm,
scs (aber auch sc, vgl. oben S. 194 ff.), nrö und nrae; andere lateinische
Kürzungen treten dahinter zurück. 1 ) Aber an der Art, wie diese
Formen gebraucht und wieder auch nicht gebraucht werden, sieht
man deutlich, daß auch hier nur eine kalligraphische Tradition sie
schützte und genehm machte.
Alles in allem: man darf sagen, daß im 8. und 9. Jahrhundert
das schreibende Irland, England, Deutschland und Frankreich die
sakrale Bedeutung der Kontraktion nicht mehr verstanden. Man
konnte diesen Ausgang erwarten : er entspricht der Wendung, welche
l ) Es begegnen überhaupt nur noch iherltn, grae (für lateinisch gratiae),
scta (für lateinisch saeculä) und p (für per), c /> (= pro für por) und öms (— omnes,
als Plural zu hont).
Nomina sacra. VI. Nomina sacra im Mittelalter und in neuerer Zeit. 285
die Dinge in der lateinischen Paläographie seit dem 5. Jahrhundert
genommen hatten.
6. Biblische Druckwerke.
Man wird sich daher auch nicht wundern, daß in die Drucke
das sakrale System nicht mehr eingezogen ist. In der Complutensis
(1514 — 1517) hat die griechische Kolumne hie und da noch ein ver-
einzeltes &g, xg', xe', däd' u. s. w. und die lateinische zwar noch
fast regelmäßig die sämtlichen kontrahierten Nomina sacra, aber diese
sind umgeben von eben so vielen andern rein graphischen Kürzungen.
Auch im Griechischen soll, wie man deutlich sieht, nur der Raum
für den kompressen Satz des typographischen Meisterwerkes erübrigt
werden. Ebensowenig haben Aldus, Erasmus und Stephanus oder
die Sixtina der Vulgata (deren Original ich freilich nicht gesehen
habe) die sakrale Kürzung wieder zur Geltung gebracht.
7. Luther.
Die Tradition war also abgerissen. Aber gerade hier am Ende
der Geschichte tritt uns eine Erscheinung entgegen, die noch einmal
helles Licht auf ihre Anfänge wirft.
Es war Luther, der bei der Übersetzung des Alten Testamentes
auf dasselbe Problem stieß, das ursprünglich, wie wir annehmen
mußten, die Kurzschreibung der Nomina sacra veranlaßt hatte. Wie ist
das hebräische Tetragramm wiederzugeben? Diese Frage legte der
deutsche Übersetzer sich ebenso vor, wie die ersten griechischen
Dolmetscher. Die Antwort, die er fand, hat er in der Einleitung
zum Alten Testament vom Jahre 1523 formuliert. Man darf in der
Verbrämung von Schrift und Sprache, die Luther für nötig hielt,
um seiner Aufgabe gerecht zu werden, einen divinatorischen Zug
erblicken, den in diesem Fall sogar der gegen Luther und seine
Bibelbehandlung so kritische Lagarde anerkannte. 1 ) Seine Unter-
scheidung von ^err, J}(£2U£ und !}<£rr tritt wie von selbst an die
Göttinger Gelehrte Anzeigen 1885, S.
286 ' L. Traube,
Seite der Nuancierung von Ky^OC und KC. Dies sind seine
Worte:
(£s fol aud) tüiffen, tuer bife Bibel lieffet, bas icb mid? geflieffen
fyabe, ben uamen (Sortis ben bie 3 u0en / tefragammaton (sie) Offert, mit
groffen bucfyftafyen (sie) aus 5U fdjreyben, nemlid? alfo, ^€2?^(£, rmb ben
anbern, öen fte fyeyffen, 2lbonai, £?alb mit groffen budjftaben, nemlid?
alfo, f)<£rr, oenn tmter allen namen (öottts, teerben bife 3tr>een alleyn,
öem redeten roaren (Sott ynn 6er fdmfft 3U geeygent, bie anbern aber
werben offt aud) öen engelen rmb t/eyligen 3U gefcfyryben. Das t^ab id?
barumb tfyan, bas man ba mit gar medjtiglid} fdjlieffen fan, bas Cfyriftus
tr>arer (5ott tft, u>eyl ylm 3***™™- 2 3 ^€HH nennet, ba er fprid)t, fte
werben ytm fyeyffen £}€HH unfer gerechter, alfo an mefyr orten bes
gleichen 311 finben ift.
Im Neuen Testament hat Luther erst 1541 §<££& für KC
setzen lassen, wenn es sich auf Gott Vater bezieht und besonders in
Zitaten aus dem Alten Testament, wo das Tetragramm wiederzugeben
war; für KC, wenn es auf Christus geht, hat er hier meist £j(£rr ge-
schrieben.
Rückblick und Ausblick.
Wir wenden den Blick zurück.
Während wir durch die Jahrhunderte und Völker hindurch die
Schreibung des Gottesnamens verfolgt haben und sich uns dabei ein
Stück der Geschichte des Namenzaubers enthüllte, haben wir zu-
gleich eines der wichtigsten Kapitel der Paläographie historisch ent-
wickelt. Aber es ist hauptsächlich die lateinische Paläographie, die
davon ihren Vorteil hat.
Die Anfänge der lateinischen Kontraktion liegen im dritten Jahr-
hundert nach Christus, das Ende fällt etwa ins sechzehnte. Im
fünften fängt man an, das sakrale Prinzip zu vergessen, das den
ersten Bildungen zu Grunde lag, und nun — ruckweise vom fünften
bis zum siebenten und vom dreizehnten bis zum fünfzehnten Jahr-
hundert — erwachsen nach der Analogie der ersten Nomina sacra und
dann wieder nach der Analogie derjenigen Formen, die selbst bereits
als analogische zu betrachten sind, die zahlreichen Kurzschreibungen,
die das Lesen der lateinischen Handschriften des Mittelalters er-
Nomina sacra. VI. Nomina sacra im Mittelalter und in neuerer Zeit. 287
schweren und deren unterschiedslose Aufzählung — man darf es
sagen — den Inhalt der Paläographie ausmacht, wie sie gewöhn-
lich gelehrt wird. Anfangs sind es noch meist kirchliche Worte, die
man auf diesem Wege angleicht, dann aber wird fast jedes Wort aus
dem weiten Kreise der neuen Wissenschaften ebenso behandelt, und
gleichzeitig erhält auch die kleine Münze des Alltags denselben
flüchtigen Stempel, der noch gerade dazu ausreicht, ihren Wert im
kurrenten Verkehr erkennen zu lassen. Daneben, wenn auch im
Vergleich unendlich viel schwächer, wirkt freilich auch das Prinzip
der antiken Suspension und das der antiken Iteration noch fort, die
in ähnlicher Weise, wie es hier für die Kontraktion versucht worden
ist, zu behandeln bleiben, damit ein volles historisches Verständnis
erreicht wird.
Aber ich gebe mich auch der Hoffnung hin, daß meine Arbeit
der Überlieferungsgeschichte und Kritik von Nutzen sein wird, wenn
auch vielleicht nicht durch das, was in diesem Zusammenhang vor-
gebracht werden konnte, auch wohl noch nicht durch das, was ich
überhaupt vorbringen könnte, aber doch durch die weitere Verfolgung
der Wege, die sich der paläographischen Analyse eröffnet haben.
Und so mag es gestattet sein, mit einem sich daran knüpfenden
Wunsch zu schließen. Die Paläographie ist eine mutige Disziplin.
Sie ist im Streite geboren, hat in manchem Kampf die Waffen zur
Entscheidung geliefert. Aber ihre schönsten Siege hat sie gewiß
noch nicht erfochten. Ihre Waffen können und müssen erst geschliffen
und geschärft werden. So ist hier ein Tummelplatz für frische und
jugendliche Kräfte. Dies Buch möchte daher gleichzeitig lehren und
werben.
Register der lateinischen Handschriften.
Verfaßt von C. H. Beeson und P. Marc.
Aix 7 (1042) 157
Amiens 9 108
— 88 233
Anvers, Musee Plantin-Moretus 39 174
Autun 24 112; 155; 207; 241 ; 243; 259
— 27 172
Bamberg A. 15 231 ; 232
— B. II 17 107
— B. V 13 231
— HJ. IV 15 216
Basel A VII 3 236
— F III 15 222; 246 2
Berlin lat. misc. F. 327 254
theol. F. 339 232
F. 364 231
F. 485 (Quedlinb.
Italafr.) 51; 190
— Goerres. 21 (Filastrius) 231
36 232
— Ham. 435 211
553 106; 107; 108; 217; 233
— Phill. 84 194; 231
1662 160; 221
1667 218
1669 161; 165; 172; 209; 232
1681 163 »
1743 218; 231
1745 106; 166; 167; 169; 192;
203; 204; 229; 233; 235;
262.
1831 232
— Aegypt. Mus., Papinian 264
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA
Bern 3
— 48
— 89
— 219
— C219
— F219
— 233
— 258
— 330
— 366
— 376
— 611
— 645
232
231
231
169
257 1 -*; 258
167
111; 231
49; 163
211
167
220
178; 218
229
Bobbieser Cassiodor (Mailand Ambr.
G. 58 s. + Nancy 317 -f Turin
A. 112**) 186»; 192
Bologna 701 51; 52»; 89; 145; 173;
202; 207
Boulogne sur Mer 32 165
35 232
40 232
=- — 82 258
Brescia Quirin., Purpureus der
Ew. 22; 178; 271—272
Ottonisches Ev. 155
H. VI. 11 171; 172; 178
Breslau Rehdig. 169 105; 108; 109; 112;
160; 161; 165; 166;
190; 199—200
Brügge 101 145; 146
Brüssel 9581 211; 227
— 9845—9848 169; 210; 232; 263
ii. 19
290
Register der lateinischen Handschriften.
Brüssel 9850
— 10470
— 10615—10729
Cambrai 684
236
232
188
235
Cambridge, Corpus Christi College
223 232
286 189 3
— Trinity Coli. B. 17. 1 (Augiensis) 115
— Univ. Ff. IV. 42 163
Nn.II.41 42;43;51 1 ;52;78— 79
89; 94; 95; 96; 98; 100
104; 106; 110; 114
115; 117; 118; 119
121; 132; 147; 152 3
172; 178
Cassel Philol. F. 2 231
— Poet. F. 8 166
— Theol. F. 65 (Hegesipp) 106; 150
Q. 10 106; 108; 113; 231
O. 5 111; 160; 199; 224; 233
la Cava 14 107; 111; 150; 151; 160;
171»; 177 4 ; 259
— '— 22 169
Chartres 41 (3) 109; 218
— Obituaire de N.-D. vgl. St. Etienne.
Cheltenham 12261 166
Chur, erzb. Archiv, Ew. n 178
Clermont-Ferrand 189 195
Colmar 39 160
Cordova, Codex Legionensis 161
Cues 9 (= A. 6) 102—103; 108; 112
— 10 102
Darmstadt 789 110
— Itala-Fragmente vgl. Weingartener.
Donaueschingen 18 218
Dresden A. 145b (Boernerianus) 115
Dublin A. 4. 6 (B. of Mulling) 258
Durham B. II 30 108
Einsiedeln 27 ' 108
— 199 4- 281 222
Epernay 1 232
Erfurt Amplon. F. 42 49
Escorial A. II 3 221
— A. III 5 106
— R. II 18 107; 186; 223
— Camar. de las rel., Augustin 191
St. Etienne 104 (958, Obituaire de
N.-D. de Chartres) 232 x
Fleury, Chronik des Hieronymus
(Leiden Voss. Q. 110a -f Paris
lat. 6400 B + Rom Vat. Reg.
lat. 1709) 150 »; 159; 190; 199
Florenz Laur., Digesten 48; 151
49, 9 (Cicero-Briefe) 258
65, 1 167; 207
65, 35 232
66, 40 222; 227
68, 1 (Tacitus) 156
68, 2 (Apuleius) 155; 156
Amiatinus 1 107; 166; 189*
Libri 1 173
Fulda Bonifat. 1 150; 189»; 207
2 221 »
— Itala-Fragmente vgl. Weingartener.
St. Gallen, Stift 11 107
48 113; 226 l
56 (Tatian) 284
89 144
98 166
108 222
190 172; 173
193 220
213 (Lactanz) 199
226 169
249 115 1
567 219
722 207
732 233
899 150
902 227
908 193; 217
912 52; 178
914 236
1394 52; 171; 178
1395 190
— Stadt (Vad.), Ew. n 178
Gotha mbr. I 85 220
I 101 188
Grottaferrata, Propheten-Palimpsest
84—85; 108; 118; 258
Heidelberg Pal. 1568 188
Ivrea 97 109
Karlsruhe Augiensis 119 234
Köln 35 226
— 83 211
— 83 II 220
Register der lateinischen Handschriften.
291
Köln 139
— 212
Laon 26
— 38
— 55
— 135
— 328
— 444
Leiden Bibl. publ. 48
118
— Voss. F. 84
F. 86
F. 98
45
166 i
169
163
106
257 3
208
108
; 115
162
231 2
231 2
231
232
F. 111 220; 221; 222; 223—224
Q. 2 257—258
Q. 69 49; 173
Q. 110 a vgl. Fleury.
Leipzig, Stadtbibl. I 74 150
Leön.BreviariumAlarici 221; 223; 244; 259
— vgl. Cordova.
London Brit. Mus.
Royal Ms. I E. VI
(Biblia Gregoriana) 107; 108
Cotton Calig. A. XIV 166 4
Nero A. II ff. 109
D. IV (Lindisfarne-
Ev.) 106; 189»; 283
Vespas. A. 283
Egerton 2831 233 2
Harley 208 236
1775 107
Add. 10546 162; 237
11852 162
24142 177
— Sammlung H. Yates Thompson 223
Lucca 490 203; 229; 253; 260
Luxemburg, Isidor aus St. Hubert 111; 222
Luxeuil, Augustin vgl. Troussures.
Lyon, B. mun. 329 148; 150; 152;
165; 191; 199; 207
351 23; 51*; 52; 180; 191
352 106; 108; 191; 207
356 111
372 191; 199
381 vgl. Paris n. a. lat. 1593.
392 191
397 106
408 191
Lyon, B. mun. 413
517
519
521
523bis
526
706 (788)
153; 180; 191; 213
109; 191
191
191
148; 191
231
230 2
— Bibl. des P. Maristes, Leidrat-
codex 166
Madrid, Nationalbibl. 2. 1 223
15. 8 223
— Acad. de la Hist. 65 221
— S. Millan de la Cogolla 186
Mailand Ambros. B. 31 s. 236
B. 159 s. (DialogiGregorii) 167; 254
C. 5 i. 107; 217; 229
C. 39 i. 108; 150
C. 73 i. 106; 180; 193
C. 90 i. 211
C. 105 i. (Hegesipp) 164
C. 301 i. 217
D. 84 i. 107; 190
D.519L 190; 211
E. 147 s. 271 8
G.58s. vgl. Bobbieser Cassiodor.
G. 82 s. 271 8
I. 61 s. 271 8
I. 101 s. 145
O. 210 s. 173; 215
0.212 s. 207; 217 '
S. 36 s. 271 8
S. 45 s. 271 8 ; 273
T. 120 s. 236
Merseburg 83 113
Metz 7 108
— 134 218
— 139 208
— 500 228
Modena Est. 111 169
Montecassino 3 172; 228
— 64 109
— 71 227
— 150 154; 173
— 204 143
— 371 154
— 439 169
— Archiv (Sarezzano), Evang. 22; 180
Montpellier 55 201
19*
292
Register der lateinischen Handschriften.
Montpellier 362 110
München lat. 208 209; 231
4547 236
4549 209
4597 143
5508 169; 172; 220
6223 111
6224 105; 108; 155; 190;
200; 230
6225 52; 147; 154; 180;
199; 201; 253
6243 233
6267 258
6273 211
6298 110
6300 220
6329 255
6343 209
6436 190—191; 221
8112 227
9543 211
12633 174
13038 225
14000 163
14096 111
14252 234
14421 107; 113; 220
14422 220
14446b 254
14470 107; 108; 109; 111;
112; 113
14540 208; 234
14613 188
15813 109; 231
15818 HO; 236
15826 257»; 258
18168 109; 113
18710 160
18787 228
19408 220
19411 160
23591 231
27152 166; 236
28118 106; 107; 110; 111;
186; 231
29001 (Cicero-Fragmente) 48
— Univ. 3 220
— Traube, Acta Archelai 154; 160
Namur, Seminarbibl., Clemensbrief
aus Florennes 143
Nancy 317 vgl. Bobbieser Cassiodor.
Neapel IV. A. 8 217; 258
— IV. A. 34 174
Novara 30 232
— 51 109
— 82 154; 232
— 84 222
— Sakramentar 218
St. Omer 15 218 2
33bis 232; 237
91 HO
202 232
Orleans 16 107
— 91 106
— 192 (169) 51; 153; 199; 202
— 233 (203) 232
Oxford Bodl. lat. th. d. 3 108
music. e. 100 sqq. 215
Auct. D. 2. 14 (857, Can-
tuariensis) 107
T. 2. 26 105; 153; 159;
170; 190
Canon, lat. 30 (Catull) 257
50 259
Douce 140 33; 107
Laud. gr. 35 80—81; 97; 100;
112; 115; 117; 150; 151; 189*
misc. 259 166
Padua 1117 232
Paris graec. 107 10; 52; 80—81; 94;
95; 100; 104; 109; 112; 115;
117; 118; 121; 153»; 180; 207
— lat. 1 218
2 162
3 162
1622 (Agobard.) 51; 143
1647 A 144; 209; 211
1661 144
1663 145
1664 227
1723 209
2235 159
2290 162
2326 (ahd. Isidor) 283—284
2718 231
2769 165 2
Register der lateinischen Handschriften.
293
Paris lat. 2855
3836
3846
4627
4860
5763
6115
6400 B vgl. Fleury.
6400G
6810
7530
7651
7900A
8071
8623
8907
8913
9428
9451
9551
220
218
211
203; 229
188
213—214
232
191; 200—201
188
188; 229
242
258
231
212
51; 207
169; 200
163
23; 113; 163
166 4
10318 145 1 ; 148; 167; 204; 223
180
169; 218; 235
218
222
235
160; 227 !
22; 51»; 52; 174; 180
160; 224; 231
218; 235
143; 144
145; 146; 209
165
107; 218; 235
232; 237; 258
232
105
215; 234
234
48 J
10592
10756
10910
11529
11641
11642
11947
12048
12097
12126
12137
12168
12205
12949
12958
13347—49
13367
13373
13385
14137 (Germanensis)
17225
— n. a. lat. 454
641
257
182
232
246 2
10; 94; 153
235
233
; 182
108
159;
Petersburg graec. 20
— F. 12
— F. II 3
— Q. 13
— Q. I 17 (199)
— Q. I 38—39 (Filastrius und
Barnabas) 145
— 0.14
— Blatt des Psalterium S. Germani
Reims 1
— 2
— 8
— 70
— 82
— 213
— 369
— 377
— 384
— 875
Rom, Archivio di S. Pietro D. 182
(Hilarius) 106; 192; 215
Liber diurnus
— Barb. XI 148
1593 (Lyon 381) 191 ; 207
2334 (Ashb. Pentat.) 107
St. Paul in Kärnthen, Itala-Fragmente
vgl. Weingartener.
XIV 44 109; 111
XIV 52 108; 111; 216;
229
— Sessorian. 40
55 (Augustin) 107; 166; 199
74 109
94 109
96 109
— Vatic. lat. 41
317
491 258
1322 187
1873 (Amm. Marceil.) 155
3281 107; 108
3375 (Eugipp)
3684
3761
3803
3827
3835
3836
3867 (Virgil)
4938
5007
15
108; 189;
228; 232
169
; 154
214
180
106
106
232
232
232
231
232
236
108
257 4
; 254
203
216
; 216
222;
; 232
169 4
; 215
; in
; in
; in
231
146
; 261
; 243
-156
; 190
153
—214
173
210
211
216
216
; 148
216;
; 234
; 208
294
Register der lateinischen Handschriften.
Rom Vatic. lat. 5750
5757
5758
5763
5766 (Jur. Fragm.)
Ottob. lat. 319
478
Palat. lat. 161
574
1547
1576
Regin. lat. 9
116
118
129
140
226
316
317
48; 215;
215; 221
169
200
52
143
152; 189;
232—233;
255; 256;
271 8
; 240
; 229
271 8
240
; 232
146
145
220
; 167
212
218
144
; 144
210
232
231
218
221;
235;
261
231
159 •
; 248
218
612
886 48; 134;
1024 221
1040
1709 vgl. Fleury.
1997 228
2077 107; 192; 207
Saint etc., vgl. Etienne, Gallen, Omer,
Paul.
Salzburg A. VII 31 208
Schlertstadt 1 109
Straßburg, Stadtbibl., Canones des
Rachio (verbrannt) 230
— Landesbibl., Ulpian 263
Stuttgart Bibl. 4° Nr. 12 258
— Itala-Fragmente vgl. Weingartener.
Trier, Stadtbibl. 24 (Egbertpsalter) 163
36 108
1245 230
— Dom 134 (Thomasevang.) 107
Troussures, Augustin aus Luxeuil
a. 669 218; 261
Troyes 284 209
— 550 145; 146; 232
— 581 143; 144; 210; 211
— 1165 232
Turin, Bibl. naz. A. 112* 182
A.II2**vgl.BobbieserCassiodor.
E. IV 42—43
E. IV 44
F. IV 1
F. VI 1
F. VI 2
G. V26
G. V37
G. VII 15
182
107
215; 257»; 271 8
190
233*
215
52; 165; 171; 182
51; 52; 136—142; 150;
152; 154; 155; 156; 157;
165; 170; 171; 191; 213;
244; 246
— Hofarchiv I b. VI 28 106; 110; 148;
169
— R. Accademia delle Scienze, Con-
stitutio a. 832 169
Upsala, Argenteus
Utrecht 32
23 2 ; 271—272
232; 237
Venedig Marc. cl. I, 94 (nicht 96)
cl. L, 270 (Seneca)
Vercelli, Ew.
— XXX (94)
Verona I (1)
— I (1) App.
— II (2)
— NI (3)
— VI (f )
— VII (7)
— X (8)
— XIII (11)
— XV (13, Gaius)
— XXII (20)
— XXXVIII (36)
— XXXIX (37)
— Uli (51)
— LV (53)
— LIX (57)
— LX (58)
— LXXXV (80)
— LXXXIX (84)
52; 171;
146
234
184
227
190
190
126;
107;
108; 109; 190; 221
107
22; 52; 184; 202
109
217; 229; 234
48; 160; 165; 174;
184; 200; 207
107; 212; 240;
243; 263
161; 215
190
190
106; 215; 243; 264
109; 170
215
216—217; 235—236
207
107; 111; 220
— Unciale des Cyprian (verloren) 144
Warschau 480
232
Register der lateinischen Handschriften.
295
Weingartener Itala-Fragmente in Darm-
stadt, Fulda, St. Paul in Kärnthen,
Stuttgart 52; 184
Wien 16 217
— 284 (Ulpian) 240
— 468 231
— 563 235
— 587 108
— 751 227
— 847 48; 140; 190; 207
— 954 127
— 962 143; 144; 209; 210
— 1185 22—23; 51; 147; 191
— 1188 109; 228
— 1235 22; 184
— 1370 113
— 1609 236
— 1861 (Dagulfpsalter) 106; 231
— 2160* 170
— 2232 254
— 2687 (Otfried) 283—284
— 3093* (ahd. Isidor) 283—284
— 15216 162
Wien, Pap. Rainer, Fr. De formula
Fabiana 263
Wolfenbüttel Heimst. 287 169
513 169
— Weiss. 64 (Carolinus) 78— 79; 98; 100;
108; 109; 112; 117;
166; 215; 271—272
76 107; 222; 223
99 203
Würzburg Mp. Theol. F. 64 233
F. 64a 164; 171; 184; 252
F. 68 106; 121
F. 69 162
F. 78 220
F. 145 143; 144
Q. 2 189 3
Q. 3 171; 184; 207; 235
Zürich Kant. 34 108; 219
92 236
99a 108; 109; 111;
113; 220; 231
104 113; 234
140 231; 236
70
1*ft*
C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, München.
Neuere und neueste Erscheinungen aus dem Gebiete der Philologie
und Altertumskunde.
Ad. Bauer: Die Forschungen zur griechischen Geschichte 1888 bis
1898 verzeichnet und besprochen. 1899. IV, 573 S. Geh. 15 Ji
Karl Brugmann: Griechische Grammatik (Lautlehre, Stamm-
bildungs- und Flexionslehre, Syntax). Nebst einem Anhang über
griech. Lexikographie von Prof. Dr. Leopold Cohn (Breslau).
3. Auflage. 1899. 41 Bogen. Lex.-8°. Geh. 12 Jk Geb. 14 Jk
Ivo Bruns: Vorträge und Aufsätze. 1905. 3IV2 Bog. 8°. Geb. 10 Jk.
W. v. Christ: Geschichte der griechischen Literatur bis auf die
Zeit Justinians. Vierte Auflage. 64 Bog. Lex.-8°. 1905.
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O. Gruppe: Griechische Mythologie und Religionsgeschichte. 2 Bde.
1906. (Zus. 123 Bogen Lex. 8 °.) Geh. 36 Ji, geb. ±0 Ji
Fritz Hommel: Grundriss der Geschichte und Geographie des
alten Orients. 2. Auflage. 1. Hälfte. (Bog. 1—25) 1904.
Geh. 7^50^.
W. Judeich: Topographie von Athen. 1905. 26 1 ,4 Bog. mit 50 Text-
abbildungen u. 3 Plänen grössten Masstabes. Geh. 18 Jk ; geb. 20 Jk.
Karl Krumbacher: Geschichte der byzantinischen Literatur. 2. Aufl.
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griechische Kunst des archaischen und gebundenen Stils. Mit
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altchristlichen Jenseitsdichtung und Religion. Mit 2 Tafeln. 1895.
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Quellenkunde. Dritte umgearbeitete und vermehrte Auf-
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Abhand lungen. 1895. 25y 2 Bog. 8°. Geh. 7 Ji.
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Sozialismus. 2 Bände. 1893, 1901. Geh. 23 Jk 50 ^.; elegant
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Robert Pöhlmann: Grundriss der griechischen Geschichte nebst
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Geh. 6 Ji ; Halbfranzbd. 7 Ji 80 ^
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Bundesgenossenkrieges. 3. Aufl. 1907. 23 Bogen. Geh. 7 Ji,
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sche Zeit. 2. Aufl. 24 Bog. 1899. Geh. 7 Jk; Halbfranzband
8 Jk 50 A . — II. Teil, 2. Hälfte: Vom Tode des Augustus bis
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Victor Schultze: Die Quedlinburger Itala-Miniaturen der kgl. Bibl.
zu Berlin. Fragmente aus der alt. christl. Buchmalerei. Mit
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Victor Schultze: Codex Waldeccensis. Unbekannte Fragmente
einer griech.-lat. Bibelhandschrift. 1904. 23 S. 4° mit 8 Ab-
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Fr. Stählin: Die Stellung der Poesie in der platonischen Philo-
sophie. 1901. Geh. 2 Jk
Paul Stengel: Die griechischen Kultusaltertümer. 2. Auflage.
1898. Mit 5 Tafeln. 15 Bog. Geh. 5 Jk; Halbfranzbd. 6 Jk 50 #
Fried r. Stolz und J. H. Schmalz: Lateinische Grammatik: Laut-
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Lexikographie von Ferd. Heerdegen. Dritte Auflage. 1899.
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Georg Wissowa: Religion und Kultus der Römer. 1902. 34 Bog.
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Georg Wissowa: Gesammelte Abhandlungen zur römischen Reli-
gions- und Stadtgeschichte. 1904. 20 1 /* Bog. 8°. Geh. 8 Ji.; in
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Z 111 .T7 1907 SMC
Traube, Ludwig,
Nomina sacra